Der Esel kommt zuerst

Eine Frage, die in einem Kommentar (statt hier) gestellt wurde:

Frage

Ist irgendwo verankert, dass man sich bei Aufzählungen nicht zuerst nennen darf, oder ist es nur eine „Anstandsregel“? Zum Beispiel: ich und meine Kinder oder
 meine Kinder und ich?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

die Grammatik des Deutschen verbietet es nicht, in Aufzählungen sich selbst an erster Stelle zu nennen. Es ist eine reine Anstandsregel. Die Formulierung ich und mein Bruder, die man mich früher häufig sagen hörte, ist grammatisch völlig korrekt. Dennoch brachte sie mir – wie vielen anderen auch – meist ein ermahnendes „Der Esel kommt zuerst“ ein. (Auch „Der Esel nennt sich selbst zuerst“ hört man oft, doch das war bei uns nicht die übliche Variante.) Es ist also keine Frage der Grammatik, sondern eine Frage des Stils.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Tren-nung oder Trenn-ung?

Hier wieder einmal eine häufiger vorkommende Frage:

Fragen

  • Darf ich das Wort: Fragestellungen auch hinter den beiden ll trennen, also Fragestell- ungen?
  • Wie trennt man das Wort Mitarbeiterinnen? Mitarbeiter-innen oder Mitarbeite-rinnen?

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,
sehr geehrte Frau K.,

richtig trennt man:

Fragestel-lungen
Mitarbeite-rinnen

Wörter mit einem Suffix (einer Nachsilbe) wie -ung, -er, -in, -isch, -ig usw. trennt man wie einfache Wörter nach Sprechsilben. Das Suffix wird also nicht als Ganzes abgetrennt (außer wenn es einer Sprechsilbe entspricht). Zum Beispiel:

Stel-lung (nicht: Stell-ung)
Trai-ning (nicht: Train-ing)
Spie-ler (nicht: Spiel-er)
Spie-le-rin (nicht: Spiel-er-in)
schlam-mig (nicht: schlamm-ig)
bas-kisch (nicht: bask-isch)

Nur wenn das Suffix auch einer Sprechsilbe entspricht, wird es als Ganzes abgetrennt. Zum Beispiel:

Schön-heit
Wachs-tum
brief-lich

Genauere Angaben zur Trennung nach Sprechsilben finden Sie hier.

Präfixe (Vorsilben) hingegen werden immer als Ganzes abgetrennt:

aus-atmen
Ein-fluss
ent-arten
be-klemmen
Ge-zwitscher
Re-flex
zu-kneifen

Sehen Sie hierzu diese Rechtschreibregel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Im Iran oder in Iran? Ländernamen und der Artikel

Frage

Heißt es in Iran oder im Iran?

Antwort

Guten Tag K.,

die Ländernamen Iran und Irak werden im Deutschen sowohl mit als auch ohne Artikel verwendet:

der Iran oder Iran
im Iran oder in Iran
in den Iran oder nach Iran
aus dem Iran oder aus Iran
die Hauptstadt des Iran[s] oder die Hauptstadt Irans

Beide Varianten sind im Standarddeutschen richtig. Nach dem Länderverzeichnis des Auswärtigen Amtes für den amtlichen Gebrauch in der Bundesrepublik Deutschland  wird in amtlichen Schriftstücken die Variante ohne Artikel verwendet. Außerhalb von amtlichen Schriftstücken ist aber, wie gesagt, auch die Variante mit Artikel richtig und gebräuchlich.

Ähnliches gilt für die folgenden Staatennamen:

der Jemen oder Jemen
der Kongo oder Kongo
der Kosovo oder Kosovo
der Libanon oder Libanon
der Niger oder Niger
der Senegal oder Senegal
der Tschad oder Tschad

Weibliche Ländernamen stehen immer mit dem Artikel:

die Elfenbeinküste
die Mongolei
die Schweiz
die Slowakei
die Türkei
die Dominikanische Republik

Auch Staatenbezeichnungen, die in der Mehrzahl stehen, werden immer vom bestimmten Artikel begleitet. Zum Beispiel:

die Malediven
die Niederlande
die Philippinen
die Seychellen
die Vereinigten Arabischen Emirate
die Vereinigten Staaten von Amerika

Das Nette oder, wenn man es nicht mehr weiß, das Ärgerliche an der Sache ist, dass fast nicht vorherzusagen ist, welche Ländernamen mit dem Artikel stehen. Man muss diese Ausnahmen einfach lernen oder nachschlagen. Nur bei den in der Mehrzahl stehenden Ländernamen ist es etwas einfacher: Sie enthalten entweder ein Wort im Plural (Staaten, Emirate) oder es ist eine Inselgruppe und der Name endet auf -en. Aber auch hier gibt es natürlich Ausnahmen, denn wer weiß zum Beispiel schon auf Anhieb, dass Lande in die Niederlande ein alter Plural von Land ist?

Fortgeschrittene könne sich an die Namen von Regionen und Landstrichen wagen. Dort gibt es nämlich auch noch Namen, die mit dem Artikel das stehen. Zum Beispiel das Burgund, das Elsass, das Saarland (vgl. hierzu Griechenland …) usw.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Holzbrett und die Einladung zur Ladeneröffnung

Heute stellte ein englischsprachiger CanooNet-Nutzer die Frage, warum das Verb laden zweimal aufgeführt sei, obwohl doch beide Verben die genau gleichen Wortformen haben. Ich wollte dem Herrn flugs antworten, dass die beiden Verben nicht nur eine unterschiedliche Bedeutung haben (einfüllen, beladenzum Kommen auffordern), sondern auch einen anderen Ursprung. Letzteres musste ich dann aber doch noch überprüfen, denn ganz sicher war ich mir dessen nicht. Ich hatte „natürlich“ recht (denn sonst würde ich diesen Beitrag ja nicht schreiben):

Das erste laden mit der Bedeutung einfüllen, beladen usw. lautete im Mittelhochdeutschen laden und im Althochdeutschen [h]ladan und hatte ursprünglich die Bedeutung hinbreiten, aufschichten.

Das zweite laden mit der Bedeutung zum Kommen auffordern war ursprünglich ein schwaches, das heißt regelmäßig gebeugtes Verb (ahd. ladon). Als die Grundformen der beiden Verben lautlich zusammenfielen, übernahm dieses schwache Verb langsam alle Formen seines starken „Konkurrenten“, so dass heute beide Verben genau gleich konjugiert werden:

laden; lädst, lädt; lud; geladen

Über den genauen Ursprung des zweiten Verbs ist man sich in der Gelehrtenwelt wieder einmal nicht ganz einig. Wahrscheinlich geht es auf einen alten Stamm zurück, dessen Bedeutung etwas mit gern, bitte, flehen zu tun hat.

Eine andere, wahrscheinlich weniger realistische Erklärung (sie ist nämlich fast zu schön, um wahr sein zu können) lautet, dass eine Einladung früher durch ein mit Zeichen versehenen Brett übermittelt wurde: das Einladungsbrett als Vorläufer der Einladungskarte. Eine andere Bezeichnung für Brett war das Wort laden, das wir noch recht deutlich in Fensterladen als solches erkennen können. Auch das Wort Laden im Sinne von Geschäft geht auf die Bedeutung Brett zurück: Es bezeichnete ursprünglich den Bretterstand oder die Bretterbude als Verkaufsort und das Brett, auf dem die Ware feilgeboten wurde.

Nicht nur die Wörter haben sich weiterentwickelt, auch dasjenige, was sie bezeichnen: So muss man sich heute meistens nicht mehr vor Holzsplittern im Finger, Laufmaschen im Strumpf und Triangeln im Hosenbein in Acht nehmen, wenn man zur Eröffnung eines Ladens geladen wird. Das Einladungsbrett (falls es so etwas je gegeben hat) hat schon lange der Karte und neuerdings auch der E-Mail Platz gemacht, und wenn es im Laden überhaupt ein Brett gibt, dann ist es bestimmt gehobelt und gelackt.

Großes Du in E-Mails?

Wenn wir schon beim Thema Anreden in Briefen sind (siehe den vorhergehenden Eintrag), hier eine weiter Frage in diesem Zusammenhang:

Frage

In einem großen Internetforum kam die Frage eines älteren Mitglieds auf, ob die Anrede du nicht großgeschrieben werde. Es entfachte eine kleine Diskussion, die sich auf die folgende Frage reduzieren lässt: Kann die Sonderregel in §66 der amtlichen Rechtschreibregelung auch auf andere Dinge als den klassischen Brief erweitert werden oder ist es auch nach diesen Regeln zwingend notwendig, Forenanreden (hinzu kommen vielleicht sogar noch Chats und sogar E-Mails?) kleinzuschreiben?

Antwort

Sehr geehrter Herr P.,

es steht zu befürchten, dass ich die Diskussion nicht endgültig beschließen kann. Die Frage lautet, was die amtliche Regelung genau meint:

§ 66: Die Anredepronomen du und ihr, die entsprechenden Possessivpronomen dein und euer sowie das Reflexivpronomen sich schreibt man klein.

E: In Briefen können die Anredepronomen du und ihr mit ihren Possessivpronomen auch großgeschrieben werden

Wenn man sich buchstäblich an den Text hält  (es gibt nun einmal Leute, die das immer tun …), ist die Großschreibung von du nur in Briefen möglich. Doch was ist mit „in Briefen“ gemeint? Ich und andere interpretieren es so, dass damit nicht nur klassische Briefe, sondern schriftliche Äußerungen aller Art gemeint sind, in denen sich du oder ihr direkt an jemanden richtet. Es kann sich also auch um Widmungen, interne Memos, E-Mails, Forenbeiträge usw. handeln. Warum?

Es geht um die Möglichkeit (also nicht um die Verpflichtung), die Anrede du oder ihr als Ausdruck der Höflichkeit großzuschreiben. Diese Möglichkeit sollte einem in allen schriftlichen Äußerungen zur Verfügung stehen. Außerdem ist es in der heutige Zeit recht schwierig zu definieren, was genau ein Brief ist. Muss er zum Beispiel unbedingt auf Papier geschrieben sein? Muss er in einem Umschlag stecken? Hat nicht unter anderem die E-Mail in vielen Bereichen die Rolle des Briefes übernommen?

Es ist also eine Frage der Interpretation. Ist mit „in Briefen“ nur der klassische Brief gemeint – oder einfach eine direkt an jemanden gerichtet schriftliche Äußerung? Meine Interpretation kennen Sie nun. Ich bin halt auch schon ein bisschen älter …

Mit freundlichen Grüßen

Stephan Bopp

Sehr geehrte(r) Herr und Frau …

Frage

Kann man in einer Anrede schreiben: Sehr geehrter Herr und Frau Meier oder schreibt man Sehr geehrte Herr und Frau Meier?

Antwort

Sehr geehrter Herr V.,

Ihre Frage zeigt, dass keine der beiden Varianten so richtig befriedigend ist. Beide klingen nicht richtig. Wenn ein Adjektiv (hier: geehrt-) sich auf Wörter bezieht, die nicht das gleiche Geschlecht haben (hier: der Herr und die Frau), kann es nämlich nicht weggelassen werden. Siehe diese Grammatikseite.

Es sieht auch nicht viel besser aus, wenn man einen Klammerausdruck verwendet:

Sehr geehrte(r) Herr und Frau Meier,

Eine solche Klammer ist zwar platzsparend, aber hier ist Platzsparen nicht empfehlenswert. Bei einer höflichen Anrede darf man sich auch in der allzu oft mit dem Ausdruck „schnelllebig“ umschriebenen Moderne ruhig etwas Zeit lassen und etwas Raum in Anspruch nehmen. Am besten ist es deshalb, beide Personen getrennt anzusprechen:

Sehr geehrte Frau Meier,
sehr geehrter Herr Meier,

Auch bei zwei Herren oder zwei Damen sieht die getrennte Anrede besser aus:

Sehr geehrter Herr Meier,
sehr geehrter Herr Schmidt,

Sehr geehrte Frau Meier,
sehr geehrte Frau Schmidt,

Dasselbe gilt auch für persönlichere Anreden. Schreiben Sie also besser nicht Liebe Tom und Jerry oder Liebe(r) Anton und Michaela sondern:

Lieber Tom, lieber Jerry,

Lieber Anton, liebe Michaela,

Mein lieber Onkel, meine lieben Neffen und Nichten,

Dies sind übrigens keine festen Regeln, sondern allgemeine Empfehlungen. Wenn Sie einen Brief mit einer anders formulierten Anrede schreiben oder erhalten, ist das also nicht grundsätzlich falsch.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Klopapier statt Steine(n)

Frage

Kürzlich ereiferte sich eine Gruppe von Freunden ob meiner Zweifel an der Korrektheit einer Überschrift namens Klopapier statt Steine. Ich war der Überzeugung, das müsste Klopapier statt Steinen heißen.

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die alten Griechen sollen ja bei der Toilettenhygiene Steine und Tonscherben statt Klopapier verwendet haben. In diesem Fall darf man sicher feststellen, dass der Fortschritt uns auf jeden Fall sehr viel Komfort gebracht hat. Wir verweichlichten Neuzeitler verwenden ja heutzutage glücklicherweise Klopapier statt Steine(n).

Es geht hier aber nicht um die Entwicklung oder die Vorzüge bestimmter Reinigungstechniken, sondern um die Wortbeugung. In diesem Fall sind beide Formen möglich. Das Wort statt kann sowohl als Präposition (wie anstatt) als auch als Konjunktion (wie und nicht) verwendet werden. Im ersten Fall heißt es:

Klopapier statt Steinen

Im zweiten Fall heißt es:

Klopapier statt Steine

In Überschriften und Schlagworten – aber nicht nur dort – wird statt oft als Konjunktion verwendet.

Präposition
Statt Worten will ich Taten sehen.
Statt großer Worte will ich Taten sehen.
Er hat statt des Datums die Uhrzeit notiert.

Konjunktion
Taten statt Worte!
Taten statt große Worte!
Ich gebe das Geld dir statt ihm.
Sie will mit einer Vertrauensperson statt mit dem Chef sprechen.

Sehen Sie hierzu und für weitere Informationen die Angaben in der Canoonet-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Spielzeuge und Saatgüter

Frage

Kürzlich korrigierte ich jemand, der meinte, dass Spielzeug nur im Singular verwendet wird. Mein Bertelsmann-Duden („Wie sagt man richtig?“) behauptet allerdings auch, dass Spielzeug nur im Singular verwendet werden sollte. Das Wörterbuch von CanooNet kennt aber auch den Plural Spielzeuge. Vielen Dank!

Bei Saatgut kennt auch CanooNet keinen Plural, obwohl Güter ja auch im Plural gebräuchlich ist. Über die Wortbildung zu Gut kommt man zu vielen Gütern, von denen manche einen Plural haben und andere nicht. Gibt es dazu eine Regel? Kann man ohne Nachschlagen entscheiden, ob Beutegut oder Diebesgut Pluralformen haben? Oder richtet sich das nur nach dem Gebrauch?

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

das Wort Spielzeug hat zwei unterschiedliche Bedeutungen:

Wenn es Gesamtheit der Gegenstände zum Spielen bedeutet, ist es eine Sammelbezeichnung und hat keinen Plural. Es ist dann gleichbedeutend mit Spielsachen und wird in Geschäften als Spielwaren angeboten:

Wie viel Spielzeug besitzt Ihr Kind?
Dieser Laden verkauft Spielzeug.

Wenn es Gegenstand zum Spielen bedeutet, ist es zählbar und hat entsprechend auch einen Plural:

Sie hat ein neues Spielzeug erhalten.
Sie hat drei neue Spielzeuge erhalten.

Die zweite Bedeutung, die offenbar einige für nicht richtig oder für stilistisch schlecht halten, ist auch in anderen Wörterbüchern verzeichnet (zum Beispiel Duden, Wahrig, DWDS u.a.). Es ist bestimmt richtig, dass viele modernen moderne Kinderchen so viel Spielzeug haben, dass die einzelnen Spielzeuge gar nicht mehr auffallen. Wenn es den Plural aber nicht gäbe, könnten die Kleinen nicht mit ihren Eltern darüber unterhandeln, ob sie, wenn sie „großzügig“ auf das große Spielzeug verzichten, dafür mit (mindestens!) zwei kleinen Spielzeugen kompensiert werden müssen.

Es gibt überhaupt nur wenige Wörter, die nie im Plural verwendet werden. Das liegt daran, dass die meisten Wörter nicht nur eine einzige Bedeutung haben. In vielen Fällen hat ein Wort, das in einer Bedeutung keinen Plural hat, in einer anderen Bedeutung doch Pluralformen. Zum Beispiel:

Holz Stoffbezeichnung kein Plural aus Holz
Holz Holzart Plural tropische Hölzer
Freiheit Zustand des Freiseins kein Plural die innere Freiheit
Freiheit Recht, etwas zu tun Plural besondere Freiheiten genießen

Die Frage ist deshalb meistens nicht, ob ein Wort einen Plural haben kann, sondern ob dieser Plural üblich ist und als richtig akzeptiert wird. Ein solcher Fall ist auch Saatgut. Dieses Wort wird im Standarddeutschen (wenn überhaupt) nur im Singular verwendet. Bei Saatguthändlern findet sich aber gelegentlich der Plural Saatgüter mit der Bedeutung Arten von Saatgut. Der Plural ist hier nicht unmöglich und auch nicht falsch, er ist nur nicht allgemein üblich.

Ob ein Wort Pluralformen hat oder nicht, richtet sich also nur nach dem Gebrauch. Entsprechend umstritten können diese Formen gelegentlich sein. Sehen Sie hierzu auch diese Seite in der Canoo-Grammatik:

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sie ist jemand, die – oder der?

Frage

Ich frage mich, ob auf jemand ein weibliches Relativpronomen folgen kann oder ob jemand stets als männliches Wort behandelt wird. Wie ist es zum Beispiel bei „Ich kenne jemanden, die ein gelbes Auto hat“? Ist diese Formulierung nur ungewohnt oder grammatisch falsch? Falls letzteres, wie kann ich der Tatsache Ausdruck verleihen, dass es eine Frau ist, die das gelbe Auto hat? Kann jemand dies je ausdrücken?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

das Wort jemand ist eigentlich weder männlich noch weiblich, sondern unbestimmt. In der Regel nimmt man aber mit einem männlichen Pronomen Bezug auf jemand, sogar wenn die mit jemand bezeichnete Person eine Frau ist:

Ich kenne jemanden, der ein gelbes Auto hat: Hannelore.
Sie ist jemand, der sich gut zu helfen weiß.

Die männliche Form ist hier die „neutrale“ Form, die bei unbestimmten Ausdrücken verwendet wird. Im Prinzip steht jemand ja für eine unbestimmte Person. Ähnliches gilt zum Beispiel auch für man und niemand:

Man weiß gar nicht, was man mit seiner Zeit anfangen soll.
Ich kenne niemanden, der

Gelegentlich wird aber bei jemand anstelle der „neutralen“, männlichen Form die dem natürlichen Geschlecht entsprechende weibliche Form verwendet:

Ich kenne jemanden, die ein gelbes Auto hat.
Sie ist jemand, die sich gut zu helfen weiß.

Die weiblichen Formen sind hier nicht falsch, aber eher unüblich. Andere mögliche Formulierungen, wenn man sich nicht mit männlichen Pronomen auf weibliche Personen beziehen will, sind zum Beispiel:

Ich kenne eine Frau, die ein gelbes Auto hat.
Sie ist eine Person, die sich gut zu helfen weiß.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Cappuccino, Cappuccinos und Cappuccini

Frage

Es geht um die Pluralbildung des Wortes Cappuccino. Ihr Wörterbuch gibt Cappuccinos vor. Ist die italienische Variante Cappuccini zu geschmäcklerisch, zu altklug, arrogant? Oder gibt es einen objektiveren Grund, warum die Pluralbildung in diesem Fall eingedeutscht wird? Warum dann aber Mafioso – Mafiosi (und nicht Mafiosos)?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

Wenn Sie Cappuccini sagen wollen, können Sie das natürlich tun. Man wird Ihnen auch ohne zu zögern mehrere Kaffee mit aufgeschäumter Milch servieren – außer dort natürlich, wo man das Rezept leicht bis mittelschwer abgeändert hat. In Frankreich zum Beispiel wird einem meistens ein Kaffee mit Schlagsahne als Cappuccino serviert. Wenn Sie im deutschen Sprachraum zwei Cappuccini bestellen, ist dieses Risiko geringer. Sie riskieren aber, dass Ihre Bestellung noch „hipper“ klingt als: Zwei Espressi bitte. Wenn ich zum Beispiel am Fernsehen jemanden zwei Espressi bestellen höre, ist das eine Person, die in einer Vorabendserie oder einem ZDF-Spielfilm mit einer Designersonnebrille im Haar in einem schicken Lokal oder an einer gestylten Bar sitzt. Aus irgendeinem Grund habe ich dort bis jetzt noch nie jemanden einen oder mehrere Cappuccinos/Cappuccini bestellen hören. Ob der italienische Plural dort je verwendet wird, weiß ich also leider nicht.

Der Plural Cappuccini ist im Deutschen noch ungebräuchlicher als der Plural Espressi. Man kennt ihn eigentlich nur wenn man Italienisch kann oder wenn man oft in Italien war. Warum man fast ausschließlich Mafiosi sagt, man neben Espressos auch Espressi verwendet, aber bei Cappuccino der italienische Plural kaum vorkommt, weiß ich leider ohne weitere Nachforschungen nicht. Vielleicht liegt es daran, dass man hierzulande schon seit Jahrzehnten Mafiafilme kennt und der Espresso schon lange den Mokka abgelöst hat, während der Cappuccino seinen Eroberungszug nördlich der Alpen erst vor relativ kurzer Zeit angetreten hat.

Andere Wörterbücher machen für diese Wörter die gleichen oder ähnliche Angaben wie Canoonet. Vielleicht hört man die Form Cappuccini ja nach den Sommerferien häufiger, wenn alle vom Urlaub am Gardasee, in der Toskana und auf Sizilien zurückgekehrt sind. Wir werden dann prüfen, ob wir beim Eintrag Cappuccino zusätzlich die italienische Pluralform angeben sollen. Bis die italienische Form sich etwas besser etabliert hat, können Sie diese Klippe auch einfach umschiffen, indem Sie wie zum Beispiel bei Kaffee ganz korrekt den Singular verwenden: Zwei Cappuccino bitte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp