Fahrausweis und Führerschein

Der Nachbarsjunge ist dieses Jahr achtzehn geworden und darf seit kurzem Auto fahren. Er hat die Fahrprüfung bestanden. Ganz stolz verkündete er dies in der ganzen ihm bekannten Nachbarschaft. Bei Kindern (oder in diesem Fall jungen Erwachsenen), die ihr ganzes Leben an einem Ort gewohnt haben und die keine trägen „Bildschirmkinder“ sind, bedeutet „in der ganzen ihnen bekannte Nachbarschaft“: bei allen Menschen, die innerhalb und nicht allzu weit außerhalb des (einst) erlaubten Spielradius rundum das elterliche Haus wohnen. Da wir gleich neben dem elterlichen Haus und somit innerhalb dieses Radius wohnen, durfte auch ich ihm herzlich zum  – ja, wozu eigentlich gratulieren?

Das erste Wort, das mir hier in den Sinn kommt, ist Fahrausweis. So nenne ich spontan die amtliche Bescheinigung im Kreditkartenformat, die einen berechtigt, ein Kraftfahrzeug zu führen. Aber irgendwie beschleicht mich sofort das Gefühl, dass es sich hier wieder einmal um einen Helvetismus, das heißt ein nur in der Schweiz übliches Wort handeln könnte. Regelmäßigere Besucher und Besucherinnen dieses Blogs wissen nämlich, dass man mich des öfteren bei der Verwendung eines solchen Helvetismus „ertappen“ kann. Ein kurzer Blick ins Wörterbuch zeigt, dass mein Gefühl mich nicht trügt. In gutem Standarddeutsch heißt das bei vielen Achtzehnjährigen so begehrte Dokument Führerschein (Dld. und Österr.) oder Lenkerberechtigung (Österr.). In der Schweiz lautet die offizielle Bezeichnung Führerausweis neben umgangssprachlich Fahrausweis. Ein Fahrausweis ist eigentlich etwas anderes, nämlich eine Fahrkarte im öffentlichen Verkehr.

Das Wort Fahrausweis ist in diesem Zusammenhang also nicht nur ein Helvetismus, sondern auch noch umgangssprachlich! Als Ausrede könnte ich anführen, dass man das Wort fast nie verwendet, sondern immer nur wortlos(!) kontrolliert, ob man das Ding dabei hat, bevor man sich ans Steuer setzt. Doch ich brauche eigentlich keine Ausrede. Es macht mir nämlich nicht so viel aus, hin und wieder einen Regionalismus oder eine eher umgangssprachliche Formulierung zu verwenden. Das absolut neutrale Standardhochdeutsch gibt es nicht – oder es hört sich ziemlich steril an. Außerdem liefert mir ein Wort wie Fahrausweis Stoff für einen Blogeintrag!

Ein Fahrausweis ist auch in der Schweiz eine Fahrkarte, die zur Benutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels berechtigt. Man trifft dieses Wort aber nur in offiziellen Reglementen im Bereich des öffentlichen Verkehrs an. Im normalen Leben nennt man eine Fahrkarte „natürlich“ Billet. Um die Sache weiter zu komplizieren und das Billet über den Fahrausweis mit dem Führerschein zu verbinden, folgt hier noch ein weiterer Helvetismus: Wenn jemandem der Führerschein entzogen wird, kann man in bester Schweizer Umgangssprache sagen, dass dieser Person das Billet weggenommen wird.

Dem jungen Nachbarn wünsche ich, dass er so vorsichtig und vernünftig fährt, dass man ihm nie den Führerschein entziehen müssen wird. Er ist schon ein paar Kilometer in unserem Auto gefahren. Dabei habe ich gesehen, dass er zwar noch etwas unsicher, aber konzentriert, kontrolliert, ruhig und vorausschauend fährt. Wenn er so weitermacht, wird man ihm nie das Billet wegnehmen müssen.

Richtig ist, was üblich ist: -ation und -ierung

Heute wieder einmal ein Dauerbrenner in Sachen Wortbildung: …ation und …ierung.

Frage

Ich habe eine Frage zur Nomenbildung und zwar zu den Endungen …ation und …ierung. Es gibt viele Verben, die mit beiden Endungen ein Nomen bilden (Information/Informierung, Kompensation/Kompensierung etc.). Die Frage ist nun, welche Form ist „richtiger“? Gibt es Bedeutungsunterschiede?

Antwort

Sehr geehrte Frau K.,

wenn man von einem auf …ieren endenden Verb ein Nomen ableitet, gibt es keine festen Regeln. „Richtig“ ist, was gebräuchlich ist. Manchmal haben die Ableitungen auf …ierung und …ation die gleiche Bedeutung (z. B. Stabilisierung = Stabilisation), in anderen Fällen gibt es einen Bedeutungsunterschied. Als allgemeine, grobe Tendenz kann man sagen, dass die Ableitungen auf …ierung stärker den Verbvorgang betonen:

Informierung = das Informieren
Information = die Auskunft, Nachricht; das Informieren

Kompensierung = das Kompensieren
Kompensation = das Kompensieren; Entschädigung, die man erhält

Kanalisierung = das Kanalisieren
Kanalisation = unterirdisches Röhrensystem; das Kanalisieren

Delegierung = das Delegieren
Delegation = die abgeordneten Personen; das Delegieren

Dies ist aber – wie gesagt – keine feste Regel, sondern eine grobe Tendenz. So bezeichnet  z.B. Legierung nicht nur das Legieren, sondern auch das Resultat des Prozesses.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Dr. Bopp ist sehr unhöflich

Frage

Warum haben Sie mir immer noch nicht geantwortet? Ich finde das sehr unhöflich, wenn man bedenkt, dass Sie allen anderen hier geholfen haben.

gz. der Unbekannte

Antwort

Guten Tag!

Ich versuche immer, möglichst alle Fragen zu beantworten. Es kann trotzdem passieren, dass einmal etwas „durchrutscht“. Wenn das vorkommt, tut es mir sehr leid.

In Ihrem Fall ist es allerdings so, dass Sie wahrscheinlich – wie auch jetzt wieder – eine falsche E-Mail-Adresse angegeben haben (Undelivered Mail Returned to Sender: This user doesn’t have a yahoo.com account). Dann kann ich Ihnen nicht antworten. Ärgerlicherweise merke ich das immer erst dann, wenn ich die Frage bereits behandelt habe … Es werden nämlich bei weitem nicht alle Fragen im Blog veröffentlicht.

Wie es mit den Fragen an Dr. Bopp genau funktioniert, steht hier:

Die Antwort wird an Ihre E-Mail-Adresse geschickt! Vergewissern Sie sich deshalb bitte, dass Sie keine falsche E-Mail-Adresse angeben. Ihr Name und Ihre E-Mail-Adresse werden nicht veröffentlicht und nicht an Dritte weitergegeben. Fragen, die für einen größeren Leserkreis interessant sein könnten, werden ohne Namensnennung im Blog veröffentlicht.

Sehr geehrter „Unbekannter“, wie lautete Ihre Frage? Wenn Sie sie mir noch einmal schicken und dabei so höflich sind, eine richtige E-Mail-Adresse anzugeben, beantworte ich sie gerne.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Hallo, ich bin Tom“ und „Hallo, ich bin’s, Tom“

Frage

Ich möchte gern wissen: Welcher Satz ist richtig?

Hallo, Miriam, ich bin Tom.
oder
Hallo, Miriam, ich bin’s, Tom.

Antwort

Sehr geehrte Frau E.,

beide Sätze sind richtig. Sie haben aber nicht die gleiche Bedeutung. Wenn Miriam Tom nicht kennt und Tom sich ihr vorstellt, kann er sagen:

Hallo, Miriam, ich bin Tom.

Das bedeutet dann so viel wie Ich heiße Tom oder Mein Name ist Tom.

Wenn Tom und Miriam einander kennen und Tom sich ­– zum Beispiel am Telefon – bei ihr meldet, kann er sagen:

Hallo, Miriam, ich bin’s, Tom.

Er sagt dann, dass er es ist, der anruft, und nennt dazu seinen Namen, damit sie ihn gleich erkennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Diese Frage einer Deutschlerndenden zeigt wieder einmal, dass etwas Unbedeutendes wie das Wörtchen es sogar in der verkürzten Form ’s einer Aussage eine ganz andere Bedeutung geben kann. Sie zeigt auch, wie glücklich man sich eigentlich schätzen darf, dass man sich als geübter Sprecher einer Sprache nicht immer bewusst mit solchen subtilen „Kleinigkeiten“ abgeben muss. Das wäre anstrengend!

Die Absicht haben, etwas tun zu wollen

Ein bekanntes, schon oft beschriebenes, aber trotzdem immer wieder auftauchendes Phänomen: die Absicht, etwas tun zu wollen.

Wieder einmal hörte ich am Radio, dass jemand die Absicht habe, etwas tun zu wollen. Diesmal ging es um einen jungen Mann, der erklärte, er habe die Absicht, mit dem Glücksspiel aufhören zu wollen. Natürlich ist ganz klar, was er meint: Er will seine Spielsucht überwinden. Das formuliert er aber, wenn man ganz genau hinhört, ein bisschen zu vorsichtig. Er hat nicht direkt die Absicht mit dem Wetten aufzuhören, nein, er hat zuerst einmal die Absicht, den Willen zum Aufhören zu haben. Das Aufhören an und für sich ist dann ein weiterer Schritt. Ganz unrecht hat er ja nicht, denn wenn man nicht wirklich will, gelingt es einem bestimmt nicht, sich aus den Klauen des Wettteufels zu befreien. Das muss man zuerst einmal so richtig wollen. Ich hoffe allerdings für den jungen Mann und seine Finanzen, dass es nicht beim Aufhörenwollen bleibt.

Das Verb wollen ist ein Modalverb. Ein Modalverb drückt aus, dass das im Satz Gesagte gewollt, möglich, erwünscht, notwendig usw. ist. Mit wollen drückt man unter anderem einen Wunsch oder eine Absicht aus. Zum Beispiel:

Viele Pensionierte wollen nach Spanien umziehen.
= Viele Pensionierte haben den Wunsch/die Absicht, nach Spanien umzuziehen.

Wenn man also sagt, dass man die Absicht hat, etwas tun zu wollen, ist das „doppelt gemoppelt“ – außer wenn man wirklich sagen will, dass man die Absicht hat, eine gewisse Absicht zu haben.

Viele Pensionierte haben die Absicht, nach Spanien umziehen zu wollen.

Wörtlich genommen geht es hier um ganz, ganz vorsichtige Pensionierte, die sich vornehmen, ein romantisches Verlangen nach Spanien zu entwickeln, denen aber die spanische Sonne von vornherein zu heiß und Paella und Sangria sowieso zu fremdländisch sind, um wirklich auswandern zu wollen.

Ganz ähnlich geht es oft auch bei den andern Modalverben zu und her. Das ist der Fall, wenn:

Jugendliche die Erlaubnis haben, am Samstagabend später nach Hause kommen zu dürfen;
Kunden die Verpflichtung haben, die Rechnung innert dreißig Tagen zahlen zu müssen;
der Mensch den Auftrag hat, seinen Nächsten wie sich selbst lieben zu sollen;
Dr. Bopp die Fähigkeit hat, mit den Ohren wackeln zu können;
in Riesenlettern die einmalige Möglichkeit angepriesen wird, 100 000 Euro gewinnen zu können.

In all diesen Fällen werden Erlaubnis, Verpflichtung, Auftrag, Fähigkeit oder Möglichkeit zweimal ausgedrückt: einmal durch das Substantiv und einmal durch das Modalverb. Das ist im Normalfall einmal zu viel. Man sagt also besser dass:

Jugendliche die Erlaubnis haben, am Samstagabend später nach Hause zu kommen;
Kunden die Verpflichtung haben, die Rechnung innert dreißig Tagen zu zahlen;
der Mensch den Auftrag hat, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben;
Dr. Bopp die Fähigkeit hat, mit den Ohren zu wackeln.

… oder oft noch ein bisschen besser, dass:

Jugendliche am Samstagabend später nach Hause kommen dürfen;
Kunden die Rechnung innert dreißig Tagen zahlen müssen;
der Mensch seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll;
Dr. Bopp mit den Ohren wackeln kann.

Nur der noch nicht genannte Beispielsatz ist – wahrscheinlich ungewollt – auch „doppelt gemoppelt“ korrekt: Die Wahrscheinlichkeit, dass man die 100 000 Euro gewinnt ist in der Regel so gering und mit so vielen Bedingungen verknüpft, dass man zu Recht sagen könnte, dass man nur möglicherweise eine Gewinnmöglichkeit hat.

Das Sprichwort, die Sprichwörter – oder Sprichworte?

Frage

Ich lese gerade bei Ihnen, dass die Mehrzahl von „Sprichwort“ „Sprichwörter“ sein soll. Ist die Mehrzahl aber nicht „Sprichworte“?

Ein Wort –> mehrere Wörter –> was dann z. B. ein Sprichwort ergibt –> mehrere Sprichworte.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

die Mehrzahl von Sprichwort lautet Sprichwörter. So steht es nicht nur in CanooNet, sondern auch in allen anderen mir zur Verfügung stehenden Wörterbüchern. Man hört und liest entsprechend auch Sprichwörtersammlung und Sprichwörterbuch.

Wenn man die übliche Bedeutungsunterscheidung zwischen Wort–Wörter und Wort–Worte nimmt, würde man tatsächlich eher Sprichworte erwarten. Man zählt einzelne Wörter und muss lernen, wie man schwierige Wörter richtig schreibt. Man spricht weise Worte und muss die richtigen Worte finden, um etwas Schwieriges auszudrücken. Ein Sprichwort besteht aus mehreren Wörtern, die zusammen ein mehr oder weniger weises Wort ergeben. Ergo: Der Plural müsste Sprichworte lauten.

Wie es aber in der Sprache so üblich ist, gibt es keine absolute Regeln – auch hier nicht: Der allgemein übliche und akzeptierte Plural von Sprichwort ist nicht Sprichworte, sondern Sprichwörter. Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, warum das so ist!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es wird wieder geflogen

Der Vulkan (dessen Namen ein Durchschnittsmensch nicht isländischer Herkunft sich einfach nicht merken kann) speit Asche. Die Aschewolke zieht über Europa und legt Flughäfen lahm. Das sind schöne Beispiele, wie man Dinge und Naturphänomene sprachlich „verpersönlichen“ kann. Man sieht schon fast vor sich, wie der Vulkan mit aufgeblähten Wangen Asche auspustet und wie die träge Aschewolke sich dann aufmacht, sich über Europa und dessen Flughäfen zu legen, um uns allen das Fliegen zu verunmöglichen.

Das Umgekehrte hörte ich heute Morgen am Radio: „Es wird wieder geflogen.“ Eine menschliche Aktivität, das Fliegen mit Flugzeugen, wird beschrieben und trotzdem werden keine Ausführenden wie Piloten, Flugpersonal, Bodenpersonal oder auch nur die Passagiere genannt. Auch keine verpersönlichten Flugzeuge, die ja auch fliegen, kommen in dieser Aussage vor. Nicht einmal das Wörtchen „man“ verwendet die Radiostimme. Es ist zwar auch unpersönlich, verlangt aber immerhin noch eine aktive Verbform: „Man fliegt wieder.“ Nein, man hört nur ein völlig unpersönliches „es“, durch das – sozusagen – wieder geflogen wird. Das ist die maximale Stufe sprachlicher Entpersönlichung.

Man könnte jetzt stilistische, rhetorische und psycholinguistische Betrachtungen über solche unpersönlichen Formulierungen anstellen, aber mir fiel einfach nur auf, wie unterschiedlich „persönlich“ man im Deutschen formulieren kann. Den gestrandeten Flugpassagieren wird es ohnehin egal sein, warum man es wie sagt; Hauptsache, es wird wieder geflogen.

Bei gutem, schönem, heiterem Wetter: dreimal em

Eine Frage, die immer wieder auftaucht, betrifft die Beugung aufeinanderfolgender Adjektive. Weil der Beispielsatz in der folgenden Frage so gut zum heutigen Wetterbild passt, tische ich Ihnen gleich zum Wochenanfang etwas schwerere Kost auf.

Frage

Selbst Deutschlehrer können mir meine Frage nicht eindeutig beantworten: Heißt es „bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter“ oder „bei gutem, sonnigen, heiteren Wetter“? Ich meine, in der Schule einmal die zweite Variante gelernt zu haben, aber sicher bin ich mir inzwischen nicht mehr.

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

es ist nicht so erstaunlich, dass Ihnen niemand eine eindeutige Antwort geben kann. Ich kann es auch nicht. Die Situation ist nämlich nicht so einfach. Im Prinzip gilt, dass aufeinanderfolgende Adjektive gleich gebeugt werden:

gutes, sonniges, heiteres Wetter
wegen guten, sonnigen, heiteren Wetters
gute, sonnige, heitere Witterung
bei guter, sonniger, heiterer Witterung

Dies ist auch im Dativ Singular mit der Endung em korrekt:

bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter

Bei der Endung em kommt aber auch die folgende Formulierung vor:

bei gutem, sonnigen, heiteren Wetter

In der heutigen Standardsprache wird die Formulierung mit der sogenannten parallelen Beugung (überall em) bevorzugt. Die zweite Formulierung (nur einmal em, dann en) wird nicht von allen als richtig anerkannt. Am besten verwenden Sie hier deshalb die parallele Beugung:

bei gutem, sonnigem, heiterem Wetter
in fröhlichem, ungezwungenem Rahmen
mit schönem, großem und ruhigem Balkon

Nur damit niemand meint, die parallele Beugung hänge irgendwie mit positiven Beschreibungen zusammen, folgt hier noch ein letztes Beispiel:

von graugrünem, schleimigem, stinkendem Moos überzogen

So weit, so gut. Anders sieht es aus, wenn das zweite Adjektiv als Substantiv verwendet wird. Dann überwiegen in der Standardsprache die Formen mit em/en. Die parallele Beugung em/em gilt hier als veraltet:

Betrieb verbietet ehemaligem Angestellten den Zugang
veraltet: Betrieb verbietet ehemaligem Angestelltem den Zugang
Gespräch mit Europas jüngstem Abgeordneten
veraltet: Gespräch mit Europas jüngstem Abgeordnetem

Das Gleiche gilt für die Dativendung er bei weiblichen substantivierten Adjektiven:

Betrieb verbietet ehemaliger Angestellten den Zugang
veraltet: Betrieb verbietet ehemaliger Angestellter den Zugang
Gespräch mit Europas jüngster Abgeordneten
veraltet: Gespräch mit Europas jüngster Abgeordneter

Wie Sie sehen, ist die Situation wieder einmal alles andere als einfach und eindeutig! Mehr dazu finden Sie in der CanooNet-Grammatik hier und hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Aus stark wird schwach – und umgekehrt.

Frage

Ich bin über ein Verb gestolpert, das mich ein bisschen irritiert. Normalerweise endet das Partizip Perfekt bei regelmäßigen Verben auf -t (gesagt, gefühlt, gebildet). Bei unregelmäßigen Verben ist die Endung -en (gelesen, gerufen, gesessen). Das dachte ich zumindest. Dann stieß ich auf mahlen: mahlen, mahlte, gemahlen. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

ein paar wenige Verben haben tatsächlich neben sonst regelmäßigen Formen ein unregelmäßiges Partizip Perfekt. Meist lassen sich Vermischungen von unregelmäßigen (starken) und regelmäßigen (schwachen) Formen damit erklären, dass viele Verben sich im Laufe der Zeit von unregelmäßigen zu regelmäßigen Verben entwickelt haben. Bei einigen Verben ist diese Entwicklung (noch) nicht abgeschlossen. Das führt dazu, dass es Verben gibt, die sowohl starke als auch schwache Formen haben. Zum Beispiel:

gären, gor/gärte, gegoren/gegärt
saugen, sog/saugte, gesogen/gesaugt
melken, molk/melkte, gemolken/(gemelkt)
backen, backte/buk, gebacken

Bei den folgenden Verben ist nur das Perfektpartizip unregelmäßig:

mahlen, mahlte, gemahlen
salzen, salzte, gesalzen/gesalzt
spalten, spaltete, gespalten/gespaltet

Interessant ist, dass es auch Verben gibt, die in die umgekehrte Richtung gehen: regelmäßige Verben, die unregelmäßige Formen annehmen. Ein bekanntes Beispiel ist das Verb winken, das nicht nur mit dem schwachen Partizip gewinkt, sonder auch schon häufig mit dem starken Partizip gewunken verwendet wird; dies in Analogie mit den starken Formen getrunken, gestunken und gesunken. Es ist übrigens nicht das erste regelmäßige Verb, das unregelmäßige Formen annimmt. Ihm vorgegangen sind zum Beispiel die Partizipien gepriesen und verdorben, die die ursprünglich regelmäßigen Formen gepreist und verderbt verdrängt haben.

Wie man sieht, ist nichts in der Sprache absolut fest und unveränderlich; nicht einmal die starken Verben. Doch wenn Sie der Kritik eifriger Sprachhüter entgehen wollen, verwenden Sie in der Standardsprache vorläufig trotzdem besser nur gewinkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Jeans und Shorts: der Numerus fremdsprachlicher Hosen.

Frage

Ich lese gerade in einem Buch erst von „den Hotpants“ und dann von „einer Shorts“. Sind bei englischen Begriffen für eine Hose wie bei „Jeans“ immer Singular und Plural möglich? Und dann meine ich auch schon einmal „eine Short“ gehört zu haben. Könnte man sich das so erklären, dass man hier ein Plural-s sieht, das dann umgangssprachlich im Singular weggelassen wird.

Antwort

Sehr geehrte Frau L.,

bei den Hosen gibt es im Deutschen in Hinblick auf Einzahl und Mehrzahl eine erstaunliche Variantenvielfalt:

Er trug eine schwarze Hose.
Er trug schwarze Hosen.
Er trug ein Paar schwarze Hosen.

All diese Formulierungen können sich standardsprachlich korrekt auf ein einzelnes schwarzes Kleidungsstück beziehen. Das erklärt vielleicht, warum es bei Beinkleidern bezeichnenden Fremdwörtern zu Unsicherheiten kommen kann. Mehr oder weniger allgemein akzeptiert ist, dass Jeans wie Hose sowohl im Singular als auch im Plural ein einzelnes Kleidungsstück bezeichnet:

Sie trug eine schwarze Jeans.
Sie trug schwarze Jeans.
Sie trug ein Paar schwarze Jeans.

Der Singular eine Jeans kann vielleicht als Verkürzung von eine Jeanshose erklärt werden.

Bei Shorts und Hotpants gilt dies nach meinem Sprachgefühl und den mir zur Verfügung stehenden Wörterbüchern nicht. Hier scheint standardsprachlich nur der Plural üblich zu sein. Kleidungsstücke kommen aber wie zum Beispiel Lebensmittel und Toilettenartikel vor allem in der gesprochenen Alltagssprache vor, in der die Formenvielfalt oft größer ist als in der besser dokumentierten geschriebenen Sprache. Es ist also möglich, dass die Variante eine Shorts im Alltag ebenso häufig verwendet wird wie eine Jeans. Die Form eine Short hingegen scheint mir – wie Ihnen – eine umgangssprachliche Form zu sein, die überkorrekt aus dem Plural „zurückvereinzahlt“ wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp