Inklusive meiner, mir, mich oder ich?

Die Wörter einschließlich und inklusive rufen immer wieder die Frage auf, welcher Fall ihnen folgen soll. Deshalb nicht zum ersten (und nicht zum letzten?) Mal hier im Blog:

Frage

Ist inklusive mir korrekt oder muss es anders heißen? Muss eventuell ein anderes Objektpronomen hin wie zum Beispiel meiner?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

die Präposition inklusive verlangt standardsprachlich ebenso wie einschließlich den Genitiv, wenn er ersichtlich ist (vgl. hier und hier). Es müsste also heißen:

inklusive meiner / einschließlich meiner
Es hat viele, inklusive/einschließlich meiner, tief berührt.

Das klingt aber sehr gehoben, veraltet oder unnatürlich. Etwas weniger gehoben, aber für den alltäglichen Sprachgebrauch kaum passender sind:

inklusive/einschließlich meiner selbst
inklusive/einschließlich meiner Person
Es hat viele, inklusive/einschließlich meiner selbst, tief berührt.

Häufig wird hier der Dativ gewählt, aber das gilt im Allgemeinen als umgangssprachlich:

inklusive/einschließlich mir
Es hat viele, inklusive/einschließlich mir, tief berührt.

Das ist noch nicht alles: Seltener werden inklusive und einschließlich auch als Konjunktion verwendet. Der Fall des nachfolgenden Wortes hängt dann nicht mehr von inklusive oder einschließlich, sondern vom Verb ab:

Es hat viele, inklusive/einschließlich mich, tief berührt
Viele, inklusive/einschließlich ich, finden das problematisch.

Diese Verwendung als Konjunktion ist aber in der Standardsprache nicht vorgesehen.

Wenn es nicht gehoben sein soll und nicht umgangssprachlich sein darf, weicht man am besten auf eine andere Formulierung aus. Zum Beispiel:

Es hat viele, auch mich, tief berührt.
Viele Menschen, ich eingeschlossen, finden das problematisch.
Ich misstraue allen, auch mir (selbst).

Eine Frage stellt sich mir jedes Mal ein bisschen dringender, wenn es wieder um inklusive und einschließlich geht: Wäre es nicht an der Zeit, in Wörterbüchern und Grammatiken dem tatsächlichen Sprachgebrauch zu folgen und bei einschließlich und inklusive anzugeben, dass sie auch mit dem Dativ oder auch als Konjunktion verwendet werden können? Bis es so weit ist, würde ich aber in formelleren Zusammenhängen statt einerseits einschließlich/inklusive meiner oder andererseits einschließlich/inklusive mir auf eine Formulierung mit zum Beispiel auch ich, auch mich oder auch mir ausweichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auf dem oder auf den Markt einkaufen gehen?

Frage

Der Satz: „Anna geht häufig auf dem Markt einkaufen“ klingt für mich besser als „Anna geht häufig auf den Markt einkaufen“. Würden Sie hier nach der Wechselpräposition „auf“ auch den Dativ wählen?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die Frage lautet, in welchem Kasus Ortsbezeichnungen bei einkaufen gehen stehen. Gibt man an, wo man einkaufen geht (mit Dativ) oder wohin man einkaufen geht (mit Akkusativ)? Beides ist vertretbar:

a) gehen, um irgendwo einzukaufen:
Wo kaufe ich ein? – Ich kaufe auf dem Markt ein.

b) irgendwohin gehen, um einzukaufen
Wohin gehe ich? – Ich gehe auf den Markt.

Im ersten Fall ist die Ortsangabe von einkaufen abhängig, im zweiten Fall ist sie von gehen abhängig.

Grammatisch ist beides vertretbar, aber kommt auch beides vor? Die Antwort auf diese Frage ist ein „klares Jein“. Im Internet und im DWDS-Korpus kommt einkaufen gehen sehr viel häufiger mit dem Dativ vor. Hier ein paar Beispiele:

Im Supermarkt können Sie aber noch in Ruhe einkaufen gehen.
… in einem normalen Kaufhaus Strumpfhosen einkaufen geht
in dem Supermarkt, in dem meine Freundin immer einkaufen geht
Rodeo Drive, die Straße, in der die Stars einkaufen gehen
Wenn [er] in der Markthalle am Hafen einkaufen geht
Vom Franzosen […], der meist nur einmal pro Woche in einem Hypermarché einkaufen geht
bei der Entscheidung, wo man einkaufen geht
Was tun, wenn mein Kind im Internet einkaufen geht?
in Hamburg/Leipzig/Innsbruck/Zürich einkaufen gehen

Selten sind Fundstellen, in denen einkaufen gehen mit dem Akkusativ steht. Hier ein paar Beispiele:

wenn Sie in den Supermarkt einkaufen gehen
wenn ich mit meiner Geldbörse auf den Markt einkaufen gehe
Du gehst in die Stadt einkaufen, wie immer.
dürfen […] einmal im Monat Gewisses in die Schweiz einkaufen gehen
Er muß nur, bevor er in den Intershop einkaufen geht, einen Weg zur Bank machen
da die Liechtensteiner ins benachbarte Ausland einkaufen gingen
ehemalige Kunden, die […] heimlich nach Dubraucke einkaufen gehen

Der langen Rede kurzer Sinn: Richtig ist bei einkaufen gehen sowohl der Dativ als auch der Akkusativ. Sehr viel üblicher sind aber Formulierungen mit dem Dativ. Ich würde also eher auf dem Markt einkaufen gehen wählen als auf den Markt einkaufen gehen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Adjektivbeugung: immer zweimal er

Frage

Folgender Satz bereitet mir bezüglich des Kasus Probleme:

Nebenleistungen dienen der Erfüllung der Hauptleistung oder dem Schutz sonstiger vertragsrelevanten Interessen einer Vertragspartei.

Das Adjektiv „vertragsrelevanten“ müsste doch im Genetiv stehen (… dienen der Erfüllung wessen? Der Erfüllung vertragsrelevanter Interessen). […]

Antwort

Guten Tag Herr F.,

in diesem Satz sollten die aufeinanderfolgenden Adjektive parallel gebeugt werden, das heißt, das auf das Adjektiv sonstig folgende Adjektiv sollte die gleiche Endung wie sonstig haben:

Nebenleistungen […] dienen […] dem Schutz sonstiger vertragsrelevanter Interessen.

Vergleiche hierzu die Angaben auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Ist die nicht parallele Beugung sonstiger vertragsrelevanten einfach nur falsch und unbegreiflich? Standardsprachlich ist sie tatsächlich nicht akzeptiert, aber völlig unverständlich ist sie nicht.

Bei der männlichen starken Dativendung em kommt die sogenannte Wechselbeugung nämlich häufig vor, auch in der Standardsprache. Hier einige Beispiele, die mir bei einem schnellen Blick ins Internet und in das Korpus des DWDS begegnet sind:

Parallele Beugung:

Geschichten mit sonstigem politischem Hintergrund
Informationen zu missbräuchlichem oder sonstigem betrügerischem Verhalten
Knüppel aus sonstigem legiertem Stahl
Man findet den Begriff vor allem auf sonstigem abgepacktem Gemüse
die Möglichkeit, aus sonstigem berechtigtem Interesse zu kündigen
mit sowjetischen Waffen und sonstigem militärischem Gerät
von der Heiligen Schrift oder sonstigem christlichem Vorstellungsgut bestimmt
Schäden an sonstigem elektrischem Zubehör

Wechselbeugung:

Arbeitsverträge mit sonstigem pädagogischen Personal
Haftung bei sonstigem fehlerhaften Prospekt
bei sonstigem freien Vermögen der GmbH
Teppiche voller Schilf, Gras und sonstigem losen Bewuchs
Der Qualitätsanspruch zeigt sich an Becherhaltern und sonstigem polierten Metall.
Mitarbeitende in Seelsorge und sonstigem kirchlichen Dienst
auf sonstigem elektronischen Wege
mit sonstigem regelmäßigen Einkommen

Dabei fällt auf, dass die Wechselbeugung (em – en) im Korpus häufiger vorkommt als die parallele Beugung (em – em).

Bei der Endung er habe ich so schnell gar kein Gegenbeispiel zur parallelen Beugung (er – er) gefunden:

als CEO oder in sonstiger gehobener Position
mit sonstiger, fundierter Berufserfahrung
eine zweistündigen Ruhepause zu sonstiger freier Verfügung
ohne Ansehen ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder sonstiger individueller Eigenschaften
aufgrund sonstiger zu tilgender Darlehen
die Erhebung sonstiger sachdienlicher Informationen
im Rahmen sonstiger gesetzlicher Schranken
die Delikte sonstiger Krimineller

Ein anderer Einfluss könnte sein, dass ein Adjektiv nach einem gebeugten Artikelwort schwach gebeugt wird:

der Schutz der vertragsrelevanten Interessen
der Schutz dieser vertragsrelevanten Interessen
der Schutz Ihrer vertragsrelevanten Interessen

Das Wort sonstiger ist vielleicht kein „Standardadjektiv“, aber es ist ein Adjektiv und kein Artikelwort und entsprechend sollte es also heißen:

der Schutz sonstiger vertragsrelevanter Interessen

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Käme bleibt käme und hätte bleibt hätte – Was aus dem Konjunktiv II der direkten Rede in der indirekten Rede wird

Ein häufig wiederkehrendes Thema bei Fragen ist die indirekte Rede, genauer gesagt die Verwendung des Konjunktivs in der indirekten Rede. Eine Übersicht zu den gebräuchlichen Grundregeln und ein paar weiterführende Links sind  in diesem Blogartikel zu finden, der schon einige Jährchen auf dem Buckel hat. Ich nehme Herrn M.s Frage zum Anlass einen Sonderfall zu besprechen: Was passiert, wenn die indirekte Rede im Konjunktiv steht?

Frage

Wie lautet in Bezug auf Satz 1 die indirekte Rede?

Satz 1: Ich sagte: „Ich führe gern nach Portugal.“

Antwort

Guten Tag Herr M.,

in diesem Fall ist es eigentlich ganz einfach: Ein Konjunktiv II in der direkten Rede wird auch in der indirekten Rede als Konjunktiv II wiedergegeben.

Im Folgenden stehen ein paar Beispiele mit jeweils einem Satz d) in der direkten Rede, i1) in der indirekten Rede mit einem uneingeleiteten Nebensatz und i2) in der indirekten Rede mit einem dass-Satz:

d) Er sagte: „Ich käme auch mit, wenn ich Zeit hätte.“
i1) Er sagte, er käme auch mit, wenn er Zeit hätte.
i2) Er sagte, dass er auch mitkäme, wenn er Zeit hätte.

d) Sie behaupten: „Wir wären auch mitgekommen, wenn wir Zeit gehabt hätten.“
i1) Sie behaupten, sie wären auch mitgekommen, wenn sie Zeit gehabt hätten.
i2) Sie behaupten, dass sie auch mitgekommen wären, wenn sie Zeit gehabt hätten.

d) Sie erwidert „Niemand ist so klug, als dass er alles wüsste.“
i1) Sie erwidert, niemand sei so klug, als dass er alles wüsste.
i2) Sie erwidert, dass niemand so klug sei/ist, als dass er alles wüsste.

d) Du bemerktest trocken : „Das würde ich nicht tun.“
i1) Du bemerktest trocken, du würdest das nicht tun.
i2) Du bemerktest trocken, dass du das nicht tun würdest.

Für Ihren Satz heißt das also:

d) Ich sagte: „Ich führe gern nach Portugal“.
i1) Ich sagte, ich führe gern nach Portugal.
i2) Ich sagte, dass ich gern nach Portugal führe.

Da viele die Form führe für etwas veraltet halten, ginge hier auch:

d) Ich sagte: „Ich würde gern nach Portugal fahren“.
i1) Ich sagte, ich würde gern nach Portugal fahren.
i2) Ich sagte, dass ich gern nach Portugal fahren würde.

Es ist also so einfach, dass man kaum je darüber stolpert: Ein Konjunkiv II in der direkten Rede bleibt in der indirekten Rede ein Konjunktiv II. Dennoch gilt – wie meistens, wenn es um die die Verwendung des Konjunktivs im Deutschen geht –, dass sich nicht immer alle an diese „Regel“ halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Nicht jedes „um zu“ lässt sich in ein „damit“ umwandeln

Frage

Ich habe eine Frage zum Gebrauch von „damit“ (im Unterschied zu „um … zu“). Irgendwo habe ich gelesen, dass man „damit“ immer gebrauchen kann. Aber wie sieht das im folgenden Satz aus:“Ich gehe in den Supermarkt, damit ich Brot kaufe“?

Meiner Meinung nach ist dieser Satz nicht korrekt. Wenn mein Sprachgefühl richtig ist: warum nicht?

Antwort

Guten Tag E.,

Sie haben recht: Der Satz

Ich gehe in den Supermarkt, damit ich Brot kaufe.

klingt falsch oder zumindest sehr unnatürlich.

Immer gilt, dass man Sätze mit damit in eine Konstruktion mit um … zu umwandeln kann, wenn Haupt- und Nebensatz ein identisches Subjekt haben:

Ich komme näher, damit ich dich besser verstehe.
Ich komme näher, um dich besser zu verstehen.

Sie arbeiten, damit sie genug Geld zum Leben haben.
Sie arbeiten, um genug Geld zum Leben zu haben.

Sie schreibt alles auf, damit sie es nicht vergisst.
Sie schreibt alles auf, um es nicht zu vergessen.

Das Umgekehrt gilt aber nicht immer. Wann nicht?

Einem Zwecksatz liegt in der Regel ein Konditionalverhältnis (Bedingungsverhältnis; wenn – dann) zugrunde:

Wenn man näher kommt, versteht man jemanden besser.
Ich komme näher, damit ich dich besser verstehen
Ich komme näher, um dich besser zu verstehen.

Wenn man arbeitet, hat man genug Geld zum Leben.
Sie arbeiten, damit sie genug Geld zum Leben haben.
Sie arbeiten, um genug Geld zum Leben zu haben.

Wenn man alles aufschreibt, vergisst man es nicht.
Sie schreibt alles auf, damit sie es nicht vergisst.
Sie schreibt alles auf, um es nicht zu vergessen.

Mit um … zu kann aber auch ein Zweck angegeben werden, dem kein mehr oder weniger direktes Bedingungsverhältnis zugrunde liegt. Dann ist die Umformung in einen Satz mit damit nicht möglich:

Ich gehe in den Supermarkt, um Brot zu kaufen.
nicht: Wenn man in den Supermarkt geht, kauft man Brot.
nicht: Ich gehe in den Supermarkt, damit ich Brot kaufe.

Wir fahren in die Stadt, um ins Kino zu gehen.
nicht: Wenn man in die Stadt fährt, geht man ins Kino.
nicht: Wir fahren in die Stadt, damit wir ins Kino gehen.

Sie sparen, um sich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen.
nicht: Wenn man spart, erfüllt man sich den Traum vom Eigenheim.
nicht: Sie sparen, damit sie sich den Traum Eigenheim erfüllen.

Er ruft dich morgen an, um die Situation mit dir zu besprechen.
nicht: Wenn man morgen anruft, bespricht man die Situation.
nicht: Er ruft dich morgen an, damit er die Situation mit dir bespricht.

In gewissen Fällen kann man allerdings damit zusammen mit dem Modalverb können verwenden. Mit können liegt wieder ein Bedingungsverhältnis vor:

Wir fahren in die Stadt, damit wir ins Kino gehen können.
vgl. Wenn man in die Stadt fährt, kann man ins Kino gehen.

Sie sparen, damit sich sich den Traum vom Eigenheim erfüllen können.
vgl. Wenn man spart, kann man sich den Traum vom Eigenheim erfüllen.

Er ruft dich morgen an, damit er die Situation mit dir besprechen kann.
vgl. Wenn man anruft, kann man die Situation besprechen.

Nicht jedes „um zu“ lässt sich also einfach in ein „damit“ umwandeln. Ich hoffe, dass jetzt ein bisschen klarer ist, wann nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum ist der Gründonnerstag grün?

Am heutige Gründonnerstag, an dem des letzten Abendmahls Jesu und seiner Jünger gedacht wird, kommt in mir wieder einmal die Frage auf, warum der Gründonnerstag eigentlich so heißt, wie er heißt. Diese Wissenslücke wollte ich endlich schließen.

Die kurze Antwort lautet: Herkunft ungewiss. Bei der längeren Antwort kommen verschiedene Erklärungsversuche zum Zug. Ich nenne hier die am häufigsten erwähnten:

Vielfach wird davon ausgegangen, dass grün in Gründonnerstag sich auf die Farbe der frischen Kräuter, Salate und Frühjahrsgemüse bezieht, die man offenbar an diesem Tag zu essen pflegte. Eine andere Erklärung führt grün auf ahd. grīnan, mhd. grînen (heute greinen) zurück, das lachend oder weinenden den Mund verziehen bedeutete. Das Wort habe sich auf die weinenden Büßer bezogen und sei dann im Volksmund zu grün uminterpretiert worden. Eine weitere Theorie führt grün auf die Farbe der liturgischen Gewänder zurück, die an diesem besonderen Tag getragen wurden. Seit langem werden aber in der katholischen Kirche am Gründonnerstag weiße Gewänder getragen. Ob sie früher (auch) grün waren, scheint nicht belegt zu sein.

Wie bei Ostern (siehe hier) gibt es also keine wirklich spannende oder wenigsten eindeutige Erklärung für den Namen Gründonnerstag. Interessanter ist vielleicht, wie der Tag in anderen Sprachen heißt:

Grün ist der Gründonnerstag auch noch im Tschechischen (Zelený čtvrtek) und Slowakischen (Zelený štvrtok), weiß ist er im Niederländischen (Witte Donderdag), groß/hoch zum Beispiel im Polnischen (Wielki Czwartek), Slowenischen (Veliki četrtek), Kroatischen (Veliki četvrtak) und Ungarischen (Nagycsütörtök), rein in den skandinavischen Sprachen (Skærtorsdag, Skärtorsdagen, Skjærtorsdag, Skírdagur) und heilig in den romanischen Sprachen (Jeudi saint, Giovedì santo, Jueves Santo, Dijous Sant, Quinta-feira Santa usw.). Im Englischen ist er neben heilig (Holy Thursday) auch der Donnerstag der Fußwaschung (Maundy Thursday).

Das ist eine breite, aber nicht vollständige Palette von Bezeichnungen.  Einigen davon begegnet man auch im Deutschen: hoher Donnerstag, heiliger Donnerstag, weißer Donnerstag und daneben auch Palmdonnerstag. Damit ist hoffentlich auch denen recht getan ist, die aus einer Gegend oder Familie stammen, in der der Gründonnerstag nicht grün ist.

Frohe Ostertage!

Suppe als oder zur Vorspeise?

Auch bei der Verwendung der Präpositionen und Konjunktionen gibt es häufig keine hieb- und stichfesten Regeln, die immer und überall gelten. Das zeigt auch die Antwort auf die folgende Frage:

Frage

Wie sollte man bei einer Bestellung im Restaurant lieber sagen:

Zur Vorspeise nehme ich …
Als Vorspeise nehme ich …

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die beste Wahl ist hier als:

Als Vorspeise nehme ich die Tagessuppe.

Das liegt daran, dass die Suppe die Vorspeise ist. Eine Vorspeise ist ein Gericht, nicht der Zeitpunkt, zu dem ein Gericht serviert wird. Das gilt auch für Hauptspeise und Nachspeise:

Mit Brot und einem Salat kann man die Muscheln auch als Hauptspeise servieren.
Als Nachspeise wurden frische Erdbeeren mit Schlagsahne gereicht.

Die Präposition zu passt dann gut, wenn angegeben wird, was diese Speisen begleitet:

Brot mit Butter zur Vorspeise reichen
einen italienischen Rotwein zur Hauptspeise einschenken
zur Nachspeise einen starken Kaffee mit Zucker nehmen

Ein bisschen anders sieht es bei Nachtisch und Dessert aus. Diese beiden Wörter werden häufig nicht als Bezeichnungen für ein Gericht, sondern auch als Namen für die „Etappe“ einer Mahlzeit angesehen. Deshalb steht hier neben als auch zum:

Es wurde Himbeereis als/zum Nachtisch serviert.
Als/Zum Dessert gibt es selbstgebackene Brownies.

Hüten Sie sich aber davor, diese Angaben als feste Regeln zu sehen, an die sich alle halten oder halten müssen! Vielleicht unter dem Einfluss von Nachtisch und Dessert hört und liest man auch immer wieder, dass ein Carpaccio zur Vorspeise oder ein frischer Fruchtsalat zur Nachspeise serviert wird. Das ist nicht unbedingt falsch, aber aus den oben genannten Gründen stilistisch weniger gelungen. Zur Streitfrage sollte es sowieso nicht werden, denn die Hauptsache ist ja, dass es schmeckt!

Mir freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist „zum Bahnhof“ in „den Weg zum Bahnhof erklären“ eine Ortsbestimmung?

Frage

Ich habe eine Frage zu den Satzgliedern:

Ich erklärte ihm den Weg zum Bahnhof.

Handelt es sich bei „zum Bahnhof“ um eine Lokalbestimmung?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

in diesem Satz ist die ganze Nomengruppe den Weg zum Bahnhof das Akkusativobjekt:

– Wen oder was erklärte ich ihm?
– den Weg zum Bahnhof

Die Nomengruppe besteht aus dem Kern Weg und einer näheren Bestimmung, einem Attribut. Dieses Attribut hat die Form einer Präpositionalgruppe: zum Bahnhof. Es sieht also genau gleich aus wie eine Ortsbestimmung (lokale Adverbialbestimmung):

– Wohin gehe ich mit ihm?
– Ich gehe mit ihm zum Bahnhof
→ zum Bahnhof = Ortsbestimmung

Hier ist es aber keine Ortsbestimmung, sondern – wie gesagt – ein Attribut:

– Welchen Weg erkläre ich ihm?
– Ich erkläre ihm den Weg zum Bahnhof
→ zum Bahnhof = Attribut zu „Weg“

Man sieht den Unterschied auch, wenn man die Wortstellung ändert. Eine Ortsbestimmung ist ein selbstständiges Satzglied und kann als solches allein an erster Stelle vor dem Verb stehen:

Zur Wohnung seiner Eltern gehe ich mit ihm.

Ein Attribut hingegen bleibt beim Wort, das es näher bestimmt, das heißt, üblicherweise wird die ganze Nomengruppe an die erste Stelle vor das Verb verschoben:

Den Weg zur Wohnung seiner Eltern erkläre ich ihm.

Dann hören die Unterschiede aber schon bald auf. Die Adverbialbestimmung zum Bahnhof und das Attribut zum Bahnhof sind zwar satzbautechnisch verschieden, ihre Form ist aber identisch und ihre Bedeutung ist mehr oder weniger gleich, nämlich die Angabe eines Ziels.

Präpositionalgruppen erfüllen häufiger die Rolle eines Attributs, das die Bedeutung einer Adverbialbestimmung hat. Zum Beispiel:

Lokal:

Das Hotel am Bahnhof wird renoviert.
Die Buslinien ins Zentrum sind unterbrochen.

Temporal:

Wie verbringen wir die Zeit bis zum Mittagessen?
Die Sitzung am Donnerstag war die letzte vor den Ferien.

Modal:

Sie aßen einen Apfelkuchen mit Schlagsahne als Nachtisch.
Die Annahme der Vorlage ohne Gegenstimmen war überraschend.

Kausal/Final

Die Aufregung wegen ihrer Bemerkung ist übertrieben.
Sie hatten ihr Spargeld für schlechte Zeiten bereits aufgebraucht.

Mehr über Präpsitionalgruppen als Attribut zu einem Nomen finden Sie auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Eine ähnliche Frage gab es schon vor vielen Jahren einmal im Blog: Eintritt ins/im Museum. Es kann eben leicht verwirrend sein, wenn eine Wortgruppe im Satz eine andere Funktion hat, als man nach ihrer Form erwarten würde. Die Präpositionalgruppe zum Bahnhof sieht aus wie eine eigenständige lokale Adverbialbestimmung, in unserem Beispiel ist sie aber „nur“ ein unselbstständiges Attribut. Auf den ersten Blick scheinen hier die Form und Bedeutung einerseits und die Funktion im Satz andererseits nicht übereinzustimmen. Deshalb kann der Weg zum Verständnis der Satzstruktur hier etwas länger sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das bekommene Geschenk und erhaltenes Geld?

Frage

Ist es richtig, über ein „bekommenes“ oder „erhaltenes“ Geschenk zu sprechen, also im Sinne von „Ich bedanke mich für das bekommene Geschenk“? ChatGPT behauptet, ja. Allerdings kommt mir diese Formulierung komisch und falsch vor, ohne dass ich mir erklären kann, wieso. […]

Die Alternative wäre, jedes Mal einen Relativsatz zu verwenden, also: „Das Geschenk, welches ich bekommen habe…“ Das führt dann aber je nach Satzbau zu einer sehr umständlichen Formulierung.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

die Partizipien bekommen und erhalten können gebeugt vor einem Substantiv stehen. Formulierungen dieser Art kommen eher selten vor und ich halte sie in  Fällen wie diesen für stilistisch unschön:

das bekommene Geschenk
eine bekommene Mail
das erhaltene Geld

Bei Geschenk, also Ihrem Beispiel, ist es oft unnötig, auszudrücken, dass es bekommen oder erhalten worden ist. Es reicht dann:

Ich bedanke mich für das Geschenk.

Wenn angegeben werden soll, von wem oder wofür das Geschenk ist oder war, drängt sich erhalten oder bekommen schon eher auf. Aber auch dann sind andere Formulierungen besser, die manchmal, aber nicht immer umständlicher sind:

das von dir bekommene Geschenk
→ dein Geschenk / das Geschenk von dir

Ähnlich auch:

eine von den Steuerbehörden erhaltene Mail
→ eine Mail der Steuerbehörden

das von meinem Opa bekommene Geld
→ das Geld, das mir mein Opa gegeben hat

Wenn aber bekommen und erhalten anderweitig erweitert oder verneint sind, klingen die gebeugten Varianten häufig gar nicht so unüblich:

zu Unrecht erhaltenes Geld zurückzahlen
eine Rechnung für nicht erhaltene Waren anfechten
ein nie wirklich in den Griff bekommenes Problem

Gebeugtem erhalten begegnet man auch im Amtsdeutschen und ähnlichem Jargon:

auf Grund erhaltener Information
gemäß erhaltener Weisung

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass eine Formulierung wie das bekommene Geschenk ungewöhnlich und unschön klingt. Man kann daraus aber nicht schließen, dass die Partizipien bekommen und erhalten grundsätzlich nie vor einem Substantiv stehen können. Häufig gibt es bessere Formulierungen, doch manchmal ist es ganz einfach üblich, bekommen und erhalten so zu verwenden. Es ist eine Frage des Stils, nicht der Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der ausgelagerte Relativsatz

Frage

In einem italienischen Sprachengymnasium bin ich folgender Regel begegnet: „Bei Relativsätzen darf das Prädikat nicht geschieden werden.“

Richtig: Ein Passant hat dem Kind geholfen, das von einem großen Hund angegriffen wurde.

Falsch: Ein Passant hat dem Kind, das von einem großen Hund angegriffen wurde, geholfen

Aber gibt es in der deutschen Grammatik eine solche Regel?

Antwort

Guten Tag Frau V.,

die „Regel“, die Sie zitieren, gibt es so nicht. Statt „darf nicht geschieden werden“ müsste stehen, „sollte nicht geschieden werden“ oder „wird heute üblicherweise nicht geschieden“. Für Ihr Beispiel bedeutet dies:

  • Üblich:

Ein Passant hat dem Kind geholfen, das von einem großen Hund angegriffen wurde.

  • Weniger üblich / besser nicht:

Ein Passant hat dem Kind, das von einem großen Hund angegriffen wurde, geholfen.

Der zweite Satz ist also nicht falsch oder ungrammatisch. Er ist im heutigen Sprachgebrauch nur weniger üblich und weniger leicht verständlich. Stilistisch ist der erste Satz besser. Hier noch zwei Beispiele:

  • Üblich / besser:

Ich habe mir endlich das Smartphone gekauft, das ich schon lange wollte.
Ich will darauf neue Applikationen installieren, die ich noch nicht hatte.

Weniger üblich / besser nicht (aber nicht falsch):

Ich habe mir endlich das Smartphone, das ich schon lange wollte, gekauft.
Ich will darauf neue Applikationen, die ich noch nicht hatte, installieren.

Die „Regel“ ist auch aus einem weiteren Grund viel zu generalisierend. Bei nichtrestriktiven (appositiven, explikativen) Relativsätzen ist die Stellung zwischen den Prädikatsteilen sogar üblicher als die Auslagerung an den Schluss:

  • Üblich:

Er hat Max, den er [übrigens] schon lange kennt, bei der Arbeit geholfen.
Sie hat in Boppard, das am Rhein liegt, gewohnt.

Auch möglich, aber nicht bzw. weniger üblich:

Er hat Max bei der Arbeit geholfen, den er [übrigens] schon lange kennt. [?]
Sie hat in Boppard gewohnt, das am Rhein liegt.

Ob der Relativsatz an den Schluss gestellt wird oder nicht, hat oft auch mit seiner Länge zu tun: Je länger er ist, desto stärker die Tendenz, ihn nach hinten auszulagern. Siehe hierzu auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Für den Sprachunterricht ist dies alles wahrscheinlich etwas zu kompliziert. Sie könnten deshalb erwägen, die „Regel“ abzuschwächen (statt sie ganz zu streichen):

Bei Relativsätzen sollte das Prädikat nicht geschieden werden.
Bei Relativsätzen wird das Prädikat besser nicht geschieden.

Das ergibt in den meisten Fällen stilistisch bessere Sätze. Wo dies nicht der Fall ist (z.B. bei kürzeren nichtrestriktiven Relativsätzen), kann diese Faustregel zu unüblichen Formulierungen führen. Dafür werden Lernende aber nicht verunsichert, wenn sie in deutschen Texten Relativsätzen begegnen, die nicht nach hinten ausgelagert sind. Sie kommen auch vor und sind nicht falsch.

Die deutsche Wortstellung hat es auch hier in sich: Es gibt keine oder kaum feste Regeln, nur mehr oder weniger starke Tendenzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp