Suppe als oder zur Vorspeise?

Auch bei der Verwendung der Präpositionen und Konjunktionen gibt es häufig keine hieb- und stichfesten Regeln, die immer und überall gelten. Das zeigt auch die Antwort auf die folgende Frage:

Frage

Wie sollte man bei einer Bestellung im Restaurant lieber sagen:

Zur Vorspeise nehme ich …
Als Vorspeise nehme ich …

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die beste Wahl ist hier als:

Als Vorspeise nehme ich die Tagessuppe.

Das liegt daran, dass die Suppe die Vorspeise ist. Eine Vorspeise ist ein Gericht, nicht der Zeitpunkt, zu dem ein Gericht serviert wird. Das gilt auch für Hauptspeise und Nachspeise:

Mit Brot und einem Salat kann man die Muscheln auch als Hauptspeise servieren.
Als Nachspeise wurden frische Erdbeeren mit Schlagsahne gereicht.

Die Präposition zu passt dann gut, wenn angegeben wird, was diese Speisen begleitet:

Brot mit Butter zur Vorspeise reichen
einen italienischen Rotwein zur Hauptspeise einschenken
zur Nachspeise einen starken Kaffee mit Zucker nehmen

Ein bisschen anders sieht es bei Nachtisch und Dessert aus. Diese beiden Wörter werden häufig nicht als Bezeichnungen für ein Gericht, sondern auch als Namen für die „Etappe“ einer Mahlzeit angesehen. Deshalb steht hier neben als auch zum:

Es wurde Himbeereis als/zum Nachtisch serviert.
Als/Zum Dessert gibt es selbstgebackene Brownies.

Hüten Sie sich aber davor, diese Angaben als feste Regeln zu sehen, an die sich alle halten oder halten müssen! Vielleicht unter dem Einfluss von Nachtisch und Dessert hört und liest man auch immer wieder, dass ein Carpaccio zur Vorspeise oder ein frischer Fruchtsalat zur Nachspeise serviert wird. Das ist nicht unbedingt falsch, aber aus den oben genannten Gründen stilistisch weniger gelungen. Zur Streitfrage sollte es sowieso nicht werden, denn die Hauptsache ist ja, dass es schmeckt!

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „zum Bahnhof“ in „den Weg zum Bahnhof erklären“ eine Ortsbestimmung?

Frage

Ich habe eine Frage zu den Satzgliedern:

Ich erklärte ihm den Weg zum Bahnhof.

Handelt es sich bei „zum Bahnhof“ um eine Lokalbestimmung?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

in diesem Satz ist die ganze Nomengruppe den Weg zum Bahnhof das Akkusativobjekt:

– Wen oder was erklärte ich ihm?
– den Weg zum Bahnhof

Die Nomengruppe besteht aus dem Kern Weg und einer näheren Bestimmung, einem Attribut. Dieses Attribut hat die Form einer Präpositionalgruppe: zum Bahnhof. Es sieht also genau gleich aus wie eine Ortsbestimmung (lokale Adverbialbestimmung):

– Wohin gehe ich mit ihm?
– Ich gehe mit ihm zum Bahnhof
→ zum Bahnhof = Ortsbestimmung

Hier ist es aber keine Ortsbestimmung, sondern – wie gesagt – ein Attribut:

– Welchen Weg erkläre ich ihm?
– Ich erkläre ihm den Weg zum Bahnhof
→ zum Bahnhof = Attribut zu „Weg“

Man sieht den Unterschied auch, wenn man die Wortstellung ändert. Eine Ortsbestimmung ist ein selbstständiges Satzglied und kann als solches allein an erster Stelle vor dem Verb stehen:

Zur Wohnung seiner Eltern gehe ich mit ihm.

Ein Attribut hingegen bleibt beim Wort, das es näher bestimmt, das heißt, üblicherweise wird die ganze Nomengruppe an die erste Stelle vor das Verb verschoben:

Den Weg zur Wohnung seiner Eltern erkläre ich ihm.

Dann hören die Unterschiede aber schon bald auf. Die Adverbialbestimmung zum Bahnhof und das Attribut zum Bahnhof sind zwar satzbautechnisch verschieden, ihre Form ist aber identisch und ihre Bedeutung ist mehr oder weniger gleich, nämlich die Angabe eines Ziels.

Präpositionalgruppen erfüllen häufiger die Rolle eines Attributs, das die Bedeutung einer Adverbialbestimmung hat. Zum Beispiel:

Lokal:

Das Hotel am Bahnhof wird renoviert.
Die Buslinien ins Zentrum sind unterbrochen.

Temporal:

Wie verbringen wir die Zeit bis zum Mittagessen?
Die Sitzung am Donnerstag war die letzte vor den Ferien.

Modal:

Sie aßen einen Apfelkuchen mit Schlagsahne als Nachtisch.
Die Annahme der Vorlage ohne Gegenstimmen war überraschend.

Kausal/Final

Die Aufregung wegen ihrer Bemerkung ist übertrieben.
Sie hatten ihr Spargeld für schlechte Zeiten bereits aufgebraucht.

Mehr über Präpsitionalgruppen als Attribut zu einem Nomen finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Eine ähnliche Frage gab es schon vor vielen Jahren einmal im Blog: Eintritt ins/im Museum. Es kann eben leicht verwirrend sein, wenn eine Wortgruppe im Satz eine andere Funktion hat, als man nach ihrer Form erwarten würde. Die Präpositionalgruppe zum Bahnhof sieht aus wie eine eigenständige lokale Adverbialbestimmung, in unserem Beispiel ist sie aber „nur“ ein unselbstständiges Attribut. Auf den ersten Blick scheinen hier die Form und Bedeutung einerseits und die Funktion im Satz andererseits nicht übereinzustimmen. Deshalb kann der Weg zum Verständnis der Satzstruktur hier etwas länger sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das bekommene Geschenk und erhaltenes Geld?

Frage

Ist es richtig, über ein „bekommenes“ oder „erhaltenes“ Geschenk zu sprechen, also im Sinne von „Ich bedanke mich für das bekommene Geschenk“? ChatGPT behauptet, ja. Allerdings kommt mir diese Formulierung komisch und falsch vor, ohne dass ich mir erklären kann, wieso. […]

Die Alternative wäre, jedes Mal einen Relativsatz zu verwenden, also: „Das Geschenk, welches ich bekommen habe…“ Das führt dann aber je nach Satzbau zu einer sehr umständlichen Formulierung.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

die Partizipien bekommen und erhalten können gebeugt vor einem Substantiv stehen. Formulierungen dieser Art kommen eher selten vor und ich halte sie in  Fällen wie diesen für stilistisch unschön:

das bekommene Geschenk
eine bekommene Mail
das erhaltene Geld

Bei Geschenk, also Ihrem Beispiel, ist es oft unnötig, auszudrücken, dass es bekommen oder erhalten worden ist. Es reicht dann:

Ich bedanke mich für das Geschenk.

Wenn angegeben werden soll, von wem oder wofür das Geschenk ist oder war, drängt sich erhalten oder bekommen schon eher auf. Aber auch dann sind andere Formulierungen besser, die manchmal, aber nicht immer umständlicher sind:

das von dir bekommene Geschenk
→ dein Geschenk / das Geschenk von dir

Ähnlich auch:

eine von den Steuerbehörden erhaltene Mail
→ eine Mail der Steuerbehörden

das von meinem Opa bekommene Geld
→ das Geld, das mir mein Opa gegeben hat

Wenn aber bekommen und erhalten anderweitig erweitert oder verneint sind, klingen die gebeugten Varianten häufig gar nicht so unüblich:

zu Unrecht erhaltenes Geld zurückzahlen
eine Rechnung für nicht erhaltene Waren anfechten
ein nie wirklich in den Griff bekommenes Problem

Gebeugtem erhalten begegnet man auch im Amtsdeutschen und ähnlichem Jargon:

auf Grund erhaltener Information
gemäß erhaltener Weisung

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass eine Formulierung wie das bekommene Geschenk ungewöhnlich und unschön klingt. Man kann daraus aber nicht schließen, dass die Partizipien bekommen und erhalten grundsätzlich nie vor einem Substantiv stehen können. Häufig gibt es bessere Formulierungen, doch manchmal ist es ganz einfach üblich, bekommen und erhalten so zu verwenden. Es ist eine Frage des Stils, nicht der Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der ausgelagerte Relativsatz

Frage

In einem italienischen Sprachengymnasium bin ich folgender Regel begegnet: „Bei Relativsätzen darf das Prädikat nicht geschieden werden.“

Richtig: Ein Passant hat dem Kind geholfen, das von einem großen Hund angegriffen wurde.

Falsch: Ein Passant hat dem Kind, das von einem großen Hund angegriffen wurde, geholfen

Aber gibt es in der deutschen Grammatik eine solche Regel?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

die „Regel“, die Sie zitieren, gibt es so nicht. Statt „darf nicht geschieden werden“ müsste stehen, „sollte nicht geschieden werden“ oder „wird heute üblicherweise nicht geschieden“. Für Ihr Beispiel bedeutet dies:

  • Üblich:

Ein Passant hat dem Kind geholfen, das von einem großen Hund angegriffen wurde.

  • Weniger üblich / besser nicht:

Ein Passant hat dem Kind, das von einem großen Hund angegriffen wurde, geholfen.

Der zweite Satz ist also nicht falsch oder ungrammatisch. Er ist im heutigen Sprachgebrauch nur weniger üblich und weniger leicht verständlich. Stilistisch ist der erste Satz besser. Hier noch zwei Beispiele:

  • Üblich / besser:

Ich habe mir endlich das Smartphone gekauft, das ich schon lange wollte.
Ich will darauf neue Applikationen installieren, die ich noch nicht hatte.

Weniger üblich / besser nicht (aber nicht falsch):

Ich habe mir endlich das Smartphone, das ich schon lange wollte, gekauft.
Ich will darauf neue Applikationen, die ich noch nicht hatte, installieren.

Die „Regel“ ist auch aus einem weiteren Grund viel zu generalisierend. Bei nichtrestriktiven (appositiven, explikativen) Relativsätzen ist die Stellung zwischen den Prädikatsteilen sogar üblicher als die Auslagerung an den Schluss:

  • Üblich:

Er hat Max, den er [übrigens] schon lange kennt, bei der Arbeit geholfen.
Sie hat in Boppard, das am Rhein liegt, gewohnt.

Auch möglich, aber nicht bzw. weniger üblich:

Er hat Max bei der Arbeit geholfen, den er [übrigens] schon lange kennt. [?]
Sie hat in Boppard gewohnt, das am Rhein liegt.

Ob der Relativsatz an den Schluss gestellt wird oder nicht, hat oft auch mit seiner Länge zu tun: Je länger er ist, desto stärker die Tendenz, ihn nach hinten auszulagern. Siehe hierzu auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Für den Sprachunterricht ist dies alles wahrscheinlich etwas zu kompliziert. Sie könnten deshalb erwägen, die „Regel“ abzuschwächen (statt sie ganz zu streichen):

Bei Relativsätzen sollte das Prädikat nicht geschieden werden.
Bei Relativsätzen wird das Prädikat besser nicht geschieden.

Das ergibt in den meisten Fällen stilistisch bessere Sätze. Wo dies nicht der Fall ist (z.B. bei kürzeren nichtrestriktiven Relativsätzen), kann diese Faustregel zu unüblichen Formulierungen führen. Dafür werden Lernende aber nicht verunsichert, wenn sie in deutschen Texten Relativsätzen begegnen, die nicht nach hinten ausgelagert sind. Sie kommen auch vor und sind nicht falsch.

Die deutsche Wortstellung hat es auch hier in sich: Es gibt keine oder kaum feste Regeln, nur mehr oder weniger starke Tendenzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Billig und günstig

Frage

Seit einiger Zeit wird das Wort „billig“ durch „günstig“ ersetzt, was mich jedesmal schaudern macht. Da ist dann von „günstigen Ostern“ oder „günstig serviert“ (Supermarkt-Prospekt) die Rede. […] Woher kommt diese Wortwandlung und bin ich der einzige der sich daran stört?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

manchmal wird die Verwendung von günstig im Sinne von billig als umgangssprachlich bezeichnet. In zum Beispiel Duden werden aber keine stilistischen Angaben gemacht:

a) durch seine Art oder [zufällige] Beschaffenheit geeignet, jemandem einen Vorteil oder Gewinn zu verschaffen, die Vorzüge einer Person oder Sache zur Geltung zu bringen, ein Vorhaben oder das Gedeihen einer Sache zu fördern: […]

b) billig, preiswert:  […]

[Duden, Deutsches Universalwörterbuch, Eintrag „günstig“]

Es ist also üblich, das Wort günstig auch in Bezug auf Preise und Kosten zu verwenden. Dazu, wo genau die Bedeutung billig von günstig herkommt, finde ich leider keine Angaben. Es ist aber gut verständlich, denn ein niedriger Preis ist für Käufer und Käuferinnen oder zumindest deren Geldbeutel vorteilhaft, also günstig. In dieselbe Richtung weisen auch Wortbildungen wie preisgünstig und kostengünstig. In diesem Sinne könnte günstig auch einfach als Verkürzung dieser Begriffe angesehen werden.

Weiter umgeht günstig wie zum Beispiel auch preiswert oder preisgünstig die negative Beibedeutung, die billig haben kann. Etwas, was billig ist, kann qualitativ schlecht sein. Bei günstig schwingt diese Bedeutung nicht mit. Deshalb klingt in einen Reklamepropekt günstige Ostern besser als billige Ostern. Ersteres kostet vergleichsweise wenig, Letzteres kann auch einen eher dürftigen, ärmlichen Eindruck machen. Als Gebrauchtwagen kann eine Ferrari vielleicht günstig sein, wirklich billig wird er aber nie. Bei billigen Luxusuhren würde ich zu noch größerer Vorsicht raten als bei günstigen Angeboten. Und ich habe – vielleicht ganz zu Unrecht – mehr Vertrauen in die Qualität günstiger Schuhe als in die Qualität billiger Schuhe.

Ob Sie sich als Einziger an der Verwendung von günstig im Sinne von preislich vorteilhaft stören, weiß ich natürlich nicht, aber ich kannte diese Kritik bis jetzt nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mitarbeitendenbefragung oder Mitarbeitendebefragung?

Frage

Bei uns in der Firma gab es bislang immer eine Mitarbeiterbefragung. In diesem Jahr ist es nun eine Mitarbeitendenbefragung. Müsste es nicht eine Mitarbeitendebefragung sein?

Antwort

Guten Tag Frau K.,

richtig ist die Zusammensetzung mit dem Fugenelement (e)n:

Mitarbeitendenbefragung

Zusammensetzungen mit einem substantivierten Adjektiv oder Partizip an erster Stelle werden immer mit (e)n gebildet. In der Regel ist das erste Element dabei einen Personenbezeichnung:

Krankenhaus
Bestenliste
Einheimischenmodell

Angestelltenversicherung
Behindertensport
Vermisstenanzeige

Studierendenberatung
Teilnehmendenliste
Mitarbeitendenbefragung

Wichtig ist hier nicht, ob das erste Element der Zusammensetzung in der Einzahl oder Mehrzahl gemeint ist oder in welche Satzkonstruktion man die Zusammensetzung umwandeln könnte (zum Beispiel: Befragung der Mitarbeitenden, Mitarbeitende befragen). Wichtig ist hier nur, dass das erste Wort in der Zusammensetzung ein substantiviertes Adjektiv oder Partizip ist. Dann verwendet man das Fugenelement (e)n. Das ist eine der wenigen festen Regeln bei Verwendung der Fugenelemente in Zusammensetzungen. Siehe auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Verbindungen mit einem substantivierten Präsenspartizip an erster Stelle kommen übrigens im Rahmen des genderneutralen Formulierung immer häufiger vor. Ich finde sie nicht gerade schön, oft kann man anders fomulieren (zum Beispiel: Studienberatung, Teilnahmeliste, Personalbefragung), aber manchmal sie sind einfach praktisch und präzis.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn (es) jemanden nach etwas verlangt

Frage

Ich habe nirgends im Internet die reflexive Form des Verbs „verlangen“ gefunden. Beispiel: „Es verlangt mich nach Liebe“. […]

Ich las jetzt den Satz: „Sie nahmen sich, wonach ihnen verlangte.“ Richtig müsste es doch heißen: „… wonach es sie verlangte.“ Aber warum? Mit welcher Begründung?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

im Satz Es verlangt mich nach Liebe steht nicht eine reflexive Verwendung von verlangen (nicht *sich verlangen), sondern eine unpersönliche Verwendung des Verbs mit einem Akkusativ:

jemanden verlangt (es) nach jemandem/etwas

Die Bedeutung dieser Wendung ist: jemand sehnt sich nach jemandem/etwas, jemand hat ein Bedürfnis nach etwas.

Beispiele:

Es verlangt mich nach Liebe.
Mich verlangt (es) nach Liebe.

Es verlangt mich nach dir.
Mich verlangt (es) nach dir.

Es verlangte ihn nach Ruhe.
Ihn verlangte (es) nach Ruhe.

Es verlangt sie nicht danach, dieses Risiko einzugehen.
Sie verlangt es nicht danach, dieses Risiko einzugehen.

Siehe auch die Angaben im DWDS (Bedeutung 5).

Wie die Beispiele zeigen, gehört diese Verwendung von verlangen eher zum gehobenen Sprachgebrauch. Ich verwende diese Konstruktion jedenfalls in meinem „normalen“ Leben nie.

Der Satz, den Sie zitieren, müsste also tatsächlich mit dem Akkusativ und nicht mit dem Dativ stehen:

Sie nahmen sich, wonach es sie verlangte.

Dieser Satz steht übrigens besser mit es, weil ohne es undeutlich wird, ob es sich bei sie um einen Akkusativ Plural oder um einen Nominativ Singular handelt (das könnte sich nur aus dem weiteren Kontext ergeben).

Wenn man sich weniger gehoben ausdrücken möchte, gibt es andere Möglichkeiten wie zum Beispiel

Ich sehne mich nach dir.
Er verlangte nach Ruhe.
Sie nahmen sich, wonach sie sich sehnten.1

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Bei dieser Umformung kommt die Vermutung auf, dass mit „Sie nahmen sich, wonach ihnen verlangte“ etwas anderes gemeint war: „Sie nahmen sich (alles), was sie wollten/begehrten.“ Wenn dies tatsächlich zutrifft, ist nicht nur ihnen, sondern die ganze Wendung jemanden sehnt es nach etwas nicht richtig gewählt.

An etwas leiden und unter etwas leiden

Frage

Zurzeit beschäftige ich mit dem Verb „leiden“. Unter dem Duden-Eintrag „leiden“ finden wir folgende Beispiele:

• an Rheuma, an Bronchitis leiden
• sie leidet an einem hartnäckigen Ekzem, unter ständigen Kopfschmerzen
• sie leidet sehr unter seiner Unzuverlässigkeit, unter ihrer Einsamkeit, unter ihrem Chef
•  er litt an, unter dem Gefühl der Unsicherheit

Wie man den Beispielen entnehmen kann, steht das Verb „leiden“ mal in Verbindung mit der Präposition „an“, mal mit der Präposition „unter“. Wann verwende ich welche Präposition? […]

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es gibt keine strenge Abgrenzung zwischen leiden an und leiden unter. Den Bedeutungsunterschied könnte man wie folgt zu beschreiben versuchen:

an X leiden = man hat das Leiden X
unter X leiden = X verursacht, dass man leidet

Wenn man ein Leiden hat (leiden an), kann dieses Leiden Beschwerden verursachen (leiden unter). Der Übergang ist häufig fließend, denn wenn man ein Leiden hat, leidet man häufig auch darunter. Zum Beispiel:

Ich leide an Kopfschmerzen
= Ich habe häufig/regelmäßig Kopfschmerzen
Ich leide unter Kopfschmerzen
= Kopfschmerzen verursachen mir Beschwerden

Ich leide an Schlafstörungen
= Schlafstörungen sind meine Krankheit
Ich leide unter Schlafstörungen
= Schlafstörungen bewirken, dass ich leide

Aber nicht immer ist beides möglich. Es gibt Formulierungen, in denen nur die eine oder nur die andere Variante in Frage kommt:

Sie leiden an Selbstüberschätzung.

Wer das „Leiden“ hat, das man Selbstüberschätzung nennt, empfindet deswegen keine Beschwerden (im Gegenteil).

Die Natur leidet unter dem Massentourismus.

Der Massentourismus ist nicht ein Leiden oder eine Krankheit der Natur. Er verursacht aber Leiden/Schaden für die Natur.

Ob man an oder unter etwas leidet, hängt davon ab, ob angegeben wird, welches Leiden jemand/etwas hat (leiden an), oder ob etwas als als Ursache von Leiden genannt wird (leiden unter). In vielen, aber nicht allen Fällen sind beide Sehensweisen möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hier setz ich keinen Apostroph

Frage

Wenn Sie folgenden Satz zur Korrektur vor sich liegen hätten

Ich freu’ mich, dass ich Ihnen Fragen zu sprachlichen Zweifelsfällen stellen darf.

würden Sie auf den Apostroph verzichten oder ihn wie oben setzen? Was ist nach heutigem Standard die korrekte Zeichensetzung, was Verbformen in der 1. Person Singular des Präsens Indikativ betrifft: Apostroph setzen oder nicht setzen? Oder ist beides (noch) gleichermaßen möglich und man überlässt die Apostrophsetzung schließlich den Schreibenden?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

bei allgemein üblichen Weglassungen von Flexionsendungen setzt man keinen Apostroph (siehe hier und hier). Üblich und auch ohne Apostroph problemlos verständlich ist das Weglassen der Endung in der 1. Person Singular Präsens Indikativ und im Imperativ Singular:

Ich freu mich, dass ich …
Ich hab mich sehr gewundert.
Mit meinem Bruder telefonier ich selten.

Red nicht so viel!
Spiel kein falsches Spiel!
Mach, was du willst!

Auch Konjunktiv-II-Formen kommen in alltäglichen bis umgangssprachlichen Texten häufiger ohne die Endung e daher:

Ich wär da vorsichtig.
Ich hätt das nie gedacht.
So müsst es eigentlich funktionieren.

Der Apostroph ist nur bei missverständlichen oder ungebräuchlichen Formen notwendig. Solchen Formen begegnet man fast nur in älteren und poetischen Texten:

Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll.
Edeles Weib, ändr’ alles, was in dem Zorn du sprachst

Ansonsten geht es, wie gesagt, problemlos und gut verständlich ohne Apostroph, wenn ein e am Wortende weggelassen wird. Dies gilt übrigens auch für Wörter aus anderen Wortklassen:

Sei mir nicht bös.
öd und leer
Freud und Leid
auf Treu und Glauben
mit Müh und Not
Heut tu ich nichts mehr.

Mehr hab ich heut nicht dazu zu sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Rezepte (zu) kurz formuliert: „… und verrührst es mit einem Löffel“

Frage

In Rezepten liest man gelegentlich:

Du gibst 100 g Zucker, 200 g saure Sahne und eine Prise Salz in eine Schüssel und verrührst es mit einem Löffel.
Du verrührst die Mandeln mit dem Honig und lässt es 10 Minuten kochen.

Ich störe mich in beiden Fällen an dem „es“. Müsste es im ersten Satz statt „es“ nicht eher heißen „die Zutaten“ und im zweiten Satz „sie“ (die Mandeln) oder „die Masse“?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Sie haben recht. Die Formulierung mit es ist schön kurz und bündig, wie man es in Rezepten gerne sieht, aber sie ist nicht korrekt. Das Wörtchen es kann sehr viele Funktionen haben – so viele, dass es fast erstaunt, dass es nicht immer richtig ist (was natürlich eine grobe Übertreibung ist).

Hier ist es ein stellvertretendes Fürwort. Als stellvertretendes Fürwort kann es vieles sein:

  • Stellvertreter für ein sächliches Substantiv im Singular als Subjekt oder Akkusativobjekt,
  • Stellvertreter für ein Substantiv oder Adjektiv als Prädikativ,
  • Stellvertreter für ein Substantiv als Subjekt in einem Gleichsetzungssatz,
  • Stellvertreter für einen Infinitiv oder einen ganzen Satz.
    (Für mehr Details und Beispiele siehe die LEO-Grammatik)

In den beiden Beispielen ist es Akkusativobjekt (Wen oder was verrührst du / lässt du kochen?). Es kann sich dann also nur auf ein sächliches Substantiv im Singular beziehen. Das ist in diesen Beispielen der Fall:

Du schlägst das Ei in eine Schüssel und verrührst es mit einer Gabel.
Du verrührst das Mus und lässt es 10 Minuten kochen.

Es kann sich nicht wie im ersten Beispielsatz auf mehrere Substantive oder wie im zweiten Satz auf ein Substantiv im Plural beziehen. Es bleibt deshalb nur, anders zu formulieren. Zum Beispiel:

Du gibst 100 g Zucker, 200 g saure Sahne und eine Prise Salz in eine Schüssel und verrührst die Zutaten mit einem Löffel.
Du gibst 100 g Zucker, 200 g saure Sahne und eine Prise Salz in eine Schüssel und verrührst alles mit einem Löffel.

Du verrührst die Mandeln mit dem Honig und lässt sie 10 Minuten kochen.
Du verrührst die Mandeln mit dem Honig und lässt die Masse 10 Minuten kochen.
Du verrührst die Mandeln mit dem Honig und lässt die Mischung 10 Minuten kochen.

In der Kürze liegt die Würze, aber bei Ihren Beispielsätzen mit es ist die Kürze etwas zu würzig geraten. Wenn es wirklich kurz sein soll, ist die in der Rezeptsprache sehr übliche Formulierung mit Infinitiven zu empfehlen:

100 g Zucker, 200 g saure Sahne und eine Prise Salz in eine Schüssel geben und mit einem Löffel verrühren.
Mandeln mit dem Honig verrühren und 10 Minuten kochen lassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp