Meine vorläufige Tippliste

Ich bin bei weitem nicht der Erste und werde wohl auch nicht der Letzte sein, aber ich kann es einfach nicht lassen, das V-Wort hier zu erwähnen:

Meine vorläufige Tippliste für das Wort des Jahres 2010 sieht so aus:

3. Platz: Lena-Manie
2. Platz: Asche[n]wolke
1. Platz: Vuvuzela.

Diese Liste gilt übrigens nur für das Wort des Jahres in Deutschland. Das plötzlich zu Weltruhm gelangte Lärminstrument könnte es allerdings weltweit zum Wort des Jahres schaffen! Die Liste ist auch noch nicht definitiv: Beim dritten Platz zweifle ich bereits, ob ich nicht vielleicht Bavaria-Babes einsetzen sollte …

Der Name der Vampire

Frage

Hat der Name Krolock (Graf Krolock aus »Tanz der Vampire«) eine Bedeutung?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

die Onomastik oder Namenkunde gehört zu den Teildisziplinen der Sprachwissenschaft, die wir auf CanooNet meist gröblich vernachlässigen. Für diesen Namen mache ich aber gern einmal eine Ausnahme, denn er ist noch relativ jung und nicht wie ein gewöhnlicher Name entstanden.

Der Name Graf von Krolock, den Sie vielleicht vom Musical »Tanz der Vampire« kennen, stammt aus Roman Polanskis gleichnamigem und übrigens sehr amüsantem Film aus dem Jahr 1967, der dem Musical als Vorlage diente. Es ist wahrscheinlich, dass der Name dieses Vampirfürsten lautlich vom Namen Graf Orlok abgeleitet ist (Orlok > Krolock). Graf Orlok ist die Vampirfigur im Film »Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens«, der 1921 von Friedrich Willhelm Murnau gedreht wurde. Inspirationsquelle für diesen Gruselfilm war die Urmutter aller bekannten Vampirerzählungen: der Roman »Dracula« von Bram Stoker. Da die Rechte des Buches nicht erworben werden konnten, durfte der Name Graf Dracula in Murnaus Film nicht verwendet werden. Der blutdurstige Graf musste also einen anderen Namen erhalten. Der Name Orlok ist möglicherweise eine lautliche Zusammenziehung zweier Wörter, die im ersten Kapitel des Romans vorkommen. Dort werden einige nicht gerade vertrauenerweckende Wörter zitiert, die der Ich-Erzähler in Transsylvanien von der örtlichen Bevölkerung vernommen hatte. Darunter sind Orodog = Teufel und vrolok = Werwolf, Vampir.

I must say they were not cheering to me, for amongst them were „Ordog“–Satan, „Pokol“–hell, „stregoica“–witch, „vrolok“ and „vlkoslak“–both mean the same thing, one being Slovak and the other Servian for something that is either werewolf or vampire.
Bram Stoker, Dracula, Chapter 1

Es ist also möglich – aber leider keineswegs hundertprozentig sicher – dass Graf von Krolock in »Tanz der Vampire« seinen Namen dem Grafen Orlok aus »Nosferatu« verdankt und dass dieser wiederum durch eine lautlichen Zusammenziehung unheilsschwangerer Wörter aus dem Roman »Dracula« entstanden ist. Wichtig ist vor allem, dass der Graf uns je nach Art der Geschichte, in der er auftritt, zum Gruseln oder zum Lachen bringt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

canoo TIPP!

Falls Sie sich schon einmal gefragt haben, warum CanooNet so heißt, wie es heißt, und Sie die Antwort nicht gefunden haben: Der kostenfreie Online-Sprachdienst CanooNet und dieses Blog werden durch die Schweizer Firma Canoo ermöglicht.

Falls Sie nicht nur sprachinteressiert, sondern auch fußballbegeistert sind, oder erst recht wenn Ihnen die Sprache zurzeit ziemlich egal ist, weil der Fußball Ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht, dann hat Canoo noch etwas für Sie: ein kostenloses WM-Tippspiel, bei dem Sie sogar ein brandneues iPad gewinnen können!

Da weder die der Sportbanause Dr. Bopp noch die CanooNet-Sprachdienste in Sachen Fußball etwas zu bieten haben, empfehle ich allen WM-Interessierten:

canootipp

Die Tippspieler können Tippgruppen bilden, Freunde und Bekannte in ihre Gruppe einladen und »canoo TIPP!« auch unterwegs über ihr Handy nutzen. Natürlich werden keine Daten der Nutzer gesammelt oder weitergegeben. Klicken Sie einfach auf das Logo, wenn Sie mitmachen wollen! [Dafür ist es nun zu spät: Spanien hat gewonnen!]

Warum die Katze nicht gewöhnt ist, Trockenfutter zu fressen

Hinweis für Tierliebhaber: Das ist an dieser Stelle keine Frage der Tierhaltung, sondern der Grammatik. Die standardsprachliche Katze ist nämlich gegebenenfalls [es] gewohnt oder daran gewöhnt, Trockenfutter zu erhalten.

Frage

Sind die beiden Sätze „Ich bin es gewöhnt“ und „Ich bin es gewohnt“ ihrer Meinung nach korrekt und gleichbedeutend? […] Könnte man sagen: „Ich bin das Klima gewöhnt/gewohnt“?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

die beiden Wörter gewohnt und gewöhnt haben tatsächlich eine sehr ähnliche Bedeutung. Sie werden aber im Satz unterschiedlich verwendet. Standardsprachlich sind diese Formulierungen üblich:

etwas gewohnt sein
an etwas gewöhnt sein

Daraus ergeben sich für Ihr Beispiel die folgenden Möglichkeiten:

Ich bin das Klima gewohnt.
Ich bin an das Klima gewöhnt.

Ich bin es gewohnt.
Ich bin daran gewöhnt.

Die Formulierung Ich bin das Klima gewöhnt gilt standardsprachlich als nicht korrekt.

Auch in Verbindung mit einer Infinitivkonstruktion (zu+Infinitiv) formuliert man unterschiedlich, wobei gewohnt mit oder ohne es stehen kann:

Die Katze ist [es] gewohnt, Trockenfutter zu fressen.
Die Katze ist daran gewöhnt, Trockenfutter zu fressen.

Auch hier gilt, dass man standardsprachlich nicht sagt: Die Katze ist [es] gewöhnt, Trockenfutter zu fressen.

Mit gewöhnt drückt man aus, dass etwas das Resultat einer Gewöhnung ist. Mit gewohnt sagt man, dass etwas eine Gewohnheit ist, dass etwas als Selbstverständlichkeit empfunden wird, weil es immer so ist. Die beiden Bedeutungen liegen nicht sehr weit auseinander, so dass es öfter möglich ist, sowohl eine Sache gewohnt sein als auch an eine Sache gewöhnt sein zu sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Passagieren, Fahrgästen und Fluggästen

Frage

Mich interessieren die Begriffe »Fluggast« und »Fahrgast«, die zum Beispiel von der Lufthansa oder der Deutschen Bahn gebraucht werden. Wann sind diese (für mich unschönen) Begriffe entstanden? Und warum? Kann man nicht das aus dem Französischen entlehnte Wort »Passagier« benutzen?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

nach den mir zur Verfügung stehenden Quellen kam das Wort Fahrgast schon im 19. Jahrhundert auf. Dass es keine Neuerfindung moderner Werbe- und Marketingstrategen ist, zeigt zum Beispiel auch der Titel von Franz Kafkas 1908 erstmals erschienen Erzählung »Der Fahrgast«. Die Entstehung dieses Wortes war wahrscheinlich mit dem rasanten Aufschwung des Eisenbahnverkehrs verbunden. Es ist die deutsche Entsprechung des Fremdwortes Passagier, das übrigens ursprünglich italienisch war, im 16. Jh. von dort ins Deutsche übernommen und später an die ebenfalls aus dem Italienischen stammende französische Form passager angepasst wurde.

Zur Geschichte des Wortes Fluggast konnte ich keine Angaben finden. Ich nehme aber an, dass es mit dem Aufkommen der Passagierluftfahrt in Analogie zu Fahrgast entstanden ist.

Man kann anstelle von Fahrgast und Fluggast ohne weiteres auch Passagier benutzen. Das ist auch üblich. Die Zusammensetzungen mit Gast haben aber zwei kleine Vorteile: Sie ermöglichen – falls das einmal nötig sein sollte – eine genauere Unterscheidung der Passagiere nach Transportart (Schiffspassagiere, Fahrgäste, Fluggäste). Sie erlauben auch eine freundlicher oder höflicher klingende Anrede der Kunden. Ein Passagier ist jemand, den man transportiert. Ein Gast ist jemand, den man willkommen heißt und gern transportiert. Und hier kommen dann doch noch die Werbeleute ins Spiel. Dieses »Freundlichkeitspotential« ist auch ihnen aufgefallen, wodurch sich die Verwendungshäufigkeit der Wörter Fahrgast und Fluggast in Informationstexten und Durchsagen des öffentlichen Straßen-, Schienen- und Luftverkehrs bestimmt um einiges erhöht hat.

Trotz dieses »Freundlichkeitspotentials« der Zusammensetzungen mit Gast werde ich nicht so weit gehen, Sie von nun an als Lesegast oder Bloggast anzureden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kunde wird dem Kunden kundgetan

Frage

Wie ist das denn jetzt mit der Schreibweise von Kund tun / kundtun / kund tun? Nach meinem Sprach- und Schreibempfinden würde ich erstere Variante wählen, weil es von Kunde im Sinne von Nachricht kommt – aber das muss ja nichts heißen!

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

dies meint CanooNet:

kundtun

Man schreibt also:

kundtun
kundzutun
hat kundgetan
ich tue kund

Das Gleiche gilt für die Verben kundgeben, kundmachen und kundwerden. Da kund in Verbindung mit Verben nicht (mehr) dem Nomen Kunde zugeordnet werden kann und es das ursprüngliche Adjektiv kund nicht mehr gibt, schreibt man nach den Rechtschreibregeln kund mit dem Verb zusammen (Regel).

Das frühere Adjektiv kund ist eine sehr alte Partizipialbildung zu können (und kennen).  Es bedeutete ursprünglich: kennen gelernt, bekannt geworden. Eine alte Ableitung davon ist das Wort der Kunde, das einmal die Bedeutung der Bekannte hatte. Das Wort die Kunde (Nachricht) hat eine zum Teil andere, ziemlich komplizierte Geschichte, die ich Ihnen – und mir – hier ersparen möchte.**

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Wenn Sie an der Herkunft von die Kunde interessiert sind, können Sie sie im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm nachschlagen.

Professor Bopp

Frage

Ich lese grad die schönen Reiseberichte Heinrich Heines, und traf Ihren Namen wieder:

Doktor Bopp ist hier angestellt als Professor der orientalischen Sprachen und hat vor einem großen Auditorium seine erste Vorlesung über das Sanskrit gehalten.
(Heinrich Heine, Reisebilder und Reisebriefe, Briefe aus Berlin, Erster Brief)

Ich kann mich der Frage nicht erwehren, ob der genannte Herr Ihr Vorfahre war?

Antwort

Sehr geehrte Frau T.,

bei Heinrich Heine geht es um einen in Linguistenkreisen sehr berühmten und ungemein viel beleseneren Dr. Bopp, dem der hier schreibende Dr. Bopp nicht das Wasser reichen kann:

Franz Bopp (1791-1867) gilt als einer der Begründer der vergleichenden Sprachwissenschaft. 1821 erhielt er eine außerordentliche Professur an der Universität in Berlin (Heine schrieb den besagten Brief aus Berlin im Januar 1822). Von 1825 an war er dort ordentlicher Professor der orientalischen Literatur und allgemeinen Sprachkunde. Sein Hauptwerk ist „Vergleichende Grammatik des Sanskrit, Zend, Griechischen, Lateinischen, Litauischen, Altslavischen, Gotischen und Deutschen“ (1833-52). Mit seinen Arbeiten zeigte Franz Bopp die Verwandtschaft zwischen vielen indogermanischen Sprachen auf.

Soweit ich weiß, sind dieser Professor Dr. Bopp und ich nicht miteinander verwandt, auch nicht über sieben Ecken. Der Familienname Bopp kommt häufiger vor, als Sie vielleicht annehmen. Er ist nur nicht im ganzen deutschen Sprachgebiet verbreitet. Mehr dazu lesen Sie, wenn Sie mögen, in einem älteren Blogeintrag.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tausendundeine Nacht oder tausendundein Nächte

Frage

In der russischen Grammatik – ich bin Muttersprachler – ist es so, dass man den Singular einsetzen muss, wenn ein Kardinalzahl auf „eins“ (RU odin) endet. […] So setzt man bei „eins“ den Singular ein, also auch bei „zwanzig eins“ (RU dvadtsat‘ odin), „dreißig eins“ (RU tridtsat‘ odin) und so weiter.

Ist es in der deutschen Grammatik auch so, oder geht die deutsche Grammatik logisch vor? […] Heißt es „hundertein Auto“ oder logischerweise „hundertein Autos“?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

das Deutsche bietet einem hier wieder einmal verschiedene Möglichkeiten. Man verwendet in der Regel den Plural:

hundertein Autos
hundertundein Autos

fünfhundertein Gründe
fünfhundertundein Gründe

tausendein Nächte
tausendundein Nächte

Bei der Form mit und kann aber auch der Singular stehen. Das Zahlwort muss dann gebeugt werden:

hundertundein Auto
mit hundertundeinem Auto

fünfhundertundein Grund
Es gibt fünfhundertundeinen Grund dafür.

tausendundeine Nacht
während tausendundeiner Nacht

Mit einem Artikelwort ist nur die ungebeugte Form -ein mit der Mehrzahl möglich:

die hundert[und]ein Autos
mit seinen fünfhundert[und]ein Ausreden
während dieser tausend[und]ein Nächte

Es herrscht hier aber eine gewisse Unsicherheit. Andere Formen kommen auch vor (zum Beispiel hunderteine Nacht) und selbstverständlich gefallen nicht alle Varianten allen gleich gut. Formen mit –eins vor einem Substantiv gelten allerdings in der Standardsprache als falsch:

nicht: hunderteins Autos
nicht: tausendeins Nächte

Die berühmte orientalische Märchensammlung wird übrigens im Allgemeinen „Tausendundeine Nacht“ genannt. „Ali Baba und die vierzig Räuber“ und „Sindbad der Seefahrer“ sind also Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“. Wenn Sie Märchen und Erzählungen mögen, können Sie dort auch die Geschichte des Walt-Disney-Zeichentrickilms „Aladin und die Wunderlampe“ in der Originalversion nachlesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die USA und die Mehrzahl

Frage

Heißt es „Die USA versinken im Chaos“ oder „Die USA versinkt im Chaos“? Klar, die Abkürzung steht für United States of America (also Plural), und somit ist wohl der Plural richtig. Des ungeachtet finde ich die Formulierung irgendwie ungewöhnlich und holprig. Auch treffe ich häufig auf die genau gegenteilige Wendung, zum Beispiel: „Die USA ist ein beliebtes Reiseziel.“ Was nun?

Antwort

Guten Tag H.,

den US-Amerikanern wünsche ich, dass ihr Land nicht wirklich im Chaos versinken möge und dass entsprechend nur die Form und nicht auch die Bedeutung des folgenden Satzes korrekt ist:

Die USA versinken im Chaos.

Standardsprachlich verwendet man die Länderbezeichnung USA mit dem Plural. Weitere Beispiele:

Die USA sind ein beliebtes Reiseziel.
Studieren in den USA
Obama und die neuen USA

Für die Verwendung des Plurals sprechen zwei Gründe: Wie sie richtig bemerken, ist die Bezeichnung, für die die Abkürzung USA steht, im Prinzip pluralisch: United States of America.** Auch die deutsche Übersetzung wird in der Mehrzahl verwendet: die Vereinigten Staaten [von Amerika]. Weil sowohl das Grundwort in der Ursprungssprache als auch die Übersetzung ins Deutsche pluralisch sind, hat hier der Plural eindeutig die besseren Karten. Die Verwendung in der Einzahl sieht man zwar auch manchmal, sie gilt aber standardsprachlich als nicht korrekt.

Das ist aber noch nicht ganz alles: Die Abkürzung USA wird im Deutschen immer mit dem bestimmten Artikel verwendet;

Sind die USA ein guter Bündnispartner?
Wir sind quer durch die USA gereist.
Chaos in den USA
die Regierung der USA

Es heißt also im Standarddeutschen nicht Chaos in USA oder Reise quer durch USA.

Es mag in Ihren Ohren ungewöhnlich oder sogar holprig klingen, doch wenn Sie es standardsprachlich richtig machen wollen, verwenden Sie die USA immer im Plural und mit Artikel, so wie dies zum Beispiel auch für die Niederlande, die Philippinen, die Malediven oder die Vereinigten Arabischen Emirate üblich ist.

Falls sich Ihre Ohren trotz alledem nicht an die USA im Plural gewöhnen wollen, sagen und schreiben Sie doch einfach:

Die Vereinigten Staaten sind ein beliebtes Reiseziel.

Das klingt überhaupt nicht holprig und es herrschen hier, soweit ich weiß, auch keinerlei Zweifel darüber, ob man den Plural verwenden soll.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

** Man muss hier präzisieren, dass USA und vor allem U.S. im Englischen manchmal auch als Singular behandelt werden. Die zugrundeliegende Wortgruppe, so wie wir sie als durchschnittliche Englischkönner kennen, ist aber eindeutig pluralisch.