Eine besondere Konstruktion: Wer sagen die Leute, dass ich sei?

Heute wieder einmal etwas aus den „Randbezirken“ der Grammatik:

Frage

In seiner Übersetzung des Evangeliums nach Markus (Kapitel 8, Verse 27 und 29) lässt Martin Luther Jesus folgende Fragen an seine Jünger richten: „Wer sagen die Leute, dass ich sei? […] Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?“ Ich frage mich, was das in grammatischer Hinsicht ist. Was sagen Sie, dass derartige Fragen in grammatischer Hinsicht sind? […]

Antwort

Sehr geehrte Frau G.,

es handelt sich hier um ein eher spärlich beschriebenes Phänomen der deutschen Sprache. Das liegt wohl daran, dass es ziemlich komplex ist, aber auch daran, dass diese Konstruktion je nach Verb sehr unterschiedlich bewertet wird. Nicht alle finden solche Konstruktionen standardsprachlich korrekt.

Es handelt sich um eine Gruppe von Verben, manchmal „Brückenverben“ genannt, bei denen ein zum Nebensatz (o. zur Infinitivkonstruktion) gehörender Teil im übergeordneten Satz steht. Zu diesen Verben gehören Verben des Denkens und Sagens (sagen, behaupten, glauben, meinen, denken) aber auch versuchen.

Wer bin ich?
Wer, glaubst du, bin ich.
Wer glaubst du, dass ich bin.

Sie sagen, dass ich X sei.
Wer, sagen sie, sei ich?
Wer sagen sie, dass ich sei?

Ich habe ihr den Wagen verkauft.
Wem, sagst du, hast du den Wagen verkauft?
Wem sagst du, dass du den Wagen verkauft hast?

Er fährt nach Basel.
Wohin, denkst du, fährt er?
Wohin denkst du, dass er fährt?

Hier wird eine komplizierte Struktur mit doppelter Inversion (glaubst du, bin ich) mittels eines dass-Satzes aufgelöst (nach dem Muster: Ich denke/glaube/sage, dass …). Dabei entsteht ein Fragesatz, in dem nicht ein Satzteil des Hauptsatzes erfragt wird, sondern ein zum Nebensatz gehörender Satzteil. Der erfragte Satzteil wird dabei aus dem Nebensatz nach links in den Hauptsatz verschoben. So ist das Fragwort wohin im letzten Beispiel nicht von denken abhängig (nicht: wohin denken?) sondern von fahren (wohin fahren?)

Der dass-Satz ist ein Objektsatz, das heißt, er hat im Gesamtsatz die Funktion eines Akkusativobjekts. Das Besondere daran ist aber, dass ein Teil dieses Objektsatzes als Fragewort im übergeordneten Satz steht.

Bei versuchen kann etwas ganz Ähnliches geschehen:

Ich versuche, ihr meinen Wagen zu verkaufen.
Wem versuchst du deinen Wagen zu verkaufen?
Welchen Wagen versuchst du ihr zu verkaufen?

Hier wird nach einem Satzteil gefragt, der zur Infinitivkonstruktion gehört. Dabei wird das Erfragte auch hier aus der Infinitivkonstruktion gelöst und in den übergeordneten Satz verschoben: Wem resp. Welchen Wagen ist nicht von versuchen, sondern von verkaufen abhängig.

Diese Verschiebung eines Satzteils aus dem untergeordneten Satz in den übergeordneten Satz ist nur bei einer kleinen Gruppe von Verben möglich. Weiter halten nicht alle überall solche Formulierungen für standardsprachlich wirklich korrekt. Es gäbe auch sonst noch viel zu erläutern und zu präzisieren. Ich finde es aber auch so schon erstaunlich, wie sich bei genauerer Analyse erweisen kann, dass augenscheinlich recht gewöhnliche Sätze eine sehr ungewöhnliche Struktur haben. Doch wen glaube ich damit beeindrucken zu können?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schicksalhaftigkeit und andere „fehlende“ Wörter

Frage

Ich wüsste gerne, ob das Wort „Schicksalhaftigkeit“ korrekt ist. Bei den mit -igkeit endenden Wörtern auf Canoonet finde ich es leider nicht.

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

das Wort Schicksalhaftigkeit ist korrekt. Wenn eine Sache schicksalhaft ist, kann man von deren Schicksalhaftigkeit sprechen.

Die Wahlbeteiligung für den Reichstag lag bei etwa 84 Prozent und trug der von allen Seiten beschworenen »Schicksalhaftigkeit« Rechnung.
Er ist überzeugt von der Schicksalhaftigkeit dieser großen Liebe und sagt: „Mit Michaela war es schon vor 19 Jahren Liebe auf den ersten Blick.“
Es scheint mir wichtig, dass man die Gestaltbarkeit des Lebens mit der Schicksalhaftigkeit des Alters kombiniert.
Beispielsätze aus: Wortschatz-Portal der Universität Leibzig

Im Prinzip kann von allen Adjektiven auf …haft ein Substantiv der Form …haftigkeit gebildet werden. Lange nicht alle diese möglichen Bildungen sind in Wörterbüchern verzeichnet. Weitere Beispiele von nicht in (allen) Wörterbüchern verzeichneten Substantiven dieser Form:

Amateurhaftigkeit
Bruchstückhaftigkeit
Engelhaftigkeit
Fieberhaftigkeit
Frühlingshaftigkeit [endlich!]
Heldenhaftigkeit
Instinkthaftigkeit
Zwanghaftigkeit
usw.

Ich möchte hier wieder einmal erwähnen, dass Wörterbücher nicht alle möglichen Wörter auflisten können. So sind auch bei Weitem nicht alle möglichen Zusammensetzungen von Substantiven oder alle Verbableitungen mit …bar und …ung in Wörterbüchern zu finden.

Das Umgekehrte muss deshalb immer wieder betont werden: Wenn ein Wort nicht im Wörterbuch steht, heißt das keineswegs zwangsläufig, dass es ein Wort nicht gibt. Die Wortbildungskraft unserer Sprache ist viel zu lebendig und zu mächtig, als dass sie sich in ein Wörterbuch – und sei es noch so groß und digital – packen ließe. Die Regel, dass ein Wort nur dann „gültig“ ist, wenn es im Wörterbuch steht, kann deshalb höchstens beim Scrabble-Spielen angewandt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie schreibst du denn, man/Mann!

Frage

Dass z. B. „Was redest du, Mann?“, „Was redet ihr, Mann?“ die richtige Schreibweise ist, ist ja bewiesen. Wie erklären Sie sich jedoch das Phänomen, dass es im alltäglichen Gebrauch (SMS/Chat/Internet-Foren) ausschließlich nur mit einem „n“ geschrieben wird ? Als Neologismus in dem Sinne kann man dies ja nicht bezeichnen,  da „man“ als Pronomen schon existiert. Aber wie kommt es, dass es eben v. a. unter Jugendlichen bei einem „n“ bleibt, auch wenn sich die meisten bewusst sind, dass „der Mann“ so geschrieben wird? […] Kann man also „man“ […] als schlichtweg komplett falsch bezeichnen, auch wenn es im Gebrauch deutlich überwiegt ?

Antwort

Sehr geehrter Herr G.,

die Schreibung man statt Mann für die Interjektion ist tatsächlich kein Neologismus, sondern eher ein „Neographismus“ (eine Neuschreibung). Warum so viele im Internet diese Schreibung wählen, kann ich natürlich ohne genauere Untersuchungen nicht mit Sicherheit sagen. Es mag daran liegen, dass das Nomen Mann im Prinzip eine männliche Person in der Einzahl bezeichnet, während die Interjektion Mann auch an eine weibliche Person oder an mehrere Personen gerichtet sein kann. Das „klemmt“ irgendwie und deshalb wird auf die Schreibung man ausgewichen. Dies Schreibung man „klemmt“ allerdings auch, denn die Interjektion hat ja auch nicht die gleiche Funktion und Bedeutung wie das unbestimmte Personalpronomen man.

In der Umgangssprache im Internet werden nicht alle grammatischen und orthografischen Regeln eingehalten, die für die „normale“ schriftliche Standardsprache gelten. Und das ist auch nicht weiter schlimm. Der Ausruf Mann wird ohnehin höchst selten in einem Kontext verwendet, in dem eine regelkonforme Rechtschreibung wirklich wichtig wäre. Im informellen Internetgebrauch scheint die Schreibung man üblich zu sein, auch wenn nach der amtlichen Rechtschreibregelung Mann geschrieben werden sollte. In informellen Mails, Chats, SMS usw. gibt es gegen diese Form man nicht viel einzuwenden. Die Schreibung Mann! würde dort wahrscheinlich oft sogar als ziemlich antiquiert und unpassend empfunden werden. Im formelleren schriftlichen Verkehr gilt diese Schreibung aber (noch?) als falsch (sofern die Interjektion Mann dort überhaupt vorkommt). Wie man redet und schreibt, hängt in starkem Maße auch vom Kontext, der Umgebung und dem Medium ab. Es gelten nicht immer und überall die gleichen Standards.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Weder Drachche noch Sprahche oder Spraache

Frage

Warum reimt sich „Sprache“ nicht auf „Drache“, wie mir beim Vorlesen eines Kinderbuchs aufgefallen ist? Und warum drückt sich der Unterschied nicht in der Schreibweise aus?

Antwort

Guten Tag Herr oder Frau N.,

Die beiden Wörter reimen sich tatsächlich nicht: Sprache wird mit einem langen a gesprochen, Drache hingegen mit einem kurzen a. Das sieht man allerdings nicht an der Schreibweise. Das liegt daran, dass das Deutsche nur bedingt eine Sprache ist, bei der die Schrift die Aussprache eins zu eins wiedergibt. Allgemeine Regeln zur Laut-Buchstaben-Zuordnung werden aus verschiedenen Gründen häufig nicht konsequent umgesetzt (z. B. Respektierung gefestigter Schreibweisen, Stammprinzip, Fremdwörter). Es gibt also viele Ausnahmen.

Nach der allgemeinen Regel wird ein einzelner Konsonant nach einem kurzen betonten Vokal verdoppelt. Zum Beispiel:

Ebbe, Paddel, Affe, Egge, Backe (ck=kk), Galle, Stamm, Panne, Kappe, Knarre, Nuss, Platte, Tatze (tz=zz)

Ausnahmen sind (abgesehen von Fremdwörtern) zum Beispiel

an, bis, mit, man, bin, hat

Ein ch wird nicht verdoppelt. Es entspricht in der gesprochenen Sprache zwar einem einzelnen Laut, geschrieben sind es dann aber doch zwei Buchstaben. Deshalb schreibt man Drache und nicht *Drachche.

Der kurze Vokal wird hier also nicht besonders gekennzeichnet. Wie steht es nun mit dem langen Vokal von Sprache? Ein langer Vokal kann durch ein h oder durch Verdoppelung gekennzeichnet werden (Regel).

Das Dehnungs-h kommt aber vor allem dann vor, wenn kein Konsonant oder ein l, m, n oder r folgt:

nah, fähig, zäh, froh, Kuh
lahm, ahnen, Kohle, Möhre

Das ist aber auch dann nicht immer der Fall:

säen, Böe
Tal, Name, Ton, Hure

Das Dehnungs-h kommt auch vor einem ch im Stamm nicht vor. Man schreibt also Sprache und nicht *Sprahche. Ein weiterer Grund mag sein, dass Sprache zur Vergangenheitsform sprach von sprechen gehört. All diese Formen werden ohne h nach dem Stammvokal geschrieben.

Die Verdopplung des Vokals kommt nur bei einer kleinen Anzahl heimischer Wörtern vor (z. B. Aal, Haar, See, Teer, Boot, Moos). Das Wort Sprache gehört nicht dazu, u. a. vielleicht weil es, wie bereits gesagt, zu sprechen/sprach gehört. Wir schreiben also auch nicht *Spraache.

Vor einem ch sind die Schreibungen für einen kurzen und für einen langen Vokal also gleich:

lang – kurz
Sprache – Rache, Drache, Sache, mache, Wache
brach – flach, Dach, Krach
hoch – Koch
Maloche – Woche
Tuch, such! – Spruch, huch!

Kurz oder lang ausgeprochen wird das a in Lache (Pfütze):

Lache – Lache

Ganz kurz zusammengefasst:

Drache, nicht Drachche
Sprache, nicht Sprahche, Spraache

Die deutsche Rechtschreibung hat also auch im Bereich der Laut-Buchstaben-Zuordnung ihre Tücken. Ganz so arg wie die Franzosen und die Engländer treiben wir es aber doch nicht. Zum Beispiel:

Die folgenden französischen Wortformen werden alle gleich ausgesprochen:

mer, mère, maire (= Meer, Mutter, Bürgermeister)
parler, parlez, parlai, parlé, parlée, parlés, parlées (= versch. gebeugte Formen des Verbs parler)

Das Englische treibt es  mit seiner historischen Orthografie ja zum Teil noch viel bunter. Ein bekanntes, nicht allzu seriös zu nehmendes Beispiel:

ghoti = fish
das gh von enough (inaf)
das o von women (wimen)
das ti von nation (neischen)

Unser Drache-Sprache-Phänomen ist also vergleichsweise harmlos.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das K-Wort und sein falscher C-Freund

Man könnte es schon beinahe das K-Wort nennen. Es dauert nun schon so lange, dass man kaum noch zu sagen wagt: „Es ist kalt!“

Das Wetter soll hier aber nicht das Thema sein. Im Zusammenhang mit diesem „K-Wort“ ist mir wieder einmal einer der Missverständnisse verursachenden Unterschiede zwischen den germanischen und den romanischen Sprachen eingefallen. Wenn die „Germanischsprechenden“ kalt, cold, koud, kall, kald, kold sagen, reden sie von tiefen Temperaturen. Wenn die „Romanischsprachigen“ caldo, chaud, caliente, calent, caud, cald sagen, klingt das zwar sehr ähnlich, aber sie meinen genau das Gegenteil, nämlich warme Temperaturen.

Wenn Sie in verschiedenen Ländern Wasserhähne bedient haben, dann erkennen Sie bestimmt Folgendes: Bei Wasserhähnen mit einem roten und einem blauen Punkt, ist es einfach, je nach Wunsch kaltes oder warmes Wasser fließen zu lassen. Wenn die Wasserhähne in keiner Weise markiert sind und Sie wie ich nie sicher sind, ob nun tatsächlich links warm und rechts kalt sein muss, dann bleibt nur vorsichtiges Ausprobieren. Richtig „problematisch“ wird es, wenn auf einem der beiden Hähne ein C steht. In angelsächsischer Umgebung, wo man diesbezüglich selten mit einer anderen als der Landessprache konfrontiert wird, ist dann in der Regel klar, dass damit cold = kalt gemeint ist. In allen anderen Ländern ist eine komplizierte Abwägung verschiedener Kriterien notwendig: Welcher Sprachfamilie gehört die Landessprache an und – weit wichtiger – hat die Innenarchitektin oder der Installateur ein am Englischen oder ein am Französischen inspiriertes Modell gewählt? Im ersten Fall ist C kalt, im zweiten Fall ist C warm. Dann hilft nur ein Blick auf den anderen Hahn: Steht dort ein F, dann muss C warm sein, steht dort ein H, dann muss C kalt sein. Viel einfacher ist es dann auch in diesem Fall, einmal kurz an einem Hahn zu drehen und abzuwarten, was kommt.

Die Verwechslungsgefahr rührt daher, dass die beiden Sprachfamilien hier auf zwei ganz unterschiedliche Wörter zurückgreifen, die einander in den modernen Sprachformen sehr ähnlich geworden sind.

Vorfahre der romanischen Wörter für warm ist das lateinische cal[i]dus mit derselben Bedeutung. Vorfahre der germanischen Wörter für kalt ist ein altes Verb kala (frieren), genauer genommen eine Partizipform davon. Auch unser Wort kühl geht auf dieses Verb zurück. (Ganz weit hinten ist dieses Verb übrigens auch mit dem Vorfahren der romanischen Wörter geler, gelare, helar usw. = [ge]frieren verwandt …)

Zwei nicht miteinander verwandte Basiswörter haben sich also in verschiedenen Sprachen zu lautlich sehr ähnlichen Wörtern entwickelt. Das kommt häufiger vor und ist eine der Ursachen für die Entstehung von sogenannten falschen Freunden (faux-amis, false friends). Ein paar Beispiele von falschen Freunden dieser Art:

en. mist (Nebel) – dt. Mist
en. angel (Engel) – dt. Angel
frz. hier (gestern) – dt. hier
nl. gekocht (gekauft) – dt. gekocht
it. alto (hoch) – dt. alt
it. ente (Amt) – dt. Ente
se. öl (Bier) – dt. Öl

nl. worst (Wurst) – en. worst (schlechteste)
en. ape (Affe) – it. ape (Biene)
it. burro (Butter) – sp. burro (Esel)

u. v. a. m.

Das „K-Wort“ soll gemäß Wetterberichten nicht mehr so lange aktuell bleiben. Werden wir schon bald wieder über das „H-Wort“ klagen? Schön wär’s!

Wem schwerfallen nicht allzu leicht fällt

Frage

Es ist mir immer noch nicht ganz klar, wie man die Verbindung Adjektiv und Verb schreibt, wenn sie gesteigert ist, also Beispiel:

schwerfallen, leichtfallen
schwerer_fallen, leichter_fallen
oder: sehr schwer_gefallen, viel leichter fallen.

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

Sie sind nicht die Einzige, der die Schreibung solcher Verbverbindungen nicht allzu leicht fällt oder sogar in hohem Maße schwerfällt. Ich weiß es auch nie genau. Dieser Fall (Zusammen- oder Getrenntschreibung bei erweiterten Adjektiv-Verb-Verbindungen mit übertragener Bedeutung) ist nämlich nicht ausdrücklich in der Rechtschreibregelung geregelt. Es gibt hierzu eine Duden-Empfehlung, die aber nicht immer weiterhilft und die ich persönlich nicht ganz in dieser Weise formulieren würde.

Bei den gesteigerten Formen schreibe ich den einfachen Komparativ mit dem Verb zusammen und den Superlativ mit am vom Verb getrennt:

schwerfallen, schwererfallen, am schwersten fallen
leichfallen, leichterfallen, am leichtesten fallen

Dabei halte ich aber die Getrenntschreibung schwerer fallen und leichter fallen in Anlehnung an § 34 2.3 ebenfalls für richtig.

Wenn die Verbverbindung erweitert wird, ist es theoretisch so, dass zusammengeschrieben wird, wenn der ganze verbale Ausdruck erweitert wird. Wenn nur das Adjektiv erweitert wird, schreibt man getrennt. Das ist in der Praxis aber nicht immer einfach zu entscheiden. Bezieht sich zum Beispiel im folgenden Satz sehr a) nur auf schwer oder b) auf den ganzen Ausdruck?

a) Die Entscheidung ist mir sehr schwer gefallen.
b) Die Entscheidung ist mir sehr schwergefallen.

Beides ist möglich. Ich folge deshalb „in der Praxis“ dieser Faustregel: 1) zusammen, wenn die Erweiterung ein Verb bestimmen kann; 2) getrennt, wenn dies nicht der Fall ist. Ein paar Beispiele:

1) Zusammenschreibung, wenn die Erweiterung das Verb betreffen kann:

dass es mir nicht schwerfällt
vgl.: dass es mich nicht belastet

dass es mir sehr schwerfällt
vgl.: dass es mich sehr belastet

dass es mir zu sehr schwerfällt
vgl.: dass es mich zu sehr belastet

dass es mir kaum/in hohem Maße schwerfällt
vgl.: dass es mich kaum/in hohem Maße belastet

(dass es mir noch mehr schwerfällt
vgl. dass es mich noch mehr belastet)

2) Getrenntschreibung, wenn die Erweiterung das Adjektiv betreffen muss, das heißt, wenn sie nicht ein Verb betreffen kann:

dass es mir zu schwer fällt
nicht: dass es mich zu belastet

dass es mir ganz schwer fällt
nicht: dass es mich ganz belastet

dass es mir viel schwerer fällt
nicht: dass es mich viel belastet

dass es mir noch schwerer fällt
nicht: dass es mich noch belastet (andere Bedeutung)

Eine einfachere oder für alle Fälle eindeutige Lösung kenne ich leider nicht. Ich hoffe aber, dass Ihnen die Entscheidung, ob Sie in solchen Fällen zusammen- oder getrennt schreiben, mit Hilfe dieser Faustregel ein bisschen leichterfällt/leichter fällt …

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es wird das Platzhalter-es nicht immer verwendet

Frage

In der Süddeutschen Zeitung las ich den Satz „Es ist diese Sendung erst einmal nichts Besonderes“. Beim Lesen stockte ich; mir kam der Satz falsch vor. Allerdings weiß ich nicht genau, warum das so ist, denn „es“ kann ja durchaus als Platzhalter im Vorfeld stehen, beispielsweise bei „Es steht ein Schrank im Gang“, was ich bei Canoo nachlesen konnte. Haben Sie vielleicht eine Erklärung dafür, warum mir der Satz trotzdem ungrammatisch vorkommt?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

der Satz, den Sie zitieren, ist nicht grundsätzlich falsch. Im Prinzip ist die Formulierung mit einem Platzhalter-es fast immer möglich. Sie ist aber nicht immer gleichermaßen üblich. Ich konnte leider „auf die Schnelle“ keine fundierten Untersuchungen dazu finden oder gar selbst durchführen. Folgendes scheint der Fall zu sein:

Die Formulierung mit einen Platzhalter-es ist im heutigen Deutschen dann üblich, wenn eine Aussage über etwas Unbestimmtes gemacht wird (unbestimmt im Sinne von nicht vorher erwähnt, nicht bereits bekannt; oft an der Verwendung des unbestimmten Artikels oder des Nullartikels erkennbar). Die folgenden Beispiele sind ganz normale Sätze:

Es steht ein großer Schrank im Gang.
Es spielen Kinder im Garten.
Es wartet jemand auf Sie.
Es wurde eifrig getanzt.
Es wurde eine besondere Sendung ausgestrahlt.

Wenn aber eine Aussage über etwas Bestimmtes (vorher Erwähntes oder als bekannt Vorausgesetztes) gemacht wird, wirken Formulierungen mit einem Platzhalter-es ziemlich veraltet oder sehr poetisch:

Es steht der große Schrank im Gang.
Es spielen die Kinder im Garten.
Es wartet Ihre Tochter auf Sie.
Es tanzten die Gäste eifrig.
Es ist diese Sendung erst einmal nichts Besonderes.

Der Satz in der Süddeutschen Zeitung verstößt gegen diese „Regel“. Es wird eine Aussage über etwas Bestimmtes, im Kontext vorher Erwähntes gemacht, nämlich diese Sendung. Deshalb wirkt die Aussage ungewöhnlich und gestelzt oder veraltet. (Es ist möglich, dass der Autor oder die Autorin die Formulierung bewusst so gewählt und z. B. humoristisch oder ironisch gemeint hat.)

Es hat also mit Unbestimmtheit und Bestimmtheit zu tun, dass der erste der beiden folgenden Sätze im heutigen Deutschen natürlicher klingt als der zweite:

Es werden Ostereier im Garten versteckt.
Es werden die Ostereier aber im Schnee nicht mehr gefunden.

Die Form des zweiten Satzes ist nicht mehr aktuell. Möge sein Inhalt nicht aktuell werden!

Frohe Ostern!

Dr. Bopp

Nicht zu haben eingeladen werden können?

Es gibt Fragen, die fast nur von Deutschlernenden gestellt werden, die Tabellen mögen und gerne systematisch vorgehen. Weniger systematisch vorgehenden Lernenden fällt das Problem nicht auf und die meisten Muttersprachigen wissen gar nicht, dass es diese Frage überhaupt geben könnte (außer wenn sie gerne mit möglichst vielen Verbformen jonglieren). Ich hatte sie mir jedenfalls bis jetzt noch nie gestellt.

Frage

Nehmen wir diesen Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wird.

Er kann auch so geschrieben werden:

Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wie ist es bei diesem Satz:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.

Kann ich hier auch „zu“ statt „dass“ verwenden?

Antwort

Guten Tag A.,

nach bedauern kann tatsächlich sowohl ein dass-Satz als auch eine Infinitivkonstruktion mit zu stehen. Die Infinitivkonstruktion kann dann stehen, wenn das Subjekt im dass-Satz mit dem Subjekt des Hauptsatzes identisch ist. Das geht aber – wie ich dank Ihrer Frage feststellen konnte – nicht ganz immer:

Peter bedauert es, dass er (= Peter) nicht eingeladen wird.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen zu werden.

Wenn der Nebensatz vorzeitig ist (Präteritum o. Perfekt):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen wurde.
Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen worden ist.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen worden zu sein.

Auch mit einem Modalverb funktioniert das gut (Peter kann nicht eingeladen werden, weil er kein Clubmitglied ist):

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden kann.
→ Peter bedauert es, nicht eingeladen werden zu können.

Wenn wir aber die Vorzeitigkeit mit einem Modalverb kombinieren, wird es schwierig:

Peter bedauert es, dass er nicht eingeladen werden konnte.
Peter bedauert es, dass er nicht hat eingeladen werden können.

Die entsprechende Infinitivkonstruktion müsste wohl so aussehen:

→ (?) Peter bedauert es, nicht zu haben eingeladen werden können.
→ (??) Peter bedauert es, nicht eingeladen werden können zu haben.

Niemand verwendet aber Infinitivkonstruktionen wie diese. Sie sind rein theoretisch vielleicht möglich, werden aber nicht so realisiert. Während bei finiten (konjugierten) Verbgruppen Anhäufungen von Verbformen wie hat eingeladen werden können mit etwas Konzentration gerade noch zu meistern sind, wird uns dies bei Infinitivkonstruktionen offenbar doch etwas zu kompliziert. Nicht alles, was bei einer systematischen Betrachtungsweise theoretisch möglich sein müsste, ist es auch in der Praxis.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Top Drei, Top drei, top drei oder Topdrei?

Frage

Wie schreibt man „top drei“?  Zum Beispiel: „Unser Unternehmen zählt zu den top drei im Bereich X.“

Antwort

Sehr geehrter Herr F.,

die eindeutige Antwort muss ich Ihnen auch hier wieder einmal schuldig bleiben. Keine „offizielle“ Stelle macht Angaben hierzu. Aus den geltenden Regeln würde ich die folgende Schreibweise ableiten:

Unser Unternehmen zählt zu den top drei im Bereich X.

Ich sehe hier top als unveränderliches Adjektiv, das es auch in Top Ten sein muss. Die Wörterliste der amtlichen Rechtschreibregelung verweist nämlich beim Eintrag Top Ten auf § 37 E4, wo „aus dem Englischen stammende Bildungen aus Adjektiv + Substantiv“ behandelt werden. Dass es ein solches Adjektiv zumindest umgangssprachlich gibt, zeigen Äußerungen wie „Das ist top!“, „Das hast du top gemacht!“.

Ich schreibe deshalb top klein. Die Zahl drei wird ebenfalls kleingeschrieben:

zählt zu den top drei im Bereich X

genau so wie:

zählt zu den besten/bekanntesten/obersten drei im Bereich X

Es gibt allerdings ein kleines Problem: Beinahe niemand schreibt top drei so.

Eine weitere Variante ist:

zählt zu den Topdrei im Bereich X

Da im Ausdruck Top Ten die Kardinalzahl Ten orthografisch als Substantiv behandelt und großgeschrieben wird, können wir dies ausnahmsweise auch mit der deutschen Zahl tun. Verbindungen von Top- und einem deutschen Substantiv werden aber anders als bei Verbindungen aus dem Englischen zusammengeschrieben:

Topdrei  (wie z. B . Topform, Topmodell)

Neben einem kleineren Problem bei der Wortbetonung bleibt das Hauptproblem dasselbe wie oben: Fast niemand schreibt es so.

Am häufigsten kommen Top Drei und Top drei vor. Für keine der beiden Schreibungen kann ich eine regelkonforme Erklärung finden. Das Wort Top steht im Singular, der Artikel aber im Plural. Nicht Top, sondern drei muss also der Kern der Wortgruppe sein. Das macht es schwierig die Großschreibung Top in Kombination mit der Getrenntschreibung zu rechtfertigen. Diese Schreibvarianten orientieren sich mehr oder weniger direkt an der Schreibung des englischen Ausdrucks Top Ten. Das ist sonst nicht üblich. Vielleicht etabliert sich hier ja eine neue Ausnahme.

Schreiben Sie so, wie Sie es für richtig halten – nach der Schreibweise in Ihrer Frage zu Urteilen ist dies top drei – und rechnen Sie mit Kommentaren. Wenn Sie kommentarlos „davonkommen“ wollen oder müssen, ist Top Drei zu erwägen. Es stimmt zwar (vorläufig?) nicht ganz, aber fast niemand merkt’s. Und die besten drei geht natürlich auch immer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wann genau ist nächsten Freitag?

Wenn ich am Dienstag sage, dass ich Sie am nächsten Freitag besuchen möchte, und Sie geneigt sind, mich zu empfangen, erwarten Sie mich dann in drei Tagen oder in zehn Tagen? Das ist eine Frage, die die deutsche Sprachgemeinschaft spaltet. Quer durch Regionen, Gesellschaftsgruppen, ja sogar Familien verläuft die Scheidungslinie. Fragen Sie doch probehalber einmal ein paar Leute in Ihrer Umgebung. Auch Herr J. und seine Frau sind sich nicht darüber einig. Klarheit schaffen kann übrigens auch ich nicht.

Frage

Ich bin eigentlich auf der Suche nach der Bedeutung von „nächsten Freitag“. […] Ist die Bedeutung „nächster Freitag“ eine allgemein übliche Redewendung in der deutschen Sprache für einen Tag in der nächsten Woche, oder kann er noch in dieser Woche stattfinden?
Wenn man im Netz sucht, dann sind die Meinungen recht gespalten. […]

Antwort

Sehr geehrter Herr J.,

Ihr Eindruck täuscht Sie nicht: Die deutsche Sprachgemeinschaft ist sich nicht darüber einig, was genau mit nächsten Freitag gemeint ist. Die einen meinen den erstkommenden Freitag, die anderen den Freitag der erstkommenden Woche. Das ist am Freitag und am Samstag kein Problem, denn dann sind der erstkommende Freitag und der Freitag der erstkommenden Woche ein und derselbe Tag. Am Sonntag wird es schon schwieriger, weil nicht allen immer klar ist, zu welcher Woche er eigentlich gehört, zur vorhergehenden oder zur kommenden.

Doch wer hat nun an einem Dienstag recht? Dauert es nur drei Tage oder volle zehn Tag bis zum nächsten Freitag? Obwohl schon viele Diskussionen und Debatten darüber geführt wurden – oder vielleicht gerade deshalb – kann diese Frage meiner Meinung nach nicht entschieden werden. Beide Interpretationen sind gebräuchlich und beide sind mehr oder weniger gleich „logisch“ (vgl. auch hier). Die einen nennen nun einmal diesen Freitag und nächsten Freitag, was die anderen als nächsten Freitag und übernächsten Freitag bezeichnen.

Eine Angabe wie nächsten Freitag kann also schnell einmal zu Missverständnissen führen. Wenn es wirklich wichtig ist, fragen Sie am besten sicherheitshalber nach, ob Ihr Gegenüber zur gleichen Gruppe „Nächsten-Freitag-Sager und -Sagerinnen“ gehört wie Sie. Sie können auch auf Formulierungen wie kommenden Freitag und nächste Woche Freitag ausweichen, die viel weniger missverständlich sind. Und wenn Sie der Sache einmal gar nicht trauen, gibt es immer noch die Angabe des Datums. Man kann glücklicherweise wenigstens davon ausgehen, dass ohne anderslautende Angaben alle immer das Datum nach dem gregorianischen Kalender meinen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp