Ganz ohne „dass“: Ich hoffe, die Erklärung ist nützlich

Frage

Könnten Sie mir bitte bei folgendem „Problem“ behilflich sein? In einer deutschen Zeitung hab ich gelesen: „Ich hoffe, die Stadt hat sich nicht verändert.“ Fehlt hier nicht die Konjunktion „dass“ („Ich hoffe, dass sich die Stadt nicht verändert hat“)? Oder ist das korrekt so? Gibt es dazu eine Regel? Ich möchte diesen Artikel mit meinen Schülern im Unterricht lesen und wenn einer von ihnen danach fragt, dann wäre ich überfragt …

Antwort

Guten Tag Frau K.,

uneingeleitete Nebensätze kommen häufig bei der indirekten Rede vor:

Sie sagt, sie habe Hunger.
Er behauptet, er habe schon gegessen.

Das ist aber nicht der einzige Fall. Bei gewissen Verben – grob gesagt bei Verben, die eine Annahme oder einen Wunsch ausdrücken – kann ebenfalls ein nicht eingeleiteter Nebensatz stehen. Zum Beispiel:

Wir hoffen, das Wetter bleibt gut.
Ich denke, du solltest jetzt nach Hause gehen.
Man befürchtet, die Preise steigen noch weiter.
Glaubst du, ich habe nichts besseres zu tun?
Ich nahm an, er würde mir das Geld leihen.
Es ist besser, Sie kommen später noch einmal zurück (= Ich finde es besser, wenn …)

Diese uneingeleiteten Nebensätze gehören eher, aber nicht ausschließlich der gesprochenen Sprache an. In der gesprochenen Sprache kommen sie häufig vor. Sie können in der Regel durch einen dass-Satz ersetzt werden:

Wir hoffen, dass das Wetter gut bleibt.
Ich denke, dass du jetzt nach Hause gehen solltest.
Man befürchtet, dass die Preise noch weiter steigen.
Glaubst du, dass ich nichts besseres zu tun habe?
Ich nahm an, dass er mir das Geld leihen würde.
Es ist besser, dass/wenn Sie später noch einmal zurückkommen.

Es gibt keine präzise und feste Regel, bei welchen Verben solche uneingeleiteten Nebensätze möglich sind. Da aber in der Regel auch ein dass-Satz möglich ist, müssen Schüler und Schülerinnen im Fremdsprachenunterricht solche Sätze (vorerst) nur erkennen können.

Ich hoffe, diese Erklärung ist nützlich – oder in formalerem, geschriebenem Deutsch eher: Ich hoffe, dass diese Erklärung nützlich ist.

Ein schönes Wochenende, entweder von normaler Länge oder dank Halloween, Reformationstag oder Allerheiligen in verlängerter Form wünscht Ihnen

Dr. Bopp

Sich kümmern ohne „um“?

Frage

Braucht „sich kümmern“ unbedingt ein Objekt? Ich höre immer öfter den Satz „Ich kümmere mich“ und vermisse danach ein „um die Kinder/diese Sache/Angelegenheit“ oder wenigstens ein „darum“. Was sagt die deutsche Grammatik dazu?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

was sich kümmern genau braucht, hängt von der Sprachebene ab. In der Standardsprache gehört sich kümmern (sorgen für, sich befassen mit) zu den Verben, die obligatorisch mit einem Präpositionalobjekt stehen. Es verlangt ein Objekt mit um oder ein stellvertretendes darum:

sich um jemanden/etwas kümmern

Ich kümmere mich um die Kinder.
Wer kümmert sich um die Verpflegung?
Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!

Ich kümmere mich um sie.
Wer kümmert sich darum?
Kümmere dich darum!

In der Umgangssprache hingegen (und nicht nur dort) wird sich kümmern manchmal ohne um oder darum verwendet:

Ich kümmere mich.
Wer kümmert sich und an wen kann man sich wenden?

In der Standardsprache ist die Verwendung von sich kümmern ohne um/darum aber, wie gesagt, nicht üblich. Sie erwarten also zu Recht ein um, wenn Sie sich kümmern hören oder lesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ohne um kommt das nicht reflexive kümmern (angehen, betreffen) aus, das mit einem Akkusativobjekt steht:

etwas kümmert jemanden
Was kümmert mich ihre Meinung?
Wie wir es organisieren, braucht euch nicht zu kümmern.

Davon und da … von

Frage

Darf man „davon“ einfach trennen? Ist „Da habe ich schon von gehört“ auch richtig oder stimmt nur „Davon habe ich schon gehört“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

in der Standardsprache werden daran darauf, daraus, dabei, dadurch, dafür, dagegen, dahinter, darin/darein, damit, danach, daneben, darüber, darum, darunter, davon, davor, dazu, dazwischen nicht getrennt. Als richtig gilt im Standarddeutschen nur:

Davon habe ich schon gehört.
Dafür haben sie viel Geld bezahlt.
Ich habe nichts damit zu tun.
Sie wollten nichts dagegen unternehmen.

Er konnte sich nicht daran gewöhnen.
Ich habe schon viel darüber gelesen.
Sie hat schwer darunter gelitten.
Wie kommst du denn darauf?

Die getrennten Formen kommen – je nach Region mehr oder weniger häufig – in der Umgangssprache vor. Sie gelten standardsprachlich als nicht korrekt:

Da habe ich schon von gehört.
Da haben sie viel Geld für bezahlt.
Ich habe da nichts mit zu tun.
Sie wollten da nichts gegen unternehmen

Bei den Formen mit eingeschobenem r (daran, darauf usw.) steht anstelle der einfachen Präposition die entsprechende Form mit dr-:

Er konnte sich da nicht dran gewöhnen.
Ich habe da schon viel drüber gelesen.
Sie hat da schwer drunter gelitten.
Wie kommst du denn da drauf?

Auch mit Verdoppelung des da:

Da habe ich schon davon gehört.
Da haben sie viel Geld dafür bezahlt.
Ich habe da nichts damit zu tun.
Sie wollten da nichts dagegen unternehmen.
Er konnte sich da nicht daran gewöhnen
usw.

Siehe auch die entsprechenden Angaben auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Die getrennten Formen gelten, wie bereits gesagt, in der deutschen Standardsprache als zu vermeiden oder als nicht richtig. Die einen verstehen vielleicht kaum, was an den getrennten Formen falsch sein soll, während sie anderen wahrscheinlich ein Gräuel sind. Die Ablehnung der getrennten Formen hat nichts mit sprachinterner Logik zu tun. Es ist ein stilistischer Entscheid. Das sieht man gut, wenn man kurz über die Sprachgrenze schaut: Im Niederländischen, einer Sprache die eng mit der unseren verwandt ist, gibt es (fast) dieselben Adverbien. Sie werden sehr häufig getrennt verwendet, und zwar auch in der Standardsprache:

Daarvan weet ik niets / Daar weet ik niets van.
(Davon weiß ich nichts / Da weiß ich nichts von.)

Da man den Niederländischsprechenden kaum kollektiv sprachliche Inkompetenz vorwerfen kann, muss man davon ausgehen, dass die getrennten Formen kein Ding der Unmöglichkeit sind. Im Deutschen sollten die getrennten Formen „trotzdem“ nur in der Umgangssprache verwendet werden. Grundsätzlich unmöglich sind sie nicht, aber ihr Ansehen ist bei uns (vorläufig noch?) schlecht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Unterlagen im Büro (zu) liegen haben – mit oder ohne „zu“?

Frage

Seitdem ich im Osten von Deutschland wohne (ich komme aus Hamburg), höre ich öfter für mich seltsame Konstrukte:

Ich habe hier Herrn Meier zu sitzen.
Die Unterlagen habe ich im Büro zu liegen.

Meiner Meinung nach ist das „zu“ hier falsch. Natürlich gibt es andere Sätze, wo dies korrekt wäre: „Ich habe noch viel zu tun.“

Für mich ist der Unterschied, daß sich das „tun“ auf das Subjekt bezieht, das „sitzen“ oder „liegen“ sich aber auf das Objekt bezieht. Ich konnte eine Begründung bislang aber nicht grammatikalisch einwandfrei auflösen …

Antwort

Guten Tag Herr E.,

es handelt sich bei diesem zu tatsächlich um eine regionalsprachliche Erscheinung bei einer besonderen Konstruktion.

In der Standardsprache steht der Infinitiv der Verben stehen, liegen, hängen u. a. ohne zu, wenn er von haben abhängig ist, wenn eine Ortsangabe gemacht wird und wenn ausgesagt wird, dass jemand oder etwas an diesem Ort in gewisser Weise zur Verfügung steht (vgl. hier). Zum Beispiel:

Ich habe den Wagen vor der Tür stehen.
Sie hat viel Geld auf der Bank liegen.
Ich habe noch ein schwarzes Kleid im Schrank hängen.
Was hast du denn alles in deiner Tasche stecken?
Er hat seine Mutter bei sich wohnen.

Dabei entspricht der Akkusativ hier tatsächlich dem Subjekt des Infinitivs: Wagen ist Subjekt zu stehen, Geld Subjekt zu liegen usw. Wir haben es mit einem Akkusativ mit Infinitiv (a. c. i.) zu tun wie zum Beispiel bei Ich höre ihn kommen und Wir lassen die Kinder draußen spielen.

Entsprechend sollten auch Ihre Beispielsätze standardsprachlich ohne zu stehen:

Ich habe hier Herrn Meier sitzen.
Die Unterlagen habe ich im Büro liegen.

Bei dieser Konstruktion ist in gewissen Regionalsprachen die Verwendung von zu üblich (gemäß den Angaben in der Variantengrammatik vor allem im Osten Deutschlands), sie gilt standardsprachlich aber als nicht korrekt. Es heißt also standardsprachlich besser nicht:

Ich habe hier Herrn Meier zu sitzen.
Die Unterlagen habe ich im Büro zu liegen.

Wer sich in diesen Regionen der örtlichen Umgangssprache statt der Standardsprache bedient, macht hier aber auch mit zu nicht wirklich etwas falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht jede Infinitivgruppe mit „ohne“ und „zu“ verlangt ein Komma

Heute geht es gleich noch einmal um das Komma bei Infinitivgruppen:

Frage

Ich habe eine Frage zu §75 (1) des amtlichen Regelwerks. Dort steht unter anderem, dass ein Komma gesetzt werden muss, wenn die Infinitivgruppe mit um, ohne, statt, anstatt, außer, als eingeleitet ist.

Was bedeutet „eingeleitet“? Ich denke, dass diese Regel nur für Infinitivsätze gilt, die mit den entsprechenden Konjunktionen eingeleitet werden, und bin der Meinung, dass die Kommas in den folgenden Sätzen optional sind. Zumindest fände ich das logisch.

Ohne Dich zu gehen(,) ist keine Option.
Um den ganzen See zu laufen(,) schaffe ich nicht.

Beide Präpositionen haben keinen direkten Bezug zu den Infinitiven […]. Bedeutet „eingeleitet“, dass ein Komma gesetzt werden muss, wenn diese Wörter an erster Stelle zu finden sind […]?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

das Komma in Ihren beiden Beispielsätzen ist tatsächlich optional, das heißt, es kann, aber muss nicht gesetzt werden:

Ohne dich zu gehen(,) ist keine Option.
Um den ganzen See zu laufen(,) schaffe ich nicht.

Es handelt sich hier nicht um eingeleitete Infinitivgruppen, sondern um uneingeleitete Infinitivgruppen, an deren erster Stelle eine Präpositionalgruppe steht. Hier leiten ohne und um also nicht eine Infinitivgruppe ein, sondern „nur“ eine Nomengruppe, deren Fall sie bestimmen (ohne dich bzw. um den ganzen See). Beim zweiten Satz hat um außerdem eine andere Bedeutung als das um, das in der Rechtschreibregelung gemeint ist.

Eingeleitete Infinitivgruppen, die gemäß § 75(1) durch Kommas abgetrennt werden müssen, können in der Regel durch einen dass-Satz mit der gleichen Konjunktion ersetzt werden:

Ich gehe nicht weg, ohne dich noch einmal zu sehen.
Ich gehe nicht weg, ohne dass ich dich noch einmal sehe.

Warum hilfst du ihnen nicht, (an)statt nur herumzustehen?
Warum hilfst du ihnen nicht, (an)statt dass du nur herumstehst?

Außer wieder nach Hause zurückzukehren, konnten sie nichts tun.
Außer dass sie wieder nach Hause zurückkehrten, konnten sie nichts tun.

Es gibt nichts Schöneres, als in den Ferien in die Berge zu fahren.
Es gibt nichts Schöneres, als dass man in den Ferien in die Berge fährt.

Infinitivgruppen mit um zu können nicht durch einen dass-Satz, sondern durch einen Nebensatz mit damit ersetzt werden (dabei entsteht allerdings nicht immer ein stilistisch gelungener Satz):

Wir fahren in die Stadt, um euch zu besuchen.
Wir fahren in die Stadt, damit wir euch besuchen.

Wenn eine Präpositionalgruppe am Anfang eines Infinitivsatzes steht, ist der Ersatz mit dass bzw. damit nicht möglich:

Ohne dich zu gehen(,) ist keine Option.
nicht: Ohne dass …

Um den ganzen See zu laufen(,) schaffe ich nicht.
nicht: Damit …

Wenn man es etwas „grammatischer“ betrachtet, kann man auch sagen, dass uneingeleitete Infinitivgruppen Subjektsätze oder Objektsätze sind (sie haben im Gesamtsatz die Rolle des Subjekts oder eines Objekts), während eingeleitete Infinitivgruppen Adverbialsätze sind (sie haben im Gesamtsatz die Rolle einer Adverbialbestimmung). Sie lassen sich also auch über ihre Funktion im Gesamtsatz voneinander unterscheiden (vgl. hier).

Wer diese Unterscheidungen schwierig findet oder sonst Zweifel hat, setzt in solchen Fällen am besten ein Komma. Das ist auch dann richtig, wenn es sich trotz ohne oder um am Anfang nicht um eine eingeleitete Infinitivgruppe mit zu handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lieber sterben[,] als einen Kommafehler machen? – Das Komma bei Infinitiven mit „als“ und ohne „zu“

Frage

Ich sehe gerade diesen Satz: „Er wollte nichts weiter, als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.“ Gehört da tatsächlich ein Komma hin, obwohl es keine Infinitivgruppe ist? Oder müsste es korrekterweise heißen: „… als nach Hause ZU kriechen“ (und dann mit Komma)?

Antwort

Guten Tag Herr S.,

Ihre Frage besteht aus zwei Teilen: Kann man hier ohne zu formulieren und darf man dann ein Komma setzen?

Die erste Frage ist etwas schwieriger zu beantworten. Der Satz kann nämlich als eine Art erweiterte Modalverbkonstruktion empfunden und ohne zu formuliert werden:

Er wollte mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.
Er wollte nur mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.
Er wollte nichts weiter als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.

Man kann den erweiterten Infinitiv aber auch als „normalen“ Infinitivsatz interpretieren. Dann steht er mit zu:

Er wollte nichts weiter, als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause zu kriechen.

Einfacher ist die Antwort auf den zweiten Teil der Frage: Wenn ein erweiterter Infinitiv ohne zu steht, setzt man kein Komma (siehe hierzu auch: Infinitivgruppen: kein „zu“, kein Komma).

Das gilt auch in den eher seltenen Fällen, in denen ein erweiterter Infinitiv mit als eingeleitet wird, aber ohne zu steht. Eine Infinitivguppe mit zu muss nach § 75(1) der amtlichen Rechtschreibregelung durch ein Komma abgetrennt werden. Möglich sind also diese beiden Varianten:

Er wollte nichts weiter als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause kriechen.
Er wollte nichts weiter, als mit eingekniffenem Schwanz nach Hause zu kriechen.

Hier noch drei Beispiele:

Sie möchten nichts anderes als in Ruhe gelassen werden.
Sie möchten nichts anderes, als in Ruhe gelassen zu werden.

Ich kann nicht mehr als dir sagen, dass es mir leid tut.
Ich kann nicht mehr, als dir zu sagen, dass es mir leid tut.

Sie schwor, von ihr werde es niemand erfahren, lieber wolle sie sterben als etwas verraten.
Sie schwor, von ihr werde es niemand erfahren, lieber wolle sie sterben, als etwas zu verraten.

Ganz so dramatisch wie im letzten Beispielsatz geht es bei der Kommasetzung zum Glück nicht zu und her. Kaum jemand will lieber sterben[,] als einen Kommafehler [zu] machen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Sie“ und „er“ sind nicht immer eindeutig, aber trotzdem meist verständlich

Frage

In Sidos Song „Augen auf“ gibt es eine Zeile, die wie folgt lautet:

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama ihre kleine Schwester. Jetzt war sie nicht mehr der Mittelpunkt.

Wir haben uns kürzlich gefragt, ob die Pronomen so stimmen. „Jennys Mutter bekam ihre Schwester“ – aus dem Kontext ist klar, was gemeint ist, aber bezieht sich „ihre“ nicht auf „Mutter“ anstatt auf „Schwester“? Wäre „Jennys Mutter bekamen deren kleine Schwester“ korrekt?

Dann auch beim Satzanschluss „Jetzt war sie nicht mehr der Mittelpunkt“: Bezieht sich das „sie“ nicht auch auf die Mutter? Wie könnte man deutlich machen, dass man sich auf Jenny bezieht?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

Pronomen wie Personal- und Possessivpronomen beziehen sich auf etwas, das vorher oder seltener nachher genannt wird. Häufig gibt es rein formal mehr als ein mögliches Bezugswort, das heißt, es kann mehr als ein Wort geben, das in Genus und Numerus mit dem Pronomen übereinstimmt. Dann ergibt sich aus dem Kontext oder der Bedeutung der Wörter, auf welches dieser möglichen Bezugswörter sich das Pronomen bezieht. Das Bezugswort muss nicht das am nächsten stehende mögliche Wort sein. Einige Beispiele:

Der Mann suchte seinen Laptop vergebens. Er hatte ihn zu Hause vergessen.
(er = der Mann)

Der Mann suchte seinen Laptop vergebens. Er lag noch zu Hause.
(er = der Laptop)

Die Lehrerin sagte zur Schülerin, sie sei mit ihren Leistungen zufrieden.
(sie = die Lehrerin; ihren = des Mädchens)

Die Lehrerin ermahnte die Schülerin, sie solle ihr besser zuhören.
(sie = die Schülerin; ihr = der Lehrerin)

In den meisten Fällen ergibt sich aus dem Kontext, den Wortbedeutungen und/oder unserer allgemeinen Kenntnis, was gemeint ist. Wenn dem nicht so ist, sollte man umformulieren. Manchmal hilft dabei deren/dessen, sonst muss das Wort wiederholt oder eine Umschreibung gewählt werden (zum Beispiel mit einem Synonym oder einem Oberbegriff).

Den Songtext, um den es Ihnen geht, halte ich für eindeutig. Es ist deutlich, dass Mama nicht ihre eigene kleine Schwester, sondern Jennys kleine Schwester bekam. Dadurch wurde nicht die Mutter, sondern Jenny aus dem Mittelpunkt verdrängt. Das ergibt sich unter anderem daraus, dass wir wissen, dass ein erstes Kind bei der Geburt eines zweiten Kindes häufig so empfindet.

Wenn Sie den Text doch noch präziser formulieren möchten, könnten Sie zum Beispiel wie folgt vorgehen:

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama deren kleine Schwester. Jetzt war Jenny nicht mehr der Mittelpunkt.

Jenny war so niedlich als sie sechs war. Doch dann bekam Mama Jennys kleine Schwester. Jetzt war das Mädchen nicht mehr der Mittelpunkt.

Das führt aber zu einem wenig eleganten Text und ist, wie gesagt, nicht nötig.

Pronomen drücken rein formal nicht immer eindeutige Beziehungen aus. Sie müssen sich nicht zum Beispiel auf das ihnen am nächsten stehende Wort beziehen, das in Genus und Numerus mit ihnen übereinstimmt. Wenn es mehr als ein mögliches Bezugswort gibt, erschließt sich der Bezug meist aus dem Kontext, der Wortbedeutung und/oder unserer Kenntnis der Welt. Nur wenn dies nicht der Fall ist, muss anders formuliert werden.

Ist es nicht erstaunlich, mit wie viel formaler Uneindeutigkeit wir problemlos umgehen können?!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reihenfolge der Adjektive: der rote, kleine Wagen oder der kleine, rote Wagen?

Frage

Eine Frage zu den Adjektiven als Attribut: Gibt es eine Reihenfolge, die man beachten muss, wenn man mehrere Adjektive als Attribut vor einem Nomen hat?

Antwort

Guten Tag Frau J.,

wenn mehrere Adjektive vor einem Nomen stehen und die Adjektive das Nomen in gleicher Weise bestimmen, ist die Reihenfolge im Prinzip egal. Es gibt zwar typischere und weniger typische Reihenfolgen (so stehen zum Beispiel Farbadjektive, Materialangaben, Herkunftsangaben u. Ä. meist näher beim Nomen als andere Adjektive), aber es gibt im Deutschen keine feste Reihenfolge der Adjektive vor einem Nomen, die man streng befolgen muss.

In diesem Sinne ist die Reihenfolge bei gleichrangigen Adjektiven (Nebenordnung) im Prinzip frei:

langes, lockiges Haar
lockiges, langes Haar

ein großer, verwilderter Garten
ein verwilderter, großer Garten

ein gut erhaltenes, altes Fahrrad
(= ein Fahrrad, das gut erhalten und alt ist)
ein altes, gut erhaltenes Fahrrad
(= ein Fahrrad, das alt und gut erhalten ist)

der kleine, rote Wagen
(= der Wagen ist klein und rot)
der rote, kleine Wagen
(= der Wagen ist rot und klein)

Wenn die Adjektive nicht gleichrangig sind (Unterordnung), bestimmt das näher stehende Adjektiv das Nomen näher. Das weiter weg stehende Adjektiv bestimmt die nach ihm stehende Adjektiv-Nomen-Gruppe näher. Je näher das Adjektiv beim Nomen steht, desto enger ist es mit ihm verbunden:

ein gut erhaltenes altes Fahrrad
(= ein altes Fahrrad, das gut erhalten ist)
ein altes gut erhaltenes Fahrrad
(= ein gut erhaltenes Fahrrad, das nicht neu, sondern alt ist)

ein kleiner roter Wagen
(= ein roter Wagen, der klein ist)
ein roter kleiner Wagen
(= ein kleiner Wagen, der rot und nicht z. B. blau ist)

Die Reihenfolge von Adjektiven vor einem Nomen ist also nicht immer ganz unwichtig und bedeutungslos, aber verbindliche Regeln gibt es nicht. Auch bei der Nebenordnung und Unterordnung von Adjektiven gibt es übrigens mehr Freiheit, als oft beschrieben wird (siehe hier).

Ich hoffe, dass Sie nicht enttäuscht sind, dass ich keine einfachen, verbindlichen Regeln oder verbindlichen, einfachen Regel angeben kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wird, werdet oder werden euresgleichen dies nie verstehen?

Frage

Welcher der folgenden Sätze ist korrekt? Verwendet man hier „wird“, „werdet“ oder „werden“?

Euresgleichen wird dies nie verstehen.
Euresgleichen werdet dies nie verstehen.
Euresgleichen werden dies nie verstehen.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

mit dem Wort euresgleichen richtet man sich zwar an eine zweite Person Mehrzahl, aber das Verb steht trotzdem in der dritten Person Einzahl. Die Pronomen meinesgleichen, deinesgleichen, seinesgleichen usw. bedeuten nämlich jemand wie …, und wie jemand werden sie als dritte Person Einzahl behandelt, wenn sie allein stehend Subjekt sind:

Meinesgleichen hat das nicht nötig.
Deinesgleichen sollte nicht so reden.
Ist unseresgleichen dort noch sicher?
Ihresgleichen wird immer etwas zu klagen haben.

Richtig ist also:

Euresgleichen wird dies nie verstehen.

Anders sieht es aus, wenn man meinesgleichen usw. mit einem anderen Wort zu einem mehrteiligen Subjekt erweitert. Dann geht man gleich vor, wie wenn mit einer anderen dritten Person Einzahl kombiniert wird (vgl. hier):

Ich und meinesgleichen haben das nicht nötig.
Du und deinesgleichen solltet nicht so reden.
Sind wir und unseresgleichen dort noch sicher?
Hans und seinesgleichen werden immer etwas zu klagen haben.

Ihr und euresgleichen werdet dies nie verstehen.

Zu guter Letzt noch eine zwar gut gemeinte, aber forcierte und stilistisch wenig gelungene abschließende Formulierung: Meinesgleichen wünscht, dass Ihresgleichen ein gutes Wochenende haben möge. Besser und meiner Meinung nach auch freundlicher:

Schönes Wochenende!

Dr. Bopp

Wonach richtet sich das Verb bei Subjekten mit „nicht (nur) … sondern (auch) …“?

Frage

Mal wieder ein Kongruenzproblem, für das ich in den einschlägigen Nachschlagewerken keine befriedigende Lösung finde. Es geht um diesen Satz: „Es wird so sein, dass nicht die Mutter die Blicke auf sich ziehen wird, sondern ihre Kinder.“ In der Leo-Grammatik steht zwar, dass sich die Personalform des Verbs nach dem ihm am nächsten stehenden Subjekt richtet, aber das kann hier ja nicht gelten. Wie würde hier die Regel lauten? Ist der Satz so korrekt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

nach der „Regel“, die Sie in der LEO-Grammatik gefunden haben, richtet sich das Verb bei einem mehrteiligen Subjekt mit nicht (nur)  – sondern (auch) tatsächlich nach dem Teil des mehrteiligen Subjekts, der am nächsten beim Verb steht:

Nicht nur die Bank, sondern auch die Lieferbetriebe erheben zusätzliche Gebühren.
Nicht nur die Lieferbetriebe, sondern auch die Bank erhebt zusätzliche Gebühren.

Nicht die Mutter, sondern ihre Kinder werden die Blicke auf sich ziehen.
Nicht die Kinder, sondern ihre Mutter wird die Blicke auf sich ziehen.

So weit ist die Lage übersichtlich. Ihr Beispielsatz ist deshalb komplizierter, weil er zwei verschiedene Phänomene in sich birgt:

1) Das mehrteilige Subjekt steht in einem Nebensatz:

Stimmt es, dass nicht nur die Bank, sondern auch die Lieferbetriebe zusätzliche Gebühren erheben?
Stimmt es, dass nicht nur die Lieferbetriebe, sondern auch die Bank zusätzliche Gebühren erhebt?

Es wird so sein, dass nicht die Mutter, sondern ihre Kinder die Blicke auf sich ziehen werden.
Es wird so sein, dass nicht die Kinder, sondern ihre Mutter die Blicke auf sich ziehen wird.

Auch hier gilt, dass das Verb sich nach dem Teil des mehrteiligen Subjekts richtet, der ihm am nächsten steht.

2) Die sondern-Gruppe wird vom anderen Subjektteil getrennt an des Schluss des Satzes ins Nachfeld verschoben. In einem Hauptsatz ist das immer noch relativ problemlos:

Nicht nur die Bank erhebt zusätzliche Gebühren, sondern auch die Lieferbetriebe.
Nicht nur die Lieferbetriebe erheben zusätzliche Gebühren, sondern auch die Bank.

Nicht die Mutter wird die Blicke auf sich ziehen, sondern ihre Kinder.
Nicht die Kinder werden die Blicke auf sich ziehen, sondern ihre Mutter.

1) + 2) Problematischer wird es erst, wenn die sondern-Gruppe wie in Ihrem Beispiel in einem Nebensatz steht und von der nicht-Gruppe getrennt ins Nachfeld ausgelagert wird. Dann steht die sondern-Gruppe direkt nach dem abschließenden Verb des Nebensatzes. Gemessen am reinen Wortabstand steht sie nun zwar näher beim Verb, sie ist aber trotzdem „weiter weg“, weil sie sozusagen aus dem Satz ausgelagert worden ist. Das Verb richtet sich dann nach dem Subjektteil, der vor ihm im Mittelfeld steht:

Stimmt es, dass nicht nur die Bank zusätzliche Gebühren erhebt, sondern auch die Lieferbetriebe?
Stimmt es, dass nicht nur die Lieferbetriebe zusätzliche Gebühren erheben, sondern auch die Bank?

Es wird so sein, dass nicht die Mutter die Blicke auf sich ziehen wird, sondern die Kinder.
Es wird so sein, dass nicht die Kinder die Blicke auf sich ziehen werden, sondern ihre Mutter.

Die Angabe, die Sie in der LEO-Grammatik gefunden haben, müsste eigentlich für Fälle wie diesen präzisieren, dass mit „näher“ nicht immer der reine Wortabstand gemeint ist. Wie die Antwort auf Ihre Frage vielleicht zeigt, kann es aber manchmal eher verwirrend als hilfreich sein, wenn man ganz präzise sein will. Deshalb für den Allgemeingebrauch einfacher: In den meisten Fällen richtes sich das Verb bei mehrteiligen Subjekten mit nicht (nur) – sondern (auch) nach dem Teil des Subjekts, das ihm am nächsten steht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp