Ist der Anmeldeschluss ein oder einen Monat vor Kursbeginn?

Frage

Ich habe eine Frage bezüglich des richtigen Falles bei „sein“ mit einer Zeitangabe. Was ist richtig: „Der Anmeldeschluss ist spätestens ein Monat vor Kursbeginn“, weil „sein“ zum Nominativ zwingt, oder „Der Anmeldeschluss ist spätestens einen Monat vor Kursbeginn“, weil es eine Zeitangabe im Akkusativ ist?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

hier sollten Sie den Akkusativ wählen, weil es sich um eine Zeitangabe handelt. Zeitangaben ohne Präposition stehen im Akkusativ:

Ich habe sie letzten Freitag gesehen.
Es hat den ganzen Tag geregnet.
Man kann sich frühestens einen Monat vorher anmelden.

Entsprechend auch:

Anmeldeschluss ist spätestens einen Monat vor Kursbeginn.
(Wann ist Anmeldeschluss? – spätestens einen Monat vor Kursbeginn)

Dass es eine Zeitangabe und kein Gleichsetzungsnominativ ist, zeigt sich auch, wenn man „einen Monat“ durch „zwei Monate“ ersetzt. Das Verb bleibt dann in der Einzahl:

Anmeldeschluss ist spätestens zwei Monate vor Kursbeginn.
(nicht: *Anmeldeschluss sind spätestens zwei Monate vor Kursbeginn.)

Hier „gewinnt“ also – zumindest in der Standardsprache** – der Akkusativ.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

**Regional- und umgangssprachlich kommt hier auch „ein Monat“ vor, wahrscheinlich vor allem dort, wo ein Baby „ein Monat alt“ statt wie standardsprachlich üblich „einen Monat alt“ sein kann.

Der Genitiv substantivierter Adverbien: des Nirgendwos oder des Nirgendwo?

Frage

Ich habe neulich im Internet nach einer Regel recherchiert, die etwas darüber aussagt, ob substantivierte Adverbien dekliniert werden müssen oder nicht. […] In meinem Fall geht es um „das Nirgendwo“ und die Frage, ob es im Genitiv „des Nirgendwos“ heißen müsste. Ich habe mich dagegen entschieden, weil „des Nirgendwo“ mehr (hochwertige) Google-Treffer ergeben hat. […]

Antwort

Guten Tag Herr K.,

spontan würde ich sagen, dass beides möglich ist: „des Nirgendwo“ und „des Nirgendwos“. Da ich mich aber nicht nur auf das „Sprachgefühl“ verlassen möchte, habe ich auch ein bisschen recherchiert und bin zum gleichen Schluss gekommen wie Sie: Grammatiken und Wörterbücher lassen uns hier im Stich, das heißt, es gibt kaum Angaben dazu, wie man substantivierte Adverbien und Konjunktionen dekliniert.

Ein paar Ausnahmen gibt es: Nach Duden ist es zum Beispiel „des Wenns“, „des Aber/Abers“, „des Miteinander/Miteinanders“. Nach DWDS und PONS ist es jedoch nur „des Abers“. Zu den anderen Wörtern gibt es dort keine Angaben. Wenn man also überhaupt Angaben findet, sind sie widersprüchlich.

Es bleibt also nur noch, sich auf Korpora (große Textsammlungen wie zum Beispiel diese) und das „allwissende“ Google zu stützen. Vor allem bei Letzterem ist dabei große Vorsicht in Acht zu nehmen, denn nicht alles, was man findet, ist, was man wirklich sucht. So ergibt die Suche nach „des Abers“ viele Fundstellen im Netz, es geht dabei aber sehr häufig um das Pays des Abers, eine wahrscheinlich sehr schöne Landschaft in der französischen Bretagne. Ein guter Ferientipp, aber für unsere Zwecke nicht geeignet. Bei der Suche „des Oder“ findet man vor allem Verweise auf Textstellen wie „des oder der Vorsitzenden“. Auch das ist nicht, wonach wir suchen.

Die Suche in Wörterbüchern, in Korpora und im Internet hat trotzdem ziemlich „eindeutig“ ergeben, dass meistens beides vorkommt. Substantivierte Adverbien und Konjunktionen haben im Genitiv ein s oder sie sind endungslos:

des Miteinanders o. des Miteinander
des Warums o. des Warum
des Untens und des Obens o. des Unten und des Oben
des Abers o. des Aber
des Wenns o. des Wenn (entgegen der Dudenangabe häufig auch ohne s)
des Irgendwos o. des Irgendwo
des Nirgendwos o. des Nirgendwo

Je häufiger oder gebräuchlicher eine Substantivierung dieser Art ist, desto mehr wird sie zu einem „gewöhnlichen“ Wort und desto stärker scheint die Tendenz zu einem Genitiv mit s zu sein. So findet sich zum Beispiel für das nicht sehr gebräuchliche „das Warum“ im DWDS-Korpus häufiger „des Warum“ als „des Warums“. Umgekehrt kommt das als Substantivierung gut etablierte „das Durcheinander“ im Genitiv fast nur als „des Durcheinanders“ vor.

Eine feste Regel gibt es hier nicht (sie befindet sich sozusagen im Reich des Nirgendwo[s]). In diesen Fällen können Sie also wählen, was Ihnen besser zusagt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Am Beispiel Nigeria, Nigerias oder von Nigeria?

Frage

Welche der folgenden drei Varianten empfehlen Sie? Sind alle korrekt?

Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigeria einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel Nigerias einen Einblick in …
Der Text gibt den Schülern am Beispiel von Nigeria einen Einblick in …

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Formulierungen sind alle korrekt:

a) am Beispiel Nigeria
b) am Beispiel Nigerias
c) am Beispiel von Nigeria

Diese Variantenvielfalt ist darauf zurückzuführen, dass „Nigeria“ und „Beispiel“ hier in unterschiedlichen Verhältnissen zueinander stehen können.

In a) ist „Nigeria“ eine enge Apposition zu „Beispiel“. Weitere Beispiele für enge Appositionen sind:

mein Onkel Anton, die Opernsängerin Cecilia Bartoli, die Stadt Frankfurt, der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Thema Rechtschreibung, das Beispiel Österreich, am Beispiel Schweiz

In b) ist „Nigeria“ ein Genitivattribut zu „Beispiel“. Weitere Beispiele:

der Garten meines Onkels, Cecilia Bartolis Erfolge, der Bürgermeister Frankfurts, das Thema der Rechtschreibung, das Beispiel Österreichs, am Beispiel der Schweiz

In c) steht „Nigeria“ in einer von-Gruppe, die statt des Genitivattributs verwendet wird. Der Ersatz des Genitivattributs durch eine von-Gruppe ist hier (bei einem Eigennamen ohne Artikel) auch standardsprachlich akzeptiert. Weitere Beispiele:

der Garten von Onkel Anton, die Basis von Cecilia Bartolis Erfolgen, im Zentrum von Frankfurt, das Thema von Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, das Beispiel von Österreich [standardsprachlich nicht: am Beispiel von der Schweiz]

Ich halte keine der drei Varianten für besser als die anderen. Wer unter der Leserschaft Genitiv-Fans vermutet und diesen entgegenkommen will, wählt b) „am Beispiel Nigerias“. Ansonsten nehmen Sie, was Ihnen jeweils am besten zusagt oder zuerst aus der Tastatur fließt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Eine ähnliche Frage gab es kürzlich schon einmal im Blog; siehe hier.

Neben Nebelfeldern scheint die Sonne

Frage

Neulich in der Wettervorhersage der Tagesschau hörte ich eine Formulierung, die tatsächlich sehr verbreitet ist. So verbreitet, dass ich mich frage, ob sie tatsächlich so falsch ist, wie sie mir immer vorkommt:

Sonst scheint neben einigen Nebelfeldern die Sonne

Dabei ist das „neben“ selbstverständlich nicht im lokalen Sinn zu verstehen, sondern das „neben“ dient eher als Aufzählungswort. […] Ist so eine Konstruktion korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

diese Ihrer Meinung nach falsche Verwendung von „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ kommt tatsächlich häufiger vor:

Die Sonne lacht neben einigen Nebelfeldern
Die Sonne scheint neben einigen Wolken bis zu 5 Stunden

Vielleicht ist sie in Wettervorhersagen besonders beliebt, aber sie ist auch anderswo zu finden. Leider gerade aktuell ist:

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben
Neben der Coronakrise sprachen sie über den EU-Wiederaufbau und die Klimapolitik

Ob solche Formulierungen bei der Häufigkeit, mit der sie auftreten, wirklich als falsch bezeichnet werden können, bezweifle ich. Sie sind jedenfalls stilistisch nicht sehr bis alles andere als gelungen. Was ist das Problem?

Mit „neben“ im Sinne von „zugleich mit“, „außer“ wird ein Wort oder eine Wortgruppe eingeleitet und mit einem Satzteil im Rest des Satzes verbunden. Dabei sollte die neben-Gruppe die gleiche Rolle spielen wie die Bezugsgruppe. Wenn die neben-Gruppe sich zum Beispiel auf das Subjekt des Satzes bezieht, sollte sie in diesem Satz auch als Subjekt eingesetzt werden können:

Neben Sandra waren auch Hans und Franz zu Besuch
Hans und Franz waren auch zu Besuch
Sandra war zu Besuch

In den folgenden Beispielen bezieht die neben-Gruppe sich auf das Akkusativobjekt resp. das Dativobjekt und kann jeweils auch als solches eingesetzt werden:

Neben Schokolade haben wir auch Marzipan gekauft
Wir haben auch Marzipan gekauft
Wir haben Schokolade gekauft

Neben meiner Familie vertraue ich dir am meisten
Ich vertraue dir [daneben] am meisten
Ich vertraue meiner Familie

Diese „Rollenkongruenz“ ist in den folgenden Fällen nicht gegeben:

Neben einigen Nebelfeldern scheint die Sonne**
Die Sonne scheint
nicht: Einige Nebelfelder scheinen

Neben der Coronakrise werden auch die Zinsen weiter im Keller bleiben.
Die Zinsen werden weiter im Keller bleiben
nicht: Die Coronakrise wird weiter im Keller bleiben

Sätze wie diese, in denen die neben-Gruppe nicht die gleiche Rolle haben kann wie das Bezugswort oder die Bezugsgruppe, sollten besser vermieden werden. Die Lösung ist dann eine andere Formulierung:

Neben einigen Nebelfeldern gibt es auch Sonnenschein
Die Coronakrise gibt zu schaffen, daneben werden die Zinsen weiter im Keller bleiben

Nicht immer ist die Lage so klar wie in den oben stehenden Beispielen. Als Faustregel finde ich diese „Rollenkongruenz“ aber hilfreich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Richtig ist dieser Satz dann, wenn die Sonne rein räumlich neben einigen Nebenfeldern scheint. Es sind dann gleichzeitig Nebelfelder und Sonneschein zu sehen.

Bei »würde werden« steht oft ein »werden« zu viel

Frage

Kürzlich habe ich auf einem Portal eine Wortform gesehen, die ich vorher nie gehört hatte. Es ging um einen Beispielsatz wie:

Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben werden.

Es muss sich um eine seltene Form handeln. Könnten Sie mir bitte sagen, wann man diesen Konjunktiv II Futur II verwendet und woher das zusätzliche „werden“ am Schluss kommt?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

man kann eine Form wie „würde geschrieben haben werden“ zwar bilden, sie gilt aber nicht als korrekt. Die korrekte Form kommt ohne das letzte „werden“ aus. Vergleichen Sie die folgenden Formen:

Indikativ Futur II
Wenn er schnell schreibt, wird er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.

Konjunktiv I Futur II
Wenn er schnell schreibe, werde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.

Konjunktiv II Futur II
Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.**

Das letzte „werden“ im Beispielsatz, den Sie zitieren, kann man dadurch erklären, dass anstelle des Konjunktivs II „würde“, die würde-Form „würde werden“ verwendet wird.

Beispiele von würde-Formen als Ersatz für den Konjunktiv II:

fände = würde finden
schlösse = würde schließen
schriebe = würde schreiben
würde = würde werden

Es ist jedoch nicht sinnvoll und nicht üblich, den Konjunktiv II „würde“ des Hilfsverbs „werden“ durch die würde-Form „würde werden“ zu ersetzen. Es gilt auch nicht als korrekt. Deshalb ist eine Form wie „würde geschrieben haben werden“ nicht als richtig anzusehen.

In der folgenden Liste stehen jeweils 1. der Indikativ, 2. der Konjunktiv II und 3. die nicht korrekte würde-Form des Hilfsverbs „werden“ im Futur und im Passiv:

a.1 Sie wird es schreiben.
a.2 Sie würde es schreiben.
a.3 nicht: *Sie würde es schreiben werden.

b.1 Sie wird es geschrieben haben.
b.2 Sie würde es geschrieben haben.
b.3 nicht: *Sie würde es geschrieben haben werden.

c.1 Das Buch wird geschrieben.
c.2 Das Buch würde geschrieben.
c.3 Das Buch würde geschrieben werden = d.2

d.1 Das Buch wird geschrieben werden.
d.2 Das Buch würde geschrieben werden.
d.3 nicht: *Das Buch würde geschrieben werden werden.

e.1 Das Buch wird bald fertig geschrieben worden sein.
e.2 Das Buch würde bald fertig geschrieben worden sein.
e.3 nicht: *Das Buch würde bald fertig geschrieben worden sein werden.

Die mehrteiligen Verbformen können im Deutschen zwar ziemlich komplex sein, aber ganz so schlimm wie „würde geschrieben haben werden“ und „würde geschrieben worden sein werden“ wird es zum Glück doch nicht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Häufig wird bei so komplexen Futur-II-Formen auf das „Perfekt des Zukünftigen“ ausgewichen, das dann dieselbe Bedeutung hat wie das Futur II:

Wenn er schnell schriebe, würde er das Buch bis morgen fertig geschrieben haben.
Wenn er schnell schriebe, hätte er das Buch bis morgen fertig geschrieben.

Den Onkel am/im Nachmittag besuchen

Frage

Letztens sprach ich mit meinem Onkel, der mir anbot am späten Nachmittag bei ihm vorbeizukommen. Ich wollte aber lieber im späten Nachmittag bei ihm reinschauen. Können Sie mir sagen, wann ich bei ihm reinschauen soll?

Antwort

Guten Tag Frau H.,

im Standarddeutschen (und soweit die Coronaregeln es zurzeit zulassen) besucht man den Onkel am späten Nachmittag. Ich kenne die Wendung „im Nachmittag“ oder „im späten Nachmittag“ nicht. Es könnte sein, dass es sich hier um eine regionale oder mundartliche Wendung handelt. Ebenfalls möglich sind Einflüsse aus einer anderen Sprache, die Sie kennen (zum Beispiel engl. in the afternoon, nld. in de (na)middag, frz. dans l’après-midi, sp. en la tarde, ital. nel pomeriggio). Im Deutschen werden solche Tageszeitangaben, nach denen mit „wann“ gefragt werden kann, mit „am“ gebildet:

Es geschah am frühen Morgen.
Sie werden am Vormittag in Frankfurt landen.
Ich besuche meinen Onkel am späten Nachmittag.
Du kannst auch noch am Abend anrufen.

Natürlich geht es nicht ohne Ausnahme. Wenn die Tageszeitangabe weiblich ist, verwendet man doch „in“:

in der Frühe
in der Nacht

Anders sieht es aus, wenn die Tageszeitangabe im Akkusativ steht, weil sie im weitesten Sinne das „Ziel“ ist. Dann kommt auch bei männlichen Tageszeitangaben „in“ zum Zuge:

Sie haben weit in den Morgen hinein geschlafen.
Die Sitzung dauerte bis in den späten Nachmittag (hinein).
Er schwang sich auf sein Ross und ritt in den Abend hinaus.

So viel zu dem, was üblich ist. Ob Sie nun standardsprachlich „am Nachmittag“ oder unüblich „im Nachmittag“ bei Ihrem Onkel vorbeischauen, ist für einen angenehmen Besuch nicht so wichtig (vorausgesetzt, dass Sie sich nicht darüber streiten, ob es „am“ oder „im“ heißen muss …).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Variantenvielfalt: Hat er aufgehört sich zu drehen, sich zu drehen aufgehört oder sich aufgehört zu drehen?

Frage

Ich hätte eine Frage bzgl. Infinitivsätze mit Reflexivpronomen. Ich glaube, ein Satz wie

(1) „Er hat aufgehört, sich zu drehen.“

wird auch oft als

(2) „Er hat sich aufgehört zu drehen.“

gesprochen. Ist der Satz (2) grammatikalisch korrekt?

Ich habe einen Satz gesehen wie:

(3) „Der Hase hat sich versucht zu verstecken.“

und es hieß, korrekter wäre

(4) „Der Hase hat versucht, sich zu verstecken.“

Ist der Satz (3) nur falsch, weil es fehlgedeutet werden kann (als „sich versuchen“ = erfolglos suchen), oder ist er grammatikalisch falsch?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

wieder einmal gibt es nicht nur „richtig“ und „falsch“. Es geht um die Stellung der Infinitivgruppe und des ihr übergeordneten Verbs. Wir leisten uns dabei eine recht große Formulierungsfreiheit, die zu ziemlich verschlungenen Resultaten führen kann. Dies übrigens nicht nur, wenn ein Reflexivpronomen beteiligt ist.

Als standardsprachlich korrekt gelten Formulierungen, in denen die Infinitivgruppe außerhalb der Satzklammer hinter dem übergeordneten Verb (= im Nachfeld) steht. Die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz sind dann schön sauber voneinander getrennt – sogar durch ein Komma, wenn man möchte:

a) Er hat aufgehört[,] sich zu drehen.
b) Der Hase hat versucht[,] sich im Kohlfeld zu verstecken.
c) Sie hatte mir versprochen[,] das Fahrrad zu reparieren.

Standardsprachlich ebenfalls akzeptiert sind Formulierungen, bei denen die ganze Infinitivgruppe innerhalb der Satzklammer (= im Mittelfeld) steht, die durch das übergeordnete Verb gebildet wird:

d) Er hat sich zu drehen aufgehört.
e) Der Hase hat sich im Kohlfeld zu verstecken versucht.
f) Sie hatte mir das Fahrrad zu reparieren versprochen.

Nicht von allen als korrekt akzeptiert werden Formulierungen, in denen ein Teil der Infinitivgruppe innerhalb der Satzklammer steht, der Infinitiv selbst aber am Schluss:

g) Er hat sich aufgehört zu drehen.
h) Der Hase hat sich im Kohlfeld versucht zu verstecken.
i) Sie hatte mir das Fahrrad versprochen zu reparieren.

Auch ich halte die verschränkten Formulierungen g), h) und i) für zweifelhaft, zumindest umgangssprachlich kommen sie aber vor.

Es sage noch jemand, die Umgangssprache sei nur eine vereinfachte Version der Standardsprache. Bei derart verschlungenen Formulierungen ist es eigentlich erstaunlich, dass wir nicht „unterwegs“ den Faden verlieren. In den Beispielen oben stehen übrigens nicht alle mehr oder weniger akzeptierten Formulierungsarten, die vorkommen können!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eine Art großes Fragezeichen, eine Art von großem Fragezeichen oder eine Art großen Fragezeichens?

Frage

Was ist korrekt, bitte?

Wird hier Isaak zu einer Art jüdischem Erlöser?
Wird hier Isaak zu einer Art jüdischer Erlöser?
Wird hier Isaak zu einer Art jüdischen Erlösers?

Ihre Auskunft wäre sehr hilfreich für mich.

Antwort

Die Frage kann tatsächlich zu Zweifeln führen. Es gibt nach „eine Art“ nämlich nicht nur eine, sondern bis zu drei Möglichkeiten, eine Substantivgruppe anzuschließen:

a) eine Art + Apposition mit Kasusangleichung

Das Substantiv steht im gleichen Fall wie „Art“:

Nominativ und Akkusativ
eine Art Kuchen
eine Art Verwicklungen
eine Art süßer Kuchen
eine Art politische Verwicklungen
Dativ
mit einer Art Kuchen
mit einer Art Verwicklungen
mit einer Art süßem Kuchen
mit einer Art politischen Verwicklungen
Genitiv
das Rezept einer Art süßen Kuchens
das Opfer einer Art politischer Verwicklungen

b) eine Art + von …

Auch standardsprachlich immer möglich:

Nominativ und Akkusativ
eine Art von (süßem) Kuchen
eine Art von (politischen) Verwicklungen
Dativ
mit einer Art von (süßem) Kuchen
mit einer Art von (politischen) Verwicklungen
Genitiv
das Rezept einer Art von (süßem) Kuchen
das Opfer einer Art von (politischen) Verwicklungen

c) eine Art + Genitiv

Das Substantiv steht im Genitiv:

Nominativ und Akkusativ
eine Art süßen Kuchens (selten)
eine Art politischer Verwicklungen
Dativ
mit einer Art süßen Kuchens (selten)
mit einer Art politischer Verwicklungen
Genitiv
das Rezept einer Art süßen Kuchens
das Opfer einer Art politischer Verwicklungen

Diese Formulierung kommt nur selten vor und klingt gehoben, wenn eine Substantivgruppe im Singular steht. Sie kommt gar nicht vor, wenn das Substantiv allein steht. Man weicht dann in der Regel auf eine der beiden anderen Formulierungen aus:

nicht c)
*eine Art Kuchens
mit *einer Art Kuchens
das Rezept *einer Art Kuchens
sondern a) oder b)
eine Art Kuchen / eine Art von Kuchen
mit einer Art Kuchen / mit einer Art von Kuchen
– / das Rezept einer Art von Kuchen


So viel zu dem, was alles möglich ist. Was bedeutet dies für Ihr Beispiel? – Es gibt die oben genannten drei Möglichkeiten:

a) Wird hier Isaak zu einer Art jüdischem Erlöser?
b) Wird hier Isaak zu einer Art von jüdischem Erlöser?
c) Wird hier Isaak zu einer Art jüdischen Erlösers? (selten, gehoben)

Die Präposition „zu“ verlangt oben den Dativ „einer Art“. Ohne „zu“ steht „eine Art“ im Nominativ:

a) Wird hier Isaak eine Art jüdischer Erlöser?
b) Wird hier Isaak eine Art von jüdischem Erlöser?
c) Wird hier Isaak eine Art jüdischen Erlösers? (selten, gehoben)

Bei so vielen Möglichkeiten können die Formen schon einmal durcheinandergeraten, so dass man gar nicht mehr weiß, was eigentlich richtig ist. Dann hilft nur: sich zurücklehnen, dreimal tief durchatmen, die Textstelle überspringen und es später noch einmal versuchen – und wenn Sie dann immer noch eine Art großes Fragezeichen oder eine Art von großem Fragezeichen vor sich haben, einfach „Fragen Sie Dr. Bopp!“ konsultieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Welcher Fall steht nach „darunter“?

Frage

Verwendet man in diesem Satz nach „darunter“ den Nominativ oder den Dativ?

Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen Organisationen, darunter die/der Asian Development Bank und die/der Welthandelsorganisation, erreichen können.

Antwort

Guten Tag Herr J.,

das Wort „darunter“ hat keinen Einfluss auf den Fall des folgenden Wortes oder der folgenden Wortgruppe. Der Fall wird also anders bestimmt. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten, die beide als korrekt gelten.

  1. Nominativ:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter die Asian Development Bank und die Welthandelsorganisation, erreichen können.

    Hier steht „darunter“ am Anfang eines Auslassungssatzes, das heißt, es leitet einen unvollständigen Satz ein, der so lauten könnte:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter [sind] die Asian Development Bank und die Welthandelsorganisation, erreichen können.

  2. Dativ:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter der Asian Development Bank und der Welthandelsorganisation, erreichen können.

    Hier steht „darunter“ am Anfang einer Erläuterung oder Ergänzung, die die Satzkonstruktion weiterführt. Dabei wird die Präposition „an“ weggelassen:

    Das Land hat bisher die Mitgliedschaft an verschiedenen internationalen Organisationen, darunter [an] der Asian Development Bank und [an] der Welthandelsorganisation, erreichen können.

Und hier zur Verdeutlichung noch drei weitere Beispiele, bei denen nach „darunter“ jeweils a) ein Auslassungssatz und b) eine Weiterführung der Satzkonstruktion folgt:

  1. Wir haben auch viele Nachbarn, darunter Herr Mahler und sein Sohn, zu unserem Fest eingeladen.
    (darunter sind …)
  2. Wir haben auch viele Nachbarn, darunter Herrn Mahler und seinen Sohn, zu unserem Fest eingeladen.
    (darunter … eingeladen)
  1. Die Fahndung mit Streifenwagen, darunter auch mehrere Fahrzeuge aus benachbarten Bezirken, brachte keinen Erfolg.
    (darunter waren auch …)
  2. Die Fahndung mit Streifenwagen, darunter auch mehreren Fahrzeugen aus benachbarten Bezirken, brachte keinen Erfolg.
    (darunter auch mit …)
  1. Die Maßnahme soll dem Bedarf verschiedener Bereiche, darunter der öffentliche Dienst, ausgewogen gerecht werden.
    (darunter ist der …)
  2. Die Maßnahme soll dem Bedarf verschiedener Bereiche, darunter des öffentlichen Dienstes, ausgewogen gerecht werden.
    (darunter dem Bedarf des …)

Die Wahl zwischen a) und b) liegt jeweils bei Ihnen. Was Ihnen mehr zusagt oder als Erstes aus der Tastatur fließt, ist hier richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Ich denke nicht, dass“ und „Ich denke, dass nicht“

Frage

Heute geht es um eine Frage, die mir in meinem direkten Umfeld gestellt wurde: Ob es richtig sei, „Ich denke nicht, dass …“ zu sagen. Logisch gesehen sei es doch eigentlich falsch und es müsse besser „Ich denken, dass … nicht …“ heißen.

Antwort

Egal ob es vielleicht an der einen oder anderen Logikecke hapert oder nicht, im Deutschen (und in anderen Sprachen) sind beide Formulierungen üblich und richtig:

Ich denke, dass es nicht falsch ist.
Ich denke nicht, dass es falsch ist.

Beide Sätze bedeuten ungefähr dasselbe. Sie sind beide eine Verneinung von „Ich denke, dass es falsch ist“.

Bei gewissen Verben wie denken, erwarten, finden, glauben, hoffen und möchten (eigentl. Konj. II von mögen) kann sowohl a) der einleitende übergeordnete Satz als auch b) der Nebensatz verneint werden:

a) Ich denke nicht, dass es richtig ist.
b) Ich denke, dass es nicht richtig ist.

a) Wir erwarten nicht, dass es noch regnen wird.
b) Wir erwarten, dass es nicht mehr regnen wird.

a) Ich finde nicht, dass ihr mitkommen solltet.
b) Ich finde, dass ihr nicht mitkommen solltet.

a) Sie glaubt nicht, dass du ihr helfen wirst.
b) Sie glaubt, dass du ihr nicht helfen wirst.

a) Ich hoffe nicht, dass jemand etwas merkt.
b) Ich hoffe, dass niemand etwas merkt.

a) Seine Eltern möchten nicht, dass er sitzenbleibt.
b) Seine Eltern möchten, dass er nicht sitzenbleibt.

Die Sätze haben jeweils fast die gleiche Bedeutung. Die Sätze a) sind höchstens etwas subjektiver, das heißt, der Nachdruck liegt stärker auf dem Subjekt des Hauptsatzes und dessen Auffassung, dass etwas nicht geschieht, nicht so ist, nicht gelingt usw. Die Sätze b) wirken in dieser Hinsicht neutraler.

Ich denke nicht, dass eine der beiden Formulierungen falsch ist – oder etwas „neutraler“: Ich denke, dass keine der beiden Formulierung falsch ist.