Mitzunehmen ist zusammenzuschreiben

Eine Frage, die eigentlich ganz einfach zu beantworten ist, die aber trotzdem immer wieder Anlass zu Zweifeln gibt. Sie kommt jedenfalls regelmäßig vorbei:

Frage

Ich hätte gerne gewusst, wie man Folgendes richtig schreibt und warum: „Denkt daran dies und das mit zu nehmen!“ – oder doch „mitzunehmen“?

Antwort

Sehr geehrte Frau H.,

richtig ist hier die Zusammenschreibung:

Denkt daran, dies und das mitzunehmen!

Man schreibt den mit zu erweiterten mehrteiligen Infinitiv dann in einem Wort, wenn man auch den entsprechenden nicht erweiterten Infinitiv in einem Wort schreibt:

Denkt daran, dass ihr dies und das mitnehmen solltet!

Das zu wird sozusagen in die bestehende Wortform eingeschoben. Siehe die Angaben zum Infinitiv beim Eintrag mitnehmen in Canoonet und allgemein hier.

Man schreibt also auch zum Beispiel:

Sie versuchten aufzustehen. (vgl. aufstehen)
Hör auf, den ganzen Tag herumzutelefonieren (vgl. herumtelefonieren)
Es fällt dir schwer, Fehler zuzugeben. (vgl. zugeben)
Es scheint noch etwas hinzuzukommen.  (vgl. hinzukommen)

Getrennt wird aber zum Beispiel hier geschrieben:

Hört auf, den ganzen Tag miteinander zu telefonieren (vgl. miteinander telefonieren)
Es ist erlaubt, anders zu denken (vgl. anders denken)
Sie versuchte, immer für ihn da zu sein (da sein)

Und hier noch etwas Spitzfindigeres:

Die Richterin zögerte, den Angeklagten freizusprechen (jemanden freisprechen)
Die Vortragenden sollten versuchen frei zu sprechen (frei sprechen)
Es ist nicht immer einfach, dich liebzuhaben o. dich lieb zu haben (liebhaben o. lieb haben)

Im Prinzip ist es also nicht einfacher oder komplizierter, als die Getrennt- und Zusammenschreibung bei Verben ohnehin ist.

Dann noch zu Frage nach dem Warum: Die Antwort ist ebenso einfach wie sie für manche unbefriedigend sein wird: Weil die Schreibtradition und die Rechtschreibregeln es so wollen.

Ganz so selbstverständlich ist die Zusammenschreibung nämlich nicht. Das Wörtchen zu hat hier weder die Bedeutung noch die Betonung eines selbstständigen Wortes. Es ist fast ein Teil der Wortform. Deshalb schreibt man mitzunehmen, aufzustehen und zuzugeben zusammen. Es wird aber anders als zum Beispiel das ge des Partizips (genommen) doch nicht ganz als Teil der Wortform angesehen. Deshalb schreibt man es bei untrennbaren Verben vom Verb getrennt: zu nehmen, zu stehen, zu übergeben.

Dies ist natürlich bei Weitem keine umfassende Analyse. Ich möchte nur aufzeigen, dass es bei der Schreibung von Infinitiven mit zu Widersprüchlichkeiten gibt. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass man hier recht häufig getrennt geschriebenen Formen begegnet. Dass die Zusammenschreibung nicht der Weisheit einziger Schluss ist, zeigt die Orthografie des Niederländischen, das wie das Deutsche trennbare Verben kennt. Dort schreibt man nämlich:

meenemen – mee te nemen
opstaan – op te staan
toegeven – toe te geven
(mitnehmen – mitzunehmen, aufstehen – aufzustehen, zugeben – zuzugeben)

Wie dem auch sei, die deutsche Rechtschreibregelung ist hier deutlich: Man schreibt mitzunehmen, aufzustehen und zuzugeben zusammen wie mitnehmen, aufstehen und zugeben. Wirklich schwierig ist das zum Glück nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Was würdest du tun, wenn du alles …?

Frage

Ein bekannter Mobilfunkanbieter warb Ende des vergangenen Jahres mit der Frage „Was würdest du tun, wenn du alles kannst?“. Ist hier nicht Konjunktiv II anzuwenden („Was würdest du tun, wenn du alles könntest?“)?

Antwort

Sehr geehrter Herr B.,

in der Standardsprache steht in der Regel in beiden Sätzen eines Bedingungsgefüges der gleiche Modus. Anders gesagt: Bei Satzgefügen mit einem Bedingungssatz mit wenn und einem Hauptsatz steht in der Regel in beiden Sätzen der Indikativ oder in beiden Sätzen der Konjunktiv. Ein paar Beispiele mit dem Indikativ:

Wenn der Zug verspätet ist, warten wir im Restaurant auf euch.
Das Fest findet im Garten statt, wenn es die Wetterverhältnisse zulassen.
Was geschieht, wenn jemand alle Zahlen errät?
Wenn du alle Zahlen errätst, gewinnst du den Hauptpreis.

Der Konjunktiv steht bei einem irrealen Bedingungssatz. Ein irrealer Bedingungssatz beschreibt einen Sachverhalt, der möglich oder wahrscheinlich ist, der aber nur in Gedanken konstruiert wird. Dabei formuliert der Nebensatz eine Bedingung, die – wenn sie erfüllt wäre – eine bestimmte Folge hätte.

Es wäre gut für sie, wenn sie bald eine neue Stelle fänden.
Wenn ich genug Zeit gehabt hätte, hätte ich euch besucht.
Was würde geschehen, wenn jemand alle Zahlen erraten würde?
Du würdest den Hauptpreis gewinnen, wenn du alle Zahlen erraten würdest.

Standardsprachlich heißt es entsprechend auch besser:

Was würdest du tun, wenn du alles könntest?
Was würdest du tun, wenn du alles tun könntest?

Der Satz, der in der Werbung benutzt wird, ist allerdings nicht einfach völlig falsch. Er ist umgangssprachlich. Wir sind nicht nur bei Lidl und Aldi gerne sparsam, sondern oft auch bei sprachlichen Äußerungen. Oft geben wir im Deutschen nur einmal an, was genau gemeint ist. Bei einem Bedingungsgefüge reicht es im Prinzip, wenn nur in einem der Teilsätze mit einem Konjunktiv angegeben wird, dass es sich um ein „irreales“ Gefüge handelt:

Was würdest du tun, wenn du alles kannst?
Was tust du, wenn du alles könntest?

Diese standardsprachlich besser zu vermeidenden Formulierungen gefallen mir persönlich auch stilistisch nicht. Man kann aber nicht sagen, dass die umgangssprachlichen Äußerungen unverständlich sind. Man versteht genau, was gemeint ist.

Der Mobilfunkanbieter hat sich vielleicht für die umgangssprachliche Variante entschieden, um „eine größere Nähe“ zur potenziellen Kundschaft bewirken. Vielleicht schwebte der Marktetingabteilung auch eine andere implizite Botschaft vor. Wie dem auch sei, einen Werbespruch der Art „Was wäre, wenn …“ halte ich mit und ohne standardsprachliche Verwendung des Konjunktivs für riskant. Es ist für Konkurrenz und unzufriedene Kundschaft wirklich zu einfach, ihm eine ganz andere Wendung zu geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Geschmeichelt oder nicht geschmeichelt?

Frage

Bei Ihnen wird „geschmeichelt“ als Adjektiv ausgewiesen, ich bin aber der Meinung, dass es sich immer um ein Verb „schmeicheln“ oder ein Partizip oder eine Passivform „geschmeichelt“ handelt. Eine adjektivische Nutzung ist mir nicht bewusst.

Antwort

Guten Tag D.,

in den folgenden Beispielen ist geschmeichelt als Adjektiv (oder adjektivisch verwendetes Partizip) anzusehen:

ein geschmeicheltes Bild (ein sehr günstiges, zu günstiges Bild)
eine geschmeichelte Darstellung der Ereignisse (eine zu positive Darstellung)

Aus heutiger Sicht könnte geschmeichelt streng genommen auch in den folgenden Formulierungen als Adjektiv bezeichnet werden:

geschmeichelt sein
sich geschmeichelt fühlen

wie

zufrieden sein
sich zufrieden fühlen

Das Verb schmeicheln ist nämlich ein intransitives Verb (jemandem schmeicheln) und intransitive Verben können kein Zustandspassiv bilden. Zum Beispiel:

jemandem danken
nicht: *gedankt sein
nicht: *sich gedankt fühlen

Aber zum Beispiel:

jemanden ehren
geehrt sein
sich geehrt fühlen

Diese für ein intransitives Verb untypischen Verwendungen des Partizips geschmeichelt sind wahrscheinlich ein Überbleibsel aus einer Zeit, als schmeicheln nicht nur mit dem Dativ, sondern auch mit dem Akkusativ verwendet wurde. Ein paar Beispiele:

Bey meiner Treu, ich sag es ohne sie zu schmeicheln, sie sind ein Kerl, der es, hohl mich der Teuffel, mit manchem Cantor annehmen könnte.
[G. E. Lessing, Weiber sind Weiber, 5. Auftritt, 1749]

Ich danke Gott mit Saitenspiel, 
dass ich kein König worden. Ich wär geschmeichelt worden viel, 
und wär vielleicht verdorben.
[Matthias Claudius, Täglich zu singen, 1777]

Dolon, schmeichle dich nicht mit der Hoffnung, dein Leben zu retten
[Ilias, 10, 435, übers. von F. L. Graf zu Stolbert, 1781]

Im heutigen Deutschen ist schmeicheln, wie bereits gesagt, ein intransitives Verb, das heißt, es wird nicht mehr mit dem Akkusativ verwendet:

jemandem schmeicheln
Sie schmeichelte dem Grafen mit schönen Worten.
Die Hose schmeichelt Ihrer Figur.

Außer in Formulierungen der eingangs genannten Art sollte geschmeichelt deshalb genauso wenig adjektivisch verwendet werden wie gedankt oder geholfen. Es heißt also nicht:

*die gedankten Helferinnen und Helfer
*die geholfene Kundschaft
*der geschmeichelte Graf

Fazit: Man kann geschmeichelt als Adjektiv verwenden. Es gibt allerdings nur geschmeichelte (zu günstige) Darstellungen und Bilder, nicht aber *mit schönen Worten geschmeichelte Leute.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Relativität der Bedeutung der Rechtschreibung auf der A 7

Heute einmal etwas Einfaches, bei dem Wahlfreiheit eine größere Rolle spielt als starre Regeln. Möge dieser Nebensatz eines der Mottos für das neue Jahr sein!

Frage

Ich habe eine Frage zu Abkürzungen: Schreibt man A 7 für Autobahn 7 oder ohne Leerstelle, also A7?

Antwort

Sehr geehrte Frau M.,

es gibt keine allgemein gültige Regel für die Schreibung von abgekürzten Autobahnbezeichnungen und Ähnlichem. Die Rechtschreibregelung schweigt dazu. Wer nicht an einen Hausstil, interne Schreibrichtlinien usw. gebunden ist, schreibt also nach Belieben. Beide Schreibungen (mit und ohne Leerstelle) kommen vor. Ich würde vor allem in fortlaufenden Texten die Schreibung mit Leerstelle empfehlen:

Staus auf der A 7
Die B 203 ist eine wichtige Verbindungsstraße in Schleswig-Holstein.
Die RN 10 führt von Paris über Bordeaux nach Spanien.
Am Hauptbahnhof auf die S 8 oder die S 10 Richtung … umsteigen.

Die Schreibung ohne Leerstelle ist aber nicht falsch. Sie empfiehlt sich unter anderem dann, wenn keine geschützte Leerstelle verwendet werden kann und dadurch das Risiko besteht, dass die Abkürzung am Zeilenende getrennt wird:

Eine wichtige Nord-Süd-Verbindung ist die
A7, die von der dänischen Grenze bis …
statt
Eine wichtige Nord-Süd-Verbindung ist die A
7, die von der dänischen Grenze bis …

Wichtig ist vor allem, innerhalb eines Textes oder einer Textreihe möglichst konsequent die gleiche Schreibweise zu verwenden.

Mir war übrigens am vergangenen 27. Dezember völlig, aber auch völlig egal, ob wir nun auf der A7 oder auf der A 7 fünf Stunden länger brauchten als geplant! Die Bedeutsamkeit der Rechtschreibung nimmt im Stau rapide ab!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man 0,75 Bananen ausdrückt

Um Fruchtfans nicht allzu sehr zu enttäuschen, sei gleich bemerkt, dass hier ausdrücken für formulieren steht und nicht etwa für auspressen.

Frage

Kann man die folgenden Mengenangaben sowohl zusammen- als auch getrennt schreiben?

eine viertel Banane/eine Viertelbanane
eine drei viertel Banane/eine Dreiviertelbanane

ein viertel Glas Milch/ein Viertelglas Milch
ein drei viertel Glas Milch/ein Dreiviertelglas Milch

Antwort

Guten Tag H.,

Bei Angaben mit Vierteln machen wir es uns und der Rechtschreibung nicht einfach. Es gibt nämlich verschiedene Arten, solche Angaben zu formulieren, zu betonen und zu schreiben.

Wenn Sie Banane als Maßeinheit verwenden und ein oder drei Viertel davon angeben wollen, haben Sie diese Möglichkeiten:

eine viertel Banane (Hauptbetonung auf Banane)
eine Viertelbanane (Hauptbetonung auf Viertel-)

drei viertel Bananen
drei Viertelbananen

eine Dreiviertelbanane
(damit könnte aber genau genommen auch eine ganze Banane gemeint sein, die nur 0,75 mal so groß ist wie eine gewöhnliche Banane – wenn es so etwas gibt)

Es ist aber nicht sehr gebräuchlich, Bananen als Maßeinheit zu verwenden. Ich würde deshalb eher sagen:

ein Viertel einer Banane
drei Viertel einer Banane

Das Wort Glas hingegen wird in der Einzahl häufig auch als Maßeinheit verwendet. Entsprechend sind nach der Rechtschreibregelung (siehe hier, hier und hier) diese Schreibweisen möglich:

ein viertel Glas Milch
ein Viertelglas Milch

drei viertel Glas Milch
drei Viertelglas Milch

Auch diese Formulierung ist möglich:

ein Dreiviertelglas Milch (= 0,75 Glas)

Hier ist aber die Verwechslungsgefahr mit

eindreiviertel Glas Milch (= 1,75 Glas)

recht groß! (Nicht so übrigens bei Banane: eine Dreiviertelbanane vs. eindreiviertel Bananen)

Weder mit einem Viertelgruß noch mit einem Dreiviertelgruß oder drei Viertelgrüßen, sondern ganz klassisch mit freundlichen ganzen Grüßen

Dr. Bopp

Schnürchen, Rübchen und kleine Geschnittene

Pastagerichte gehören zumindest nördlich der Alpen nicht unbedingt zu den Klassikern des Weihnachtsmenüs. Dies ist also (noch?) nicht mein zur Adventszeit passender Blogartikel. Anlass zu diesem Thema war ein sehr gemütliches und sehr gutes Essen mit Freunden in einem ausgezeichneten italienischen Restaurant. Es gab unter anderem Ravioli mit Krebsfüllung an Zitronensauce (lecker!!). Dabei wurde mir spontan eine Frage zu diesem Gericht gestellt. Da ich nun einmal Sprachler bin, wurde ich nicht gefragt, wie ich diese Köstlichkeit zubereiten würde, vielmehr wollte man wissen, woher das Wort Ravioli kommt. Wir wussten alle, dass es das italienische Wort für gefüllte Teigtaschen ist – sie lagen ja vor uns auf dem Teller –, aber woher diese Bezeichnung im Italienischen kommt, wusste ich natürlich nicht. Ich habe es inzwischen herausgesucht und möchte Ihnen heute die Namen von ein paar bekannten und weniger bekannten italienischen Nudelsorten aufzeigen (Auwahlkriterium: Was mir schon einmal auf einer Speisekarte oder auf dem Teller begegnet ist und woran ich mich auch noch gut bis vage erinnern kann). Man soll ja hin und wieder auch einen Blick über die Sprachgrenze werfen.

  • Bucatini = kleine Gelochte (zu bucato – gelocht, durchlöchert)
  • Cannelloni = große Röhrchen (zu cannello – Rörchen, canna – Rohr)
  • Cappelletti = Hütchen (zu capello – Hut)
  • Conchiglie = Muscheln
  • Farfalle = Schmetterlinge (bei uns zu Hause hießen sie Kravättchen)
  • Fettuccine = Bändchen (kleine Bänder, zu fettuccia – Band)
  • Fusilli = Spindelchen (zu fuso – Spindel; hierzulande auch Spiralnudeln genannt)
  • Lasagne = breite Bandnudeln (das Wort geht irgendwie auf lateinisch lasanum – Kochgeschirr zurück)
  • Linguine = Züngelchen (zu lingua – Zunge)
  • Maccheroni = aus dem Süditalienischen, und dort entweder unbekannte Herkunft oder von griechisch makaría – ein mit Gerste zubereitetes Gericht; bei uns Makkaroni oder Hörnchen(nudeln) gennant.
  • Orecchiette = Öhrchen (zu orecchio/orecchia – Ohr)
  • Ravioli = Rübchen? (wahrscheinlich süditalienischer Diminutiv zu rapa – Rübe)
  • Rigatoni = Gestreifte (zu rigato – gestreift)
  • Spaghetti = Schnürchen (zu spago – Schnur)
  • Tagliatelle = kleine Geschnittene (zu tagliato – geschnitten)
  • Tortellini/Tortelloni = kleine/große Törtchen (über tortello zu torta – Torte)

Wie man sieht, lassen sich auch die Italiener bei der Bennennung ihrer Nudeln vor allem durch die Form inspirieren. Mit u. a. -elle, -ette, -etti, -ine, -ini, -oni, -ioli haben sie aber ein viel größeres Arsenal an Diminutivendungen als wir mit unseren -chen und -lein!

Ach ja: Bei den Nudeln im Titel handelt es sich also um Spaghetti, Ravioli und Tagliatelle.

Buon appetito!

Dottor Bopp

Schifffahrtsgesellschaft und Raumfahrtbehörde: …fahrt und das Fugen-s

Dass das Fugen-s in Zusammensetzungen ein Stolperstein sein kann, wusste ich schon, denn es kommt regelmäßig in Ihren Fragen vor. Heute geht es um einen ganz besonders unsystematische Art der Wortzusammensetzung.

Frage

Warum schreibt man Raumfahrtbehörde ohne Fugenelement s?

Antwort

Sehr geehrte Frau P.,

verzeihen Sie mir bitte diese vielleicht überflüssige und ziemlich pedantische erste Antwort: Man schreibt Raumfahrtbehörde ohne Fugen-s, weil man das Wort auch ohne Fugen-s spricht. Es geht hier also nicht um eine Frage der Rechtschreibung, sondern um eine Frage der Wortbildung. Das ist nicht immer allen klar.

Bei zusammengesetzten Wörtern mit einem Wort der Art ...fahrt als erstem Element kommen sowohl Bildungen mit Fugen-s als auch Bildungen ohne Fugen-s vor. Es gibt keine feste Regel, das heißt, richtig ist, was üblich ist. Zum Beispiel:

In Zusammensetzungen im Sport steht Abfahrt immer mit s:

Abfahrtsrennen, Abfahrtsläuferin, Abfahrtssieger

Bei der Bahn usw. ist die Verwendung freier. Üblich sind Formen sowohl mit als auch ohne Fugen-s:

Abfahrtsgleis/Abfahrtgleis, Abfahrtszeit/Abfahrtzeit

Und hier noch ein paar Beispiele, die wenig zu einer eindeutigen Klärung beitragen:

Immer (oder meistens) mit Fugen-s:

Anfahrt: Anfahrtsweg, Anfahrtskosten
Zufahrt: Zufahrtsstraße, Zufahrtsrampe
Wohlfahrt: Wohlfahrtsamt, Wohlfahrtsempfänger
Schifffahrt: Schifffahrtsgesellschaft, Schifffahrtsweg

Mit oder ohne Fugen-s gebräuchlich:

Einfahrt: Einfahrtsstraße/Einfahrtstraße, Einfahrtserlaubnis/Einfahrterlaubnis
Vorfahrt: Vorfahrtsschild/Vorfahrtschild, Vorfahrtsstraße/Vorfahrtstraße
Seefahrt: Seefahrtsschule/Seefahrtschule, Seefahrtsbuch/Seefahrtbuch

Immer ohne Fugen-s:

Luftfahrt: Luftfahrtgesellschaft, Luftfahrtindustrie
Raumfahrt: Raumfahrtbehörde, Raumfahrttechnik

Zusammensetzungen mit Raumfahrt an erster Stelle gehören also zu den Zusammensetzungen, die ohne Fugen-s gebildet werden.

Zur Frage, warum dies so ist, kann ich höchstens sagen, dass es vielleicht in Analogie mit Luftfahrt geschieht. Warum aber Luftfahrt in Zusammensetzungen ohne Fugen-s steht, während Seefahrt häufig mit und ohne stehen kann und Schifffahrt immer ein Fugen-s verlangt, entzieht sich nicht nur meiner Kenntnis, ich kann es nicht einmal erraten. Ich erkenne weder formal noch inhaltlich einen Unterschied zwischen diesen Wörtern, der dies erklären könnte.

Manchmal ist es einfach erstaunlich, wie unsystematisch die (manchmal um ihre Präzision und Deutlichkeit gerühmte) deutsche Sprache sein kann. Im Fall von Zusammensetzungen der Art …fahrt[s]… ist die Situation ganz besonders unklar: Das Fugen-s kommt häufig, aber nicht immer vor. Es ist dann auch nicht erstaunlich, dass selbst in Wörterbüchern nicht überall die gleichen Formen angegeben werden. Am meisten erstaunt mich aber, dass es mir bis zur Beantwortung dieser Frage gar nie aufgefallen war, wie uneinheitlich wir hier vorgehen. Für Muttersprachige scheint dies also kein allzu großes Problem zu sein (solange sie nicht anfangen, darüber nachzudenken …). Deutschlernende haben es hier bestimmt viel schwerer!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Lächelnde Gastgeber, wartende Patienten, betörende Filme und bestechende Schnelligkeit – Das Präsenspartizip und sein Subjekt

Heute gibt es wieder einmal etwas Grammatisches. Wer solches nicht mag oder zu kompliziert findet, geht einfach ganz nach unten und liest den allerletzten Abschnitt.

Frage

In Canoonet steht auf der Seite zum Partizip Präsens:

Dabei bezieht sich das Subjekt des Hauptverbs immer auch auf das Partizip Präsens:

Er begrüßt die Gäste lächelnd. = Er begrüßt die Gäste und er lächelt.
Nicht: Er begrüßt und die Gäste lächeln

Was ist es aber bei:

Er findet den Film betörend. Er hält die Frau für ätzend. (Bezug auf Objekt?)
Das ist ein überragend guter Einfall. (Bezug auf ?)
Er läuft bestechend schnell? (Bezug auf ?)
Er begrüßte die wartenden Patienten / Wartenden. (Bezug auf ?)

Antwort

Sehr geehrter Herr H.,

die Canoonet-Seite, auf die Sie sich beziehen, ist nur eine vereinfachte Darstellung. Die Situation ist (wie so oft) um einiges komplexer. Sie vereinfachen die Darstellung allerdings noch mehr, indem Sie nur eine einzelne Stelle zitieren. Der zitierte Satz bezieht sich auf die Situation, in der das Präsenspartizip zu einem finiten Verb gehört. Dann ist das Subjekt des finiten Verbs auch das Subjekt der Verbhandlung, die durch das Präsenspartizip ausgedrückt wird:

Er begrüßt die Gäste lächelnd.
= Er begrüßt die Gäste und er lächelt dabei.

Mordend und plündernd zogen sie durch das Land.
= Sie zogen durch das Land und sie mordeten und plünderten dabei.

Für den Fall, dass das Präsenspartizip zu einem Nomen gehört, steht auf derselben Seite Folgendes:

Das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung ist das Nomen, bei dem es steht.

Dabei müssen wir zwischen verschiedenen Verwendungsarten unterscheiden:

a) Bei attributivem Gebrauch steht das Partizip in gebeugter Form vor einem Nomen. Dieses Nomen ist das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung:

Sie begrüßt die wartenden Patienten.
= Sie begrüßt die Patienten. Die Patienten warten.

Sie sprangen auf den fahrenden Zug.
Sie sprangen auf den Zug. Der Zug fuhr.

b) Bei prädikativem Gebrauch: Problemlos ist die Zuweisung, wenn das Partizip über Verben wie sein, werden und bleiben das Subjekt des Satzes näher bestimmt, d.h. wenn es Prädikativ zum Subjekt ist:

Der Film ist betörend.
= Der Film betört.

Die Frau war ätzend.
= Die Frau „ätzte“.

Die Verben finden und halten für verbinden das Partizip nicht mit dem Subjekt, sondern mit dem Objekt des Satzes. Das Prädikativ – in diesem Fall das ungebeugte Präsenspartizip – ist Prädikativ zum Objekt, das heißt, es bezieht sich auf das Objekt.

Er findet den Film betörend.
= der Film betört

Er hält die Frau für ätzend.
= die Frau „ätzt“

In diesen Beispielsätzen wird das Präsenspartizip über finden resp. halten für mit dem Objekt des Satzes verbunden (vgl. Er findet den Film gut; Er hält die Frau für nett). Das Subjekt der durch das Partizip ausgedrückten Verbhandlung ist auch hier das Nomen, das es bestimmt, also das Akkusativobjekt Film resp. Frau.

c) Damit sind noch nicht all Ihre Beispiele besprochen. Es gibt noch einen weiteren Fall: den adverbialen Gebrauch, das heißt die Verwendung des Präsenspartizips als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv.

Das ist ein überragend guter Einfall.
Er läuft bestechend schnell?

Bei überragend gut und bestechend schnell wird das Präsenspartizip als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv verwendet (vgl. besonders gut, außerordentlich gut; sehr schnell, unerwartet schnell). Es bestimmt also weder das Verb noch ein Nomen, sondern ein Adjektiv. Das Präsenspartizip hat in dieser Funktion seinen verbalen Charakter teilweise verloren. Wenn dennoch ein Subjekt der Verbhandlung angegeben werden soll, so ist dies entweder die Eigenschaft, die das von ihm bestimmte Adjektiv ausdrückt, oder eventuell das Subjekt des Hauptverbs:

Er singt überragend gut.
= Die Güte überragt / Er überragt durch seine Güte.

Er läuft bestechend schnell
= Die Schnelligkeit besticht / Er besticht durch seine Schnelligkeit.

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Alle Präsenspartizipien können als Adjektiv verwendet werden. Meist geschieht dies (wie in der Darstellung in unserer Grammatik) als attributives Adjektiv. Wie die Beispiele oben zeigen, kommt aber auch prädikativer und adverbialer Gebrauch vor. Bei attributivem (a) und prädikativem (b) Gebrauch ist das von ihm bestimmte Nomen das Subjekt der vom Partizip ausgedrückten Verbhandlung. Bei der Verwendung als Adverbialbestimmung zu einem Adjektiv (c) ist die Bestimmung des Subjekts undeutlicher.

Wieder einmal klingt alles recht kompliziert, wenn man anfängt es etwas genauer zu beschreiben. Das Beruhigende (suche das dazugehörende Subjekt!) und gleichzeitig auch Bewundernswerte ist, dass wir die Präsenspartizipien in der Regel problemlos verwenden und verstehen, ohne dass wir bewusst komplizierte Satzanalysen vornehmen müssen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp