Verbzeiten: Das muss/musste er damals schon gewusst haben

Frage

Wir sind unsicher, wie die richtigen Zeiten in folgendem Satz lauten:

Dass er Lehrer werden wollte, musste er schon damals gewusst haben.

Nach meiner Meinung, kann „musste“ nur im Präsens stehen, denn er „muss“ es auch aus heutiger Sicht gewusst haben:

Dass er Lehrer werden wollte, muss er schon damals gewusst haben.

Mein Freund meint, dass auch der Nebensatz im Präsens stehen sollte, denn er gebe ja den Willen von damals in die Gegenwart übertragen kund:

Dass er Lehrer werden will, muss er schon damals gewusst haben.

Antwort

Guten Tag Frau P.,

anders als in einigen anderen Sprachen, gibt es im Deutschen nur wenige Regeln im Bereich der Verbzeiten, und diese Regeln werden oft nicht eingehalten. Das bedeutet, dass vieles vorkommt und vieles möglich ist. Im Prinzip gilt für Ihre Frage Folgendes:

Mit „müssen“ wird eine hohe Wahrscheinlichkeit ausgedrückt.

Der Einbrecher muss durch das Fenster eingestiegen sein
= Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen ist

Er muss es damals schon gewusst haben
= Es ist sehr wahrscheinlich, dass er es schon damals gewusst hat

Wenn die hohe Wahrscheinlichkeit zum Sprechzeitpunkt ausgedrückt wird, steht „müssen“ im Präsens:

Die Kommissarin stellt fest, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen sein muss.

Jetzt wird mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, muss er damals schon gewusst haben.

Wenn die hohe Wahrscheinlichkeit zu einem Zeitpunkt ausgedrückt wurde, der vor dem Sprechzeitpunkt liegt, steht „musste“:

Die Kommissarin stellte fest, dass der Einbrecher durch das Fenster eingestiegen sein musste.

Später wurde mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, musste er damals schon gewusst haben.

So viel zur Zeitform des Modalverbs „müssen“. Wie steht es mit der Verbform im dass-Satz? Auch dort gibt es zwei Möglichkeiten:

Im dass-Satz steht „wollte“, wenn er Lehrer geworden ist oder wenn er jetzt nicht mehr Lehrer werden will:

Jetzt wird mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, muss er damals schon gewusst haben.

Später wurde mir klar: Dass er Lehrer werden wollte, musste er damals schon gewusst haben.

Im dass-Satz kann auch das Präsens „will“ stehen, wenn er zum Sprechzeitpunkt noch nicht Lehrer ist und immer noch Lehrer werden will:

Dass er Lehrer werden will, muss er damals schon gewusst haben.

Dann gibt es noch eine Möglichkeit, die Verbzeiten in Neben- und Hauptsatz zu kombinieren:

Dass er Lehrer werden will, musste er damals schon gewusst haben.

Dieser Satz ist möglich, wenn die hohe Wahrscheinlichkeit vor dem Sprechzeitpunkt ausgedrückt wurde und er im Sprechzeitpunkt immer noch Lehrer werden will. Das klingt allerdings ziemlich komplex. Ich bezweifle deshalb, ob wirklich alle den letzten Satz so verstehen, ihn so meinen oder ihn überhaupt so formulieren würden.

Ich habe es am Anfang schon erwähnt: Die Regeln sind im Bereich der Verbzeiten nicht sehr streng und sie werden auch nicht streng eingehalten. Andere Formulierungen können auch vorkommen, ohne dass dies gleich grundsätzlich falsch ist und zu größeren Verständigungsproblemen führt. In der Regel ergibt sich aus dem Kontext, wie die zeitlichen Verhältnisse liegen. Falls Sie mich also einmal dabei ertappen, dass ich die Verbzeiten nicht streng nach dem oben stehenden „Schema“ verwende, seien Sie bitte nachsichtig!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn 100, g und Tafel zusammen ein Wort bilden: eine 100 g Tafel, 100g-Tafel oder 100-g-Tafel?

Frage

Wie werden Komposita korrekt geschrieben, die aus Zahl, abgekürzter Maßeinheit und Wort bestehen? Beispiel Schokolade: „eine 100-g-Tafel“ oder „eine 100g-Tafel“ oder ganz anders?

Antwort

Eigentlich ist es ganz einfach, aber die Schreibung dieser Art von Zusammensetzungen gehört zu den Bereichen, in denen die Rechtschreibregelung sehr häufig nicht eingehalten wird.

Nach § 44.1 der amtlichen Rechtschreibregelung, aus der die folgenden drei Beispiele  stammen, werden hier Bindestriche verwendet, und zwar zwischen allen Elementen der Zusammensetzung:

400-m-Lauf
2-kg-Büchse
1/2-kg-Packung

Entsprechend schreiben Sie also auch:

eine 100-g-Tafel
ein 20-€-Schein
eine 1,5-l-Flasche

Häufig wird aber, wie gesagt, anders geschrieben. Hier die häufigsten Schreibungen, die NICHT der Rechtschreibregelung entsprechen:

100 g Tafel, 2 kg Büchse, 20 € Schein
100 g-Tafel, 2 kg-Büchse, 20 €-Schein
100g-Tafel, 2kg-Büchse, 20€-Schein

Bindestriche stehen auch dann, wenn die Maßeinheit oder das Gezählte nicht abgekürzt wird:

20-Euro-Schein
5-Cent-Münze
100-Gramm-Tafel
40-Stunden-Woche
6-Zylinder-Motor
3-Zimmer-Wohnung

Das müsste diejenigen ansprechen, die der Bindestrichschreibung sehr zugetan sind. Weniger gefallen wird den Bindestrichfans aber die folgende Schreibung, die anzuwenden ist, wenn auch die Zahlen in Worten geschrieben werden*:

Zwanzigeuroschein
Fünfcentmünze
Vierzigstundenwoche
Sechszylindermotor
Dreizimmerwohnung

Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, eine Tafel von hundert Gramm in einem Wort zu schreiben, je nachdem wie stark man abkürzen will:

eine 100-g-Tafel
eine 100-Gramm-Tafel
eine Hundertgrammtafel*

Warum so häufig anders geschrieben wird, weiß ich eigentlich nicht. Wahrscheinlich sträubt sich die Tastatur, der Stift oder die Feder vieler, wenn zwischen einer Ziffer und einer Abkürzung ein Bindestrich gesetzt werden soll.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

*Wie immer ist auch hier die Schreibung mit „verdeutlichenden“ Bindestrichen möglich:

Zwanzig-Euro-Schein
Zehn-Cent-Münze
Vierzig-Stunden-Woche
Sechs-Zylinder-Motor
Drei-Zimmer-Wohnung
Hundert-Gramm-Tafel

Sie ist aber in der Rechtschreibregelung nicht vorgesehen. Ich finde sie auch unschön und nicht sehr verdeutlichend, doch das ist natürlich kein allzu stichhaltiges Argument.

Ein Bald, ein Jetzt, ein Nie oder ein „bald“, ein „jetzt“ ein „nie“

Frage

Ich habe dieses Sprichwort im Internet gesehen und frage mich, ob das Großschreiben von bald, jetzt und nie richtig ist oder ob es kleingeschrieben wird:

Aus einem „Bald“ sollte man viel öfter ein „Jetzt“ machen, bevor daraus ein „Nie“ wird

Antwort

Guten Tag Herr H.,

Adverbien werden großgeschrieben, wenn sie als Substantiv verwendet werden. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn sie wie in Ihrem Beispiel mit einem unbestimmten Artikel stehen (vgl. hier):

Aus einem Bald sollte man viel öfter ein Jetzt machen, bevor daraus ein Nie wird

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass ich keine Anführungszeichen verwende. Die substantivierten Adverbien sind vollständig in den Satz integriert. Es wird gesagt, dass man häufiger etwas gleich tun sollte, anstatt es vor sich herzuschieben, bis es nicht mehr geschieht. Die Bedeutung der Adverbien ist gemeint, nicht ihre konkrete Form. Ohne Anführungszeichen ist die Großschreibung zwingend.

Mit Anführungszeichen sieht es ein bisschen anders aus: Die Anführungszeichen geben an, dass ein Wort übernommen und hervorgehoben wird. Die Aussage bleibt ungefähr dieselbe, aber die Adverbien werden so übernommen, wie sie geäußert werden oder geäußert werden könnten. Sie werden sozusagen wörtlich zitiert. Sie sollten dann kleingeschrieben werden, wie man es in einem normalen Kontext tut:

Aus einem „bald“ sollte man viel öfter ein „jetzt“ machen, bevor daraus ein „nie“ wird.

vgl.: Aus einem „[Ich tue es] bald“ sollte man viel öfter ein „[Ich tue es] jetzt“ machen, bevor daraus ein „[Ich tue es] nie“ wird.

Das ist  keine knallharte Regel, denn der Übergang zwischen wörtlich übernommenen Adverbien in Anführungszeichen und substantivierten Adverbien ohne Anführungszeichen ist fließend. Der Hinweis kommt deshalb ohne Unbedingt und ohne Immer resp. ohne „unbedingt“ und ohne „immer“ daher.

Die Großschreibung in Anführungszeichen (ein „Bald“, ein „Jetzt“, ein „Nie“) halte ich bei solchen Formulierungen übrigens für weniger gelungen. Entweder man substantiviert oder man zitiert. Damit steht hier doch noch so etwas wie eine Regel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Reflexive Verben im Passiv: Es darf sich gewundert werden

Frage

Könnten Sie etwas über das „Reflexivpassiv“ sagen? Ich habe zum ersten Mal davon gehört und auch Beispiele gelesen:

Um ihn wird sich gekümmert werden.

Ich dachte immer, es gebe kein Passiv bei Reflexiven!

Antwort

Guten Tag Herr N.,

es wird tatsächlich häufig gesagt und gelehrt, dass reflexive und reflexiv verwendete Verben nicht im Passiv stehen können. Im Prinzip ist das auch richtig:

Sie kümmert sich um ihn
nicht: *Um ihn wird sich von ihr gekümmert

Er wäscht sich
nicht: *Er wird von sich gewaschen

Wir beeilen uns
nicht: Von uns wird uns/sich beeilt

Das Passiv ist aber nicht gänzlich ausgeschlossen, denn ohne Ausnahmen geht es auch hier nicht:

Selten kommt das Passiv bei reflexiven Verben zum Ausdrucks eines Befehls oder einer Aufforderung vor (vgl. hier):

Jetzt wird sich hingelegt!
Bevor ihr zu Bett geht, wird sich gewaschen

Sonst ist das Reflexivpassiv nur beschränkt möglich. Man kann es nur dann bilden, wenn es unpersönlich ist, das heißt, wenn es im Aktiv einem Satz mit dem unpersönlichen Subjekt „man“ entspricht:

Um ihn wird sich gekümmert werden
Bis in den frühen Morgen wurde gelacht, getanzt und sich amüsiert
Es konnte sich darauf geeinigt werden, das Spiel zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen

Wenn Sie sich nun wundern, dass Formulierungen wie die letzten drei Beispiele möglich sein sollen, kommen Sie wahrscheinlich nicht aus dem Nordosten oder der Mitte Deutschlands. Nach den Angaben der Variantengrammatik ist dieses Reflexivpassiv vor allem im Nordosten, aber weniger im Westen und kaum im Süden des deutschen Sprachraumes üblich (siehe hier).

Sie stehen mit Ihrer Verwunderung auch nicht allein: Nach der Dudengrammatik (2016, Randnr. 800) kommen solche Passivformen vor, sie werden aber nicht von allen als korrekt akzeptiert. Ich persönlich verwende dieses Reflexivpassiv nicht und empfinde es zumindest als „auffällig“, wenn ich ihm begegne. Ich komme eben aus dem Süden.

Wenn es darum geht, ob es reflexive Verben im Passiv gibt, lautet die Antwort also ja – aber es darf sich gewundert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Wörtchen „zwischen“ und die Fälle: „zwischen 40 und 50 Zentimeter[n]“

Frage

Zu folgendem Satz habe ich eine Frage:

In diesem Fall waren es zwischen 40 und 50 Zentimeter, was für kleine Pflanzen nicht ausreicht.

Ist „Zentimeter“ bzw. „40 Zentimeter“ und so weiter ein Prädikatsnomen o. Gleichsetzungsnominativ? Was ist in diesem Fall „zwischen“? […]

Antwort

Guten Tag Herr S.,

das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht immer einfach. Die meisten Präpositionen stehen fest mit einem Kasus. So verlangt „mit“ den Dativ, steht „für“ mit dem Akkusativ und kann „während“ am besten mit dem Genitiv verwendet werden. Das ist oft schon kompliziert genug. Geduld und Durchhaltevermögen Deutschlernender werden weiter auf die Probe gestellt, wenn es um die sogenannten Wechselpräpositionen geht, die mit dem Akkusativ oder dem Dativ stehen können:

Die Lehrerin setzt sich zwischen die Kinder (wohin?)
Die Lehrerin sitzt zwischen den Kindern (wo?)

Dass die Unterscheidung zwischen „wohin = Akkusativ“ und „wo = Dativ“ nicht immer so einfach und eindeutig ist, wie sie klingt, merkt man in der Praxis meist schon beim dritten Beispiel.

Ich habe das Auto zwischen die Bäume geparkt (wohin?)
Ich habe das Auto zwischen den Bäumen geparkt (wo?)

der Unterschied zwischen einem Hotel und einer Pension (??)

Auch bei Zahlenangaben der Art „zwischen … und“, um die es in Ihrer Frage geht, hilft die „Regel“ überhaupt nicht weiter. Hier wird es sogar noch ein bisschen komplizierter, denn bei solchen Angaben hat „zwischen“ sehr häufig keinen Einfluss auf den Kasus des nachfolgenden Substantivs.

Wenn die Angabe „zwischen … und“ durch eine einfache Zahlenangabe ersetzt werden kann, steht nach „zwischen“ der gleiche Kasus wie bei der einfachen Zahlenangabe:

Sie registrieren täglich zwischen 80 und 100 neue Anmeldungen
wie: Sie registrieren täglich 100 neue Anmeldungen

Die Tests werden zwischen zwei und vier Jahre dauern
wie: Die Tests werden vier Jahre dauern

Für Kinder im Alter von zwischen acht und zehn Jahren
wie: Für Kinder im Alter von zehn Jahren

Mit zwischen 40 und 50 Zentimetern sind die Abstände zu klein
wie: Mit 40 Zentimetern sind die Abstände zu klein

Das sind zwischen 40 und 50 Zentimeter
wie: Das sind 50 Zentimeter

Im letzten Satz, Ihrem Beispiel, ist „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ wie einfaches „50 Zentimeter“  ein Prädikativ zum Subjekt. Entsprechend steht „zwischen 40 und 50 Zentimeter“ im Nominativ.

In Formulierungen dieser Art kann man „zwischen“ als Adverb bezeichnen, da es hier nicht kasusbestimmend ist.

Um die ganze Sache noch etwas komplizierter zu machen, sei noch Folgendes erwähnt. Wenn die Formulierung mit „zwischen … und“ nicht durch eine einfache Angabe ersetzt werden kann, steht der Dativ. Dann muss man „zwischen“ also wieder als Präposition verstehen:

Dies betrifft vor allem Männer zwischen 45 und 55 Jahren
ein Spielplatz für Kinder zwischen 3 und 12 Jahren

Wie ganz am Anfang gesagt: Das Wörtchen „zwischen“ macht es uns nicht einfach!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Siehe auch hier.

Verbinden und trennen zugleich: wenn der Bindestrich auch Trennstrich ist

Selbst in der Rechtschreibwelt ist es keine weltbewegende Frage, weil man es erstaunlicherweise meist kaum oder gar nicht bemerkt. Frau A. hat sich die Frage dennoch gestellt:

Frage

Ich habe Frage zur Trennung einer Zusammensetzung mit Bindestrich, in der der zweite Teil kleingeschrieben wird wie zum Beispiel in „deutsch-polnische Grenze“. Wenn „deutsch“ am Zeilenende steht und als letztes Zeichen in der Zeile der Bindestrich erscheint, riskiert man dann nicht, dass er wie ein Trennstrich betrachtet wird und das Ganze als „deutschpolnische“ ohne Bindestrich verstanden werden kann?

Antwort

Guten Tag Frau A.,

das Risiko besteht tatsächlich, aber das ist nicht weiter schlimm. Wenn ein Wort wie „deutsch-polnische“ am Zeilenende getrennt wird, gibt es keine Möglichkeit, anzugeben, dass es nicht als „deutschpolnische“ gelesen werden sollte. Man trennt

süßsauer
mathematisch-technisch

am Zeilenende in gleicher Weise, nämlich:

… gebackenes Scheinefleisch mit einer süß-
sauren Sauce …
… Schüler und Schülerinnen des mathematisch-
technischen Gymnasiums …

Bei „süßsauer“ wird ein Trennstrich eingefügt, bei „mathematisch-technisch“ erfüllt der Bindestrich am Zeilenende auch die Funktion des Trennstriches. Dieser Unterschied ist den Strichen nicht anzusehen.

In der Regel führt dies nicht zu Unklarheiten. In Ihrem Beispiel gibt es keine Möglichkeit „deutschpolnische“ zu schreiben, so dass „deutsch-polnische“ gemeint sein muss. Auch in einem Fall wie „deutsch-schweizerisch“ („zwischen Deutschland und der Schweiz“; z. B. „die deutsch-schweizerische Grenze“) und „deutschschweizerisch“ („die deutschsprachige Schweiz betreffend“; z. B. „die deutschschweizerischen Schulen“) verdeutlicht normalerweise der Kontext, was genau gemeint ist.

So gegensätzlich „(ver)binden“ und „trennen“ auch sind, am Zeilenende wird der Bindestrich zugleich ein Trennstrich.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Unterzeichnete, Unterzeichnende oder Unterzeichner und Unterzeichnerinnen?

Frage

Wenn in einem Vertrag auf die unterzeichnende Person verwiesen wird, heißt es dann „Der Unterzeichnete bestätigt hiermit“ oder „Der Unterzeichnende bestätigt hiermit“?

Antwort

Guten Tag Frau C.,

wenn ich mit der Tür ins Haus fallen darf: Am besten verwenden Sie hier meiner Meinung nach diese Formulierung:

Der Unterzeichner bestätigt hiermit …
Die Unterzeichnerin bestätigt hiermit …

Die beiden anderen Varianten, die Sie in Ihrer Frage nennen, sind nämlich problematisch.

Der Begriff „der/die Unterzeichnete“ wird in formeller behördlicher und juristischer Sprache verwendet. Es geht auf das veraltete reflexive Verb „sich unterzeichnen = unterschreiben“ zurück. Bei reflexiven Verben kann mit dem Perfektpartizip die Person gemeint sein, die die Verbhandlung ausgeführt hat:

sich betrinken – der/die Betrunkene
sich verlieben – der/die Verliebte
sich unterzeichnen – der/die Unterzeichnete

Der oder die Unterzeichnete ist also die Person, die sich unterzeichnet hat. Das reflexive „sich unterzeichnen“ ist aber nicht mehr gebräuchlich und vielen auch nicht mehr bekannt. Viele verbinden „unterzeichnet“ deshalb mit dem einfachen Verb „unterzeichnen“, wie es zum Beispiel in „der unterzeichnete Brief“ vorkommt. Die Formulierung „der/die Unterzeichnete“ sieht dann so aus, wie wenn etwas gemeint wäre, das unterzeichnet worden ist. Aus diesem Grund macht eine Formulierung wie

Der oder die Unterzeichnete bestätigt hiermit …

auf viele einen seltsamen Eindruck. Die Formulierung ist korrekt und in gewissen Bereichen auch üblich, aber sie ist nicht mehr allen gut verständlich.

Die Verwendung von „der/die Unterzeichnende“ ist umstritten.

Der oder die Unterzeichnende bestätigt hiermit …

Gegen diese Formulierung wird eingewandt, dass man im Prinzip nur während des Unterzeichnens der oder die Unterzeichnende sei. Während des Schreibens ist man – peinlich genau genommen – der/die unterzeichnen Werdende. Wenn jemand das unterschriebene Dokument liest, ist man der/die unterzeichnet Habende. Ich finde das eher spitzfindig. Studierende sind heutzutage ja auch dann Studierende, wenn sie nicht gerade mit Studieren beschäftigt sind. Wenn Sie aber sicher sein wollen, dass niemand Sie „korrigiert“, verwenden Sie besser nicht „der/die Unterzeichnende“.

So viel möchte der Unterzeichner/Unterzeichnete/(Unterzeichnende) hier zu diesem Thema sagen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Unterschied zwischen Staub saugen und Staub wischen – grammatisch gesehen

Frage

Es geht um den Begriff „staubsaugen“ bzw. „Staub saugen“. Wenn es um die Entfernung von Staub durch Muskelkraft und Putztuch geht, ist, wenn ich nicht irre, nur die getrennt geschriebene Variante zulässig: „Staub wischen“. Gibt es für diesen Unterschied eine Erklärung?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

es gibt tatsächlich einen orthografischen Unterschied zwischen „Staub saugen/staubsaugen“ und „Staub wischen“. Dem orthografischen Unterschied liegt allerdings auch ein grammatischer zu Grunde.

Bei den folgenden Beispielen schreibt man beide Wendungen gleich, das heißt getrennt:

Ich muss noch Staub saugen / Staub wischen
Ich habe im ganzen Haus Staub gesaugt / Staub gewischt
Vergiss nicht, in deinem Zimmer Staub zu saugen / Staub zu wischen

Man kann hier (fast) noch von einer transitiven Verwendung der Verben „saugen“ und „wischen“ sprechen, wobei „Staub“ jeweils das vom Verb abhängige Akkusativobjekt ist. Ich schreibe „(fast) noch“, weil „Staub“ hier noch als selbstständiges Substantiv erfahren wird, aber schon einen Teil seiner Selbstständigkeit eingebüßt hat. So klingt hier die bei Akkusativobjekten übliche Frage „wen oder was?“ recht sonderbar:

Wen oder was wischst du – Staub (?)
Wen oder was saugst du – Staub (?)

Wie bei zum Beispiel „Auto fahren“, „Angst machen“ oder „Karten spielen“ kann man diese Verbindungen besser nicht als Verbindungen von Verb und Akkusativobjekt interpretieren, sondern eher als komplexe Prädikate. Verb und Substantiv bilden zusammen das Prädikat des Satzes. Die Frage ist dann weniger „Wen oder was saugst/wischst du?“ als „Was tust du?“ (eine weitergehende grammatische Analyse dieser Spezialfälle muss ich an dieser Stelle schuldig bleiben).

Hiermit ist nur erläutert, dass „Staub wischen“ und „Staub saugen“ mit „Auto fahren“ und „Karten spielen“ vergleichbar sind. Bei „Staub saugen“ gibt es aber noch mehr zu sagen. Diese Wendung kann nämlich als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen. Dann wird die ganze Wendung zu einer untrennbaren Verbverbindung, die zusammengeschrieben wird:

die Teppiche staubsaugen
Ich habe das ganze Haus gestaubsaugt
Vergiss nicht, dein Zimmer zu staubsaugen.

Die zusammengeschriebene Form kann auch verwendet werden, wenn das Akkusativobjekt nicht genannt wird (man achte auf die Form des Partizips resp. des Infinitivs mit „zu“):

Ich muss noch staubsaugen / Staub saugen
Ich habe im ganzen Haus gestaubsaugt / Staub gesaugt
Vergiss nicht zu staubsaugen / Staub zu saugen

Im Gegensatz dazu kann „Staub wischen“ nicht als Ganzes mit einem Akkusativobjekt stehen (nicht: „*das ganze Haus staubwischen“). Deshalb ist die Zusammenschreibung nicht vorgesehen.

Der Unterschied zwischen den beiden Verbausdrücken liegt also nicht darin, dass die eine Tätigkeit mit einem elektrischen Haushaltsgerät und die andere mit Muskelkraft und Putztuch ausgeführt wird. Der Unterschied ist grammatischer Natur und liegt in den verschiedenen Möglichkeiten, sie im Satz mit anderen Satzgliedern (einem Akkusativobjekt) zu verbinden. Doch ganz gleich, ob gestaubsaugt, Staub gesaugt oder Staub gewischt werden muss, zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört keine dieser Tätigkeiten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist alles total Banane oder total banane?

Frage

Kürzlich hat mich jemand darauf hingewiesen, dass […] „total Banane sein“ falsch geschrieben sei: „Banane“ werde  hier adjektivisch genutzt und sei daher kleinzuschreiben. Das ist durchaus nachvollziehbar. Er begründete dies mit „wurst / wurscht sein“, was ebenfalls kleinzuschreiben wäre. Auf duden.de sehe ich das bestätigt. Die adjektivisch genutzte „Banane“ fehlt hier allerdings.
[…]
Lange Einleitung, kurze Frage: Schreibt man „Banane/banane sein“ und „Wurst/wurst sein“ groß oder klein?

Antwort

Guten Tag Herr U.,

das Wort „Wurst“ wird im Sinne von „egal“ kleingeschrieben. Die Kleinschreibung „wurst/wurscht sein“ ergibt sich aus der zur amtlichen Rechtschreibregelung gehörenden Wörterliste. Dort steht:

wurst, wurscht [sein § 56(1)]

Obwohl hier einige Nachschlagwerke auch heute noch die Schreibung mit großen W angeben, wird also nach der amtlichen Wörterliste kleingeschrieben:

Es war ihm wurst, was wir davon hielten.
Das war und ist mir wurscht!

Nun zu „Banane/banane sein“ („dumm, verrückt, unsinnig, schlecht sein“ vgl. hier). In diesem Fall kann man darüber diskutieren, ob „Banane“ in der besagte Redewendung bereits „keine substantivischen Merkmale“ mehr aufweist, das heißt, ob „Banane“ in § 56.1 mitgemeint ist oder nicht. Ich würde die Kleinschreibung empfehlen, auch wenn sie sehr gewöhungsbedürftig aussieht:

total banane sein
Das ist total banane.
Das sieht banane aus.

Das gilt auch für zum Beispiel „klasse“, „scheiße“, „spitze“ und eben „wurst/wurscht“.

Ich würde die Großschreibung bei „Banane sein“ aber nicht rot anstreichen, weil das Wort mit dieser Verwendung noch nicht so bekannt und gebräuchlich ist wie zum Beispiel „klasse“, „spitze“ oder „wurst“ (keine substantivischen Merkmale mehr?). In der Praxis wird auch meistens großgeschrieben: „total Banane sein“. Außerdem ist es eine sehr umgangssprachliche Wendung, dann sind solche Rechtschreibfinessen ohnehin ziemlich nebensächlich. In zum Beispiel einem Schüleraufsatzes wäre aber der ganze Ausdruck anzustreichen, da er – wie gesagt – sehr umgangssprachlich ist. Dort sieht er eher banane aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Rindfleisch, die Rindsleber und das Fugen-s

Frage

Meine Frau und ich würden gerne wissen: Warum „Rindfleisch“ ohne Fugen-s, aber „Rindsleber“ mit? Vielen Dank!

Antwort

Guten Tag Herr S.,

bei den Fugenelementen gibt es einige wenige feste Regeln (zum Beispiel: immer „s“ nach u. a. „-heit“, „-keit“, „-ung“, „-tion“ und substantivieren Infinitiven; vgl. hier und hier). Neben den allgemeinen Regeln und Tendenzen gilt, grob gesagt, dass richtig ist, was üblich ist. Das klingt und ist nicht sehr klar.

Damit man bei Unsicherheit nicht ganz verloren ist, gibt es diese Faustregel: Beim Fugenelement in einer neuen oder unbekannten Zusammensetzung geht man gleich vor wie bei bekannten Zusammensetzungen mit dem gleichen Wort an erster Stelle:

Blumengruß (nicht *Blumegruß, *Blumgruß)
wie Blumenladen, Blumenstängel, Blumenwiese usw.

Gartenpflege (nicht *Gartenspflege)
wie Gartenanlage, Gartenbau, Gartencenter usw.

Baumzählung (nicht *Baumeszählung, *Bäumezählung)
wie Baumkrone, Baumstamm, Baumstruktur

Es handelt sich hier aber nur um eine Faustregel, die oft, aber bei weitem nicht immer ein zuverlässiges Resultat ergibt. Das zeigt auch Ihre Frage nach „Rindfleisch“ und „Rindsleber“ sehr gut. Hier kommen „erschwerend“ sogar noch regionale Unterschiede hinzu:

In Verbindung mit „Fleisch“ heißt es:

Rindfleisch, Kalbfleisch, Lammfleisch
aber: Schweinefleisch, Hühnerfleisch

Wenn die verschiedenen Fleischstücke benannt werden, verwendet man im Allgemeinen bei all diesen Fleischsorten ein Fugenelement, allerdings nicht überall das gleiche:

Rindsleber, Schweinsbraten (eher im Süden)
Rinderleber, Schweinebraten (eher im Norden)
Kalbssteak, Lammskeule (überall)

Die Antwort auf die Frage, warum das so ist, muss ich Ihnen schuldig bleiben. Viel weiter als das bereits erwähnte „Richtig ist, was üblich ist“ komme ich leider auch nicht. Wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist, haben Sie damit meistens keine Probleme, denn Sie wissen, was üblich ist, ohne darüber nachdenken zu müssen. Für Deutschlernende hingegen sind die Fugenelemente neben den Fällen, den trennbaren Verben und der Wortstellung in Haupt- und Nebensatz eine weitere schier unerschöpfliche Quelle von Zweifel und Frustration. Das ist etwas dramatisiert, aber einfach ist es wirklich nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp