Warum bleibt »sich« immer klein?

Manchmal (häufiger als mir lieb ist) weiß auch „Dr. Bopp“ keine Antwort. So auch bei dieser Frage. Für sachdienliche Hinweise bin ich natürlich sehr dankbar. 

Frage

Ich bin über eine mir sich nicht erschließende Inkonsequenz gestolpert, die schon in der Rechtschreibung vor 1996 bestand und auch jetzt bei der fakultativen Großschreibung von Anreden in Briefen weiter besteht:

Warum wird bei der brieflichen Anrede ein reflexives „Dich“ oder „Euch“ großgeschrieben, bei der Höflichkeitsanrede ein „sich“ dagegen klein?

Hast Du Dich erholt?
Habt Ihr Euch erholt?
aber:
Haben Sie sich erholt?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum man sich auch in der Höflichkeitsform kleinschreibt. Dass die Reflexivpronomen Dich und Euch großgeschrieben werden (genauer gesagt: großgeschrieben werden können; siehe hier), hat wahrscheinlich damit zu tun, dass diese Reflexivpronomen mit den Personalpronomen identisch sind und es deshalb manchmal relativ kompliziert wäre, sie auseinanderzuhalten. Hier zwei Beispiele, in denen sowohl das Personal- als auch das Reflexivpronomen vorkommen:

Helfe ich Dir oder hilfst Du Dir selbst?
Wenn Ihr Euch selbst oder jemand anders Euch verletzt …

In der Höflichkeitsform ist dies nicht der Fall, das heißt, das Personalpronomen (Sie, Ihnen) und das Reflexivpronomen (sich) sind nicht identisch:

Helfe ich Ihnen oder helfen Sie sich selbst?
Wen Sie sich selbst oder jemand anders Sie verletzt …

Dies „erklärt“ aber nur, warum man die Reflexivpronomen der zweiten Person ggf. großschreibt, nicht jedoch, warum man sich immer kleinschreiben muss.

Mir kommt nur eine Begründung für die Kleinschreibung von sich in den Sinn: Die Großschreibung der Höflichkeitsformen Sie, Ihnen usw. dient dazu, Verwechslungen mit den Pronomen der dritten Person Plural zu vermeiden:

Ich kenne Ihre Einwände, aber ich verstehe sie nicht.
Ich kenne Ihre Einwände, aber ich verstehe Sie nicht.

Haben Ihre Kinder Schulprobleme? Wie können wir ihnen helfen.
Haben Ihre Kinder Schulprobleme? Wie können wir Ihnen helfen.

Bei sich ist diese Verwechslungsgefahr nicht gegeben, weil es sich immer auf das Subjekt beziehen muss und ggf. bereits durch ein großgeschriebenes Sie angegeben wird, dass es sich um eine höfliche Anrede handeln muss.

Können die Leute sich noch daran erinnern?
Können Sie sich noch daran erinnern?

Wirklich überzeugend finde ich diese Argumentation aber nicht, denn wen Sie am Satzanfang steht, ist es mit der Eindeutigkeit bereits wieder vorbei:

Die Leute können sich sicher noch daran erinnern.
Sie können sich sicher noch daran erinnern.

Ich kann Ihnen hier also nur eine recht unbefriedigende Antwort geben. Meine Informationen zu heutigen und früheren Rechtschreibentscheidungen reichen leider nicht so weit. Eindeutig weiß ich nur, dass man sich nach den Rechtschreibregeln auch dann kleinschreibt, wenn es sich um eine Höflichkeitsform handelt.*

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Außer natürlich am Satzanfang, wo auch sich zu Sich wird.

Heiße Temperaturen?

Frage

Man liest und hört in den Medien dauernd von „heißen Temperaturen“. Ist das korrekt?

Antwort

Sehr geehrter Herr O.,

stilistisch gesehen sind heiße und kalte Temperaturen ungefähr gleich gut wie teure und billige Preise. Standardsprachlich spricht man üblicherweise von hohen und tiefen oder niedrigen Temperaturen (und von hohen und tiefen oder niedrigen Preisen).

Bei uns hier kann übrigens von heißen oder besser hohen Temperaturen nicht die Rede sein. Der Sommer hat in letzter Zeit leider zwei bis drei Gänge zurückgeschaltet. Es war schon sehr heiß, aber ein Gang weniger hätte gereicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Urlaub und Ferien

Machen Sie Urlaub oder machen Sie Ferien? Bei dieser Frage geht es nicht darum, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden. Die Wortwahl zeigt höchstens ein bisschen, woher Sie kommen: Während Deutsche und Österreicher die Neigung haben, als Urlauber und Urlauberinnen an einen Urlaubsort zu fahren, um dort den Urlaub zu verbringen, fahren Schweizer als Feriengäste oder Touristen und Touristinnen an einen Ferienort, um dort die Ferien zu verbringen. Dabei nimmt man es diesbezüglich in der Schweiz sehr genau: Außer im Militär und bei Regelungen wie dem Mutterschaftsurlaub heißt es immer Ferien. Wenn Sie in der Schweiz jemandem, der in die Ferien fährt, einen schönen Urlaub wünschen, geben Sie sich sofort und unwiderruflich als nichthelvetischer Mitmensch zu erkennen. Das ist nicht weiter schlimm und alle verstehen sofort, was gemeint ist, aber wenn Sie den „Schweizertest“ (wenn es ihn gäbe) mit Bravour bestehen möchten, wünschen Sie niemandem – außer vielleicht Kameraden und Kameradinnen in Uniform – einen schönen Urlaub und fragen Sie die Heimgekehrten nicht, wie der Urlaub war.

Das Wort Urlaub ist urdeutsch, das heißt, es gibt es schon ganz lange in unserer Sprache. Es ist „ganz weit hinten“ mit lieb und natürlich mit erlauben verwandt. Schon früh hatte sich die Bedeutung Erlaubnis zu Erlaubnis, sich zu entfernen verengt. Diese wurde früher, wie heute in der Armee noch üblich, durch eine höhergestellte Person erteilt. In modernerer Zeit wurde die Bedeutung dann auch zu arbeitsfreie Zeit erweitert, wie wir sie heute kennen.

Das Wort Ferien haben wir aus dem Lateinischen übernommen. Dort waren die feriae zuerst die für religiöse Handlungen bestimmte Tage, später allgemeiner Festtage und Ruhetage. Im Deutschen bezeichneten Ferien anfangs auch einzelne freie Tage. Mit der Einführung von längeren unterrichtsfreien Perioden bekam es ab dem 18. Jahrhundert zuerst die Bedeutung Schulferien und Semesterferien, wurde dann verallgemeinert und, je nach Region unterschiedlich stark, auch im Sinne von arbeitsfreie Zeit, Urlaub verwendet.

Den gleichen Ursprung wie Ferien hat übrigens das Wort Feier. Es wurde nur schon ein bisschen früher übernommen und ist mit der Einzahl feria (Festtag, Feier) verbunden.

So viel zum Wortpaar Urlaub – Ferien. Ich hoffe, dass viele von Ihnen noch dabei sind, Ferien oder Urlaub zu feiern! Bei mir ist für diesen Sommer leider Schluss damit.

Ferien

Falls Sie sich wundern, weshalb ich schon länger nichts von mir hören lasse: Ich bin gerade in den Ferien. Alles andere bei Canoonet läuft natürlich wie gewohnt weiter, auch wenn viele von Ihnen dasselbe tun oder tun werden wie ich: nichts, was mit Arbeit zu tun haben könnte.

Ich wünsche schöne Ferien – oder genießen Sie bei der Arbeit die (relative?) Ruhe der „Sommerpause“!

Dr. Bopp

Raffinerie, raffiniert und raffineriert?

Frage

Warum ist in der Raffinerie aufbereitetes Öl raffiniert, und nicht raffineriert?

Antwort

Sehr geehrter Herr C.,

aus einer Raffinerie kommt tatsächlich kein raffineriertes, sondern raffiniertes Öl. Das hat mit der Entstehungsgeschichte dieser Wörter zu tun. Unser raffinieren kommt vom französischen Verb raffiner mit der Bedeutung verfeinern. Auch das Wort Raffinerie kommt aus dem Französischen. Es ist dort eine Ableitung von raffiner. Eine Raffinerie heißt also so, weil dort etwas raffiniert wird. Das Wort Raffinerie ist wie Raffinage, Raffinat, Raffinesse und Raffinement von raffinieren (eigentlich von seinem französischen Cousin raffiner) abgeleitet, nicht umgekehrt:

raffinieren → Raffinerie

Es ist also nicht mehr notwendig, für die Tätigkeit, die in einer Raffinerie ausgeführt wird, das Verb raffinerieren abzuleiten. Man leitet ja zum Beispiel von Dekoration auch nicht dekorationieren ab, weil es ja schon dekorieren mit dieser Bedeutung gibt, und auch was in einer Verwaltung oder Regierung geschieht oder geschehen sollte, nennt man nicht verwaltungieren oder regierungieren, weil man die betreffende Tätigkeit ja schon mit dem Grundwort verwalten resp. regieren ausdrücken kann.

Raffiniertes Öl ist wörtlich verstanden verfeinertes Öl, ein raffinierter Plan ist eigentlich ein verfeinerter Plan und ein raffiniertes Gericht zeigt viel Raffinement, also Verfeinerung. Was genau mit verfeinert oder eben raffiniert gemeint ist, hängt vom Wort, bei dem es steht, und vom weiteren Zusammenhang ab.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn ich eins nicht bin, dann …

In letzter Zeit scheinen viele Fragesteller und Fragestellerinnen mit der Verneinung zu hadern, vor allem der doppelten. Deshalb heute noch einmal das Thema Verneinung

Frage

Wenn ich eins nicht bin, dann bin ich nicht dumm. Doppelte Verneinung oder nicht?

Antwort

Guten Tag R.,

beim Thema Verneinung muss man manchmal aufpassen, dass man eher sprachlich als mathematisch vorgeht. Während minus mal minus in der Mathematik immer plus ist (so weit ich das gelernt und verstanden habe), heben sich zwei nebeneinander erscheinende Verneinungen nicht immer auf. Und nun zu Ihrer Frage:

Nur einmal nicht steht normalerweise in diesen Fällen:

Wenn ich eins nicht bin, dann dumm.
Wenn ich eins nicht bin, dann ist es dumm.

Nach dann folgt in diesen Aussagen die Angabe, was mit eins gemeint ist, und eins steht hier für dumm, nicht für nicht dumm. Deshalb sollte man vor allem beim zweiten Satz besser nicht sagen:

Wenn ich eins nicht bin, dann ist es nicht dumm.

Man könnte dann nämlich nicht ganz zu Unrecht verstehen, dass ich nicht nicht dumm, also dumm bin. (Allerdings erschließt sich in der Regel aus dem Kontext klar, was gemeint ist.)

In Ihrem Beispielsatz folgt aber nach dann nicht einfach die Angabe, was mit eins gemeint ist. Nach dann wird der ganze Satz wiederholt. In der Wiederholung wird eins durch die Angabe ersetzt, was damit gemeint ist: dumm. Und weil die ganze Satzkonstruktion wiederholt wird, muss auch die Verneinung nicht wiederholt werden:

 Wenn ich eins nicht bin, dann bin ich nicht dumm.

Sie können es auch mit diesen Konstruktionen vergleichen:

Was bin ich nicht? – Dumm.
Was bin ich nicht? – Ich bin nicht dumm.

Es handelt sich in Ihrem Beispielsatz also nicht um eine doppelte Verneinung, sondern um eine wiederholte einfache Verneinung.

Und weil es hier heute eins nicht ist, nämlich kühl, höre ich nun lieber auf, bevor mir die doppelten und wiederholten nicht durcheinandergeraten und die Finger von der Tastatur rutschen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll zu Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer

Keine Angst, ich werde keine gesellschaftskritische Kolumne beginnen! Es geht auch hier um Grammatik: Ein nicht mehr ganz taufrisches Zitat wirft Kongruenzfragen auf.

Frage

„Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?“ Muss es nicht „sind“ heißen?

Antwort

Sehr geehrte Frau D.,

die Einzahl ist ist hier richtig. Wenn mit und verbundene Subjektteile als eine Einheit aufgefasst werden, kann das Verb entgegen der Grundregel auch in der Einzahl stehen (vgl. hier). Häufig stehen die Substantive dann wie hier ohne Artikel.

Das Subjekt ist hier „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“. Es wird mit  „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ in Verbindung gebracht und wie dieses als ein Motto oder eine Lebenseinstellung aufgefasst:

„Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ war das Motto. Heute ist das Motto „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“.

Wann genau ist aus Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll eigentlich Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer geworden?

Die Mehrzahl sind ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, ich fände sie hier aber stilistisch weniger gut. Ähnliche Formulierungen:

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit war die Losung der Französischen Revolution.
Brot und Spiele funktioniert auch heute noch.
Jung und Alt kann hiervon profitieren.

Und wenn Sie sich immer noch nicht ganz mit der Einzahl anfreunden können, helfen in Ihrem Beispiel vielleicht Anführungszeichen dabei, das ist etwas leichter verdaulich zu machen:

Wann genau ist aus „Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ eigentlich „Veganismus, Laktoseintoleranz und Helene Fischer“ geworden?

Die Antwort auf diese Frage muss ich Ihnen übrigens schuldig bleiben. Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll war nie mein Lebensmotto und andererseits esse ich Fleisch, vertrage ich zum Glück Milch und bin ich, wenn ich wählen kann, doch eher für Rock ’n’ Roll als Helene Fischers Schlager.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Noch einmal: Es wäre schön, wenn der Traum erfüllt …

Häufig ruft eine Frage eine weitere auf. Deshalb heute gleich noch einmal das Thema des Traumes, der hoffentlich in Erfüllung geht: Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird(?).

Frage

Meine Frage schließt an die an, in der gefragt wurde, ob es heißt: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.“ Immer öfter hört und liest man, dass geschrieben und gesagt wird: „Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird“, also in einer anderen Form. Was ist richtig?

Antwort

Sehr geehrte Frau R.,

es ist standardsprachlich üblich, in Konstruktionen dieser Art (d. h. in irrealen Bedingungsätzen) in beiden Teilsätzen den Konjunktiv zu verwenden:

Es wäre schön, wenn du auch kommen würdest.
Es wäre schön, wenn wir alle fliegen könnten.

Nun ist es aber tatsächlich so, dass man im wenn-Satz manchmal auch dem Indikativ begegnet:

Es wäre schön, wenn du auch kommst.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helft.
(statt standardsprachlich:
Es wäre schön, wenn du auch kämest / kommen würdest.
Es wäre schön, wenn ihr uns beim Aufräumen helfen würdet.)

Diese Art der Formulierung im Indikativ ist eher als umgangssprachlich anzusehen. Sie kommt dann vor, wenn etwas ausgedrückt wird, das tatsächlich möglich und wahrscheinlich ist: Die Möglichkeit, dass du kommst, besteht. Man hält es für realistisch, dass beim Aufräumen geholfen wird.

Der Indikativ erscheint aber auch in der Umgangssprache kaum, wenn etwas Unmögliches oder Unwahrscheinliches ausgedrückt wird:

nicht: *Es wäre schön, wenn wir alle fliegen können.
nicht: *Es wäre schön, wenn ich dann Urlaub habe, aber das ist leider nicht so.

Während also standardsprachlich kein Unterschied zwischen wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Sachverhalten gemacht wird, kann dieser Unterschied umgangssprachlich durch die Verwendung des Konjunktivs resp. Indikativs aufgedrückt werden:

Umgangssprachlich:
a) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt wird.
b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

In Satz a) wird die Erfüllung des Traumes für möglich gehalten. In Satz b) hingegen kann die Erfüllung auch unmöglich oder unwahrscheinlich sein.

Standardsprachlich in beiden Fällen:
a), b) Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.

Meine Antwort ist etwas lang ausgefallen; deshalb zusammenfassend hier noch eine kurze Antwort auf Ihre Frage: In korrektem Standarddeutsch gilt nur die Formulierung mit dem Konjunktiv in beiden Teilsätzen als richtig. Die mehr umgangssprachliche Verwendung des Indikativs im wenn-Satz ist aber nicht einfach nur ein unerklärlicher dummer Fehler, sondern sie folgt einer eigenen Regel und Präzisierungsmöglichkeit, die die Standardsprache (noch?) nicht kennt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Diese Befindungen basieren nur auf meinen eigenen Beobachtungen. Als wissenschaftlich fundierte Aussagen können sie deshalb nicht gelten. Es wäre inbesondere zu prüfen, ob es regionale und textsortengebundene Unterschiede bei der Verwendung des Indikativs im wenn-Satz gibt und ob und wie sich dieses Phänomen im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Wenn der Traum erfüllt würde – oder erfüllt werden würde?

Frage

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen könnten, welcher von diesen zwei Sätzen richtig ist (es handelt sich um einen Passivsatz im Konjunktiv II):

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Man kann es natürlich umformulieren („Es wäre so schön, wenn dieser Traum in Erfüllung gehen könnte / ginge“), aber ich würde gern wissen, ob dieses „werden würde“ richtig ist.

Antwort

Sehr geehrte Frau C.,

der Unterschied zwischen erfüllt würde und erfüllt werden würde besteht darin, dass die erste Form ein Präsens und die zweite Form ein Futur ist. Da im Deutschen etwas Zukünftiges häufig im Präsens ausgedrückt wird (Ich fahre morgen weg = Ich werde morgen wegfahren; vgl. hier), sind beide Sätze richtig. Beginnen wir der Einfachheit halber im Indikativ. Die folgenden Sätze haben ungefähr dieselbe Bedeutung:

Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt wird.
Ich hoffe, dass dieser Traum erfüllt werden wird.

Wenn wir diesen Gedanken nun als sogenannten irrealen Bedingungssatz im Konjunktiv II formulieren, ergeben sich entsprechend zwei Formulierungsmöglichkeiten, die ebenfalls mehr oder weniger dasselbe ausdrücken:

Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt würde.
Es wäre schön, wenn dieser Traum erfüllt werden würde.

Im Passiv wird häufig das Präsens gewählt, wenn etwas Zukünftiges gemeint ist. Damit kann man das etwas schwerfällige doppelte Auftreten des Hilfsverbs werden – einmal für das Passiv und einmal für das Futur – vermeiden. Formen wie werden wird und werden würde sind aber keineswegs falsch oder grundsätzlich „schlechter“ als die einfachen Formen!

Manchmal gibt es kaum einen Unterschied:

Das Haus wird morgen abgebrochen werden.
Das Haus wird morgen abgebrochen.

Manchmal sind die „langen“ Formen wirklich etwas zu schwerfällig:

Mülltonnen, die am Donnerstag geleert werden würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt werden.
Mülltonnen, die am Donnerstag geleert würden, werden bereits am Mittwoch abgeholt.

Umgekehrt drücken die „kurzen“ Formen manchmal den Aspekt des Zukünftigen nicht deutlich genug aus. Die erste der beiden folgenden Formulierungen gibt deutlicher an, dass das Problem nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft nicht gelöst werden wird:

ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst werden wird
ein Problem, das niemand lösen will und das deshalb nie gelöst wird

Ob man in einem Satz zweimal das Hilfsverb werden verwendet oder es einmal fallen lässt, ob Sie also erfüllt würde oder erfüllt werden würde wählen, ist somit vielmehr eine stilistische als eine grammatische Entscheidung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer glauben will, ist glauben wollend

Frage

Schreibt man:

ein glauben wollender Mensch
ein glauben-wollender Mensch
ein glaubenwollender Mensch

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

Sie ahnten es sicher schon, denn wohl nicht ganz zufällig ist Ihr erster Vorschlag richtig:

ein glauben wollender Mensch

Partizigruppen werden gleich geschrieben, wie die zugrundeliegende Verbgruppe, auch wenn das Partizip wie ein Adjektiv vor einem Substantiv steht. Zum Beispiel:

sich verändern
die sich verändernde Umwelt

miteinander spielen
die miteinander spielenden Kinder

in der Stadt wohnen
die in der Stadt wohnenden Leute

bei jedem Windhauch quietschen
ein bei jedem Windhauch quietschender Fensterladen

sich an nichts mehr erinnern können
eine sich an nichts mehr erinnern könnende Zeugin

Und ebenso:

glauben wollen
ein glauben wollender Mensch

Eine weitere Rechtschreibhürde kann sich ergeben, wenn solche Partizipgruppen substantiviert werden. Es kommt auch dann weder zu Bindestrichen noch zur Zusammenschreibung. Nur das Partizip, der Kern der Wortgruppe, wird dann großgeschrieben, der Rest bleibt gleich:

das sich Verändernde
die in der Stadt Wohnenden
die sich an nichts mehr erinnern Könnenden
die glauben Wollenden

Das sieht manchmal etwas gewöhnungsbedürftig aus (für mich zum Beispiel mit sich), ist aber so korrekt geschrieben. Mehr Überlegungen zu diesem nicht nur Sie Verwirrenden, das heißt zu dieser nicht nur Sie verwirrenden Frage, finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp