Reagiert man über oder überreagiert man?

Frage

Ich schicke Ihnen eine kleinere Frage zum Verb „überreagieren“. Nach der Betonungsregel parallel zu „einen Mantel überziehen“ klar auf der ersten Silbe betont, also trennbar. Mir ist aber bei „er reagiert über“ sehr unwohl. Kann das stimmen? Und wie ist dann die Form im Perfekt? Ich finde „er hat überreagiert“ richtig.

Antwort

Guten Tag Frau D.,

problemlos ist hier das Perfekt. Richtig ist:

er hat überreagiert

Anders sieht es bei gebeugten (finiten) Formen im Hauptsatz aus. Die beste Lösung ist hier wieder einmal, auf eine andere Formulierung auszuweichen. Wenn es doch sein soll, dann am besten ungetrennt:

er überreagiert

Verben mit betontem über mit der Bedeutung zu sehr/stark sind im Deutschen dann problematisch, wenn sie als finite (gebeugte) Form im Hauptsatz stehen. Sind sie dann trennbar oder nicht? Sie müssten eigentlich trennbar sein, denn betonte Vorsilben werden im Hauptsatz abgetrennt:

einen Mantel überziehen – du ziehst den Mantel über
jemanden aufs Festland übersetzen – er setzt uns aufs Festland über
zu einem anderen Thema überwechseln – wir wechseln zu einem anderen Thema über

Bei den Verben dieser Gruppe (über = zu sehr/stark) ist dies aber nicht der Fall. Meist werden sie nur im Infinitiv und als Partizip gebraucht1:

Man sollte nicht überreagieren.
Sie haben überreagiert.

Seltener kommen finite Formen im Nebensatz vor:

Denkst du, dass ich überreagiere?
Ich finde, dass ihr überreagiert.

Im Hauptsatz kommen Verben dieser Art nur selten vor. Nach den Angaben in den Wörterbüchern, wenn sich überhaupt etwas dazu finden lässt, bleiben die Verbformen dann (meist) ungetrennt:

In diesem Fall überreagierst du.
Kleine Kinder überreagieren nicht, sie reagieren einfach ehrlich.

Im DWDS findet sich aber neben [er] überreagiert auch [er] reagiert über. Ich halte die getrennten Formen reagiert über für ungebräuchlich, aber es zeigt sich sowieso, dass hier eine relativ große Unsicherheit herrscht2. Am besten vermeiden Sie bei Unsicherheit solche Formen.

Dasselbe gilt auch für u.a.:

überbelasten, überbelegen, überbelichten, überbetonen, überbewerten, überbezahlen, übererfüllen, überversichern, überversorgen; überdosieren, überinterpretieren, überkompensieren, überregulieren, überstrapazieren, übertrainieren

sowie deren Gegenteil auf unter-, sofern vorhanden. Bei den meisten dieser Verben werden, wenn überhaupt, ungetrennte finite Hauptsatzformen angezeigt (du überbelastest, du überbelichtest, du überbetonst usw.).

Doch wie gesagt: Die Unsicherheit ist bei diesen Formen groß und ihre Häufigkeit (entsprechend?) gering.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Gemäß den Angaben im Online-Duden gibt es sogar gar keine finiten Verbformen von überreagieren. Nach einem kurzen Blick ins Internet und andere Wörterbücher halte ich das für nicht zutreffend.

2 Die Unsicherheit hat vielleicht damit zu tun, dass diese Verben häufig weniger direkte Ableitungen von einem Verb sind als eher Rückbildungen aus Substantiven wie Überreaktion, Überdosierung bzw. aus adjektivischen Partizipien wie überbelastet, überbelichtet usw. Zum Substantiv Überreaktion wird das Verb überreagieren gebildet, zum adjektivichen Partizip überbelichtet das Verb überbelichten usw.

Nebenordnendes „weil“ – vielleicht etwas verwirrend, weil eher selten

NB: Es geht hier nicht um das eher umgangssprachliche weil zwischen Hauptsätzen (Ich komme nicht, weil ich habe keine Zeit), sondern um standardsprachliches weil zwischen Adjektiven.

Frage

Vor kurzem habe ich Folgendes auf der Zeitung gelesen:

Sie bemühen sich weiterhin, ein missratenes, weil der Zukunft abgewandtes Rentenpaket zu retten.

Was für eine Funktion erfüllt „weil“ in diesem Satz? Warum steht es zusammen mit einer Infinitivkonstruktion?

Antwort

Guten Tag N.,

in diesem Satz hat weil eine Funktion, die es eher selten hat. In der Regel leitet weil unterordnend einen Nebensatz ein.

Das Rentenpaket ist missraten, weil es der Zukunft abgewandt ist.

Seltener kann weil nebenordnend zwischen zwei Adjektiven oder adjektivisch verwendeten Partizipien stehen. Es verbindet dann zwei Attribute (nähere Bestimmungen) miteinander, von denen das zweite das erste begründet:

ein missratenes, weil der Zukunft abgewandtes Rentenpaket

In Ihrem Satz fügt weil das Attribut der Zukunft abgewandtes an, und zwar als Begründung für missratenes. Etwas ist missraten, weil es der Zukunft abgewandt ist. Dieses weil leitet also nicht einen Begründungssatz ein, sondern es verbindet begründend zwei Adjektive miteinander.

Diese Verwendung von weil wird nicht in allen Wörterbüchern und Grammatiken angegeben und kann insbesondere bei Deutschlernenden für Verwirrung sorgen.

Weitere Beispiele:

eine schlechte, weil lückenhafte Darstellung
uninteressante, weil irrelevante Informationen
die empfehlenswerte, weil sehr abwechslungsreiche Wanderung

Auch begründendes da kann so verwendet werden:

ein missratenes, da der Zukunft abgewandtes Rentenpaket
eine schlechte, da lückenhafte Darstellung
uninteressante, da irrelevante Informationen

So viel zu diesem anfangs vielleicht etwas verwirrenden, weil eher selten vorkommenden nebenordnenden weil. (Den vorhergehenden schwer verständlichen, weil komplizierten Satz formuliert man besser anders, wenn man auf Anhieb verstanden werden möchte – und diesen auch.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Massenhaft Dokumente?

Frage

Könnten Sie mir bitte sagen, ob der folgende Satz so stimmt?

Massenhaft Dokumente belegen das.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

rein umgangssprachlich ist der Satz gebräuchlich. Das Wort massenhaft hat dabei die Bedeutung sehr viel, zahlreich.

Massenhaft Dokumente belegen das.

Man kann dies mit der ebenfalls umgangssprachlichen Wendung jede Menge vergleichen:

Jede Menge Dokumente belegen das.

ABER: Standardsprachlich gilt diese Verwendung von massenhaft nicht als korrekt. Anders als viel kann massenhaft nämlich nicht ungebeugt vor einem Substantiv stehen und es näher bestimmen. Das Adjektiv muss dann gebeugt werden:

massenhafte Arbeitslosigkeit
massenhafter Ansturm auf die Geschäfte
massenhaftes Auftreten von Problemen

Die ungebeugte Form kann u. a. adverbial verwendet werden (Bedeutung: in Massen, in großen Mengen):

Die Probleme treten massenhaft auf.
Massenhaft treten Probleme auf.
Es treten massenhaft Probleme auf (massenhaft = in Massen)

Die Dokumente wurden massenhaft gefälscht.
Massenhaft wurden Dokumente gefälscht.
Es wurden massenhaft Dokumente gefälscht (massenhaft = in großen Mengen)

Aber nicht bzw. nur umgangssprachlich:

Massenhaft Probleme treten auf.
Massenhaft Dokumente wurden gefälscht.
Massenhaft Dokumente belegen das.

Standardsprachlich sagt man dann besser zum Beispiel:

Zahlreiche Probleme treten auf.
Sehr viele Dokumente wurden gefälscht.
Zahlreiche Dokumente belegen das.

Zusammenfassend: Der Satz in Ihrer Frage stimmt, aber nur umgangssprachlich. Standardsprachlich sollte anders formuliert werden. Dort kann ungebeugtes massenhaft grob gesagt nur dann vor einem Substantiv stehen, wenn es durch in Massen oder in großen Mengen ersetzt werden kann (siehe Beispiele oben).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Modalverben: Wollen, möchten oder sollen wir uns treffen?

Frage

Meine Frage ist folgende: Ich verstehe, dass „möchten“ die höflichere Variante von „wollen“ ist. Heute bin ich aber über den Satz gestolpert: „Wollen wir uns morgen bei dir treffen?“

Warum kann man diesen Satz nicht mit „möchten“ formulieren? Welche Regel gibt es für die Unterscheidung von „wollen/möchten“, die solche Sätze erklärt?

ChatGPT erklärt mir, dass „möchten“ nur möglich sei, wenn man nach einem persönlichen Wunsch frage. Beim Satz oben werde aber eine Gruppe gefragt, weshalb es keinen einheitlichen Wunsch gebe. Das kommt mir aber seltsam vor. Ich kann ja sehr wohl „Möchtet ihr eine Tasse Kaffee?“ fragen, obwohl hier auch eine Gruppe nach ihrem Wunsch befragt wird.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

bei Sprachfragen dieser Art sind Antworten von Chatbots wie ChatGPT mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Sie klingen gut, sind aber häufig wie hier unvollständig oder sogar falsch. Ich kann allerdings auch nicht garantieren, dass die folgende Antwort vollständig und in allen Details korrekt ist.

Das hat vor allem mit der zweite Vorbemerkung zu tun: Bei den Modalverben ist es oft schwierig, die genaue Bedeutung und Verwendung zu beschreiben. Vieles hängt vom Kontext und der Gesprächssituation ab.

Man kann wollen dann durch das höflichere oder vorsichtigere möchten ersetzten, wenn es einen Wunsch ausdrückt.

Ich will, dass wir uns morgen treffen.
Ich möchte, dass wird und morgen treffen.

Willst du Kaffee oder Tee?
Möchtest du Kaffe oder Tee?

Das ist im Prinzip auch in Ihrem Satz möglich:

Haben wir den Wunsch, uns morgen bei dir zu treffen?
Möchten wir uns morgen bei dir treffen?

Das klingt allerdings nach einer eher rhetorischen Frage (Wollen wir das wirklich?) und ist sehr wahrscheinlich nicht so gemeint. Man kann hier wollen besser durch sollen ersetzen. In Fragesätzen kann sollen nämlich eine besondere Funktion haben: Man fragt um einen Ratschlag bezüglich einer Entscheidung.

Soll ich dich begleiten?
Sollen wir Ihnen die Unterlagen zuschicken?

Diese Funktion kann hier auch wollen haben:

Wollen wir uns morgen bei dir treffen.
Sollen wir uns morgen bei dir treffen.

Hier passt der Ersatz von wollen durch sollen besser als der Ersatz durch möchten, weil es um eine erste Person (wir) geht. Das zu wir gehörende ich weiß sozusagen schon, ob es den Wunsch hat. Es fragt nach der Entscheidung des angesprochenen du.

Wenn man die Person ändert, passt möchten wieder besser, weil wieder nach einem Wunsch gefragt wird:

Willst du mich morgen bei dir treffen?
Möchtest du mich morgen bei dir treffen?
(oder: Willst/Möchtest du, dass wir uns morgen bei dir treffen?)

Nimmt man die 1. Person Singular für die ungefähr gleiche Frage, passt nicht möchten, sondern sollen:

Soll ich dich morgen bei dir treffen?

Sie haben hier also eine besondere Verwendung des Modalverbs wollen in der 1. Person Plural „entdeckt“: In einer Frage kann wollen wir? die Teilfragen soll ich? (Frage um Ratschlag/Entscheidung) und möchtest du? (Frage nach Wunsch) zusammenfassend ausdrücken.

Soll ich dich treffen? + Willst/Möchtest du mich treffen?
→ Sollen/Wollen wir uns treffen?

So ungefähr könnte man es schematisch aufzeigen. Ich würde hier aber nicht von einer „Regel“ sprechen, eher von einer der vielen besonderen Verwendungen von Modalverben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heißt es „der Grund, warum“ oder „der Grund, aus dem“?

Frage

Kann man sagen: „Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin“, oder geht nur: „Das ist der Grund, warum ich gekommen bin“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

rein grammatisch gesehen geht beides. Man kann nach Grund einen indirekten Fragesatz anschließen. Dann steht warum. Man kann aber auch einen Relativsatz verwenden. Dann steht aus dem.

Was ist besser? – Üblich ist vor allem der Grund, warum. Die Formulierung der Grund, aus dem kommt seltener vor, sie ist aber nicht falsch. Am besten wählen Sie also:

Das ist der Grund, warum ich gekommen bin.

Weniger üblich, aber nicht falsch:

Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin.

Beim Plural Gründe kommt der Relativsatz übrigens häufiger vor als im Singular. Dann sind beide Formulierungen üblich:

Das sind die Gründe, warum ich gekommen bin.
Das sind die Gründe, aus denen ich gekommen bin.

Dann sei hier noch eine weitere Formulierung erwähnt:

Das ist der Grund dafür, dass ich gekommen bin.
Das sind die Gründe dafür, dass ich gekommen bin.

So gibt es auch hier mehr als eine Möglichkeit, sich auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist es zu Sarahs Linker oder zu Sarahs Linken?

Frage

Ich bin über die Frage eines Kollegen gestolpert, bei deren Antwort ich mir recht unsicher bin. Es geht um Folgendes:

Der Korridor führte auf die Terrasse. Zu Sarahs Linker ging es durch eine weitere Tür in den Essbereich.

Müsste es nicht heißen: „Zu Sarahs Linken ging es …“? Ich denke mir das so: „zur Linken von Sarah“, „zu Sarahs Linken“. Es heißt ja auch: „zu ihrer Linken“. Oder denke ich da völlig falsch? Ist vielleicht sogar beides richtig?

Antwort

Guten Tag R.,

das Wort Linke ist eine Substantivierung des Adjektivs linke. Es wird im Prinzip gleich gebeugt, wie wenn es als Adjektiv vor einem Substantiv steht:

zu ihrer linken Seite → zu ihrer Linken
zur linken Seite der Gastgeberin → zur Linken der Gastgeberin

Aber stark gebeugt, wenn ohne Artikel nach einem Genitiv:

zu Sarahs linker Seite → zu Sarahs Linker

Warum steht hier die Endung er? – Ohne Artikelwort wird ein Adjektiv, also auch linke, stark gebeugt:

zu Sarahs großer Freude
mit Sarahs kleiner Schwester
mit Frau Müllers ältester Tochter → mit Frau Müllers Ältester
zu Svens rechter Seite → zu Svens Rechter

Man hört und liest gelegentlich auch Formulierungen wie zu Sarahs Linken und zu Svens Rechten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass diese Wendung nur selten mit einem vorangestellten Genitiv erscheint und sonst meist mit der Endung en steht. Grammatisch korrekt ist hier aber die starke Endung er, also zu Sarahs Linker und zu Svens Rechter.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebeugtes „wert“: ein 20 000 Euro wertes Gebäude?

Frage

Kann man das Adjektiv „wert“ attributiv gebrauchen und zum Beispiel von einem „20 000 Euro werten Grundstück“ sprechen? Belege finde ich.

Antwort

Guten Tag Herr T.,

in der Standardsprache kommt wert mit der Bedeutung einen bestimmten Wert haben nur in der Wendung etwas wert sein vor:

Das Grundstück ist 20 000 Euro wert.
Dein Urteil ist mir viel wert.

Dieses wert kann standardsprachlich nicht attributiv verwendet werden, das heißt, es kann nicht gebeugt vor einem Substantiv stehen:

nicht: ein 20 000 Euro wertes Grundstück
nicht: dein mir viel wertes Urteil

Formulierungen dieser Art kommen vor, sie gelten aber als umgangssprachlich oder, wenn man ganz streng ist, als falsch. Man sollte zum Beispiel so formulieren:

ein Grundstück mit einem Wert von 20 000 Euro
ein Grundstück im Wert von 20 000 Euro
ein Grundstück, das 20 000 Euro wert ist

Siehe auch zum Beispiel die Angaben im DWDS.

Gebeugtes wert gibt (oder gab) es allerdings auch, und zwar mit der Bedeutung hochgeschätzt, verehrt. Zum Beispiel:

Sie begrüßten die werten Gäste.
Sie erkundigte sich höflich nach seinem werten Befinden.
Werte Frau Konsulin (Anrede)

Heutzutage ist diese Verwendung von wert aber eher veraltet.

Es gilt also, werter Herr T., dass es standardsprachlich keine etwas werten Dinge gibt, sondern nur Dinge, die etwas wert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

U. a. am Satzanfang

Frage

Können Sie mir bitte sagen, ob dieser Satz grammatisch ist?

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Frage: Kann man „U. a.“ so verwenden, damit der Satz grammatisch ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

der Satz ist so im Prinzip korrekt:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Die Wendung unter anderem ist hier eine adverbiale Bestimmung und kann als solche im Satz an erster Stelle vor dem Verb stehen. So zum Beispiel auch:

Beispielsweise wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Nicht immer sind aber Wendungen wie unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls eigenständige Satzglieder. Wenn nach ihnen das folgt, was unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls gemeint ist, bestimmen sie als adverbiale Wendung ein Satzglied näher. Dann können sie zusammen mit diesem am Satzanfang stehen. Genau betrachtet ist der folgende Satz deshalb nicht eindeutig:

Am Zoll wird unter anderem Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Er kann bedeuten, dass

  1. am Zoll eine Prüfung des Reisedokuments auf Gültigkeit und Echtheit sowie andere Vorgänge stattfinden;
  2. am Zoll das Reisedokument sowie andere Dokumente/Dinge auf Gültigkeit und Echtheit geprüft werden.

Den Unterschied sieht man bei Verschiebung an den Satzanfang gut:

a) Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
b) Unter anderem Ihr Reisedokument wird am Zoll auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Wahrscheinlich ist die Variante a) gemeint und Ihr Satz entsprechend korrekt. Ohne Kontext ist die Variante b) aber nicht auszuschließen.

Dann noch Folgendes: Es gilt als stilistisch weniger gut, einen Satz mit einer Abkürzung mit Punkt zu beginnen. Deshalb standardsprachlich eher nicht:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Z. B. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Ggf. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Sondern besser zum Beispiel:

Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Zum Beispiel wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Mit freundlichen Grüßen (= besser als M. f. G.)

Dr. Bopp

Wird oder werden in Kanada Französisch und Englisch gesprochen?

Frage

In einem Textbuch ist der Satz „In Kanada wird Englisch und Französisch gesprochen“ als richtige Lösung angegeben für „In Kanada ___ Englisch und Französisch gesprochen“. Warum nicht „werden gesprochen“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

hier ist der Singular üblich, weil in Französisch sprechen und Englisch sprechen das Substantiv eng mit dem Verb verbunden ist:

In Kanada wird Französisch und Englisch gesprochen.
In der Schweiz wird Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen.

Ebenso zum Beispiel:

Am 5. November wird im Foyer Klavier und Geige gespielt.
ein Ort, an dem Fußball und Volleyball gespielt wird
Im Winter wird dort Ski und Schlittschuh gelaufen.
Bei einem besseren ÖVPN-Angebot wird weniger Auto und Fahrrad gefahren.

Es ist unüblich, hier das Verb im Plural zu verwenden.

Das Verb steht aber in Formulierungen wie den folgenden im Plural:

In Kanada werden zwei Sprachen gesprochen, Französisch und Englisch.
In Kanada werden die Sprachen Französisch und Englisch gesprochen.
In Kanada werden die französische Sprache und die englische Sprache gesprochen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „Geflüchtete“ falsch?

Ein Wort, das immer wieder Anlass zu Diskussionen gibt. Hier geht es nur um die Grammatik.

Frage

Mir erscheint der Ausdruck „Geflüchtete“ grammatisch falsch. Vielleicht weil man „geflüchtet“ nicht im Passiv verwenden kann.

Antwort

Guten Tag Frau V.,

das Substantiv Geflüchtete ist nicht falsch. Das ist schon deshalb der Fall, weil das Wort allgemein üblich ist, auch standardsprachlich verwendet wird und in den Wörterbüchern zu finden ist. Was üblich und gebräuchlich ist, ist richtig.

Aber auch „streng“ grammatisch gibt es nichts einzuwenden. Es geht hier um ein Partizip Perfekt (Partizip II), das wie ein Adjektiv verwendet und dann substantiviert wird. Dabei gilt als allgemeine Regel unter anderem Folgendes:

a) Die Perfektpartizipien transitiver Verben (Verben, die im Passiv stehen können) können auch als Adjektive verwendet werden.

der geschlagene Hund
das gesprochene Wort
die angestellte Frau

Dabei hat das Partizip die Bedeutung des Passivs:

Man hat den Hund geschlagen → der geschlagene Hund
Man hat das Wort gesprochen → das gesprochene Wort
Man hat die Frau angestellt → die angestellte Frau

b) Die Perfektpartizipien intransitiver Verben, die mit sein konjugiert werden, können auch als Adjektive verwendet werden, wenn sie eine abgeschlossene Orts- oder Zustandsveränderung bezeichnen (perfektive intransitive Verben):

die verblühte Blume
der angekommene Zug
das gesunkene Schiff

Hier hat das Partizip die Bedeutung des Aktivs:

Die Blume ist verblüht → die verblühte Blume
Der Zug ist angekommen → der angekommene Zug
Das Schiff ist gesunken → das gesunkene Schiff

Das Verb flüchten gehört zur zweiten Gruppe, wenn die Flucht abgeschlossen ist:

die Menschen sind geflüchtet → die geflüchteten Menschen

Adjektive und adjektivisch verwendetet Partizipien können im Prinzip immer auch als Substantiv verwendet werden. So auch:

das Gesprochene
die Angestellte
der Angekommene
die Geflüchteten

c) Andere intransitive Verben werden in der Regel nicht als Adjektive verwendet:

Der Chor hat gesungen
nicht: *der gesungene Chor / *der Gesungene
Der Regen hat aufgehört
nicht: *der aufgehörte Regen / *der Aufgehörte
Die Kinder sind herumgeirrt
nicht: *die herumgeirrten Kinder / *die Herumgeirrten
Die Frau ist zu Fuß gegangen
nicht: *die zu Fuß gegangene Frau / *die zu Fuß Gegangene

Wenn aber durch eine Richtungs- oder Zielangabe eine abgeschlossene Handlung entsteht:

Die Gäste sind nach Hause gegangen
→ die nach Hause gegangenen Gäste / die nach Hause Gegangenen

Ganz so kompliziert, wie es den Anschein hat, ist es nicht. Außerdem macht man es meist ganz spontan richtig, ohne dass man diese Regeln bewusst kennen und anwenden muss. Der Zweifel entsteht oft erst dann, wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp