Der Witz mit den Broten und den Eiern

Frage:

Ich bekam folgenden Witz:

Ein Softwareingenieur (Programmierer) und seine Frau.

Sie: „Schatz, wir haben kein Brot mehr, könntest du bitte zum Supermarkt gehen und eins holen? Und wenn sie Eier haben, bring 6 Stück mit.“

Er: „Klar Schatz, mach ich!“

Nach kurzer Zeit kommt er wieder zurück und hat 6 Brote dabei.

Sie: „Warum nur hast du 6 Brote gekauft?!?“

Er: „Sie hatten Eier.“

Eins ist sicher. Er hat alles richtig gemacht …

Ich bin mir da nicht so sicher. Ich denke, dass sich eine Aussage immer auf das letzte Substantiv bezieht. Also „Eier“. Was stimmt?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

auch ich bin mir hier gar nicht sicher, ob der Programmierer es tatsächlich richtig gemacht hat. Ich bin kein Programmierer und auch kein Logiker, aber ich glaube, dass ein echter Programmierer hätte nachfragen müssen. Das Wort Stück ist eine Art Platzhalter, das heißt ein Wort, für das ein anderes Wort eingesetzt werden muss. Was genau eingesetzt werden muss, ist aber nirgendwo eindeutig definiert. Ein Computerprogramm könnte deshalb nicht „wissen“, was mit Stück gemeint ist. Theoretisch könnte sich Stück sogar auch auf Supermarkt beziehen. Es gibt nämlich keine logische, grammatische oder andere Regel, die sagt, dass für den Platzhalter Stück das zuerst genannte Nomen (oder das gleiche Wort wie für den ebenfalls im Text vorkommende Platzhalter eins) eingesetzt werden muss.

Welches Wort für Stück eingesetzt werden muss, das heißt, ob sechs Brote, sechs Supermärkte oder sechs Eier gemeint sind, sagt uns nicht eine Regel, sondern unser Weltwissen. Es ist nämlich auch nicht so, dass ein Platzhalter wie Stück oder eins sich automatisch auf das zuletzt genannte Wort beziehen muss:

Wir haben kein Brot mehr. Gehe bitte in ein Geschäft und hole eines!

Hier ist mit eines grammatisch korrekt ein Brot gemeint.

Wir haben kein Brot mehr. Gehe bitte in ein Geschäft, falls es hier eines gibt!

Hier ist mit eines grammatisch korrekt ein Geschäft gemeint.

Es ist allerdings sehr oft so, dass sich Wörter wie eines oder Stück auf das zuletzt genannte Wort beziehen, wenn es mehr als ein Wort gibt, das in sinnvoller Weise eingesetzt werden kann. Bei Stück ist dies in unserem Witz das Wort Eier. Ein weiteres Indiz, das für Eier spricht, ist, dass Eier sehr oft im halben Dutzend verkauft werden, während dies bei Broten eher weniger der Fall ist. Wichtig ist weiter, dass die Tatsache, ob der Supermarkt Eier hat, für den Kauf von Eiern relevant ist, nicht aber für den Kauf von Brot. Eier gewinnt also 3:0. Das Wort Supermarkt kommt nur schon deshalb nicht in Frage, weil es äußerst unwahrscheinlich ist, dass man jemanden bittet, sechs Supermärkte mitzubringen.

Wenn sich der Programmierer an die Regeln des Progammierens gehalten hätte, hätte er also nicht gewusst, was er holen soll. Wenn er sich an die Regeln der menschlichen Kommunikation gehalten hätte, hätte er sechs Eier gebracht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Das nennt man übrigens einen Witz zu Tode analysieren.

Wenn der Fahrstuhl das 1. UG nicht erreicht

Frage

Was ist richtig?

Der Fahrstuhl scheint kurz vor dem vollständigen Erreichen der 1.UG zu klemmen.
oder
Der Fahrstuhl scheint kurz vor dem vollständigen Erreichen des 1.UG´s zu klemmen.

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

richtig ist:

Der Fahrstuhl scheint kurz vor dem vollständigen Erreichen des 1. UG zu klemmen.
oder
Der Fahrstuhl scheint kurz vor dem vollständigen Erreichen des 1. UGs zu klemmen.

Die Abkürzung UG steht für Untergeschoss. Es heißt deshalb das 1. UG und das Erreichen des 1. UG/UGs.

UG kann wie viele männliche und sächliche Abkürzungen mit oder ohne Genitiv-s verwendet werden: des UG oder des UGs. Das Genitiv-s wird OHNE Apostroph direkt an die Abkürzung angehängt. Mehr zum Thema Genitiv und Mehrzahl von Abkürzungen finden Sie hier.

Ich hoffe, dass der Fahrstuhl mittlerweile nicht mehr klemmt!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Meine vorläufige Tippliste

Ich bin bei weitem nicht der Erste und werde wohl auch nicht der Letzte sein, aber ich kann es einfach nicht lassen, das V-Wort hier zu erwähnen:

Meine vorläufige Tippliste für das Wort des Jahres 2010 sieht so aus:

3. Platz: Lena-Manie
2. Platz: Asche[n]wolke
1. Platz: Vuvuzela.

Diese Liste gilt übrigens nur für das Wort des Jahres in Deutschland. Das plötzlich zu Weltruhm gelangte Lärminstrument könnte es allerdings weltweit zum Wort des Jahres schaffen! Die Liste ist auch noch nicht definitiv: Beim dritten Platz zweifle ich bereits, ob ich nicht vielleicht Bavaria-Babes einsetzen sollte …

Der Name der Vampire

Frage

Hat der Name Krolock (Graf Krolock aus »Tanz der Vampire«) eine Bedeutung?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

die Onomastik oder Namenkunde gehört zu den Teildisziplinen der Sprachwissenschaft, die wir auf CanooNet meist gröblich vernachlässigen. Für diesen Namen mache ich aber gern einmal eine Ausnahme, denn er ist noch relativ jung und nicht wie ein gewöhnlicher Name entstanden.

Der Name Graf von Krolock, den Sie vielleicht vom Musical »Tanz der Vampire« kennen, stammt aus Roman Polanskis gleichnamigem und übrigens sehr amüsantem Film aus dem Jahr 1967, der dem Musical als Vorlage diente. Es ist wahrscheinlich, dass der Name dieses Vampirfürsten lautlich vom Namen Graf Orlok abgeleitet ist (Orlok > Krolock). Graf Orlok ist die Vampirfigur im Film »Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens«, der 1921 von Friedrich Willhelm Murnau gedreht wurde. Inspirationsquelle für diesen Gruselfilm war die Urmutter aller bekannten Vampirerzählungen: der Roman »Dracula« von Bram Stoker. Da die Rechte des Buches nicht erworben werden konnten, durfte der Name Graf Dracula in Murnaus Film nicht verwendet werden. Der blutdurstige Graf musste also einen anderen Namen erhalten. Der Name Orlok ist möglicherweise eine lautliche Zusammenziehung zweier Wörter, die im ersten Kapitel des Romans vorkommen. Dort werden einige nicht gerade vertrauenerweckende Wörter zitiert, die der Ich-Erzähler in Transsylvanien von der örtlichen Bevölkerung vernommen hatte. Darunter sind Orodog = Teufel und vrolok = Werwolf, Vampir.

I must say they were not cheering to me, for amongst them were „Ordog“–Satan, „Pokol“–hell, „stregoica“–witch, „vrolok“ and „vlkoslak“–both mean the same thing, one being Slovak and the other Servian for something that is either werewolf or vampire.
Bram Stoker, Dracula, Chapter 1

Es ist also möglich – aber leider keineswegs hundertprozentig sicher – dass Graf von Krolock in »Tanz der Vampire« seinen Namen dem Grafen Orlok aus »Nosferatu« verdankt und dass dieser wiederum durch eine lautlichen Zusammenziehung unheilsschwangerer Wörter aus dem Roman »Dracula« entstanden ist. Wichtig ist vor allem, dass der Graf uns je nach Art der Geschichte, in der er auftritt, zum Gruseln oder zum Lachen bringt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

canoo TIPP!

Falls Sie sich schon einmal gefragt haben, warum CanooNet so heißt, wie es heißt, und Sie die Antwort nicht gefunden haben: Der kostenfreie Online-Sprachdienst CanooNet und dieses Blog werden durch die Schweizer Firma Canoo ermöglicht.

Falls Sie nicht nur sprachinteressiert, sondern auch fußballbegeistert sind, oder erst recht wenn Ihnen die Sprache zurzeit ziemlich egal ist, weil der Fußball Ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht, dann hat Canoo noch etwas für Sie: ein kostenloses WM-Tippspiel, bei dem Sie sogar ein brandneues iPad gewinnen können!

Da weder die der Sportbanause Dr. Bopp noch die CanooNet-Sprachdienste in Sachen Fußball etwas zu bieten haben, empfehle ich allen WM-Interessierten:

canootipp

Die Tippspieler können Tippgruppen bilden, Freunde und Bekannte in ihre Gruppe einladen und »canoo TIPP!« auch unterwegs über ihr Handy nutzen. Natürlich werden keine Daten der Nutzer gesammelt oder weitergegeben. Klicken Sie einfach auf das Logo, wenn Sie mitmachen wollen! [Dafür ist es nun zu spät: Spanien hat gewonnen!]

Warum die Katze nicht gewöhnt ist, Trockenfutter zu fressen

Hinweis für Tierliebhaber: Das ist an dieser Stelle keine Frage der Tierhaltung, sondern der Grammatik. Die standardsprachliche Katze ist nämlich gegebenenfalls [es] gewohnt oder daran gewöhnt, Trockenfutter zu erhalten.

Frage

Sind die beiden Sätze „Ich bin es gewöhnt“ und „Ich bin es gewohnt“ ihrer Meinung nach korrekt und gleichbedeutend? […] Könnte man sagen: „Ich bin das Klima gewöhnt/gewohnt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

die beiden Wörter gewohnt und gewöhnt haben tatsächlich eine sehr ähnliche Bedeutung. Sie werden aber im Satz unterschiedlich verwendet. Standardsprachlich sind diese Formulierungen üblich:

etwas gewohnt sein
an etwas gewöhnt sein

Daraus ergeben sich für Ihr Beispiel die folgenden Möglichkeiten:

Ich bin das Klima gewohnt.
Ich bin an das Klima gewöhnt.

Ich bin es gewohnt.
Ich bin daran gewöhnt.

Die Formulierung Ich bin das Klima gewöhnt gilt standardsprachlich als nicht korrekt.

Auch in Verbindung mit einer Infinitivkonstruktion (zu+Infinitiv) formuliert man unterschiedlich, wobei gewohnt mit oder ohne es stehen kann:

Die Katze ist [es] gewohnt, Trockenfutter zu fressen.
Die Katze ist daran gewöhnt, Trockenfutter zu fressen.

Auch hier gilt, dass man standardsprachlich nicht sagt: Die Katze ist [es] gewöhnt, Trockenfutter zu fressen.

Mit gewöhnt drückt man aus, dass etwas das Resultat einer Gewöhnung ist. Mit gewohnt sagt man, dass etwas eine Gewohnheit ist, dass etwas als Selbstverständlichkeit empfunden wird, weil es immer so ist. Die beiden Bedeutungen liegen nicht sehr weit auseinander, so dass es öfter möglich ist, sowohl eine Sache gewohnt sein als auch an eine Sache gewöhnt sein zu sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Passagieren, Fahrgästen und Fluggästen

Frage

Mich interessieren die Begriffe »Fluggast« und »Fahrgast«, die zum Beispiel von der Lufthansa oder der Deutschen Bahn gebraucht werden. Wann sind diese (für mich unschönen) Begriffe entstanden? Und warum? Kann man nicht das aus dem Französischen entlehnte Wort »Passagier« benutzen?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

nach den mir zur Verfügung stehenden Quellen kam das Wort Fahrgast schon im 19. Jahrhundert auf. Dass es keine Neuerfindung moderner Werbe- und Marketingstrategen ist, zeigt zum Beispiel auch der Titel von Franz Kafkas 1908 erstmals erschienen Erzählung »Der Fahrgast«. Die Entstehung dieses Wortes war wahrscheinlich mit dem rasanten Aufschwung des Eisenbahnverkehrs verbunden. Es ist die deutsche Entsprechung des Fremdwortes Passagier, das übrigens ursprünglich italienisch war, im 16. Jh. von dort ins Deutsche übernommen und später an die ebenfalls aus dem Italienischen stammende französische Form passager angepasst wurde.

Zur Geschichte des Wortes Fluggast konnte ich keine Angaben finden. Ich nehme aber an, dass es mit dem Aufkommen der Passagierluftfahrt in Analogie zu Fahrgast entstanden ist.

Man kann anstelle von Fahrgast und Fluggast ohne weiteres auch Passagier benutzen. Das ist auch üblich. Die Zusammensetzungen mit Gast haben aber zwei kleine Vorteile: Sie ermöglichen – falls das einmal nötig sein sollte – eine genauere Unterscheidung der Passagiere nach Transportart (Schiffspassagiere, Fahrgäste, Fluggäste). Sie erlauben auch eine freundlicher oder höflicher klingende Anrede der Kunden. Ein Passagier ist jemand, den man transportiert. Ein Gast ist jemand, den man willkommen heißt und gern transportiert. Und hier kommen dann doch noch die Werbeleute ins Spiel. Dieses »Freundlichkeitspotential« ist auch ihnen aufgefallen, wodurch sich die Verwendungshäufigkeit der Wörter Fahrgast und Fluggast in Informationstexten und Durchsagen des öffentlichen Straßen-, Schienen- und Luftverkehrs bestimmt um einiges erhöht hat.

Trotz dieses »Freundlichkeitspotentials« der Zusammensetzungen mit Gast werde ich nicht so weit gehen, Sie von nun an als Lesegast oder Bloggast anzureden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kunde wird dem Kunden kundgetan

Frage

Wie ist das denn jetzt mit der Schreibweise von Kund tun / kundtun / kund tun? Nach meinem Sprach- und Schreibempfinden würde ich erstere Variante wählen, weil es von Kunde im Sinne von Nachricht kommt – aber das muss ja nichts heißen!

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

dies meint CanooNet:

kundtun

Man schreibt also:

kundtun
kundzutun
hat kundgetan
ich tue kund

Das Gleiche gilt für die Verben kundgeben, kundmachen und kundwerden. Da kund in Verbindung mit Verben nicht (mehr) dem Nomen Kunde zugeordnet werden kann und es das ursprüngliche Adjektiv kund nicht mehr gibt, schreibt man nach den Rechtschreibregeln kund mit dem Verb zusammen (Regel).

Das frühere Adjektiv kund ist eine sehr alte Partizipialbildung zu können (und kennen).  Es bedeutete ursprünglich: kennen gelernt, bekannt geworden. Eine alte Ableitung davon ist das Wort der Kunde, das einmal die Bedeutung der Bekannte hatte. Das Wort die Kunde (Nachricht) hat eine zum Teil andere, ziemlich komplizierte Geschichte, die ich Ihnen – und mir – hier ersparen möchte.**

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Wenn Sie an der Herkunft von die Kunde interessiert sind, können Sie sie im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm nachschlagen.

Professor Bopp

Frage

Ich lese grad die schönen Reiseberichte Heinrich Heines, und traf Ihren Namen wieder:

Doktor Bopp ist hier angestellt als Professor der orientalischen Sprachen und hat vor einem großen Auditorium seine erste Vorlesung über das Sanskrit gehalten.
(Heinrich Heine, Reisebilder und Reisebriefe, Briefe aus Berlin, Erster Brief)

Ich kann mich der Frage nicht erwehren, ob der genannte Herr Ihr Vorfahre war?

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

bei Heinrich Heine geht es um einen in Linguistenkreisen sehr berühmten und ungemein viel beleseneren Dr. Bopp, dem der hier schreibende Dr. Bopp nicht das Wasser reichen kann:

Franz Bopp (1791-1867) gilt als einer der Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft. 1821 erhielt er eine außerordentliche Professur an der Universität in Berlin (Heine schrieb den besagten Brief aus Berlin im Januar 1822). Von 1825 an war er dort ordentlicher Professor der orientalischen Literatur und allgemeinen Sprachkunde. Sein Hauptwerk ist „Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Litauischen, Altslavischen, Gotischen und Deutschen“ (1833-52). Mit seinen Arbeiten zeigte Franz Bopp die Verwandtschaft zwischen vielen indogermanischen Sprachen auf.

Soweit ich weiß, sind dieser Professor Dr. Bopp und ich nicht miteinander verwandt, auch nicht über sieben Ecken. Der Familienname Bopp kommt häufiger vor, als Sie vielleicht annehmen. Er ist nur nicht im ganzen deutschen Sprachgebiet verbreitet. Mehr dazu lesen Sie, wenn Sie mögen, in einem älteren Blogeintrag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp