Warum Wuster und nicht Wörtschester?

Frage

Ich weiß, dass Sie kein Kochprofi sind, aber ich frage Sie trotzdem einmal, warum in aller Welt man „Worcestersauce“ als „Wustersoße“ und nicht etwa als „Wörtschestersoße“ ausspricht? Daneben gibt es ja sogar noch die Schreibweise „Worcestershiresauce“!

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

die Frage nach der Worcestersauce hat mit Kochen und Englisch zu tun. Da ich regelmäßig koche,  aber vor allem weil diese Würzsoße auch im deutschen Sprachgebiet in vielen Regalen steht, liegt die Frage trotzdem nicht vollständig außerhalb meines Fachgebietes. Die Antwort lautet: Daran sind die Engländer schuld.

Wie die meisten von uns sehr schnell beim Englischlernen feststellen mussten, haben die Englischsprechenden und -schreibenden manchmal die Neigung, Wörter ganz anders zu schreiben, als sie ausgesprochen werden. So auch hier: Die Stadt Worcester, aus der die Soße stammt, ist die Hauptstadt der Grafschaft Worcestershire. Ausgesprochen werden diese Namen ungefähr wie Wuster und Wusterscher. Dabei liegt die Hauptbetonung auch bei der Grafschaft auf dem u. Danach folgt nur noch ein wenig Gerausche und Genuschel.

Solch große Unterschiede zwischen Schreibung und Aussprache kennt das Englische deshalb, weil es eine „historische“ Rechtschreibung hat. Während die Aussprache sich im Laufe der Zeit veränderte, ist die Schreibung gleich geblieben. Man schreibt also – vereinfacht ausgedrückt – (fast) gleich wie schon vor einigen hundert Jahren. So wurde die Stadt Worcester mit großer Wahrscheinlichkeit früher einmal dreisilbig ausgesprochen.

Die Worcestershiresauce ist übrigens die einzige echte Würzsoße des einzigen echten Herstellers aus Worcester. Der Name ist markenrechtlich geschützt. Unter dem Namen Worcestersauce kauft man Nachahmungen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Weizen und Roggen Mehl

Wie der Titel dem aufmerksamen Leser und der aufmerksamen Leserin vielleicht bereits verrät, geht es hier wieder einmal um überflüssige Leerzeichen, eine vor allem (aber nicht nur!) in Werbung und technischen Fachtexten häufig zu konstatierende Art von „orthographischem Ungehorsam“.

Frage

Ich war heute im Supermarkt und entdeckte im Regal „Weizen Mehl“ und „Roggen Mehl“. Das ist offensichtlich ein sogenanntes „Deppenleerzeichen“? Hier zwei Beispiele:

Weizenmehl Roggenmehl

Meiner Meinung nach ist das falsch. Aber so große Konzerne sollten so einen Fehler doch sicherlich direkt merken oder nicht?

Antwort

Sehr geehrter Herr U.,

Sie haben recht: Man schreibt Weizenmehl und Roggenmehl in einem Wort. Beim ersten Bild könnte man wegen der Großbuchstaben noch sagen, dass die Verpackungsgestalter einfach einen Trennstrich weggelassen haben:

WEIZEN
MEHL

statt

WEIZEN-
MEHL

Das ist nach den Rechtschreibregeln nicht korrekt, aber vielleicht gestalterisch noch irgendwie zu verantworten. Auf keinen Fall richtig wäre diese Schreibung:

Weizen
Mehl

Bei der zweiten Mehlverpackung kann ich beim besten Willen nicht so mild sein. Die Schreibung ROGGEN MEHL ist auch mit Großbuchstaben falsch. Ich würde allerdings nicht so weit gehen, jemanden wegen eines Schreibfehlers einen Deppen zu nennen. Ich wundere mich manchmal auch, dass selbst größere Konzerne die Rechtschreibung nicht im Griff zu haben scheinen. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass man die Regel kennt, aber beim Entwerfen der Verpackung bestimmte gestalterische Argumente wichtiger fand als die Rechtschreibung. Schade!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Herr U. erwähnt es in seiner Frage: Wenn Sie falsch verwendete Leerzeichen lustig und interessant finden und sich gerne noch ein bisschen amüsieren wollen oder wenn sie falsche Leerzeichen schlichtweg ärgerlich finden und noch etwas in der Wunde herumrühren möchten, gibt es schon seit einiger Zeit eine vielen bereits bekannte Webseite zu diesem Thema. Der Name gefällt mir nicht, aber die Bildersammlung ist interessant: Deppenleerzeichen.

Ein Wort erfunden, was nun?

Frage

Ich würde gerne wissen, ob es möglich ist, ein neues Wort zu etablieren. Ich arbeite für eine Firma, die auf Metallverarbeitung spezialisiert ist. Nun hat diese Firma vor einigen Jahren eine neue Maschine entwickelt. Mit dieser Maschine lassen sich […]. Für ein solches Verfahren gibt es offiziell noch kein Wort, deshalb nannten wir es […]ieren, was sich vom Namen der Maschine ableitet. Da es sich hier natürlich um eine Wortfindung handelt, würde ich gerne wissen, was getan werden muss, damit dies ein offizielles Word wird.

Antwort

Sehr geehrter Herr S-,

es gibt im deutschen Sprachraum keine „offiziellen“ Wörter. Wörterbücher und Wörterlisten nehmen Wörter auf, die nachweisbar in der deutschen Sprache verwendet werden. Es gibt keine Möglichkeit, ein neues Wort bei einer bestimmten offiziellen Stelle anzumelden. Eine solche Stelle gibt es nicht. Der wirkliche Sprachgebrauch bestimmt, ob ein Wort in Wörterbüchern u. Ä. aufgenommen wird. Eine ähnliche Registrierungsmöglichkeit gibt es nur für Produkte und Einstellungen, deren Name markenrechtlich geschützt werden soll.

Das Einzige, was sie zurzeit tun können, ist das Wort in Ihrem Umfeld, gegenüber Lieferanten, Kunden, Konkurrenten usw. zu verwenden. Sie können auch versuchen, das Wort über Ihre Webseiten, Werbung, Prospekte u. Ä. in Ihrem Fachbereich zu positionieren. Kurzum, sie benötigen eher die Unterstützung von Marketingprofis als Ratschläge von Sprachkennern. Danach „entscheiden“ die Sprachbenutzer, ob sie das Wort verwenden oder nicht. Wenn es eine gewisse Zeit lang an mehreren Stellen verwendet wird, erscheint es irgendwann einmal auch in Wörterbüchern.

Es hilft im Allgemeinen nichts, ein neues Wort bei Wörterbuchverlägenverlagen anzumelden oder eigenhändig in zum Beispiel Wikipedia einzutragen. Das können Ihnen viele bestätigen, die schon einmal ernsthaft oder einfach zum Spaß ein neues Wort lancieren wollten. Wenn keine repräsentative Anzahl Fundstellen – an verschiedenen Orten und über eine längere Zeit – nachgewiesen werden kann, werden die Wörterbuchmacher und -macherinnen das Wort nicht aufnehmen und werden die wachsamen Geister, die bei Wikipedia am Werke sind, Ihren Neueintrag wieder löschen.

Umgekehrt gilt Folgendes: Die Tatsache, dass ein Wort nicht in Wörterbüchern steht, bedeutet keineswegs, dass es ein Wort nicht gibt. Es werden täglich neue Wörter gebildet (z. B. Orakelkrake) oder eingeführt (z. B.Vuvuzela). Viele von Ihnen verschwinden bald wieder, nur einige etablieren sich im Sprachgebrauch und finden nach ein paar Jahren Eingang in Duden, Langenscheidt, Pons, Wahrig, ‘canoonet’ usw. Andere Wörter sind so sehr auf einen gewissen Fachbereich beschränkt, dass sie nie in allgemeinen Wörterbüchern erwähnt werden. Sie können und dürfen […]ieren also benutzen. Das einzige Problem dabei ist, dass nicht alle ohne Erklärung verstehen werden, was dieses Wort bedeutet.

Vergessen Sie nicht, Ihre Neuschöpfung […]ieren, falls möglich und gewünscht, markenrechtlich schützen zu lassen! Wie das genau vor sich geht, weiß ich leider nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Das neue Wort heißt natürlich nicht buchstäblich […]ieren. Ich habe das Wort in Hinblick auf die allen Besuchern bei der Veröffentlichung von Fragen garantierte Anonymität sozusagen anonymisiert.

Zwischen 35 und 45 Jahre(n)

Fragen

In meinem Lehrbuch steht folgender Satz: „Sie sollte zwischen 35 und 45 Jahren alt sein.“ Ich kann mir das n am Wort Jahren nicht erklären.

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

das en bei Jahren ist die Endung des Dativ Plural. Sehen Sie zum Beispiel:

in diesen Jahren
mit den Jahren

Im Lehrbuch wird der Dativ wahrscheinlich deshalb verwendet, weil zwischen bei statischen Angaben in der Regel mit dem Dativ steht:

Der Baum steht zwischen dem Haus und dem Garten.
das Verhältnis zwischen ihm und ihr

So weit, so gut. Trotzdem ist es nicht verwunderlich, dass Sie zweifeln. Bei Alters-, Zeit-, Mengenangaben u. Ä., die mit zwischen … und … ausgedrückt werden, hat zwischen nämlich oft keinen Einfluss auf den Fall. Man wählt dann normalerweise den Fall, der steht, wenn man nur eine der beiden Angaben verwendet:

Sie ist zwischen 35 und 45 Jahre alt.
wie: Sie ist 35 Jahre alt.

Sie haben zwischen 80 und 100 Bücher verkauft.
wie: Sie haben 80 Bücher verkauft.

Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter zwischen zwei und drei Jahre ins Ausland.
wie: Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter drei Jahre ins Ausland.

Der Dativ wird hier ebenfalls verwendet, er ist aber unüblich und sollte besser vermieden werden. Deshalb kommen Ihnen Formulierungen wie die folgenden eher seltsam (?) oder sogar falsch (*) vor:

? Sie ist zwischen 35 und 45 Jahren alt.
* Das Unternehmen schickt seine Mitarbeiter zwischen zwei und drei Jahren ins Ausland.
? Sie haben zwischen 80 und 100 Büchern verkauft.

Natürlich ist das wieder einmal nicht alles: Wenn solche Angaben mit zwischen … und … im Satz nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden können, wählt man den Dativ:

Dies betrifft vor allem Frauen zwischen 35 und 45 Jahren.
Der Kochkurs ist geeignet für Kinder zwischen 9 und 12 Jahren.

Nicht möglich:
*Dies betrifft vor allem Frauen 35 Jahre(n).
*Der Kochkurs ist geeignet für Kinder 12 Jahre(n).

Immer falsch ist übrigens die Verbindung von zwischen und bis:

NICHT:
Sie sind zwischen 9 bis 12 Jahre alt.

Sondern:
Sie sind 9 bis 12 Jahre alt.
Sie sind zwischen 9 und 12 Jahre alt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Viel Erfolg, viel Spaß und vielen Dank!

Frage

Warum heißt es „Vielen Dank!“, aber „Viel Erfolg!“ oder „Viel Spaß!“?

Antwort

Sehr geehrte Frau B.,

den genauen Grund kenne ich nicht. Bei festen Wendungen wie diesen lässt sich oft nicht so einfach sagen, weshalb sie genau so lauten, wie sie lauten. Es handelt sich hier in allen drei Fällen um einen Akkusativ, denn die Ausdrücke sind eigentlich verkürzte Sätze wie diese:

Haben Sie vielen Dank!
Ich sage Ihnen vielen Dank!

Habt viel Spaß/viel Erfolg!
Ich wünsche euch viel Erfolg/viel Spaß!

Wenn viel ohne Artikel vor einem Nomen in der Einzahl steht, bleibt es heute im Gegensatz zu anderen Adjektiven meist ungebeugt:

Du hast großen Erfolg gehabt.
Du hast viel Erfolg gehabt.

Sie verdient gutes Geld.
Sie verdient viel Geld.

(Mehr dazu finden Sie in der canoonet-Grammatik)

Die Ausdrücke Viel Erfolg! und Viel Spaß! entsprechen diesem heutigen Gebrauch: Man sagt nicht *Vielen Erfolg! oder *Vielen Spaß!, auch wenn sie im Akkusativ stehen. In der Wendung Vielen Dank! hingegen wird viel gebeugt. Man kann daraus schließen, dass die Wendung wahrscheinlich älter ist als die beiden anderen oder zumindest schon früher zur festen Wendung geworden ist.

Solche festen Wendungen und Floskeln entziehen sich oft der „normalen“ Grammatik, weil sie nicht als eine Reihe einzelner Wörter, sondern als Ganzes eine eigene Entstehungs- oder Entwicklungsgeschichte durchgemacht haben. Andere „ungrammatische“ Beispiele dieser Art, die mir hier ganz spontan in den Sinn kommen, sind eines Nachts und aus aller Herren Länder. Nacht ist weiblich und im Genitiv endungslos. Länder müsste eigentlich im Dativ stehen: aus … Ländern. In bestimmten Zusammenhängen sind also selbst gröbere Verstöße gegen die Grammatikregeln richtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Anordnbar, anordbar, anordenbar

Frage

Ich bin auf dem Gebiet des Patentschutzes tätig und immer wieder begegnet mir das Wort „anordenbar“. Auf der einen Seite gibt es eigentlich für alle deutschen Verben auf „en“ die Möglichkeit ein „bar“ an die Grundform ohne „en“ anzuhängen; zum Beispiel: „essbar“, „trinkbar“, „machbar“, „schließbar“ usw. Bei Wörtern auf „nen“ wie „anordnen“ oder „öffnen“ funktioniert das aber nicht so einfach. Meine Frage lautet also: Gibt es das Wort „anordenbar“?

Antwort

Sehr geehrter Herr S.,

das Wort anordenbar gibt es. Wie Sie richtig sagen, leitet man man Adjektive auf bar ab, indem man die Verbendung en (oder ggf. n) weglässt und dann bar an den Verbstamm anhängt:

ess-en – ess-bar
schließ-en – schließ-bar
auswechsel-n – auswechsel-bar

Bei Verben wie anordnen und öffnen führt dies aber zu so sonderbaren Formen wie *anordnbar und *öffnbar. Da solche Formen recht schwierig auszusprechen wären, fügt man im Verbstamm ein unbetontes e ein: anordenbar, öffenbar.

Genau dieses e ist bei solchen Verben einmal weggefallen. Das Verb ordnen hat den gleichen lateinischen Ursprung wie zum Beispiel das Nomen Orden. Es lautete früher u. a. auch ordenen. Das e ist erst später weggefallen. Auch bei öffnen kann man das weggefallene e gut in dem Wort wiederfinden, von dem das Verb abgeleitet ist: offen. Das e, das man zur Vereinfachung der Aussprache vor bar einfügt, ist also eigentlich das e, das zur Vereinfachung der Aussprache vor en wegfällt.

Beispiele:

zuordnen – zuordenbar (frei zuordenbare Kapazitäten)
anrechnen – anrechenbar (anrechenbare Kosten)
beatmen – beatembar (schwer beatembare Frühgeborene)
beregnen  – beregenbar (beregenbare Flächen)
bezeichnen – bezeichenbar (eine als positiv bezeichenbare Stimmung)
öffnen – öffenbar (öffenbare Fenster)

Das zusätzliche e lässt sich also relativ einfach erklären. Wie die Beispiele zeigen, sind einige dieser Formen auf –enbar trotzdem sehr ungebräuchlich. Es ist deshalb stilistisch oft besser, eine andere Formulierung zu wählen:

Fenster, die geöffnet werden können
eine Stimmung, die man als positiv bezeichnen kann

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Global Player und Latin Lover in der Mehrzahl

Frage

Wie heißt es eigentlich richtig: die Global Player oder die Global Players? Ist der Plural hier überhaupt erlaubt?

Antwort

Guten Tag J.,

der Plural von Global Player lautet:

die Global Player
oder
die Global Players

Lehnwörter aus dem Englischen, die auf unbetontes er enden und im Deutschen männlich sind, bilden den Nominativ Plural in der Regel endungslos:

der Computer – die Computer
der Printer – die Printer
der MP3-Player – die MP3-Player
der Ghostwriter – die Ghostwriter

Dies geschieht in Übereinstimmung mit heimischen, ebenfalls mit der Endung er von Verben abgeleiteten Wörtern wie Rechner, Drucker, Spieler, Schreiber usw.

Bei Global Player wirkt einerseits diese Tendenz, das heißt, man sagt die Global Player. Andererseits wird Global Player wegen des ungebeugten und englisch ausgesprochenen Adjektivs global noch stark als englischer Begriff empfunden. Entsprechend wird noch häufig der englische Plural verwendet: die Global Players. Beide Pluralformen kommen vor und beide sind „verteidigbar“.

Ein anderer Ausdruck, der aus den gleichen Gründen zwei Pluralformen hat, erinnert irgendwie an Urlaubsabenteuer in südlichen Gefilden: Wenn sie in der Mehrzahl auftreten, versprühen die Latin Lover oder die Latin Lovers ihren berühmt-berüchtigten unwiderstehlichen Charme mit oder ohne die Pluralendung s.

Der Ausdruck Global Player kann im Übrigen wie seine deutschen Entsprechungen die Weltkonzerne oder die weltweit tätigen Unternehmen problemlos in der Mehrzahl verwendet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Struktur der Hundekotaufnahmepflicht

Als ich nach Hause kam, lag in der kleinen öffentlichen Grünanlage vor unserem Haus schon wieder so ein brauner, fliegenumschwärmter Haufen; ganz am Rand, auf etwas mehr als zweieinhalb Meter Abstand von der Haustür. Seit ungefähr zwei, drei Wochen hat sich ein Hundebesitzer diese Stelle ausgesucht, um seinen Hund ab und zu – pardonnez le mot – scheißen zu lassen. Letzteres wäre gar nicht so schlimm. Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen Hunde, auch wenn die Wohnung, in der ich wohne, bewusst haustierfrei war, ist und, soweit es an mir liegt, auch bleibt. Störend ist also nicht, dass der Hund sein Geschäft dort verrichtet. Das arme Geschöpf muss ja irgendwo mal müssen können. Störend ist, dass es immer noch solch asoziale Hundebesitzer gibt, die meinen, den Hundedreck nicht aufräumen zu müssen. In der Weite der unberührten Natur, so wie man sie in diesem Teil Europas praktisch nirgends mehr antrifft, ist das kein Problem. In der relativen Enge eines Wohnviertels mit zahlreichen Hundebesitzern und vielen spielenden Kindern geht es einfach nicht. Das haben die meisten einigermaßen normal denkenden Menschen mittlerweile begriffen. Für die Unverbesserlichen hat man die Hundekotaufnahmepflicht erfunden.

Es ist nicht besonders originell, über das Liegenlassen von Hundekot zu schreiben, aber ich konnte mich dabei so richtig schön abreagieren. Es geht eigentlich um das schöne Wort Hundekotaufnahmepflicht, das mir beim Anblick des besagten Hundehaufens in den Sinn gekommen ist. Obwohl diese Pflicht auch in Deutschland vielerorts besteht, kommt das Wort im Gegensatz zum oft damit kombinierten Leinenzwang fast nur in Österreich und der Schweiz vor. Weshalb dieses eindeutig amts- und beamtendeutsche Wort „ausgerechnet“ in Deutschland nicht verwendet wird, ist mir schon seit einiger Zeit ein Rätsel.

Mir ist etwas anderes an Hundekotaufnahmepflicht aufgefallen: Es handelt sich hier um eine für das Deutsche typische Wortschöpfung, bei der eine Aussage, die viele andere Sprachen mit mindestens einem Nebensatz oder zwei Präpositionalgruppen ausdrücken, in ein einziges Wort gepfropft wird. Die Struktur solcher vielteiligen Zusammensetzungen lässt sich in der Regel gut analysieren und schön wissenschaftlich mit Hilfe von Strukturbäumchen u. Ä. darstellen. Und genau darüber bin ich gestolpert. Muss man die Hundekotaufnahmepflicht nun als Aufnahmepflicht für Hundekot oder als Pflicht zur Hundekotaufnahme analysieren?

Eigentlich ist es egal. Das Wort umschreibt genau, worum es geht, nämlich die Pflicht, Hundekot aufzunehmen. Der Bedeutungsunterschied zwischen den beiden Strukturanalysen ist, wenn es überhaupt einen gibt, vernachlässigbar. Der Hundebesitzer, um den es hier geht, schert sich sowieso nicht darum. Deshalb mache ich mir nun keine weiteren Gedanken mehr zur Struktur dieses Wortes, erfreue mich am Sonnenschein und hoffe, dass ich das fehlbare Frauchen oder Herrchen bald einmal auf frischer „Nicht-Tat“ ertappe und sie oder ihn zur Rede stellen kann.

Von Litern, Metern und Vierteln

Heute geht es wieder einmal um eine häufiger gestellte Frage, nämlich das Dativ-n bei gewissen Maß- und Mengenangaben.

Frage

Nie werde ich es mir merken: Heißt es „ein Gefäß von zwei Litern Inhalt“ oder „zwei Liter Inhalt“?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

vielleicht können Sie es sich nicht  merken, weil beides möglich und korrekt ist:

ein Gefäß von zwei Liter Inhalt
oder
ein Gefäß von zwei Litern Inhalt

Männliche und sächliche Maß- und Mengenbezeichnungen bleiben nach Zahlenangaben in der Regel unveränderlich:

zwei Paar Schuhe
2,5 Kilo Äpfel
zehn Fuß dicke Mauern
eine Bildschirmgröße von 17 Zoll
27 Euro

Eine Ausnahme sind Bezeichnungen wie Meter, Liter und Viertel im Dativ Plural. Diese Wörter haben die Eigenschaft, dass sie nur im Dativ eine Pluralendung haben: den Metern, den Litern, den Vierteln. Die anderen Pluralformen sind mit der Form des Nominativ Singular identisch: der Meter ­– die Meter. Bei solchen Maß- und Mengenangaben wird im Dativ Plural nach der allgemeinen Regel die endungslose Form verwendet oder (seltener) als Ausnahme doch die Pluralform:

endungslos
aus sieben Meter Stoff
auf 750 Meter Höhe liegen
ein Gewicht von drei Zentner
mit drei Viertel der Menge

gebeugt
aus sieben Metern Stoff
auf 750 Metern Höhe liegen
ein Gewicht von drei Zentnern
mit drei Vierteln der Menge

Beide Formulierungen gelten als korrekt. Mehr dazu finden Sie hier und hier.

Wie Sie sehen, gibt es im Deutschen auch bei etwas so Präzisem wie Maß- und Mengenangaben nicht nur Regeln, sondern auch Ausnahmen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das weibliche Menschenkind und die kleine Insektenlarve

Es geht hier nicht um eine wissenschaftliche Variante von „Rotkäppchen und der böse Wolf“ für Entomologen (Insektenforscher), sondern um das Wort Mädchen:

Frage

Gibt es einen Grund dafür, dass die Verniedlichungsform von „Made“ und „Frauen im Kindesalter“ sich das gleiche Wort teilen müssen?!?

Antwort

Sehr geehrter Herr T.,

es gibt keinen wirklichen Grund dafür, dass das Wort Mädchen sowohl ein weibliches Kind als auch eine kleine Made bezeichnen kann. Der einzige Grund, den man dafür anführen kann, ist, dass es manchmal vorkommt, dass verschiedene Wörter in ihrer gesprochenen und/oder geschriebenen Form zusammenfallen. Das weibliche Kind war früher ein Mägdchen, d.h. eine kleine Magd. Damals war eine Magd noch nicht eine Bedienstete, sondern eine junge Frau und Jungfrau. Mit der Zeit ist das g weggefallen, so dass das Mägdchen zu Mädchen wurde. In dieser Form fällt das Wort dann mit der Verkleinerungsform von Made zusammen.

Dass Formen aus den verschiedensten Gründen in Klang und/oder Schrift zusammenfallen können, ohne dass es sonst irgendeinen Zusammenhang zwischen ihnen gäbe, zeigen auch die folgenden Beispiele:

Strauß (Blumengebinde und Vogel)
Ruhr (Fluss und Krankheit)
Ball (kugelförmiges Spielgerät und Tanzfest)
Wachstube (Tube Wachs und Stube der Wache)

Und weil es in der Frage um Wörter mit -chen geht, hier noch ein paar weitere Beispiele:

Kieferchen (kleine Kiefer und kleiner Kiefer)
Wägelchen (kleiner Wagen und kleine Waage)
Hörnchen (kleines Horn und kleines Nagetier)
Küchelchen (mit kurzem ü: kleine Küche; mit langem ü: kleiner Kuchen)

Solche „Doppelformen“ werden fachsprachlich Homonyme genannt. Sie führen übrigens nur sehr selten zu Verständigungsschwierigkeiten. So muss man sich z. B. ziemlich viel Mühe geben, um einen Satzzusammenhang zu finden, in dem man das Wort Mädchen überhaupt im Sinne von kleine Made verwendet und in dem man dann das Insektenlärvchen auch noch mit einem kleinen weiblichen Kind verwechseln könnte. Unmöglich ist es nicht, aber nicht sehr wahrscheinlich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp