Standardaussprache: Kääse oder Keese?

Frage

Wie „Mädchen“ und „Käse“ geschrieben wird, ist eindeutig. Wie wird es aber offiziell auf Hochdeutsch ausgesprochen? Ich finde sehr widersprüchliche Antworten zu dieser Frage […]  Wie würde man dann das lange ä aussprechen, wenn man denn den Anspruch hätte, eine neutrale (nicht regionale), „offizielle“ Aussprache zu wählen)? Gibt es eine eindeutige Regel, wie das ä in dem Fall auszusprechen wäre?

Antwort

Guten Tag V.,

nach der Standardaussprache, die in einigen Wörterbüchern angegeben wird, unterscheidet man zwischen einem langen <ä> und einem langen <e> . Das lange <ä> wird offen ausgesprochen (umschrieben als /ɛː/ oder /æ:/). Das lange <e> wird geschlossen ausgesprochen (umschrieben als /e:/). Nach diesen Angaben gibt also einen Ausspracheunterschied zwischen Ähre und Ehre, Bären und Beeren, Dänen und dehnen, gäbe und gebe etc.

ABER: Nach den Angaben in  anderen (vor allem älteren) Quellen gibt es „offiziell“ kein offenes /ɛː/. Das länge <ä> werde wie das lange <e> geschlossen ausgesprochen. In vielen Regionen, insbesondere in der nördlichen Hälfte Deutschlands und in Österreich (mit Ausnahme Vorarlbergs) hört man tatsächlich keinen Unterschied zwischen langem <ä> und langem <e>.

Was ist nun richtig? – Beides. Eine eindeutige Regel gibt es nicht. Beides kommt nämlich bei großen Teilen der Standarddeutsch Sprechenden vor. Wer Käse und Mädchen wie Keese und Meedchen (also mit /e:/) ausspricht, macht also nichts falsch. Selbst bei Bären und Beeren oder Ähre und Ehre kommt es kaum zu Verständnisproblemen, auch wenn jeweils beides gleich klingt. Nur bei den Verbformen gebe und gäbe oder lese und läse wird es schwieriger, aber auch bei unterschiedlicher Aussprache ist nicht immer allen klar, welche Form zu wählen ist (vgl. hier). Umgekehrt ist es auch nicht falsch, Mädchen und Käse als Määdchen und Kääse (also mit /ɛ:/) auszusprechen und Beeren und Bären lautlich auseinanderzuhalten.

Es gibt keine Standardaussprache die von der östlichen bis zur westlichen Sprachgrenze und von Nord- und Ostsee bis zu den Alpengipfeln und darüber hinaus dieselbe wäre. Regional „outet“ man sich hiermit auch nur bedingt, denn die unterschiedslose Aussprache /e:/ für langes <e> und langes <ä> ist zwar im nördlichen Deutschland und in Österreich vorherrschend, sie kommt aber nicht nur dort und auch dort nicht überall vor (vgl. hier).

Hauptsache ist sowieso, dass ein Käse denen schmeckt, die Käse mögen, ganz gleich ob die Aussprache Kääse oder Keese ist.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Anders sieht es bei kurzem <e> und <ä> aus. Sie werden standarsprachlich beide offen ausgesprochen (umschrieben als /ɛ/). Deshalb gibt es in der Standardaussprache keinen Unterschied zwischen Äschen und Eschen oder Lärchen und Lerchen und konnte der Stengel zum Stängel reformiert werden, ohne dass sich etwas an der Aussprache geändert hat. Aber auch hier geht es nicht ohne regionale Varianten: So kann man zum Beispiel in der Schweizer Variante des Standarddeutschen häufig einen eindeutigen Unterschied zwischen dem <ä> in hätte (offenes /ɛ/ wie im allgemeinen Standard) und dem <e> in nette (geschlossenes /e/) hören.

Der Nominativ in „als strategischer Fehler bezeichnet werden“

Frage

Welche der beiden Varianten ist richtig und warum?

Ihre Kandidatur für das Stadtpräsidium muss als strategischer Fehler bezeichnet werden.
Ihre Kandidatur für das Stadtpräsidium muss als strategischen Fehler bezeichnet werden.

Der erste Satz klingt für mich richtig. Wenn ich den Satz umformuliere, tauchen jedoch Zweifel auf:

Ich muss ihre Kandidatur als strategischen Fehler bezeichnen.

Antwort

Guten Tag Herr J.,

richtig ist hier, was für Sie richtig klingt:

Ihre Kandidatur für das Stadtpräsidium muss als strategischer Fehler bezeichnet werden.

Warum steht hier der Nominativ und nicht wie in Ihrem dritten Beispielsatz der Akkusativ? – Das liegt daran, dass als nicht mit einem festen Fall steht. Die als-Gruppe steht im gleichen Fall wie das Wort, auf das sie sich bezieht. Hier steht Kandidatur (der Kern der Wortgruppe ihre Kandidatur für das Stadtpräsidium) im Nominativ. Die als-Gruppe bezieht sich auf das Subjekt des Satzes:

Wer oder was muss als strategischer Fehler bezeichnet werden?

Wenn man den Satz vom Passiv ins Aktiv umsetzt, lautet er so:

Ihre Kandidatur für das Stadtpräsidium muss man als strategischen Fehler bezeichnen.

Die als-Gruppe steht dann wie „Kandidatur“ im Akkusativ. Sie bezieht sich auf das Akkusativobjekt:

Wen oder was muss man als strategischen Fehler bezeichnen?

Dies gilt auch für Verben wie (an)sehen als, auszeichnen als, empfehlen als, darstellen als, empfinden als, hinstellen als, legitimieren als, präsentieren als, preisen als, rühmen als, werten als. Zum Beispiel:

Man sieht ihn als ehrlichen Mann an.
Er wird als ehrlicher Mann angesehen.

Man empfindet das als großen Einbruch in die Privatsphäre.
Das wird als großer Einbruch in die Privatsphäre empfunden.

Man bezeichnet das Buch als ihren größten Erfolg.
Das Buch wird als ihr größter Erfolg bezeichnet.

Diese Verben haben noch eine Gemeinsamkeit: Wenn sie reflexiv verwendet werden, steht die als-Gruppe heute meistens im Nominativ. Sie bezieht sich auf das Subjekt und nicht auf das Reflexivpronomen:

Er sieht sich als ehrlicher Mensch an.
Napoleon empfand sich als der wiedergekehrte Karl der Große.
Der Betrieb bezeichnet sich als deutscher Marktführer.

Wie „meistens“ oben angibt, ist der Akkusativ selten, aber nicht falsch. Wer sich als eherlichen Menschen ansieht und nicht als ehrlicher Mensch, macht also zumindest sprachlich gesehen keinen Fehler. (Die Beispiele stehen übrigens alle im männlichen Singular, weil die Formen des Nominativs und des Akkusativs sich im weiblichen und sächlichen Singular und im Plural nicht voneinander unterscheiden. Dann stellt sich die Frage der Übereinstimmung nur theoretisch.)

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Verinselt

Da ich seit heute beschwerdefrei bin und das Ganze schon länger als fünf Tage dauert, darf ich mich ab morgen wieder vorsichtig außer Haus wagen. Als einer der Letzten in meiner Umgebung war ich, soweit ich weiß, noch vom Virus verschont geblieben, doch vergangenes Wochenende kündigten sich Husten und Kopfschmerzen an und zeigte der Selbsttest zum ersten Mal zwei Streifen. Der zur Kontrolle durchgeführte zweite Test leider auch. Das hieß, dass ich in Isolierung oder Isolation musste – und übrigens auch wollte. Alles halb so schlimm, denn mit mehr als einer mittelschweren Grippe hatte ich es (sehr wahrscheinlich dank Impfungen und Boostern) nicht zu tun. Dies ist dann auch kein Aufruf zu Mitleidsbezeugungen, denn mit Hilfe von Paracetamol, heißem Kräutertee, Hustenbonbons und Schlaf übersteht man so etwas gut.

Während der Isolation fragte ich mich plötzlich, wo denn das n nach dem i geblieben ist. Ich bin nämlich davon ausgegangen, dass das sol in Isolation etwas mit solus = allein zu tun hat, dass man sozusagen solo sein muss. Dazu hätte die Vorsilbe in- gepasst (in solo), aber in  isolieren steht nur ein i, kein in. Die Frage war mir aber nie so wichtig, dass ich diese selbstgestrickte Wortherkunft einmal überprüft hätte.

Was viele schon wissen, wurde mir erst beim Griff zum Herkunftswörterbuch klar: Isolation gehört zu isoliert, das über das französische isolé auf das italienische isolato zurückgeht. Dieses isolato bedeutete zur Insel gemacht und übertragen auch absondern, von allem anderen abtrennen. Ich hätte es wissen können, denn ich kenne das italienische Wort isola = Insel (lat. insula), habe die Isola Bella im Lago Maggiore liegen sehen und weiß u. a. dank „L’amica geniale“ („Meine geniale Freundin“) , dass es eine Fähre Napoli – Isola d’Ischia gibt. Trotzdem bin ich nicht selbst darauf gekommen, dass isoliert ganz wörtlich einfach verinselt bedeutet.

Mir gefällt das Bild der Verinselung viel besser als das banalere Solosein, entsprechend viel besser fühlte ich mich dadurch allerdings auch nicht. Ab morgen bin ich dann wieder entinselt.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie es schnell wieder!

Wie viele Kommas stehen in „als er(,) ohne anzuklopfen(,) eintrat“?

Frage

Ich habe eine Frage zu folgendem Satz:

Das war, als Thomas(,) ohne anzuklopfen(,) eintrat.

Hier gibt es möglicherweise eine eingeleitete Infinitivgruppe, der Infinitiv steht aber vor dem Verb am Satzende. Müssen hier Kommas gesetzt werden? […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

nach § 75(1) der Rechtschreibregelung müssen mit ohne (oder um, statt, anstatt, außer, als) eingeleitete Infinitivgruppen durch Kommas abgetrennt werden.

Das Kind rannte, ohne auf den Verkehr zu achten, über die Straße.
Sie öffnete das Fenster, um frische Luft hereinzulassen.
Statt am Bericht zu arbeiten, vergnügte sich Herbert mit Computerspielchen.

Für diese eingeleiteten Infinitivgruppen formuliert die Regelung keine Ausnahme. Das „Kommaobligatorium“ gilt deshalb auch dann, wenn der Infinitiv nur mit zu steht und wenn nach der Infinitivgruppe nur noch ein einzelnes Wort folgt. Sie müssen also in Ihrem Beispielsatz Kommas setzen:

Das war, als Thomas, ohne anzuklopfen, eintrat.

Dasselbe gilt für Sätze wie diese:

Dann gingen sie, ohne abzuschließen, weg.
Wie kannst du das, ohne zu lügen, behaupten?
Gehe, um mitzuspielen, online!
Im Urlaub bleiben wir, statt zu verreisen, zuhause.

Solche Sätze sehen oft etwas kommalastig aus. Man kann sie ebenfalls und häufig sogar besser so formulieren, dass nicht ein einzelnes Wort des übergeordneten Satzes einsam und allein ganz am Schluss steht:

Dann gingen sie weg, ohne abzuschließen.
Wie kannst du das behaupten, ohne zu lügen?
Gehe online, um mitzuspielen!
Im Urlaub bleiben wir zuhause, statt zu verreisen.
Das war, als Thomas eintrat, ohne anzuklopfen.

Es ist aber erlaubt, Infinitivgruppen einzuschieben, solange man den Satz, ohne sich abmühen zu müssen, versteht. Und die Kommas sollte man nicht vergessen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Warum „demzufolge“, aber nicht „derzufolge“?

Frage

Wenn ich das Wort derzufolge/der zufolge google, finde ich keine oder unterschiedliche Antworten zur Zusammen- oder Getrenntschreibung.

Antwort

Guten Tag Frau M.,

die zusammengeschriebene Form demzufolge findet man in allen Wörterbüchern. Warum steht aber in keinem von ihnen die weibliche Form derzufolge? Eine erste, vorerst vielleicht eher rätselhafte Antwort könnte sein: Nach der Rechtschreibregelung gibt es die männliche Form demzufolge auch nicht.

Zusammen schreibt man nur das Adverb (Konjunktionaladverb) demzufolge, das die Bedeutung folglich, demnach, deshalb hat:

Wir betreuen eine namhafte Kundschaft und haben demzufolge aussagekräftige Referenzen vorzuweisen.

Diese Gebühren sind nicht einklagbar. Demzufolge müssen sie nicht bezahlt werden.

Dieses demzufolge ist (oder war ursprünglich) eine Verbindung mit dem unpersönlichen sächlichen dem, die zu einem Adverb geworden ist (dem Gesagten zufolge, dieser Sache zufolge).

Getrennt schreibt man den Relativanschluss mit zufolge, und zwar nach männlichen und sächlichen Bezugswörtern (Bedeutung: gemäß dem):

der Vertrag, dem zufolge Klagen keine aufschiebende Wirkung haben

Es wird ein Gesetz eingeführt, dem zufolge jeder Bürger und jede Bürgerin verpflichtet ist …

Die weibliche Form kann nur als solcher Relativanschluss verwendet werden (Bedeutung: gemäß der). Man schreibt sie entsprechend immer getrennt:

die Einigung, der zufolge Klagen keine aufschiebende Wirkung haben

Es wird eine Bestimmung eingeführt, der zufolge jeder Bürger und jede Bürgerin verpflichtet ist …

Das erklärt, warum man derzufolge nicht in den Wörterbüchern findet. Richtig geschrieben ist nur der zufolge. Dass in „freier Sprachwildbahn“ trotzdem hin und wieder fälschlich zusammengeschriebenes demzufolge oder derzufolge vorkommt, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Unterscheidung zwischen dem Adverb und dem Relativanschluss nicht allen bekannt oder immer bewusst ist. Es ist ja wirklich nicht immer einfach.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komplizierte Verbformen: „bis es eingeführt sein werden wird“?

Frage

Gestern Abend habe ich im Fernsehen [eine Politikerin] gesehen. Sie sagte:

… bis dies eingeführt sein werden wird

Äh, was?? Gehe ich recht in der Annahme, dass wir es hier mit einer Passiv-Konstruktion 3. Person Singular im Futur 2 Indikativ im Nebensatz zu tun haben? Wäre es nicht besser so: „… bis dies eingeführt sein wird“ oder „… bis dies eingeführt worden ist“? Haben Sie noch eine andere Idee?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

die Form, die Sie gehört haben, gibt es nicht. Es ist aber nicht erstaunlich, dass der Politikerin die Verbformen durcheinandergeraten sind. Gerade in der gesprochenen Sprache sind solche Anhäufungen von Verbformen oft schwierig zu meistern, auch für Menschen, die das Deutsche im Allgemeinen gut beherrschen.

Gemeint war wahrscheinlich Folgendes:

 … bis dies eingeführt worden sein wird

Das ist tatsächlich die 3. Person Singular Futur II Indikativ Passiv des Verbs einführen. Solche Formen kommen relativ selten vor, nicht zuletzt, weil sie so komplex sind. Oft ist es einfacher und nicht weniger präzise, das Futur durch das Präsens zu ersetzen (das ist im Deutschen fast immer möglich) oder das Aktiv anstelle des Passivs zu verwenden:

… bis dies eingeführt worden ist
… bis dies eingeführt ist

… bis man dies eingeführt haben wird / eingeführt hat
… bis wir dies eingeführt haben werden / eingeführt haben

Es gibt also verschiedene einfachere Formulierungen. Doch beim freien Sprechen kommt man nicht immer sofort auf die ideale Formulierung, vor allem wenn der Inhalt des Gesagten auch noch stimmen sollte.  Wir sollten deshalb der Politikerin diesen Verbformen-Ausrutscher nicht übel deuten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eindeutigkeit in Lückentexten: „Ich will mit meiner … im Reinen sein“

Frage

In einem Lehrbuch für Deutschlernende mit anderer Herkunftssprache wird ein Satz vorgegeben, der mit dem richtigen Wort aus vier Optionen zu ergänzen ist.

Der Satz lautet: „Ich will eine Familie gründen und unabhängig leben. Ich will kein Heiliger werden, aber mit meiner … im Reinen sein.“

Die zur Wahl stehenden Ergänzungswörter lauten: 1. Gegenwart, 2. Vergangenheit, 3. Zeit, 4. Zukunft

Meines Erachtens erzwingt der vorgegebene Text nicht eine bestimmte Auswahl aus den vier Wahlmöglichkeiten. Jede von ihnen wäre denkbar, ergäbe einen Sinn. […] Aber vermutlich irre ich.

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

Übungen in Lehrbüchern, insbesondere Lückentexte und Multiple-Choice-Aufgaben, sind nicht immer einwandfrei. Sie enthalten manchmal Übungssätze, die nicht so eindeutig sind, wie die Aufgabenstellung suggeriert. Der Übungssatz, den Sie hier anführen, ist ein solcher Fall, wahrscheinlich sogar ein krasser. Auch ich bin nämlich der Meinung, dass mit allen angegebenen Lösungswörtern ein sinnvoller und korrekter Satz entsteht. Es ist zwar so, dass man häufig mit sich selbst und/oder seiner Vergangenheit ins Reine kommt, es ist aber selbst mit einer schwierigen Vergangenheit nicht ausgeschlossen, auch mit seiner Gegenwart, Zukunft oder Zeit im Reinen sein zu wollen.

Gute Übungssätze zu finden ist schwierig, weil Äußerungen sehr oft nicht eindeutig sind, insbesondere wenn kein oder nur ein beschränkter Satzzusammenhang vorhanden ist. Wörter haben verschiedene Bedeutungen, die gleiche Bedeutung kann unterschiedlich ausgedrückt werden, aus fünf Wörtern lässt sich häufig, aber nicht immer erschließen, was das sechste Wort sein soll, usw. Dieser Problematik sind sich die meisten Verfasser und Verfasserinnen von Übungstexten bewusst, aber auch die erfahrensten von ihnen tappen hin und wieder in die Uneindeutigkeitsfalle.

Das hier Gesagte sollten Lernende übrigens nicht als Einladung verstehen, sich beim Ausfüllen solcher Übungen keine Mühe mehr zu geben. Auch wenn es manchmal zweifelhafte Übungssätze gibt, sind die meisten doch lösbar und hoffentlich auch hilfreich.

Zurück zu Ihrem Beispiel: Wenn es nicht möglich ist, in der Übung mehr als eine Lösung anzugeben, wenn es nicht einen weiteren, klärenden Kontext gibt und wenn der Satz nicht als eine Art Fallstrick gemeint ist, sollte er nicht in einer Übung stehen. Kurzum: Sie irren nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das knifflige Komma bei Infinitivgruppen: „das Maximum, das ich bereit war,[?] monatlich zu zahlen“

Frage

Ist das Komma nach „bereit war“ korrekt bzw. erlaubt?

Vor Beginn des Auslandsemesters hatte ich mir ein Maximum von 500 Euro gesetzt, das ich bereit war, monatlich für die Miete zu zahlen.

Antwort

Guten Tag Herr T.,

die Infinitivgruppe sollte hier nicht durch ein Komma abgetrennt werden, weil sie den übergeordneten Satz umschließt. Das „das“ gehört nämlich auch zur Infinitivgruppe:

Vor Beginn des Auslandsemesters hatte ich mir ein Maximum von 500 Euro gesetzt, das ich bereit war monatlich für die Miete zu zahlen.

Infinitivgruppen können (resp. müssen, siehe hier) durch Kommas abgetrennt werden, wenn sie nach oder vor dem übergeordneten Satz stehen:

Ich war bereit(,) 500 Euro monatlich für die Miete zu zahlen.
500 Euro monatlich für die Miete zu Zahlen(,) war ich bereit.

Die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz sind aber nicht immer so schön „sauber“ voneinander getrennt. Dann steht in der Regel kein Komma. In Fällen wie den folgenden ist das Komma ausgeschlossen:

Kein Komma kann gesetzt werden, wenn die Infinitivgruppe durch die Satzklammer des übergeordneten Satzes umschlossen wird. Das ist vor allem bei kürzeren Infinitivgruppen üblich, aber auch bei längeren möglich:

Ich habe versucht(,) dich zu verstehen.
Ich habe dich zu verstehen versucht.

Der Gemeinderat hat beschlossen(‚) die Brückensanierung durchzuführen.
Der Gemeinderat hat die Brückensanierung durchzuführen beschlossen.

Ich war bereit(,) 500 Euro Miete monatlich für die Miete zu zahlen.
Ich war 500 Euro Miete monatlich für die Miete zu zahlen bereit.

Kein Komma kann gesetzt werden, wenn die Infinitivgruppe und der übergeordnete Satz ineinander verschlungen sind. Formulierungen dieser Art sind nicht immer auf Anhieb leicht zu verstehen:

Dich und deine Ideen zu verstehen(,) will ich versuchen.
Dich und deine Ideen will ich zu verstehen versuchen.

Die Brückensanierung durchzuführen(,) hat der Gemeinderat beschlossen.
Die Brückensanierung hat der Gemeinderat durchzuführen beschlossen.

500 Euro monatlich für die Miete zu bezahlen(,) war ich bereit.
500 Euro monatlich war ich für die Miete zu bezahlen bereit.

Kein Komma kann gesetzt werden, wenn die Infinitivgruppe den übergeordneten Satz umschließt. Diese Art der Formulierung dient dazu, den erstgenannten Satzteil besonders hervorzuheben. Im Allgemeinen sollte sie der Verständlichkeit zuliebe nur zurückhaltend verwendet werden.

Dich und deine Ideen will ich versuchen zu verstehen.
Die Brückensanierung hat der Gemeinderat beschlossen durchzuführen.
500 Euro monatlich war ich bereit für die Miete zu bezahlen.

Auch in Ihrem Beispiel umschließt die Infinitivgruppe den übergeordneten Satz. Hier geht es aber nicht um Hervorhebung, sondern darum, dass das Relativpronomen, das zur Infinitivgruppe gehört, im Relativsatz an erster Stelle steht.

Das sind deine Ideen, die ich versuche zu verstehen.
Es geht um die Brückensanierung, die der Gemeinderat beschlossen hat unverzüglich durchzuführen.
Vor Beginn des Auslandsemesters hatte ich mir ein Maximum von 500 Euro gesetzt, das ich bereit war monatlich für die Miete zu zahlen.

Nicht weniger kompliziert und auch möglich:

Das sind deine Ideen, die ich zu verstehen versuche.
Es geht um die Brückensanierung, die der Gemeinderat unverzüglich durchzuführen beschlossen hat.
Vor Beginn des Auslandsemesters hatte ich mir ein Maximum von 500 Euro gesetzt, das ich monatlich für die Miete zu zahlen bereit war.

Zusammenfassend kann man faustregelartig sagen: Vor- und nachgestellte Infinitivgruppen können oder müssen mit Kommas abgetrennt werden. Infinitivgruppen, die in den übergeordneten Satz integriert, mit im verschlungen oder um ihn herum drapiert sind, stehen ohne Komma.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wozu die als-Gruppe gehört, bestimmt, ob ein Komma vor ihr steht

Frage

In einer John-Lennon-Biografie lese ich folgenden Satz:

Sie fand es wesentlich einfacher, mit Johns erster Frau umzugehen als mit seiner zweiten.

Frage: Muss vor „als“ noch ein schließendes Komma gesetzt werden, weil die Infinitivgruppe mit „umzugehen“ endet, oder gehört das „als mit seiner zweiten“ noch zur Infinitivgruppe?

Genauso frage ich mich das bei diesem Satz:

Er wollte lieber eine Frau haben, die für sich einstehen konnte, als eine Frau, die Angst vor ihrem eigenen Schatten hatte.

Antwort

Guten Tag Herr S.,

in beiden Sätzen sind die Kommas richtig gesetzt. Es geht um das vergleichende als und die Frage, wohin die als-Gruppe gehört.

Im ersten Satz gehört der Vergleich mit als zur Infinitivgruppe. Er steht zwar hinter dem abschließenden umzugehen, aber vergleichende als-Gruppen stehen häufig ganz am Schluss (im Nachfeld). So sieht der Satz aus, wenn man die als-Gruppe im Satzinneren belässt:

Sie fand es wesentlich einfacher, mit Johns erster Frau als mit seiner zweiten umzugehen.

Auch wenn man sie an den Schluss verlagert, wird sie nicht durch ein Komma abgetrennt:

Sie fand es wesentlich einfacher, mit Johns erster Frau umzugehen als mit seiner zweiten.

Ebenso ohne Komma vor als in Fällen wie diesen, auch wenn die als-Gruppe nachgestellt ist:

Es ist besser, ein gutes Buch zu lesen als ein schlechtes.
Es stimmt, dass wir weniger Geld eingesammelt haben als nötig.
Du siehst in einem T-Shirt eleganter aus als er in Anzug und Krawatte.

Ein anderer Fall ist Ihr zweiter Satz. Dort muss ein Komma stehen, weil die als-Gruppe nicht zum Nebensatz gehört, der vor ihr abgeschlossen wird:

Er wollte lieber eine Frau haben, die für sich einstehen konnte, als eine Frau, die Angst vor ihrem eigenen Schatten hatte.

Ebenso mit einem abschließenden Komma vor als:

Es ist besser, ein gutes Buch zu lesen, das man schon kennt, als eines, das zwar neu, aber schlecht ist.
Es stimmt, dass wir weniger Geld eingesammelt haben, jedenfalls bis jetzt, als nötig.
Du siehst in einem T-Shirt eleganter aus, finde ich, als er in Anzug und Krawatte.

Bei vergleichendem als sollte man also zuerst schauen, ob es einen Nebensatz oder eine Infinitivgruppe einleitet (→ Komma vor als) oder ob dies, wie in Ihren Beispielen, nicht der Fall ist (→ kein Komma vor als). Und wie auch bei und und oder kann im zweiten Fall doch ein Komma nötig sein, wenn vor als ein Nebensatz oder Einschub abgeschlossen wird, zu dem die als-Gruppe nicht gehört.

Diese abschließende Zusammenfassung ist komplizierter, als ich es gehofft hatte / komplizierter als erhofft / komplizierter, muss ich zugeben, als erhofft.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ostern

Wie fast jedes Jahr kam mir in den Sinn, dass ich zu Ostern etwas über das Wort Ostern schreiben könnte. Wie jedes Mal musste ich feststellen, dass die Herkunftsgeschichte nicht viel hergibt. Sie ist nämlich ungewiss.

Neben dem deutschen Ostern gibt es nur im Englischen eine verwandte Bezeichnung: Easter. Laut einigen etymologischen Wörterbüchern gehen die beiden Wörter auf Ostara, den Namen einer germanischen Frühlingsgöttin, zurück.

Vermutete Frühlingsgöttin Ostara

Eine germanische Frühlingsgöttin, deren Namen zur Bezeichnung für das Osterfest wurde, das klingt sehr poetisch und sogar ein bisschen mystisch. Andere meinen aber, dass es für diese Erklärung keine Belege und nicht genug andere Beweise gebe. Für einen schönen Osterblog reicht das also kaum.

Eine andere Herleitung erwähnt den Begriff Albae paschales – das waren offenbar gewisse weiße Kirchengewänder – und bringt ihn umständlich in Verbindung mit dem Wort Osten. Wirklich überzeugend finde ich das Ganze nicht, soweit ich es überhaupt verstanden habe. Auch das ergibt also kein schönes Thema für einen Blogartikel zu Ostern (für mehr zur Wortherkunft siehe hier).

Es bleibt mir somit nur Folgendes: Ihnen allen wünsche ich schöne Ostertage, und mir wünsche ich, dass ich von nun an nicht mehr jedes Jahr kurz vor den Osterferien über dasselbe Thema stolpern werde. Wenn Sie längere Zeit nicht von mir hören, liegt das daran, dass ich eine Osterpause einlege.

Frohe Ostern!

Dr. Bopp