Der reflektierte Mensch oder der reflektierende Mensch

Frage

Neulich habe ich den Spruch gehört: „Lieber ein reflektierter Atheist als ein unreflektierter christlicher Fundamentalist.“ Meine Frage dazu: Müsste es nicht heißen „ein reflektierender Atheist“ und ein „nicht reflektierender christlicher Fundamentalist“ ?

Antwort

Guten Tag Herr Z,

zuerst habe ich mich vor allem gewundert, denn mir war diese Verwendung von reflektiert bis zu Ihrer Frage nie aufgefallen. Schon nach einem kurzen Blick ins Internet musste ich aber feststellen, dass Formulierungen wie ein reflektierter Mensch, eine reflektierte Führungskraft und die reflektierte Theologin offenbar keine Seltenheit sind. Sind sie korrekt?

Das Partizip reflektiert kann eigentlich nicht so verwendet werden. Das Verb reflektieren bedeutet unter anderem1:

über etwas reflektieren = über etwas nachdenken
etwas reflektieren = etwas erwägen, überdenken

Wenn (über) etwas reflektiert worden ist, ist darüber nachgedacht worden, hat jemand es gründlich überdacht:

ein reflektiertes Urteil = ein (gut) durchdachtes Urteil
die reflektierte Nutzung digitaler Medien = die (gut) durchdachte Nutzung …

Das adjektivisch verwendete Partizip reflektiert steht also vor dem, worüber nachgedacht oder reflektiert wird. Es bezieht sich auf das Akkusativobjekt bzw. das Präpositionalobjekt. Es bezieht sich nicht auf das zum Verb reflektieren gehörende Subjekt: Die Person, die reflektiert, ist nicht die reflektierte Person, sondern die reflektierende Person. Man kann es mit der Person vergleichen, die nachdenkt oder überdenkt. Das ist nicht die nachgedachte oder überdachte Person, sondern die nachdenkende oder überdenkende Person.

Das gilt auch dann, wenn reflektierend nicht einen einmaligen Vorgang beschreibt, sondern als Charaktereigenschaft gemeint ist. Ein reflektierender Mensch kann eine Person sein, die gerade nachdenkt, aber auch eine Person, die dies regelmäßig oder immer tut.

Ähnliches gilt für die mit un- verneinte Form unreflektiert. Wenn man etwas unreflektiert tut, tut man es ohne nachzudenken, spontan. Unreflektiert ist das, worüber nicht nachgedacht wird oder nicht nachgedacht worden ist (zum Beispiel: unreflektiertes Handeln, unreflektierte Meinungen, unreflektierte Verehrung).  Eine Person, die nicht oder gar nie nachdenkt, ist nicht eine unreflektierte Person, sondern eine nicht reflektierende Person.

Der langen Rede kurzer Sinn ist, dass Sie recht haben. Der Spruch sollte besser so lauten:

Lieber ein reflektierender Atheist als ein nicht reflektierender christlicher Fundamentalist.

ABER (ohne ein Aber geht es kaum je): Wenn man einmal darauf achtet, begegnet man viel häufiger, als ich es erwartet hätte, Formulierungen, in denen von reflektierten oder unreflektierten Personen die Rede ist. Es könnte also sein, dass das Partizip reflektiert auf dem Wege ist, sich zu einem selbständigen Adjektiv mit eigener Bedeutung zu entwickeln: reflektiert = immer/häufig über vieles reflektierend/nachdenkend. Es wäre nicht das erste und sicher nicht das letzte Partizip, dass sich „verselbständigt“ (man denke hier zum Beispiel an schreiende Farben und ausgekochte Kriminelle). Vorläufig ist es aber noch nicht ganz so weit, so dass ich empfehlen würde, von reflektierenden und nicht reflektierenden Menschen statt von reflektierten und unreflektierten Menschen zu sprechen. Auf die hier unweigerlich aufkommende Bemerkung über Menschen vor dem Spiegel gehe ich nicht weiter ein1.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Die anderen Bedeutungen von „reflektieren“ sind hier – außer für humoristisch gemeinte Einlagen – nicht relevant.

„Von Montag bis Donnerstag“ und „ab Montag bis Donnerstag“

Frage

Ich habe eine Frage, die mich seit längerer Zeit beschäftigt. Ist dieser Gebrauch korrekt: „Heute ist ab 8 Uhr bis 12 Uhr geöffnet.“ oder „Die Angebote sind ab Montag bis Freitag gültig.“

Aus meiner Sicht erfüllt „ab“ als temporale Präposition den Zweck einen Anfangspunkt anzugeben, jedoch KEINEN Endpunkt. Es müsste „von-bis“ heißen. Auf zahlreichen Anzeigen, Plakaten und Prospekten findet man jedoch „ab-bis“.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

Ihr Zweifel ist berechtigt. Im Allgemeinen gibt man mit ab (wie mit von … an) einen Zeitpunkt an, der Anfangspunkt eines zeitlichen Ablaufs oder Zustandes ist:

Das Geschäft ist erst ab 8 Uhr geöffnet.
Ab dem 1. Februar sind wir wieder erreichbar.
Die Angebote sind ab Montag vier Tage lang gültig.

Mit von … bis … werden der Anfangs- und der Endpunkt eines zeitlichen Ablaufs oder Zustandes angegeben:

Das Geschäft ist heute von 8 bis 12 Uhr geöffnet.
Wir sind von Montag bis Freitag erreichbar.
Die Angebote sind von Montag bis Donnerstag gültig

In den meisten Fällen, in denen ab … bis … steht, wäre es deshalb besser, von … bis … zu verwenden.

Das ist aber keine festzementierte Regel. Wenn der Anfangspunkt betont wird und der Endpunkt als zusätzliche Information gemeint ist, sind auch Formulierungen mit ab … bis … gut vertretbar:

Ein Geschäft darf erst ab 8 Uhr und bis spätestens 17 Uhr geöffnet sein.
Wir sind ab nächstem [o. nächsten] Montag bis zum Monatsende täglich erreichbar.
Die Angebote sind ab Montagmorgen gültig, und dies bis Donnerstagabend.

Die Verbindung ab … bis … ist also nicht ausgeschlossen, es ist aber in den in der Regel stilistisch besser, sie nicht anstelle von von … bis … zu verwendet. Es ist also meist besser von Montag bis Donnerstag als ab Montag bis Donnerstag zu sagen und zu schreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Dativ „wem“ in „Ich helfe, wem ich will“

Frage

Ich habe neulich den Satz gelesen: „Ich helfe, wem ich will.“ Dieser kam mir falsch vor, da „helfen“ den Dativ verlangt und „wollen“ den Akkusativ. Umgangssprachlich hört man aber oft solche Sätze. Gelten sie als richtig?

Antwort

Guten Tag Frau N.,

Sätze wie diese hört man nicht nur umgangssprachlich:

Ich helfe, wem ich will.
Wir helfen, wem wir können.
Sie sprachen, wo sie wollten und mit wem sie wollten.

Man findet sie auch zum Beispiel in der Bibel und bei Schiller:

Und er [der Teufel] sagte zu ihm [Jesus]: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will.1

Gefalle dieser Gedanke, wem er will.2

Die mit wem eingeleiteten Nebensätze sind Objektsätze. Sie sind das Dativobjekt (bzw Präpositionalobjekt) des Verbs im übergeordneten Satz:

Wem helfen wir? – Wem wir wollen.

Dabei ist der Dativ wem im Nebensatz nicht von wollen oder können abhängig (diese Verben stehen ja nicht mit dem Dativ), sondern vom Verb des übergeordneten Satzes. Dieses Verb wird im Nebensatz einfach nicht wiederholt:

Ich helfe, wem ich (helfen) will.
Wir helfen, wem wir (helfen) können.
Gefalle dieser Gedanke, wem er (gefallen) will.

Es ist recht schwierig, diese Satzkonstruktionen zu analysieren, wenn man die „klassische“ Rollenverteilung im Satz vor Augen hat. Dann müsste nämlich etwas wie das Folgende herauskommen:

Ich helfe denen, denen ich helfen will.
Wir helfen (all) denen, denen wir helfen können
Gefalle dieser Gedanken denjenigen, denen er gefallen will.

Sie sind aber zum Glück gar nicht so schwer zu verstehen, wenn man nicht alles bis ins Detail analysieren will oder muss. Die meisten wissen – bewusst oder unbewusst – die „Kurzversion“ mit wem als elegantere Formulierung zu schätzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Lukasevangelium 4,6; Einheitsübersetzung 2016
2 Friedrich Schiller: Über Egmont, Trauerspiel von Goethe. Anonym erschienen in der „Jenaischen Allgemeinen Literaturzeitung“, September 1788, zit. n. Friedrich Schillers Werke. Nationalausgabe, 22. Band. Hrsg. v. Herbert Meyer, Weimar: Hermann Böhlmanns Nachfolger 1958, S. 104, Auszüge

Standardaussprache: Kääse oder Keese?

Frage

Wie „Mädchen“ und „Käse“ geschrieben wird, ist eindeutig. Wie wird es aber offiziell auf Hochdeutsch ausgesprochen? Ich finde sehr widersprüchliche Antworten zu dieser Frage […]  Wie würde man dann das lange ä aussprechen, wenn man denn den Anspruch hätte, eine neutrale (nicht regionale), „offizielle“ Aussprache zu wählen)? Gibt es eine eindeutige Regel, wie das ä in dem Fall auszusprechen wäre?

Antwort

Guten Tag V.,

nach der Standardaussprache, die in einigen Wörterbüchern angegeben wird, unterscheidet man zwischen einem langen <ä> und einem langen <e> . Das lange <ä> wird offen ausgesprochen (umschrieben als /ɛː/ oder /æ:/). Das lange <e> wird geschlossen ausgesprochen (umschrieben als /e:/). Nach diesen Angaben gibt also einen Ausspracheunterschied zwischen Ähre und Ehre, Bären und Beeren, Dänen und dehnen, gäbe und gebe etc.

ABER: Nach den Angaben in  anderen (vor allem älteren) Quellen gibt es „offiziell“ kein offenes /ɛː/. Das länge <ä> werde wie das lange <e> geschlossen ausgesprochen. In vielen Regionen, insbesondere in der nördlichen Hälfte Deutschlands und in Österreich (mit Ausnahme Vorarlbergs) hört man tatsächlich keinen Unterschied zwischen langem <ä> und langem <e>.

Was ist nun richtig? – Beides. Eine eindeutige Regel gibt es nicht. Beides kommt nämlich bei großen Teilen der Standarddeutsch Sprechenden vor. Wer Käse und Mädchen wie Keese und Meedchen (also mit /e:/) ausspricht, macht also nichts falsch. Selbst bei Bären und Beeren oder Ähre und Ehre kommt es kaum zu Verständnisproblemen, auch wenn jeweils beides gleich klingt. Nur bei den Verbformen gebe und gäbe oder lese und läse wird es schwieriger, aber auch bei unterschiedlicher Aussprache ist nicht immer allen klar, welche Form zu wählen ist (vgl. hier). Umgekehrt ist es auch nicht falsch, Mädchen und Käse als Määdchen und Kääse (also mit /ɛ:/) auszusprechen und Beeren und Bären lautlich auseinanderzuhalten.

Es gibt keine Standardaussprache die von der östlichen bis zur westlichen Sprachgrenze und von Nord- und Ostsee bis zu den Alpengipfeln und darüber hinaus dieselbe wäre. Regional „outet“ man sich hiermit auch nur bedingt, denn die unterschiedslose Aussprache /e:/ für langes <e> und langes <ä> ist zwar im nördlichen Deutschland und in Österreich vorherrschend, sie kommt aber nicht nur dort und auch dort nicht überall vor (vgl. hier).

Hauptsache ist sowieso, dass ein Käse denen schmeckt, die Käse mögen, ganz gleich ob die Aussprache Kääse oder Keese ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Anders sieht es bei kurzem <e> und <ä> aus. Sie werden standarsprachlich beide offen ausgesprochen (umschrieben als /ɛ/). Deshalb gibt es in der Standardaussprache keinen Unterschied zwischen Äschen und Eschen oder Lärchen und Lerchen und konnte der Stengel zum Stängel reformiert werden, ohne dass sich etwas an der Aussprache geändert hat. Aber auch hier geht es nicht ohne regionale Varianten: So kann man zum Beispiel in der Schweizer Variante des Standarddeutschen häufig einen eindeutigen Unterschied zwischen dem <ä> in hätte (offenes /ɛ/ wie im allgemeinen Standard) und dem <e> in nette (geschlossenes /e/) hören.

Schöne Feiertage wünschen mit und ohne „zu“

Frage

In der Zeitung lese ich:

Mit dem neuen Format verfolgen wir zwei Ziele: zum einen Ihnen einen noch tieferen Einblick in das Berliner Leben geben und zum anderen Sie so gut und objektiv wie möglich über die komplexen Verflechtungen unserer Welt informieren.

Sollte oder muss da nicht ein „zu“ vor „geben“ und „informieren“ stehen?

Antwort

Guten Tag Herr T.,

ob die Infinitive in diesem Satz mit zu stehen sollten oder nicht, ist vor allem eine stilistische Frage. Möglich ist beides.

Mit zu wird das, was nach dem Doppelpunkt folgt, in den Satz integriert. Die Infinitivgruppen sind von Ziel abhängig:

Wie verfolgen zwei Ziele, nämlich [das Ziel] dies zu tun und [das Ziel] das zu tun.

Wir verfolgen zwei Ziele: Ihnen einen Einblick zu geben und Sie über die komplexen Verflechtungen zu informieren.

Mit dem neuen Format verfolgen wir zwei Ziele: zum einen Ihnen einen noch tieferen Einblick in das Berliner Leben zu geben und zum anderen Sie so gut und objektiv wie möglich über die komplexen Verflechtungen unserer Welt zu informieren.

Ohne zu folgen nach dem Doppelpunkt unabhängige erweiterte Infinitive, die zum Beispiel auch mit Strichen, Nummerierungszeichen o. Ä. stehen könnten:

Wie verfolgen zwei Ziele: 1) dies tun, 2) das tun.

Wir verfolgen zwei Ziele: Ihnen einen Einblick geben und Sie über die komplexen Verflechtungen informieren.

Mit dem neuen Format verfolgen wir zwei Ziele: zum einen Ihnen einen noch tieferen Einblick in das Berliner Leben geben und zum anderen Sie so gut und objektiv wie möglich über die komplexen Verflechtungen unserer Welt informieren.

Zur Verbindung zum einen – zum anderen passt meiner Meinung nach die Einbindung mit zu besser. Das ist aber ein stilistisches, kein grammatisches Urteil.

Es bleibt mir nun nur noch etwas: Ihnen schöne und angenehme Feiertage (zu) wünschen.

Dr. Bopp

Netto-Null-Emissionen, Netto-null-Emissionen, Nettonullemissionen

Frage

Wieder einmal plagt mich die Groß-/Kleinschreibung. Es geht um das Wort „Null/null“: „Netto-Null-Emissionen“ oder „Netto-null-Emissionen“? Ich meine, die zweite Variante ist richtig, sie sieht aber so ungewohnt aus.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

wie man nach den Regeln am besten schreibt und und wie üblicherweise geschrieben wird, ist nicht immer dasselbe. Wie in diesem Fall geschrieben werden sollte, hängt davon ab, wie man die Struktur der Zusammensetzung interpretiert. Man kann die drei Teile der Verbindung in unterschiedlicher Weise miteinander in Verbindung bringen:

Wenn gesagt wird, dass die Emissionen netto berechnet null sind, schreibt man:

Netto-null-Emissionen

Wenn gemeint ist, dass die Null-Emissionen (besser: Nullemissionen) netto berechnet werden, ist es:

Netto-Null-Emissionen (o. Netto-Nullemissionen)

Beide Interpretationen sind für Nichtfachleute (und Fachleute?) vertretbar. In beiden Fällen kann auch ohne Bindestriche geschrieben werden. Das ist übrigens mein persönlicher Favorit:

Nettonullemissionen

Mit der Zusammenschreibung Nettonullemissionen umgeht man die verzwickte Frage, welche der beiden Bindestrichschreibungen besser zutrifft, aber diese Schreibweise ist ziemlich ungebräuchlich. Am häufigsten trifft man Netto-Null-Emissionen an. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass Netto-Null sich verselbstständigt hat und als eine Art Fachwort ganz ohne weiteren Zusatz auskommt:

Umstellung auf Netto-Null
Das Ziel ist Netto-Null.

Auch hier zeigt sich der Unterschied zwischen dem, was nach den Regeln am besten wäre, und dem, was üblich ist. Nach der Rechtschreibregelung schreibt man nämlich:

Umstellung auf netto null
Das Ziel ist netto null.

Erst wenn man den Begriff zu einem eigenständigen substantivischen Fachbegriff macht, ist die Schreibung Netto-Null vertretbar.

Zusammenfassend:

Sicher richtig ist:

Nettonullemissionen
netto null

Gut vertretbar finde ich:

Netto-null-Emissionen

Mit etwas gutem Willen sind auch die am häufigsten vorkommenden Schreibungen mit den Rechtschreibregeln vereinbar:

Netto-Null-Emissionen
Netto-Null

Nach den Rechtschreibregeln gar nicht zu empfehlen sind Lösungen wie NettoNullEmissionen, denen man auch hin und wieder begegnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Adjektivendung, wenn Fische auf andere unter bestimmten Oberflächen versteckte(n?) Objekte zielen

Frage

Ich habe eine Frage zur Wortgruppenflexion. Welche der beiden Versionen ist richtig („versteckte“ vs. „versteckten“):

Die Fische zielen auf Flaschen und andere unter bestimmten Oberflächen versteckte Objekte.
Die Fische zielen auf Flaschen und andere unter bestimmten Oberflächen versteckten Objekte.

Kann man den Einschub „unter der Oberfläche“ ausklammern? Nach was richtet sich die Flexion von „versteckte“? Bei der Flexion von Adjektiven in solchen komplexeren Gruppen komme ich jedes Mal an meine Grenzen. […] Über ein paar allgemeine Tipps oder eine Art Bauplan für solche Wortgruppen wär ich sehr dankbar!

Antwort

Guten Tag Frau R.,

richtig ist hier zweimal die starke Endung e:

Die Fische zielen auf Flaschen und andere unter bestimmten Oberflächen versteckte Objekte.

Vor einem Substantiv wird andere gleich gebeugt wie ein Adjektiv. Ein auf ander- folgendes Adjektiv hat in der Regel die gleiche Endung wie ander-. Dies gilt in einfachen wie in (sehr) komplexen Wortgruppen:

Die Fische zielen auf andere Objekte.

Die Fische zielen auf versteckte Objekte.

Die Fische zielen auf unter bestimmten Oberflächen versteckte Objekte.

Die Fische zielen auf andere versteckte Objekte.

Die Fische zielen auf andere unter bestimmten Oberflächen versteckte Objekte.

Wenn Sie unsicher sind, wie Adjektive bzw. adjektivisch verwendete Partizipien in komplexen Wortgruppen gebeugt werden sollten, können Sie einfach alle vom Partizip abhängigen Erweiterungen weglassen. Sie sehen dann meist besser, welche Endung stehen sollte. Dabei muss übrigens nicht unbedingt ein wirklich sinnvoller Satz entstehen.

In Ihrem Beispielsatz ist die Erweiterung unter bestimmten Oberflächen von versteckt abhängig (wo versteckt?). Um die Beugung von versteckt zu testen, lassen Sie diese Erweiterung weg. Das Wort versteckt wird in der komplexen Formulierung  gleich gebeugt wie in der vereinfachten Variante:

auf andere unter bestimmten Oberflächen versteckte Objekte (zielen)
auf andere versteckte Objekte (zielen)

Verunsichernde Wortgruppen dieser Art finden sich vor allem bei adjektivisch verwendeten Partizipien. Hier noch ein paar Beispiele:

Die Reaktion vieler nach der uninteressanten Vorstellung sehr enttäuschter Zuschauerinnen und Zuschauer war äußerst negativ.
(Die Reaktion vieler enttäuschter Zuschauerinnen und Zuschauer …)

Die Reaktion dieser nach der uninteressanten Vorstellung sehr enttäuschten Zuschauerinnen und Zuschauer war äußerst negativ.
(Die Reaktion dieser enttäuschten Zuschauerinnen und Zuschauer …)

Die Feuerwehr räumte zwei durch einen Unfall, der sich im Nebel ereignet hatte, ineinander verkeilte Fahrzeuge von der Kreuzung.
(Die Feuerwehr räumte zwei verkeilte Fahrzeuge von der Kreuzung.)

Die Feuerwehr räumte alle durch einen Unfall, der sich im Nebel ereignet hatte, ineinander verkeilten Fahrzeuge von der Kreuzung.
(Die Feuerwehr räumte alle verkeilten Fahrzeuge von der Kreuzung.)

Kurz gesagt: Ein adjektivisch verwendetes Partizip wird in einer komplexen Wortgruppe gleich gebeugt, wie wenn es ohne eine von im abhängige Erweiterung steht. Wenn Sie diese Erweiterung(en) weglassen, sehen Sie besser, welche Endung gewählt werden sollte. Ich hoffe, dass dieser „Trick“ Ihnen in vielen Fällen weiterhelfen kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Es gibt solche die gut und solche die schlecht sind“ – Wie viele Kommas?

Frage

Weil ich weder im Duden noch im amtlichen Regelwerk eine Antwort finde, stelle ich mir (immer noch) diese Kommafrage: Setzt man im folgenden Satz hinter „gut“ ein Komma? Falls ja: Handelt es sich bei diesem Komma um ein Muss- oder Kann-Komma?

Es gibt Dinge, Handlungen und Eigenschaften, die gut[,] und solche, die schlecht sind.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

wir haben es hier mit verkürzten Sätzen (Auslassungssätzen) zu tun. Im Prinzip werden die Kommas in verkürzten Sätzen gleich gesetzt, wie wenn sie in ihrer vollen Länge dastehen:

Wir waren, so meine Mutter, nie wirklich arm.
(Wir waren, so sagt meine Mutter, nie wirklich arm.)

Gut, dass es dich gibt.
(Es ist gut, dass es dich gibt.)

Habe ich recht? – Ich vermute, dass nicht, denn …
(Habe ich recht? – Ich vermute, dass du nicht recht hast, denn …)

Ich schicke die Hose, weil zu klein, zurück.
(Ich schicke die Hose, weil sie zu klein ist, zurück.)

Wenn nicht jetzt, wann dann?
(Wenn wir es nicht jetzt tun, wann tun wir es dann?)

Bei einer gewissen Art von verkürzten Nebensätzen sind die Kommas fakultativ. Das gilt dann, wenn sie „formelhaft“ sind. Es geht dabei um Wendungen wie wie bereits gesagt, wie folgt, wenn irgendwie möglich, falls erforderlich. Zum Beispiel:

Ich werde mich(,) wie bereits gesagt(,) an den Kosten beteiligen.
Bitte geben Sie mir(,) wenn möglich(,) noch diese Woche Bescheid.

Beim Satz in Ihrer Frage handelt es sich nicht um eine solche formelhafte Wendung. Der verkürzte Nebensatz muss also durch Kommas abgetrennt werden:

Es gibt Dinge, Handlungen und Eigenschaften, die gut, und solche, die schlecht sind.
(Es gibt Dinge, Handlungen und Eigenschaften, die gut sind, und solche, die schlecht sind.)

Das Komma vor und schließt den ersten, verkürzten Relativsatz ab. Das Komma noch solche trennt den zweiten Relativsatz ab.

Das sind ziemlich viele Kommas für wenig Text, aber manchmal geht es nicht anders. Man kann es noch bunter treiben, wie diese abschließenden Beispiele zeigen:

Wir haben Mitglieder, die häufig, solche, die selten, und solche, die gar nie mitmachen.
Die Rechtschreibregelung kennt viele Kommas, die obligatorisch, einige, die fakultativ, und keine, die „gefühlt“ sind.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das (nicht ganz so) Bizarre an „bizarr“

Manchmal möchte ich einfach wissen, woher ein Wort kommt. Diesmal ist es das ungewöhnlich klingende Adjektiv bizarr. Hat das bi- vielleicht etwas mit dem lateinischen bi- = zwei-, doppelt- zu tun wie in zum Beispiel bilateral, bivalent oder Bikarbonat? Es ist aber nicht sehr einleuchtend, wie dies zur Bedeutung absonderlich, seltsam, ungewöhnlich von bizarr passen könnte. Noch unklarer ist, wie sich der Rest des Wortes erklären ließe. Mit der Roman- und Filmfigur Zorro kann zarr kaum etwas tun haben, auch wenn der degenfechtende Maskenträger mit seinem geritzten Z nicht ganz unbizarr ist. Es bleibt also nur der Blick in die einschlägigen Wörterbücher.

Das Bizarre an bizarr ist: Niemand weiß, woher es kommt. Das Wort bizarr lässt sich zwar über das französische bizarre auf das italienische bizzarro zurückführen, sein weiterer Ursprung ist aber abgesehen von verschiedenen Mutmaßungen ungewiss. Erstaunlich ist auch, dass die Kernbedeutung absonderlich, seltsam, ungewöhnlich des Wortes durch die Jahrhunderte und über die Sprachgrenzen hinweg größtenteils unverändert geblieben ist.*

Wirklich bizarr ist bizarr deswegen nicht. Es ging im Titel  oben vor allem um das Wortspiel. Schade ist, dass ich nicht mehr über dieses schöne Wort erfahren kann. Ich hatte mich schon auf eine interessante bis abenteuerliche Wortgeschichte gefreut, die zur bizarren Form des Wortes passt (nicht unbedingt etwas mit einem doppelten Zorro oder so, aber dennoch). Wer sich beim Lesen des Titels auch gefreut hat und nun ebenfalls enttäuscht ist, möge mir den „Teaser“ verzeihen.

* Natürlich gibt es wie immer Ausnahmen: Im Spanischen ist eine besondere frühere Teilbedeutung erhalten geblieben: bizarro = stattlich, mutig, tapfer.