Verständnis einer Sache, Verständnis von einer Sache, Verständnis für eine Sache

Frage

Ich stolpere ständig über Sätze, in denen der Begriff „Verständnis“ vorkommt. Klar ist mir eigentlich, dass mit „Verständnis für etwas“ eher ein Einfühlungsvermögen gemeint ist.

Nun scheint es aber gemäß meiner wiederholten Recherche keinen Unterschied zwischen „Verständnis von etwas“ und „Verständnis + Genitivattribut“ zu geben. Angeblich ist die Genitivkonstruktion üblicher und zu bevorzugen, womit ich jedoch oft ein Problem habe.

Meines Erachtens wird es schlimm, wenn sowohl eine Person als auch ein Gegenstand genannt werden, z. B. „Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur“.

Auch die folgende Formulierung klingt für mich komisch: „Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.“ […]

Antwort

Guten Trag Frau B.,

mit Verständnis für jemanden/etwas wird gesagt, dass man sich in eine Person oder eine Sache hineinversetzen kann. Mit Verständnis einer Sache wird gesagt, dass man etwas versteht, begreift.

Mit der zweiten Bedeutung von Verständnis steht das Objekt (dasjenige, was verstanden wird) im Prinzip im Genitiv:

Viele Fremdwörter erschweren das Verständnis des Textes.
Das Verständnis seiner Motive ist wichtig.

Auch das Subjekt des Verstehens (die Person, die versteht) steht im Prinzip im Genitiv:

das Verständnis des Dichters (der Dichter versteht)
das Verständnis der Schüler fördern (die Schüler verstehen)

Ob der Genitiv das Objekt oder das Subjekt bezeichnet, ergibt sich aus dem Zusammenhang. In der Regel sind bei Verständnis mit dieser Bedeutung Personen Subjekt und Nichtpersonen Objekt. Deshalb ist in Fällen wie den folgenden (mehr oder weniger) klar, was gemeint ist:

das Verständnis des Richters der Motive des Täters
das Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Ebenso zum Beispiel:

die Beurteilung des Richters der Motive des Täters
die Kenntnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur

Formulierungen dieser Art werden dennoch häufiger vermieden, das heißt, man weicht auf andere Formulierungen aus. Manchmal wird mit für formuliert. Das ist aber nicht zu empfehlen, da Verständnis für eine andere Bedeutung hat (siehe oben):

das Verständnis des Richters für die Motive des Täters (andere Bedeutung)
das Verständnis des Dichters für die mittelalterliche Literatur (andere Bedeutung)

Es ist ebenfalls nicht zu empfehlen auf eine Formulierung mit von auszuweichen. Wenn die Wortgruppe wie hier einen Artikel enthält, gilt dies als umgangssprachlich:

das Verständnis des Richters von den Motiven des Täters (umgangssprachlich)
das Verständnis der Dichters von der mittelalterlichen Literatur (umgangssprachlich)

(Mehr dazu, wann man auch standardsprachlich von statt des Genitiv verwenden kann oder muss, siehe hier.)

Weder für noch von bieten hier also eine gute Lösung. Es ist deshalb standardsprachlich besser, a) den doppelten Genitiv stehen zu lassen oder b) ganz anders zu formulieren, wenn man ihn vermeiden will. Zum Beispiel:

  1. Das Verständnis des Richters der Motive des Täters ist wichtig.
  2. Es ist wichtig, dass der Richter die Motive des Täters versteht.
  1. Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters der mittelalterlichen Literatur.
  2. Darin zeigt sich, dass der Dichter ein großes Verständnis der mittelalterlichen Literatur hat.
    Darin zeigt sich das große Verständnis des Dichters im Bereich der mittelalterlichen Literatur.
  1. Wir sollten das Verständnis der Menschen der Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz fördern.
  2. Wir sollten den Menschen die Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz besser verständlich machen.

Der Genitiv ist schön, man sollte es aber innerhalb eines Satzes nicht damit übertreiben. Das Verständnis der Lesenden des Inhaltes des Textes könnte darunter leiden – wie dieser letzte Satz zeigt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nebenordnendes „weil“ – vielleicht etwas verwirrend, weil eher selten

NB: Es geht hier nicht um das eher umgangssprachliche weil zwischen Hauptsätzen (Ich komme nicht, weil ich habe keine Zeit), sondern um standardsprachliches weil zwischen Adjektiven.

Frage

Vor kurzem habe ich Folgendes auf der Zeitung gelesen:

Sie bemühen sich weiterhin, ein missratenes, weil der Zukunft abgewandtes Rentenpaket zu retten.

Was für eine Funktion erfüllt „weil“ in diesem Satz? Warum steht es zusammen mit einer Infinitivkonstruktion?

Antwort

Guten Tag N.,

in diesem Satz hat weil eine Funktion, die es eher selten hat. In der Regel leitet weil unterordnend einen Nebensatz ein.

Das Rentenpaket ist missraten, weil es der Zukunft abgewandt ist.

Seltener kann weil nebenordnend zwischen zwei Adjektiven oder adjektivisch verwendeten Partizipien stehen. Es verbindet dann zwei Attribute (nähere Bestimmungen) miteinander, von denen das zweite das erste begründet:

ein missratenes, weil der Zukunft abgewandtes Rentenpaket

In Ihrem Satz fügt weil das Attribut der Zukunft abgewandtes an, und zwar als Begründung für missratenes. Etwas ist missraten, weil es der Zukunft abgewandt ist. Dieses weil leitet also nicht einen Begründungssatz ein, sondern es verbindet begründend zwei Adjektive miteinander.

Diese Verwendung von weil wird nicht in allen Wörterbüchern und Grammatiken angegeben und kann insbesondere bei Deutschlernenden für Verwirrung sorgen.

Weitere Beispiele:

eine schlechte, weil lückenhafte Darstellung
uninteressante, weil irrelevante Informationen
die empfehlenswerte, weil sehr abwechslungsreiche Wanderung

Auch begründendes da kann so verwendet werden:

ein missratenes, da der Zukunft abgewandtes Rentenpaket
eine schlechte, da lückenhafte Darstellung
uninteressante, da irrelevante Informationen

So viel zu diesem anfangs vielleicht etwas verwirrenden, weil eher selten vorkommenden nebenordnenden weil. (Den vorhergehenden schwer verständlichen, weil komplizierten Satz formuliert man besser anders, wenn man auf Anhieb verstanden werden möchte – und diesen auch.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Modalverben: Wollen, möchten oder sollen wir uns treffen?

Frage

Meine Frage ist folgende: Ich verstehe, dass „möchten“ die höflichere Variante von „wollen“ ist. Heute bin ich aber über den Satz gestolpert: „Wollen wir uns morgen bei dir treffen?“

Warum kann man diesen Satz nicht mit „möchten“ formulieren? Welche Regel gibt es für die Unterscheidung von „wollen/möchten“, die solche Sätze erklärt?

ChatGPT erklärt mir, dass „möchten“ nur möglich sei, wenn man nach einem persönlichen Wunsch frage. Beim Satz oben werde aber eine Gruppe gefragt, weshalb es keinen einheitlichen Wunsch gebe. Das kommt mir aber seltsam vor. Ich kann ja sehr wohl „Möchtet ihr eine Tasse Kaffee?“ fragen, obwohl hier auch eine Gruppe nach ihrem Wunsch befragt wird.

Antwort

Guten Tag Herr R.,

bei Sprachfragen dieser Art sind Antworten von Chatbots wie ChatGPT mit der nötigen Vorsicht zu genießen. Sie klingen gut, sind aber häufig wie hier unvollständig oder sogar falsch. Ich kann allerdings auch nicht garantieren, dass die folgende Antwort vollständig und in allen Details korrekt ist.

Das hat vor allem mit der zweite Vorbemerkung zu tun: Bei den Modalverben ist es oft schwierig, die genaue Bedeutung und Verwendung zu beschreiben. Vieles hängt vom Kontext und der Gesprächssituation ab.

Man kann wollen dann durch das höflichere oder vorsichtigere möchten ersetzten, wenn es einen Wunsch ausdrückt.

Ich will, dass wir uns morgen treffen.
Ich möchte, dass wird und morgen treffen.

Willst du Kaffee oder Tee?
Möchtest du Kaffe oder Tee?

Das ist im Prinzip auch in Ihrem Satz möglich:

Haben wir den Wunsch, uns morgen bei dir zu treffen?
Möchten wir uns morgen bei dir treffen?

Das klingt allerdings nach einer eher rhetorischen Frage (Wollen wir das wirklich?) und ist sehr wahrscheinlich nicht so gemeint. Man kann hier wollen besser durch sollen ersetzen. In Fragesätzen kann sollen nämlich eine besondere Funktion haben: Man fragt um einen Ratschlag bezüglich einer Entscheidung.

Soll ich dich begleiten?
Sollen wir Ihnen die Unterlagen zuschicken?

Diese Funktion kann hier auch wollen haben:

Wollen wir uns morgen bei dir treffen.
Sollen wir uns morgen bei dir treffen.

Hier passt der Ersatz von wollen durch sollen besser als der Ersatz durch möchten, weil es um eine erste Person (wir) geht. Das zu wir gehörende ich weiß sozusagen schon, ob es den Wunsch hat. Es fragt nach der Entscheidung des angesprochenen du.

Wenn man die Person ändert, passt möchten wieder besser, weil wieder nach einem Wunsch gefragt wird:

Willst du mich morgen bei dir treffen?
Möchtest du mich morgen bei dir treffen?
(oder: Willst/Möchtest du, dass wir uns morgen bei dir treffen?)

Nimmt man die 1. Person Singular für die ungefähr gleiche Frage, passt nicht möchten, sondern sollen:

Soll ich dich morgen bei dir treffen?

Sie haben hier also eine besondere Verwendung des Modalverbs wollen in der 1. Person Plural „entdeckt“: In einer Frage kann wollen wir? die Teilfragen soll ich? (Frage um Ratschlag/Entscheidung) und möchtest du? (Frage nach Wunsch) zusammenfassend ausdrücken.

Soll ich dich treffen? + Willst/Möchtest du mich treffen?
→ Sollen/Wollen wir uns treffen?

So ungefähr könnte man es schematisch aufzeigen. Ich würde hier aber nicht von einer „Regel“ sprechen, eher von einer der vielen besonderen Verwendungen von Modalverben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heißt es „der Grund, warum“ oder „der Grund, aus dem“?

Frage

Kann man sagen: „Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin“, oder geht nur: „Das ist der Grund, warum ich gekommen bin“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

rein grammatisch gesehen geht beides. Man kann nach Grund einen indirekten Fragesatz anschließen. Dann steht warum. Man kann aber auch einen Relativsatz verwenden. Dann steht aus dem.

Was ist besser? – Üblich ist vor allem der Grund, warum. Die Formulierung der Grund, aus dem kommt seltener vor, sie ist aber nicht falsch. Am besten wählen Sie also:

Das ist der Grund, warum ich gekommen bin.

Weniger üblich, aber nicht falsch:

Das ist der Grund, aus dem ich gekommen bin.

Beim Plural Gründe kommt der Relativsatz übrigens häufiger vor als im Singular. Dann sind beide Formulierungen üblich:

Das sind die Gründe, warum ich gekommen bin.
Das sind die Gründe, aus denen ich gekommen bin.

Dann sei hier noch eine weitere Formulierung erwähnt:

Das ist der Grund dafür, dass ich gekommen bin.
Das sind die Gründe dafür, dass ich gekommen bin.

So gibt es auch hier mehr als eine Möglichkeit, sich auszudrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gebeugtes „wert“: ein 20 000 Euro wertes Gebäude?

Frage

Kann man das Adjektiv „wert“ attributiv gebrauchen und zum Beispiel von einem „20 000 Euro werten Grundstück“ sprechen? Belege finde ich.

Antwort

Guten Tag Herr T.,

in der Standardsprache kommt wert mit der Bedeutung einen bestimmten Wert haben nur in der Wendung etwas wert sein vor:

Das Grundstück ist 20 000 Euro wert.
Dein Urteil ist mir viel wert.

Dieses wert kann standardsprachlich nicht attributiv verwendet werden, das heißt, es kann nicht gebeugt vor einem Substantiv stehen:

nicht: ein 20 000 Euro wertes Grundstück
nicht: dein mir viel wertes Urteil

Formulierungen dieser Art kommen vor, sie gelten aber als umgangssprachlich oder, wenn man ganz streng ist, als falsch. Man sollte zum Beispiel so formulieren:

ein Grundstück mit einem Wert von 20 000 Euro
ein Grundstück im Wert von 20 000 Euro
ein Grundstück, das 20 000 Euro wert ist

Siehe auch zum Beispiel die Angaben im DWDS.

Gebeugtes wert gibt (oder gab) es allerdings auch, und zwar mit der Bedeutung hochgeschätzt, verehrt. Zum Beispiel:

Sie begrüßten die werten Gäste.
Sie erkundigte sich höflich nach seinem werten Befinden.
Werte Frau Konsulin (Anrede)

Heutzutage ist diese Verwendung von wert aber eher veraltet.

Es gilt also, werter Herr T., dass es standardsprachlich keine etwas werten Dinge gibt, sondern nur Dinge, die etwas wert sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

U. a. am Satzanfang

Frage

Können Sie mir bitte sagen, ob dieser Satz grammatisch ist?

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Frage: Kann man „U. a.“ so verwenden, damit der Satz grammatisch ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

der Satz ist so im Prinzip korrekt:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Die Wendung unter anderem ist hier eine adverbiale Bestimmung und kann als solche im Satz an erster Stelle vor dem Verb stehen. So zum Beispiel auch:

Beispielsweise wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Nicht immer sind aber Wendungen wie unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls eigenständige Satzglieder. Wenn nach ihnen das folgt, was unter anderem, beispielsweise oder gegebenenfalls gemeint ist, bestimmen sie als adverbiale Wendung ein Satzglied näher. Dann können sie zusammen mit diesem am Satzanfang stehen. Genau betrachtet ist der folgende Satz deshalb nicht eindeutig:

Am Zoll wird unter anderem Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Er kann bedeuten, dass

  1. am Zoll eine Prüfung des Reisedokuments auf Gültigkeit und Echtheit sowie andere Vorgänge stattfinden;
  2. am Zoll das Reisedokument sowie andere Dokumente/Dinge auf Gültigkeit und Echtheit geprüft werden.

Den Unterschied sieht man bei Verschiebung an den Satzanfang gut:

a) Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
b) Unter anderem Ihr Reisedokument wird am Zoll auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Wahrscheinlich ist die Variante a) gemeint und Ihr Satz entsprechend korrekt. Ohne Kontext ist die Variante b) aber nicht auszuschließen.

Dann noch Folgendes: Es gilt als stilistisch weniger gut, einen Satz mit einer Abkürzung mit Punkt zu beginnen. Deshalb standardsprachlich eher nicht:

U. a. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Z. B. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Ggf. wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Sondern besser zum Beispiel:

Unter anderem wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Zum Beispiel wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.
Gegebenenfalls wird am Zoll Ihr Reisedokument auf Gültigkeit und Echtheit geprüft.

Mit freundlichen Grüßen (= besser als M. f. G.)

Dr. Bopp

Wird oder werden in Kanada Französisch und Englisch gesprochen?

Frage

In einem Textbuch ist der Satz „In Kanada wird Englisch und Französisch gesprochen“ als richtige Lösung angegeben für „In Kanada ___ Englisch und Französisch gesprochen“. Warum nicht „werden gesprochen“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

hier ist der Singular üblich, weil in Französisch sprechen und Englisch sprechen das Substantiv eng mit dem Verb verbunden ist:

In Kanada wird Französisch und Englisch gesprochen.
In der Schweiz wird Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen.

Ebenso zum Beispiel:

Am 5. November wird im Foyer Klavier und Geige gespielt.
ein Ort, an dem Fußball und Volleyball gespielt wird
Im Winter wird dort Ski und Schlittschuh gelaufen.
Bei einem besseren ÖVPN-Angebot wird weniger Auto und Fahrrad gefahren.

Es ist unüblich, hier das Verb im Plural zu verwenden.

Das Verb steht aber in Formulierungen wie den folgenden im Plural:

In Kanada werden zwei Sprachen gesprochen, Französisch und Englisch.
In Kanada werden die Sprachen Französisch und Englisch gesprochen.
In Kanada werden die französische Sprache und die englische Sprache gesprochen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Brief von Russlands Präsident/Präsidenten Putin – mit oder ohne Endung?

Frage

Ich mir unsicher bei folgender Aussage: „der Brief von Russlands Präsident/en Wladimir Putin.“

Meinem Gefühl nach würde ich zu „Präsident“ tendieren, auf der andern Seite erfragt man: „Der Brief von wem?“, was eigentlich einen Dativ zur Folge haben müsste. […]

Antwort

Guten Tag Frau S.

hier ist sowohl die ungebeugte Form Präsident als auch die gebeugte Form Präsidenten möglich. Bei der Erklärung, warum das so ist, muss ich etwas weiter ausholen:

Titel, Berufsbezeichnungen, Verwandtschaftsbezeichnungen u. Ä. können in Verbindung mit einem Namen unveränderlich sein oder gebeugt werden. Mit welcher Konstruktion man es zu tun hat, sieht man in der Regel daran, ob ein Artikelwort verwendet wird oder nicht:

Ungebeugt ohne Artikelwort:

eine geheime Unterredung mit Fürst Metternich
ein Treffen mit US-Präsident Trump
Krimiautor Mario Puzzos berühmter Roman
Onkel Alberts Fiat und Tante Lisas BMW
Königin Margrethes Abdikation

Gebeugt mit Artikelwort:

eine geheime Unterredung mit dem Fürsten Metternich
ein Treffen mit dem US-Präsidenten Trump
der berühmter Roman des Krimiautors Mario Puzzo
der Fiat meines Onkels Anton und der BMW deiner Tante Lisa
die Abdikation der Königin Margrethe

Auch das Wort Präsident kann also ohne Artikel vor dem Namen stehen. Es bleibt dann ungebeugt (gebeugt wird ggf. der Name):

ein Treffen mit Präsident Putin
der Brief von Präsident Wladimir Putin
Präsident Wladimir Putins Brief

Präsident kann auch Kern der Wortgruppe sein und den Namen als nähere Bestimmung (Apposition) bei sich haben. Dann hat es ein Artikelwort vor sich und wird gebeugt (der Name bleibt ungebeugt):

ein Treffen mit dem Präsidenten Putin
(der Brief vom Präsidenten Wladimir Putin [nur umgangssprachlich])
der Brief des Präsidenten Wladimir Putin

Und nun kommen wir endlich zu Ihrem Beispiel. In Russlands Präsident Wladimir Putin hat Präsident ein vorangestelltes Genitivattribut. Ein solches Attribut ersetzt ggf. den Artikel:

das Auto von Frau Müller = Frau Müllers Auto
die Wälder Russlands = Russlands Wälder

Ebenso:

der Brief des Präsidenten von Russland Wladimir Putin
= der Brief von Russlands Präsidenten Wladimir Putin

Man kann aber auch ohne Artikel formulieren:

der Brief von Präsident Wladimir Putin von Russland
= der Brief von Russlands Präsident Wladimir Putin

Was Sie wählen, hängt also davon ab, ob es sich um einen Brief des Präsidenten von Russland Putin (→ von Russlands Präsidenten Putin) oder um einen Brief von Präsident Putin von Russland (→ von Russlands Präsident Putin) handelt. Da es hier m.M.n. keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied gibt, passt, wie am Anfang gesagt, beides. Wirklich wichtig wäre ohnehin, dass in einem solchen Brief etwas gemeint Friedliches stünde.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Hätte ich es begreifen können oder begriffen haben können?

Frage

In der Netflix-Serie „Sandman“ gibt es dieses Zitat:

Weißt du, zuerst mal war es falsch, einen Plan für den Tag zu machen, damit meine Erwartungen erfüllt werden. Das hat es mir vollkommen unmöglich gemacht, zu genießen, was der Tag an neuen Erfahrungen bereithielt. Das hätte ich inzwischen doch begriffen haben können, oder?

Ich kann die Verbform des letzten Satzes nicht richtig einordnen. […] Wie unterscheiden sich „hätte begreifen können“ und „hätte begriffen haben können“? Ich dachte, es gäbe nur einen Konjunktiv 2 der Vergangenheit.

Auf Englisch lautet dieser Satz übrigens: „You’d think I would have learned that by now.“

Antwort

Guten Tag N.,

die Modalverben (dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen) können mit dem Infinitiv Präsens und mit dem Infinitiv Perfekt stehen.

  • Gleichzeitigkeit: Partizip Präsens

Du musst es [jetzt] tun.
Du müsstest es [jetzt] tun.
Du hättest es [damals] tun müssen.

  • Vorzeitigkeit: Partizip Perfekt

Du musst es [vorher/bereits] getan haben.
Du müsstest es [vorher/bereits] getan haben.
Du hättest es [vorher/bereits] getan haben müssen.

Ebenso:

Ich kann es [jetzt] begreifen
Ich könnte es [jetzt] begreifen.
Ich hätte es [damals] begreifen können.

Ich kann es [vorher/bereits] begriffen haben.
Ich könnte es [vorher/bereits] begriffen haben.
Ich hätte es [vorher/bereits] begriffen haben können.

In Ihrem Zitat kann man hätte können auch mit zum Beispiel müsste ausdrücken:

Ich hätte es doch inzwischen begreifen können.
Ich müsste es doch inzwischen begreifen.

Ich hätte es doch inzwischen begriffen haben können.
Ich müsste es doch inzwischen begriffen haben.

Ob es darum geht, inzwischen zu begreifen oder inzwischen begriffen zu haben, ist nicht dasselbe, aber es gibt in diesem Kontext dennoch keinen großen Unterschied. Wenn man es nicht begriffen hat, begreift man es nicht. Deshalb geht hier m.M.n. beides:

Das hätte ich inzwischen doch begreifen können, oder?
Das hätte ich inzwischen doch begriffen haben können, oder?

In beiden Sätzen steht das Modalverb im Konjunktiv II der Vergangenheit (hätte können); im ersten Satz mit dem Infinitiv Präsens (begreifen) im zweiten Satz mit dem Infinitiv Perfekt (begriffen haben). Eine andere Übersetzung des Zitats zeigt, wie groß oder eben klein der Unterschied zwischen den beiden Formulierungen ist:

Man sollte meinen, dass ich das inzwischen begreife.
Man sollte meinen, dass ich das inzwischen begriffen habe.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Infinitivgruppen als Subjekt: sowohl mit als auch ohne „zu“

Frage

Ich beschäftige mich gerade damit, die Masterarbeit einer Freundin zu korrigieren, und dabei bin ich auf eine Satzstruktur gestoßen, die mich ein wenig ins Grübeln bringt. Ich hoffe, Sie können helfen.

Die Position des Schriftstellers miteinbeziehen bedeutet, auch die Entstehung des Werkes zu berücksichtigen.

Diese Satzstruktur kommt recht häufig vor und aus dem Gefühl heraus würde ich sagen, dass hier im ersten Teil ein Infinitiv mit „zu“ stehen müsste („die Position des Schriftstellers miteinzubeziehen bedeutet“). Oder sind hier beide Varianten möglich?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

hier gibt es mehr als eine Möglichkeit. Wenn eine Infinitivgruppe im Satz Subjekt ist, kann sie auch ohne zu stehen. Das Komma entfällt dann.

Dich zu verstehen, ist nicht immer einfach.
Dich verstehen ist nicht immer einfach.

Mit vollem Mund zu reden, gilt als unhöflich.
Mit vollem Mund reden gilt als unhöflich.

Zusammen mit anderen zu spielen, macht mehr Spaß.
Zusammen mit anderen spielen macht mehr Spaß.

Das gilt auch in Ihrem Satz:

Die Position des Autors miteinzubeziehen, bedeutet, auch die Entstehung des Werkes zu berücksichtigen.
Die Position des Autors miteinbeziehen bedeutet, auch die Entstehung des Werkes zu berücksichtigen.*

(* Nicht alle finden es allerdings gut, Infinitivgruppen mit zu und Infinitivgruppen ohne zu in dieser Weise zu kombinieren.)

Bei Verben wie sein, heißen, bedeuten kann die Infinitivgruppe auch als Prädikativ o. Akkusativergänzung ohne zu stehen:

Wellness heißt, sich wohlzufühlen.
Wellness heißt sich wohlfühlen.

Zusammen mit anderen zu spielen, bedeutet, mehr Spaß zu haben.
Zusammen mit anderen spielen bedeutet mehr Spaß haben.

Möglich ist entsprechend auch:

Die Position des Autors miteinbeziehen bedeutet auch den Kontext der Entstehung des Werkes berücksichtigen.

Ich würde hier, wie Sie offenbar auch, die erste Formulierung mit zweimal zu wählen. Die Formulierungen ohne zu sind aber nicht falsch. Dabei gilt allerdings, dass die Kombination von Infinitivgruppe ohne zu und Infinitivgruppe mit zu in einem Satz nicht von allen gleichermaßen akzeptiert wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp