Die Mütze, sie/diese/die ist rot

Frage

Ich habe eine Frage zur Verwendung von Demonstrativpronomina: In meiner Schulzeit habe ich gelernt, dass man „diese(r/s)“ verwenden muss, wenn man sich auf das letzte Substantiv im vorherigen Satz bezieht. Beispiel:

Die Ente trägt eine Mütze. Diese ist rot.

Nun hat es sich aber eingebürgert, dass stattdessen oft „der/die/das“ verwendet wird, also:

Die Ente trägt eine Mütze. Die ist rot.

Das klingt in meinen Ohren schrecklich umgangssprachlich. Da meine Schulzeit aber schon eine Weile zurückliegt, würde mich interessieren, wie die offizielle Regelung hierzu aussieht. Gibt es eventuell eine Stelle im Duden, die man heranziehen kann? Mittlerweile habe ich sowohl das Internet als auch die Duden-Grammatik durchforstet, ohne einen brauchbaren Hinweis zu finden.

Antwort

Guten Tag Frau M.,

Sie finden hier keine festen Regeln, weil die Wahl des Pronomens (diese, die bzw. sie) keine grammatische, sondern eine stilistische Entscheidung ist. Dafür gibt es keine verbindlichen oder offiziellen Regeln.

Keine der folgenden Formulierungen ist falsch:

a) Die Ente trägt eine Mütze. Sie ist rot.
b) Die Ente trägt eine Mütze. Diese ist rot.
c) Die Ente trägt eine Mütze. Die ist rot.

Während bei a) mit etwas gutem Willen auch die Ente rot sein könnte, ist bei b) und c) deutlicher, dass die Mütze rot ist. Dabei ist diese formeller und die etwas weniger formell, ohne gleich umgangssprachlich zu sein. Für einen formellen Text würde ich deshalb diese oder sie empfehlen. In der Alltagssprache ist die aber auch gut vertretbar. Ebenso zum Beispiel:

Wir schauen in den Himmel und er ist blau.
Wir schauen in den Himmel und dieser ist blau.
Wir schauen in den Himmel und der ist blau.

Beim Bezug auf Personen gilt die Wahl von die oder der statt sie bzw. er allerdings als unhöflich und/oder umgangssprachlich:

Frau S. ist meine Nachbarin, aber die sieht man kaum.
Kennst du Rolf? Dem würde ich nicht vertrauen.

Hier geht es aber nicht um eine Person. Es ist also nicht gleich schrecklich umgangssprachlich, wenn man sich mit die auf die Mütze der Ente bezieht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wer reinigt die selbstreinigende Küche?

Frage

In meiner Dienststelle hängt folgender Hinweis:

Diese Küche (incl. Kühlschrank etc.) ist selbstreinigend, d. h. jeder, der diese schmutzig macht, reinigt sie auch selbst.

Aus meiner Sicht liegt hier ein klarer sprachlicher Widerspruch vor. Das Adjektiv „selbstreinigend“ beschreibt eine technische Eigenschaft von Dingen, also z. B. bei einem „selbstreinigenden Ofen“ oder einer „selbstreinigenden Toilette“. Es bedeutet, dass sich ein Objekt ohne äußeres Zutun selbst säubert – durch einen eingebauten Mechanismus.

In dem genannten Satz ist jedoch nicht die Küche gemeint, die sich eigenständig reinigt, sondern eine Aufforderung an Personen, ihren Schmutz selbst zu beseitigen.  […]

Es geht mir nicht um Humor oder Ironie, sondern um sprachliche Klarheit und Kohärenz. […] Daher meine Frage an Sie: Ist die Formulierung „Diese Küche ist selbstreinigend“ – in diesem Zusammenhang – aus sprachwissenschaftlicher Sicht korrekt, vertretbar oder inkonsequent?

Antwort

Guten Tag Herr A.,

Sie haben recht: Eine selbstreinigende Küche ist eine Küche, die sich selbst reinigt. Es ist keine Küche, die man selbst reinigen muss. Es handelt sich hier um einen bekannteren, ursprünglich nur witzig, ironisch oder zynisch gemeinten Spruch, der des Öfteren nicht ganz richtig verwendet wird.

Wenn ein Partizip I (Partizip Präsens) ein Substantiv näher bestimmt, ist dieses Substantiv das Subjekt der Verbhandlung:

der fahrende Zug = der Zug fährt
die lachenden Dritten = die Dritten lachen
eine enttäuschende Entscheidung = die Entscheidung enttäuscht

das selbstfahrende Taxi = das Taxi fährt selbst
selbstklebende Etiketten = die Etiketten kleben selbst
eine selbsttragende Konstruktion = die Konstruktion trägt sich selbst
die selbstreinigende Küche = die Küche reinigt sich selbst

So wie man das selbstfahrend Taxi nicht selbst fahren muss, die selbstklebende Etikette auch durch jemand anderen aufkleben lassen kann und eine selbsttragende Konstruktion nicht selbst abstützen muss, so muss man eine selbstreinigende Küche auch nicht selbst reinigen. Das Taxi fährt sich selbst, die Etikette klebt von selbst, die Konstruktion trägt sich selbst und die Küche reinigt sich selbst – wenn man den Behauptungen der Herstellerfirmen und Marketingmenschen glauben darf.

Wenn ausgedrückt werden soll, was offenbar mit dem Hinweis in Ihrer Dienststelle gemeint ist, gibt es eine andere Formulierung mit dem Partizip I, mit der man „müssen“ ausdrücken kann:

Dies ist eine selbst zu reinigende Küche = eine Küche, die selbst gereinigt werden muss

Vgl. zum Beispiel:

der zu nehmende Zug = der Zug, den man nehmen muss
die zu respektierenden Dritten = die Dritten, die man respektieren muss
die zu treffende Entscheidung = die Entscheidung, die getroffen werden muss
selbst aufzuklebende Etiketten = Etiketten, die man selbst aufkleben muss

Der Hinweis „Diese Küche ist selbstreinigend“ ist also entweder humoristisch gemeint oder nicht richtig formuliert. Dass dies nicht für alle selbsterklärend ist, zeigt die Verwendung des Spruches in Ihrer Dienstelle und an manchen anderen Orten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Stimmt es, dass hier die Kommas im Nebensatz wegzulassen besser ist?

Vor allem für diejenigen, die sich für Subtilitäten der Zeichensetzung interessieren, hier ein Problem, das ich nicht eindeutig zu lösen weiß:

Frage

Mit der Herausgabe des amtlichen Regelwerks im Jahr 2024 wurde das Kapitel zur Zeichensetzung vollständig überarbeitet. Besonders bei den infiniten Nebensätzen wurden viele, früher fakultative Vorschriften nun obligatorisch. Zum Beispiel müssen nun Subjektinfinitive aufgrund ihrer Satzwertigkeit mit einem Komma abgetrennt werden. Leider konnte ich weder in Ihrem Blog noch im Regelwerk etwas finden, was deren Kommatierung innerhalb von Nebensätzen beschreibt.

Konkret fiel mir beim Lesen folgender Satz auf:

Er erkannte, dass den Mund zu halten besser war, als zu reden.

In einem Hauptsatz wäre das Komma unstrittig:

Den Mund zu halten, war besser, als zu reden.

Auch mit einem Verweiswort/Korrelat wäre die Kommasetzung klar geregelt:

Er erkannte, dass es besser war, den Mund zu halten, als zu reden.

[…] Wie verhält es sich nun hinsichtlich Grammatik und korrekter Zeichensetzung? Ist die Kommatierung eines Subjektinfinitivs innerhalb eines Nebensatzes erforderlich, erlaubt oder verboten?

… dass[,] den Mund zu halten[,] besser war …

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

im Prinzip werden infinite Nebensätze durch Kommas vom übergeordneten Satz abgetrennt. Nach der aktuellen Version der Rechtschreibregeln gilt dies, wie Sie richtig bemerken, auch für infinite Nebensätze mit Subjektfunktion:

Sich selbst zu besiegen, ist der schönste Sieg.
Unsere Gäste zu verwöhnen, macht uns Freude.
Den Mund zu halten, war besser, als zu reden.

Was bedeutet dies für den besonderen Fall in Ihrer Frage? Eine einfache Antwort mit einem Hinweis auf eine Regel muss ich Ihnen schuldig bleiben. Im Regelwerk wird keine Ausnahme für Subjektinfinitive in eingeleiteten Nebensätzen angegeben. Der Infinitiv (den Mund) zu halten bildet meiner Meinung nach auch kein mehrteiliges Prädikat mit war besser, so dass auch hier eigentlich Kommas gesetzt werden müssten. Es kommt ja ein infiniter Nebensatz vor, der nach der allgemeinen Regel abgetrennt werden sollte:

Stimmt es, dass, sich selbst zu besiegen, der schönste Sieg ist? [??]
Wichtig ist, dass, unsere Gäste zu verwöhnen, uns Freude macht. [??]
Er erkannte, dass, den Mund zu halten, besser war, als zu reden [??]

So machen wir es  auch bei andere Nebensätze mit eingeschobenen finiten oder infiniten Nebensätzen (die allerdings nicht Subjekt sind):

Telemachus erkannte, dass, wenn er Gott dienen wollte, er den Menschen dienen müsste.
Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen, das Schiffsvolk einen Albatros ergreift …

Die eingeklammerten Fragezeichen oben sollen angeben, dass ich die Kommasetzung dort für nicht gelungen bis sehr zweifelhaft halte. Als „Lösung“ könnte man hier eine Ausnahme formulieren, die nicht in den Regeln vorgesehen ist und wie folgt lautet: Infinite Nebensätze als Subjekt eines eingeleiteten Nebensatzes werden nicht durch Kommas abgetrennt:

Stimmt es, dass sich selbst zu besiegen der schönste Sieg ist?
Wichtig ist, dass unsere Gäste zu verwöhnen uns Freude macht.
Er erkannte, dass den Mund zu halten besser war, als zu reden.

Wenn auch diese Zeichensetung nicht überzeugt oder wenn man dies alles etwas zu kompliziert findet, kann man das Kommaproblem umgehen, indem man zu weglässt. Das ist bei Subjektinfinitiven möglich:

Stimmt es, dass sich selbst besiegen der schönste Sieg ist?
Wichtig ist, dass unsere Gäste verwöhnen uns Freude macht.
Er erkannte, dass den Mund halten besser war als reden.

Noch besser ist es oft, etwas weniger verschachtelt zu formulieren:

Sich selbst zu besiegen, ist der schönste Sieg. Stimmt das?
Wichtig ist, dass es uns Freude macht, unsere Gäste zu verwöhnen.
Er erkannte, dass es besser war, den Mund zu halten, als zu reden.

Das gilt auch für den nicht allzu leicht verständlichen Titel dieses Beitrages:

Stimmt es, dass es besser ist, im Titel oben die Kommas im Nebensatz wegzulassen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Er macht ein[’n] Fehler – falscher Nominativ oder (fast) unhörbarer Akkusativ?

Frage

Seit geraumer Zeit stelle ich fest, dass für unbestimmte Artikel und Possessivpronomen im Maskulinum Akkusativ gehäuft der Nominativ verwendet wird.

Diesen Wechsel höre ich überall im Alltag, jedoch mittlerweile auch in Filmen, Dokumentationen und Nachrichten. Ist das eine bekannte Entwicklung? Das ist doch einfach fehlerhaft oder habe ich ein Missverständnis?

Beispiele aus dem TV (gestern innerhalb von 3 Stunden):

Ich hab’ kein Schlaf.
Ein Augenblick!
Er macht ein Fehler.
Wir haben ein Hund.
Wenn sie kein Ehevertrag haben, …
Ich mach mir ein Kaffee.
Ich habe auch mein Stolz!
Er soll sich um sein Kram kümmern.
Nehmen Sie ein Schirm mit, es könnte regnen.

Antwort

Guten Tag D.,

auch Muttersprachler und Muttersprachlerinnen verwechseln im „Hochdeutschen“ je nach unterliegendem Dialekt manchmal den Akkusativ und den Nominativ. Das kann dann passieren, wenn es den Unterschied im Dialekt nicht oder kaum gibt. Ich vermute aber, dass dies hier nicht der Fall ist. Es handelt sich bei den Äußerungen, die Sie irritieren, sehr wahrscheinlich nicht um falsche Nominative, sondern um nicht gut hörbare Akkusative.

In der eher informellen (schnell) gesprochenen Sprache fällt bei unbetontem -el, -em und -en am Wortende je nach Region häufig das unbetonte e aus (fachsprachlich unter anderem: optionale Schwa-Tilgung in Reduktionssilben; silbische Konsonanten**). In der geschriebenen Sprache beibt das weggefallene e in der Regel erhalten. Ich schreibe es hier zur Verdeutlichung als Apostroph:

Apf’l (Apfel)
eit’l (eitel)
kein’m (keinem)
rot’m (rotem)
red’n (reden)
les’n (lesen)
Blum’n o. Blum’m (Blumen)

Wenn das unbetonte e der Endung -en nach einem n ausfällt, folgen zwei n aufeinander. Das ist bei schnellerem Sprechen kaum oder gar nicht zu hören**:

Banan’n (Bananen)
spinn’n (spinnen)

Entsprechend auch:

Ich hab kein’n Schlaf.
Ein’n Augenblick!
Er mach ein’n Fehler.
Wir haben ein’n Hund.
Wenn sie kein’n Ehevertrag hab’n …
Ich mach mir ein’n Kaffee.
Ich hab auch mein’n stolz!
Er soll sich um sein’n Kram kümmern.
Nehm’n Sie ein’n Schirm mit!

Ich weiß natürlich nicht mit Sicherheit, ob dies in alle Ihren Beispielen der Fall ist, aber ich vermute, dass es sich in der Regel um eine solchen Ausfall des unbetonten e handelt. Sie haben also sehr wahrscheinlich keine falschen Nominative, sondern kaum/nicht hörbare Akkusative gehört.

Mit freundlich’n Grüß’n

Dr. Bopp

** Was nach dem e-Ausfall übrig bleibt, behält seinen Wert als Silbe. Das ist bei langsamem Sprechen gut zu hören:

A-pf’l
ei-t’l
kei-n’m
re-d’n
ei-n’n
kei-n’n
mei-n’n

Gereihte Nebensätze als Subjekt

Frage

Ich habe noch folgende Fragen:

Seine Stärke ist, dass er fleißig ist. Er kann auch gut zuhören.

In diesem Fall heißt es „Stärke“, weil nur eine Stärke („fleißig“) innerhalb des Satzes genannt wird.

Die folgenden Sätze seien aber nicht richtig:

Zu seinen Stärken zählen, dass er fleißig ist und dass er gut zuhören kann.
Zu seinen Schwierigkeiten gehören, dass er nicht lesen und nicht schreiben kann.

Warum sind „zählen“ und „gehören“ hier nicht richtig? Es werden doch zwei Stärken bzw. Schwierigkeiten genannt. Offenbar hat es etwas damit zu tun, ob ich die Stärken bzw. Schwierigkeiten mit Nomen („Fleiß“) benenne oder in Form eines Nebensatzes („dass er fleißig ist“). […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

in Ihren Beispielen geht es darum, dass Nebensätze Subjekt sein können. Hier ein paar Beispiele:

Vorteilhaft ist, dass er fleißig ist.
Dass er fleißig ist, zählt zu seinen Stärken.
Dass er nicht lesen kann, ist schwierig für ihn.
Lesen zu können, wäre wichtig.

Zwei oder mehr Nebensätze bilden aber zusammen kein mehrteiliges Subjekt, das ein Verb im Plural verlangen würde:

nicht: *Vorteilhaft sind, dass er fleißig ist und dass er gut zuhören kann.
nicht: *Dass er fleißig ist und dass er gut zuhören kann, zählen zu seinen Stärken.
nicht: *Nicht lesen zu können und nicht schreiben zu können, sind schwierig für ihn.
nicht: *Lesen zu können und schreiben zu lernen, wären wichtig.

Was ist richtig? – Wenn das Subjekt aus zwei gereihten Nebensätzen (auch Infinitivsätzen) besteht, bleibt das Verb im Singular:

Vorteilhaft ist, dass er fleißig ist und dass er gut zuhören kann.
Dass er fleißig ist und dass er gut zuhören kann, zählt zu seinen Stärken.
Dass er nicht lesen kann und dass er nicht schreiben kann, ist schwierig für ihn.
Lesen zu können und schreiben zu lernen, wäre wichtig.

Gereihte Substantive hingegen bilden zusammen ein mehrteiliges Subjekt mit einem Verb im Plural:

Vorteilhaft sind sein Fleiß und die Fähigkeit, gut zuzuhören.
Sein Fleiß und seine Fähigkeit, gut zuzuhören, zählen zu seinen Stärken.
Seine Leseschwäche und seine Schreibschwäche sind schwierig für ihn.
Das Lesen und das Schreiben sind wichtig für ihn.

Kurz zusammengefasst: Bei gereihten Substantiven als Subjekt, steht das Verb meistens im Plural:

Fleiß und Aufmerksamkeit zählen zu seinen Stärke.

Bilden aber gereihte Nebensätze das Subjekt, bleibt das Verb im Singular:

Dass er fleißig ist und dass er gut zuhören kann, zählt zu seinen Stärken.
Fleißig zu sein und aufmerksam zuhören zu können, zählt zu seinen Stärken.

Normalerweise wählt man hier die richtige Verbform, ohne weiter dabei nachzudenken. Es kann aber nicht schaden, diese Besonderheit hier einmal zu erwähnen, zum Beispiel für den Fall, dass man wie Sie doch einmal darüber nachdenkt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verbformenreiche Formulierung:
Soll er sich haben ansprechen lassen, ansprechen haben lassen oder ansprechen lassen haben?

Frage

Wie sollte man Ihrer Meinung nach in diesem Satz die Verben anordnen? „Er soll sich mit ,Boss‘ ansprechen haben lassen“ („haben ansprechen lassen“, „ansprechen lassen haben“?). Ich finde im Duden leider nichts dazu und auch nicht in Ihrem Blog-Archiv unter dem Stichwort „Infinitiv(e)“.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

hier haben wir es wieder einmal mit einer Anhäufung von Verbformen zu tun, die nicht allzu oft vorkommt und bei der man leicht ins Stolpern geraten kann – vor allem wenn man anfängt, darüber nachzudenken.

Als standardsprachlich korrekt gilt hier:

Er soll sich mit Boss haben ansprechen lassen.
Er soll sich mit Boss ansprechen lassen haben.

Die allgemeine Regel lautet so:

Wenn eine Verbgruppe einen Ersatzinfinitiv von heißen, lassen, helfen, sehen, fühlen, hören enthält und dieser Ersatzinfinitiv vom Hilfsverb haben abhängig ist, wird das finite Hilfsverb im Nebensatz in der Regel vor die Verbgruppe gestellt. Zumindest bei lassen, sehen, fühlen, hören gilt aber die Endstellung des finiten Hilfsverbs auch als korrekt.

dass er sich mit Boss hat ansprechen lassen
dass er sich mit Boss ansprechen lassen hat

ob jemand die Verdächtigen habe weggehen sehen
ob jemand die Verdächtigen weggehen sehen habe

obwohl er das Kind hatte weinen hören
obwohl er das Kind weinen hören hatte

Die Regel gilt auch im folgenden Fall, in dem noch eine Verbform hinzukommt:

Das Hilfsverb haben steht auch dann vor den anderen Infinitiven, wenn es selbst im Infinitiv steht.

Er soll sich mit Boss haben ansprechen lassen.
Er soll sich mit Boss ansprechen lassen haben.

Jemand musste die Verdächtigen haben weggehen sehen.
Jemand musste die Verdächtigen weggehen sehen haben.

Er will das Kind haben weinen hören.
Er will das Kind weinen hören haben.

Siehe hierzu auch die LEO-Grammatik; Duden, Grammatik, 9. Auflage, 2016, Randnummer 684; Duden, Grammatik, 10. Auflage, 2022, Randnummer 658 ff.

Wie die Beispiele zeigen, sind Formulierungen dieser Art schwierig zu verwenden, ebenso schwierig zu erklären und manchmal auch gar nicht so einfach zu verstehen. Wenn sie nicht spontan der Tastatur entspringen oder wenn man zweifelt, ist es oft besser, etwas weniger verbformenreich zu formulieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von nichts zum Nichts

Frage

Heute geht es mal um „nichts“. Spaß beiseite: In einer Zeitungsüberschrift stand heute: „Von Nichts bis Amoklauf ist alles möglich.“ Ist die Großschreibung von „Nichts“ hier korrekt? Ich tendiere eher zur Kleinschreibung, aber das sieht irgendwie auch merkwürdig aus.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

hier sollte nichts tatsächlich kleingeschrieben werden. Nach § 58(4) der Rechtschreibregelung schreibt man Pronomen auch dann klein, wenn sie als Stellvertreter von Substantiven verwendet werden. Man schreibt das Pronomen nichts somit auch dann klein, wenn es von einer Präposition abhängig ist:

sich in nichts auflösen
mit nichts anfangen
viel Lärm um nichts
von nichts kommt nichts
aus nichts Neues schaffen

Entsprechend schreibt man nichts in Ihrem Beispiel klein, auch wenn es vielleicht manchen etwas seltsam vorkommt:

Von nichts bis Amoklauf ist alles möglich.

Man schreib groß, wenn das Substantiv das/ein Nichts gemeint ist. Das ist in der Regel in Verbindung mit einem Artikelwort der Fall:

vor dem Nichts stehen
sich über ein Nichts aufregen
aus dem Nichts auftauchen
aus dem Nichts Neues schaffen
Vom Nichts bis zum Amoklauf ist alles möglich.

Das ist zwar nicht nichts, aber doch relativ einfach und sollte somit nicht zu verzweifelten Amokläufen Anlass geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Morbus helveticus, Heimweh und Auffahrt

Frage

Wie schreibe ich folgenden Begriff korrekt: „Schweizer Krankheit“ oder „Schweizerkrankheit“? Oder sind beide Schreibweisen gleichermaßen möglich? Im WWW finden sich genauso viele Belege für „Schweizer Krankheit“ wie für „Schweizerkrankheit“ .

Antwort

Guten Tag Herr B.,

es gibt hier offenbar keine gefestigte Schreibung. Möglich und vertretbar ist beides:

Schweizer Krankheit = schweizerische Krankheit
Schweizerkrankheit = Krankheit der Schweizer
(Morbus helveticus = Heimweh)

Welches der beiden mit Morbus helveticus gemeint ist, lässt sich nicht eindeutig festlegen. Vergleiche hierzu ähnlich aufgebaute Krankheitsbegriffe und deren Schreibung in den Wörterbüchern:

französische/Französische Krankheit o. Franzosenkrankheit
(Morbus gallicus = Syphilis)
englische/Englische Krankheit
(Morbus Anglorum = Rachitis)

Sie können also Schweizer Krankheit oder Schweizerkrankheit schreiben. Es empfiehlt sich allerdings, innerhalb eines Textes oder einer Textreihe immer die gleiche Variante zu verwenden.

Der Begriff ist eine Bezeichnung für (krankhaftes) Heimweh, das Ende des 17. Jahrhunderts wahrscheinlich zum ersten Mal in der Schweiz beschrieben wurde. Dass die „Krankheit“ Schweizerkrankheit oder Schweizer Krankheit genannt wurde, soll an den vielen im Ausland engagierten Schweizer Söldnern gelegen haben, die daran litten.

Dass es gerade hier zu unterschiedlichen Schreibungen kommt, hat zwar nicht damit zu tun, es sieht aber wie ein Symptom einer anderen Schweizer „Krankheit“ aus: andere Rechtschreibgepflogenheiten als im Rest des deutschen Sprachraumes. So genießt man in der Schweiz zum Beispiel die Aussicht auf den Genfersee und wohnt man an der Baslerstrasse statt auf den Genfer See und an der Basler Straße (siehe diesen uralten Blogartikel zum Tessinerbrot).

Der morgige Tag zeigt übrigens, dass es auch bei der Wortwahl gewissen Eigenheiten gibt: Während man morgen im Allgemeinen Christi Himmelfahrt feiert und viele sich ein verlängertes Himmelfahrtswochenende gönnen, nennt man dies in der Schweiz Auffahrt und Auffahrtswochenende (mit Auffahrt ist also selbst in Schweizer Wintersportregionen nicht die Bergfahrt in einer Bergbahn vor der Skiabfahrt gemeint).

Schöne Himmelfahrt oder eben Auffahrt!

Dr. Bopp

Hexenbutter

Beim Wandern in der freien Natur fiel unser Auge auf etwas leuchtend Gelboranges, das ich zuerst als ein vor Kurzem weggeworfenes Stück Orangenschale ansah. Bei näherer Betrachtung war sofort klar, dass es etwas anderes sein musste. Aber was?

Mit Hilfe dieses Fotos und der online verfügbaren Suchhilfen kamen wir zum Schluss, dass es sich um Folgendes handeln musste: Gelbe Lohblüte oder Hexenbutter (Fuligo septica). Das ist eine Art Schleimpilz, der offenbar häufig vorkommt, mir aber vorher nie bewusst unter die Augen gekommen ist.

Hier geht es mir weniger ums Botanische (siehe dazu z. B. Wikipedia) als vielmehr um den Namen. Schon die Tatsache, dass es sich um einen „Schleimpilz“ handelt, ruft fantasievollste Assoziationen mehr oder weniger angenehmer Art auf. Noch schöner ist aber „Hexenbutter“. Die weiche, fast unnatürlich hellleuchtende Masse im Wald muss ein Klecks Butter sein, der von oder für Hexen gemacht wurde. Was denn sonst?!

Die Gelbe Lohblüte wird in verschiedenen Sprachen Hexenbutter genannt. Zum Beispiel:

dt.: Hexenbutter
nl.: heksenboter
poln.: masło czarownicy
lett.: ragansviests

Auch in anderen Sprachen ließ man der Fantasie bei der Namensgebung den freien Lauf. In den skandinavischen Sprachen heißt Fuligo septica ins Deutsche übersetzt „Trollbutter“. Nördliche Wälder werden von Trollen bewohnt, die offenbar wie die hiesigen Hexen auch hin und wieder ein wenig Butter im Wald verschütten.

dän.: troldsmør
nor.: trollsmør
schwe.: trollsmör

Damit ist das Repertoire aber noch lange nicht ausgeschöpft. Hier noch ein paar schöne Beispiele:

lett.: Hexenspucke (raganu spļāviens)
nor.: Trollspucke (trollspytt)
fin.: Parabutter (paranvoi [von einem Para, d.h. einem Fabelwesen, verschüttete Butter])
eng: Rühreischleim (scrambled egg slime)
engl: Hundekotzschleimpilz (dog vomit slime mold)
frz.: Hundekotze (vomi de chien)
port.: Hundekotze (vômito-de-cão)

Auch der lateinische Name ist, wenn man ihn wörtlich nimmt, nicht allzu schmeichelhaft:

lat.: Verwesungsruß (fuligo septica)

Daneben gibt es aber auch Namen, die sich weder an der Folklore noch an der eher unangenehmen Konsistenz dieses Schleimpilzes orientieren, sondern an seiner Farbe und Schönheit:

poln.: Schaumblüte (wykwit piankowaty)
ung.: Rainfarn-Schleimpilz (cservirág nyálkagomba)
frz.: Lohblüte (fleur de tan)
dt.: Gelbe Lohblüte

Was es nicht alles auf einem Nachmittagsspaziergang im Wald zu entdecken gibt!

Ist man über den Berg oder über dem Berg (wenn man das Gröbste hinter sich hat)?

Frage

Erlauben Sie bitte die folgende Frage:

Er ist über den Berg (er hat die Krise überstanden)!

Frage: Weshalb steht hier der Akkusativ? Keine statische Situation?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

wer über den Berg ist oder noch nicht über den Berg ist, hat die größte Schwierigkeit überwunden oder eben noch nicht überwunden. Es geht also um eine Situation, in der man sich befindet. Weshalb steht dann der Berg in der Redewendung im Akkusativ und nicht im Dativ (vgl. statisch über dem Berg und dynamisch über den Berg)?

Den Akkusativ kann man damit verteidigen, dass die Wendung als Verkürzung von (noch nicht) über den Berg gegangen/gekommen sein verstehen kann. Grammatisch lässt sich dieses Fallwahl somit einigermaßen „logisch“ erklären.

Seltener wird allerdings auch über dem Berg sein gesagt. Dass hier häufiger der Akkusativ als der Dativ steht, lieg an der Bedeutung von über. Hier ist nicht über = oberhalb gemeint, sondern das über, das mit dem Akkusativ steht und einen Ort angibt, der überquert wird (über den Platz gehen, über die Brücke fahren, über den Zaun springen, über den Berg gehen).

Nur das erste über ist eine sogenannte Wechselpräposition, die mit dem Akkusativ  (Angabe des Ziels der Handlung)  oder mit dem Dativ (statische Ortsangabe) stehen kann:

Sie hängten das Poster über das Sofa.
Das Poster hing über dem Sofa.

Beim zweiten über, um das es hier geht, fehlt sozusagen die statische Variante. Wenn man über den Berg gegangen ist, ist man danach nicht über dem Berg, sondern jenseits oder auf der anderen Seite des Berges:

Sie gingen über die Brücke.
Sie waren auf der anderen Seite/jenseits der Brücke.

über den Berg gehen
jenseits/auf der anderen Seite des Berges sein

Mit über dem Berg wird also eigentlich oberhalb des Berges gesagt. Vgl. zum Beispiel:

Dunkle Wolken hängen über dem Berg.
Der Adler kreist über dem Berg.

Darum steht über in Wendungen, bei denen sprichwörtlich Berge überwunden worden sind,  am besten mit dem Akkusativ:

über den Berg sein (die Krise überwunden haben)
längst über alle Berge sein (längst auf und davon / weit weg sein)

Nicht jedes über wird mit dam Akkusativ und dem Dativ verwendet oder: Das eine über ist das andere nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp