Mit oder ohne Bindestrich:
Geisterbahn-ähnlich oder
geisterbahnähnlich?

Frage

Von zwei Korrektoren haben wir zwei verschiedene Antworten erhalten. Welche stimmt? Oder gibt es gar eine dritte Lösung?

Aufgehängt an Haken treten die Beutel eine Geisterbahn-ähnliche Fahrt an.
Aufgehängt an Haken treten die Beutel eine geisterbahnähnliche Fahrt an.

Ich nehme an, dass es sich um den gleichen Fall wie „butterweich“ oder „knochentrocken“ handelt und daher klein und zusammengeschrieben wird.

Antwort

Guten Tag Herr K.,

im Prinzip schreibt man hier tatsächlich nach § 36(1.1) der Rechtschreibregelung zusammen. Wenn das erste Glied der Zusammensetzung einer Wortgruppe entspricht, wird zusammengeschrieben:

abbruchreif = reif für den Abbruch
sauerstoffarm = arm an Sauerstoff
windgeschützt = vor dem Wind geschützt
algorithmusgesteuert = durch einen Algorithmus gesteuert

und ebenso:

geisterbahnähnlich = einer Geisterbahn ähnlich
eine geisterbahnähnliche Fahrt = eine einer Geisterbahn ähnliche Fahrt

Wie fast immer bei Zusammensetzungen kann man nach § 45(2) derselben Regelung auch einen „verdeutlichenden“ Bindestrich verwenden:

Geisterbahn-ähnlich
eine Geisterbahn-ähnliche Fahrt

Dabei ist die Großschreibung des Substantivs zu beachten, siehe § 55(2) der Rechtschreibregelung.

Beide Varianten sind also korrekt. Ich würde hier die zusammengeschriebene Variante geisterbahnähnlich empfehlen, denn ich halte diese Zusammensetzung nicht für unübersichtlich.

Ähnliches gilt auch für Zusammensetzungen wie diese:

eine rollstuhlgerechte Wohnung
eine hochseetaugliche Jacht
das datenbankbasierte Engineering
die algorithmusgesteuerte Nachrichtenauswahl

Man kann sie auch mit Bindestrich schreiben, aber sind diese Varianten wirklich besser lesbar?1

eine Rollstuhl-gerechte Wohnung
eine Hochsee-taugliche Jacht
das Datenbank-basierte Engineering
die Algorithmus-gesteuerte Nachrichtenauswahl

Kurzum: Meiner Meinung nach am besten eine geisterbahnähnliche Fahrt, aber eine Geisterbahn-ähnliche Fahrt geht auch. Nur *eine Geisterbahn ähnlich Fahrt ist wirklich falsch, auch wenn man solchem häufiger begegnet.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Der Bindestrich bei Zusammensetzungen wird häufig zu Recht für Texte in Leichter Sprache empfohlen. Zusammensetzungen wie die obenstehenden sollte man aber in solchen Texten auch dann vermeiden, wenn man sie mit Bindestrich schreibt.

(Von) anderswoher und (von) woandersher

Frage

Ich denke über das Wort „woanders“ nach. Ich möchte damit ausdrücken, dass jemand von einem anderen Ort kommt. Sind die folgenden Sätze grammatisch? Würden Sie Satz 1 oder Satz 2 bevorzugen?

Satz 1: Er kommt von woanders her.
Satz 2: Er kommt woanders her.

Antwort

Guten Tag Herr M.,

hier passt am besten „woandersher“ oder „anderswoher“:

Er kommt woandersher.
Er kommt anderswoher.

(In den Wörterbüchern werden diese Adverbien zum Teil als „umgangssprachlich“ bezeichnet, aber das soll uns hier nicht weiter stören.)

Man schreibt also zusammen. Das gilt auch für zum Beispiel irgendwoher, nirgendwoher bzw. woandershin*, anderswohin*, irgendwohin*, nirgendwohin*:

Irgendwoher klang leise Musik.
Als er sie hereinkommen sah, blickte er schnell woandershin.
Wir gehen nirgendwohin.

Die Kombination mit von – also von woandersher, von anderswoher oder von woher – kommt auch vor, sie ist aber eigentlich redundant, denn woher und woandersher drücken ja schon VON einer (anderen) Stelle aus. Dennoch begegnet man dieser Kombination sehr häufig, so dass man sie kaum als falsch bezeichnen kann. Interessant ist hier, dass die entsprechende Verbindung nach woandershin bzw. nach anderswohin nur sehr selten vorkommt.

Meine Empfehlung: statt von woher/von woandersher/von anderswoher besser einfach woher/woandersher/anderswoher und am besten nie nach woandershin/nach anderswohin, sondern nur woandershin/anderswohin.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Hier ist manchmal je nach Bedeutung auch eine andere Schreibung möglich:

Wollen wir uns anderswohin setzen? (an einen anderen Ort setzen)
Wollen wir uns anderswo hinsetzen? (an einem anderen Ort hinsetzen)

etwas achtlos irgendwohin legen (an irgendeinen Ort legen)
etwas achtlos irgendwo hinlegen (an irgendeinem Ort hinlegen)

Mit oder ohne Komma: „Ohne Daten[,] keine KI“

Frage

Ich habe hier eine kleine Frage zur Kommasetzung und hoffe, dass Sie mir dabei helfen können.

So ist der aktuelle Stand: Ohne Daten[,] keine Bestätigung. Ohne Bestätigung[,] keine Anhörung.

Gefühlt würde ich denken, dass kein Komma stehen sollte.

Antwort

Guten Tag Frau B.,

Ihr Gefühl täuscht Sie nicht. Man setzt die Kommas bei verkürzten Sätzen im Prinzip gleich, wie wenn sie vollständig sind. Hier handelt es sich um Sätze, bei denen in der ausformulierten Form keine Kommas stehen. Sie kommen deshalb auch in der verkürzten Form ohne Kommas aus:

Ohne Daten gibt es keine Bestätigung. Ohne Bestätigung gibt es keine Anhörung.

Ohne Daten keine Bestätigung. Ohne Bestätigung keine Anhörung.

Hier noch ein paar Beispiele:

Ohne Zustimmung keine Werbung
Ohne Vorauszahlung kein Versand
Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit
Ohne Daten keine KI

So unkompliziert kann es manchmal sein.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie man „Neunzehnhundertsechziger- und Neunzehnhundertsiebzigerjahre“ abkürzen kann

Wer diesen Blog häufiger liest, hat wahrscheinlich schon festgestellt, dass es oft mehr als nur eine korrekte Schreib- oder Formulierungsweise gibt. Diesmal ist es aber fast ein bisschen übertrieben.

Frage

Ich habe einen Text, bei dem die Schreibung der Jahreszahlen unterschiedlich ist: zum Beispiel „in den 1960er-/70er-Jahren“ und „in den 1960er-/1970er-Jahren“. Diese Begriffe kommen im gesamten Text sehr oft vor. Welche Schreibweise ist regelkonform oder gehen evtl. beide? Wenn ja, welche Version würden Sie empfehlen?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

eine „offizielle“ Regel hierzu gibt es nicht. Ähnlich wie es in der gesprochenen Sprache verschiedene Möglichkeiten gibt, so gibt es auch verschiedene geschriebene Varianten, die als korrekt gelten können. Je nachdem, wie stark man abkürzen muss oder will, sind dies mehr oder weniger empfehlenswerte Schreibweisen:

in den Neunzehnhundertsechziger- und Neunzehnhundertsiebzigerjahren
in den 1960er- und 1970er-Jahren
in den 1960er-/1970er-Jahren
in den 1960er/1970er-Jahren
in den 1960er-/70er-Jahren
in den 1960er/70er-Jahren
in den 1960/70er-Jahren

Auch ohne Bindestrich:

in den neunzehnhundertsechziger und neunzehnhundertsiebziger Jahren
in den 1960er und 1970er Jahren
in den 1960er/1970er Jahren
in den 1960er/70er Jahren
in den 1960/70er Jahren

Die Schreibung ganz ohne Ziffern bleibt literarischen Texten vorbehalten und ist auch dort kein Wunder der Lesbarkeit. Ich würde hier die zweitlängste Variante wählen, wenn der Platz es zulässt:

in den 1960er- und 1970er-Jahren

Wenn abgekürzt werden soll, dann würde ich es nach dem Motto „Wenn schon, denn schon“ tun:

in den 1960/70er-Jahren

Alle anderen Varianten sind aber auch mehr oder weniger gut vertretbar. Von den beiden Schreibweisen in Ihrer Frage gefällt mir in den 1960er-/1970er-Jahren besser.

Es gibt also weit mehr als nur eine akzeptable Möglichkeit. Es ist allerdings zu empfehlen, innerhalb eines Textes möglichst konsequent die gleiche Schreibweise zu verwenden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

„Äh“ steht, äh, immer mit Komma(s)

Frage

Kommt bei folgendem Satz vor und hinter dem „äh“ ein Komma oder nicht oder ist beides möglich?

Du kommst äh heute Abend doch zu mir?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

das zweifelnde oder zögernde äh ist ein Zusatz, den man mit Kommas abtrennt (vgl. Rechtschreibregelung § 72):

Du kommst, äh, heute Abend doch zu mir?

Ebenso zum Beispiel:

Die Antwort ist, äh, nein.
Wie man auf so etwas kommen kann, finde ich schon, äh, interessant.
Dadurch soll es den meisten irgendwie gut gehen, äh, zumindest den Besserverdienenden.
Ich sehe zwei, äh, drei Möglichkeiten
Äh, wer hat das gesagt?
Ja, äh, ich erinnere mich noch gut daran.
Äh, Schatz, wartest du noch kurz?
Äh, okay.

Die Kommas entsprechen (kurzen) Pausen in der gesprochenen Sprache.

Andere Interjektionen wie ach, oh oder ja werden auch durch Kommas abgetrennt:

Ach, das ist blöd!
Oh, das gefällt mir!
Ja, das könnte sein.
Pfui, schäm dich!

Manchmal sind sie aber auch so fest mit dem Folgenden verbunden, dass je nach Betonung kein Komma stehen muss:

Ach du meine Güte! / Ach, du meine Güte!
Oh welch ein Glück! / Oh, welch ein Glück!
Ja was denn nun? / Ja, was denn nun?

Bei Zweifel setzt man in solchen Fällen „vorsichtshalber“ besser ein Komma – und bei äh, äh, im Prinzip immer.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Statt Kommas können auch Gedankenstricht stehen, wenn äh stärker hervorgehoben werden soll:

Du kommst – äh – heute Abend doch zu mir?

Die Delachaux(s) trinken gerne Bordeaux – mit oder ohne Pluralendung s?

Frage

Könnten Sie mir bitte verraten, wie die korrekte Pluralform für auf -x endende französische Namen wie Delachaux heißt: „die Delachaux“ oder „die Delachauxs“?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

die kurze Antwort lautet:

die Delachaux

Und hier ein etwas längere Erklärung: Eine Regel, die genau diesen Fall beschreibt, kenne ich nicht. Ich würde analog zu anderen Eigennamen vorgehen.

Im Genitiv Singular gilt Folgendes:

Strauß’ Walzer
Schulz’ letzter Roman
Clairvaux’ Leben
Delachaux’ Tochter

Die Regel lautet: Bei auf s, ss, ß, x, z und ce endenden Namen setzt man im Genitiv Singular ein Apostroph statt der Endung s, und zwar auch dann, wenn im Genitiv ein s gesprochen wird. Das Beispiel auch der Rechtschreibregelung § 80(1) ist Clairvaux’ Leben und Wirken.

Im Nominativ Plural geht man so vor:

die Strauß sind / die Straußens sind
die Schulz haben / die Schulzens haben
die Clairvaux haben
die Delachaux sind

Hier gibt es keine explizite Regel. Deutsche Familiennamen mit s, ss, ß, x oder z am Schluss können endungslos sein oder die Endung –ens annehmen. Weiter gilt analog zur Genitivform für fremdsprachige Namen auf s, ss, x, z oder ce, dass keine Endung geschrieben wird, auch wenn die Endung s gesprochen wird (die Endung -ens kommt hier nicht in Frage).

Diese Sichtweise wird auch von geschriebenen Pluralformen wie diesen unterstützt:

die Bordeaux (mit oder ohne Endung s gesprochen)
die Grands Prix (meist ohne Endung s gesprochen)
die Cachenez (mit oder ohne Endung s gesprochen)
die Pincenez (mit Endung s gesprochen)

Die beiden alten Delachaux konnten die Etiketten der Bordeaux nur mit Hilfe ihrer Pincenez lesen – und dies ganz ohne geschriebene Endungen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Bopp

Komma oder nicht? – Ich denke schon und ich glaube, nein

Frage

Wird bei Aussagen wie „Ich denke(,) nicht“, „Ich vermute(,) nicht“, „Ich glaube(,) schon““ etc. ein Komma nach „glaube“ gesetzt oder nicht? Und wie sieht das Ganze bei „Ich denke(,) ja“ oder „Ich glaube(,) nein“ aus?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

es hängt auch von der Betonung ab, wie man hier mit der Kommasetzung umgehen möchte. Gibt man wieder, dass beim Sprechen nach denke, glaube , vermute usw. eine Pause zu hören ist, setzt man ein Komma. Entsprechend steht kein Komma, wenn ohne Pause gesprochen wird. Das ist die einfache Erklärung. Wer es lieber etwas systematischer hat, kann wie folgt argumentieren:

Am besten geht man von den folgenden Verkürzungen aus:

Ich glaube schon, dass es so ist.
Ich denke nicht, dass es so ist.1
Ich vermute nicht, dass es so ist.1

Die Adverbien schon und nicht gehören zum gleichen Teilsatz wie das Verb. Dann braucht es nach dem Verb kein Komma.

Ich glaube schon.
Ich denke nicht.
Ich vermute nicht.

Es ist aber auch möglich, von einer anderen Verkürzung auszugehen:

Ich glaube, dass es schon so ist.
Ich denke, dass es nicht so ist.
Ich vermute, dass es nicht so ist.

Das spricht dann für ein Komma nach dem Verb:

Ich denke, schon.
Ich denke, nicht.
Ich vermute, nicht.

Hier würde ich jeweils die Variante ohne Komma wählen.

Anders sieht es bei diesen Sätzen aus:

Ich denke, dass die Antwort ja ist.
Ich glaube, dass die Antwort nein ist.

Dann steht auch in der verkürzten Formulierung ein Komma:

Ich denke, ja.
Ich glaube, nein.

Man könnte hier aber auch argumentieren, dass ja bzw. nein eine direkte Ergänzung zum Verb denken bzw. glauben ist (Was denke/glaube ich?) und das Komma entsprechend weglassen. Ich würde hier aber nur die Variante mit Komma wählen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Zu ich denke nicht, dass … und ich denke, dass nicht … siehe hier.

Satzzeichen bei aufgezählten direkten Reden

Frage

Wie immer lese ich sehr gerne Ihren Blog. Diesmal habe ich wieder einmal selbst eine Frage. Wenn bei wörtlicher Rede bzw. Aussagen in Anführungszeichen eine Aufzählung erfolgt, setzt man dann Kommas dazwischen? Zwei Beispiele:

Die Antworten der Kinder waren: „Das war toll!“, „Das hat mir nicht gefallen.“, „Das hätte ich besser gemacht.“

„Wohin fahren wir?“, „Ich freue mich darauf. [Punkt hier oder nicht??]“, „Das wird toll!“ waren die ersten Reaktionen.

Richtig so?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

ich kenne keine Regel, die genau diesen Fall beschreibt. Dann muss man versuchen, sich selbst etwas zurechtzulegen. Ich gehe hier von diesen Grundregeln aus:

  • Satzzeichen, die zum Zitat gehören, stehen innerhalb der Anführungszeichen; Satzzeichen, die zum Begleitsatz gehören, stehen außerhalb der Anführungszeichen.
  • Am Anfang oder Innerhalb eines Satzes bzw. wenn es in einen Satz integriert ist, verliert das Zitat den Schlusspunkt; Fragezeichen und Ausrufezeichen hingegen bleiben stehen.

Für diesen Fall gilt weiter:

  • Bei einer Aufzählung steht zwischen den aufgezählten Elementen ein Komma.
  • Durch die Aufzählung sind die Zitate sozusagen in den Begleitsatz integriert. Das heißt unter anderem, dass sie gegebenenfalls ihren Schlusspunkt verlieren und dass der Gesamtsatz seinen Schlusspunkt immer behält.

Dies alles führt zu den folgenden Schreibungen:

Die Antworten der Kinder waren: „Das war toll!“, „Das hat mir nicht gefallen“, „Das hätte ich besser gemacht“.

Die Antworten der Kinder waren: „Das war toll!“, „Das hat mir nicht gefallen“ und „Das hätte ich besser gemacht“.

„Wohin fahren wir?“, „Ich freue mich darauf“ und „Das wird toll!“ waren die ersten Reaktionen.

Die ersten Reaktionen waren: „Wohin fahren wir?“, „Ich freue mich darauf“, „Das wird toll!“.

Dieser Fall ist, wie gesagt, nicht ausdrücklich geregelt. Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, dass andere zu anderen Lösungen kommen. Und wenn Ihnen diese Lösung nicht gefällt, können Sie zum Beispiel auf eine Liste ausweichen (dann geht es sogar ohne Anführungszeichen):

Die ersten Reaktionen waren:
– Wohin fahren wir?
– Ich freue mich darauf.
– Das wird toll!

Solche Reaktionen stimmen positiv, ganz gleich, ob sie mit Kommas oder in Listenform daherkommen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Stimmt es, dass hier die Kommas im Nebensatz wegzulassen besser ist?

Vor allem für diejenigen, die sich für Subtilitäten der Zeichensetzung interessieren, hier ein Problem, das ich nicht eindeutig zu lösen weiß:

Frage

Mit der Herausgabe des amtlichen Regelwerks im Jahr 2024 wurde das Kapitel zur Zeichensetzung vollständig überarbeitet. Besonders bei den infiniten Nebensätzen wurden viele, früher fakultative Vorschriften nun obligatorisch. Zum Beispiel müssen nun Subjektinfinitive aufgrund ihrer Satzwertigkeit mit einem Komma abgetrennt werden. Leider konnte ich weder in Ihrem Blog noch im Regelwerk etwas finden, was deren Kommatierung innerhalb von Nebensätzen beschreibt.

Konkret fiel mir beim Lesen folgender Satz auf:

Er erkannte, dass den Mund zu halten besser war, als zu reden.

In einem Hauptsatz wäre das Komma unstrittig:

Den Mund zu halten, war besser, als zu reden.

Auch mit einem Verweiswort/Korrelat wäre die Kommasetzung klar geregelt:

Er erkannte, dass es besser war, den Mund zu halten, als zu reden.

[…] Wie verhält es sich nun hinsichtlich Grammatik und korrekter Zeichensetzung? Ist die Kommatierung eines Subjektinfinitivs innerhalb eines Nebensatzes erforderlich, erlaubt oder verboten?

… dass[,] den Mund zu halten[,] besser war …

Antwort

Guten Tag Herr Z.,

im Prinzip werden infinite Nebensätze durch Kommas vom übergeordneten Satz abgetrennt. Nach der aktuellen Version der Rechtschreibregeln gilt dies, wie Sie richtig bemerken, auch für infinite Nebensätze mit Subjektfunktion:

Sich selbst zu besiegen, ist der schönste Sieg.
Unsere Gäste zu verwöhnen, macht uns Freude.
Den Mund zu halten, war besser, als zu reden.

Was bedeutet dies für den besonderen Fall in Ihrer Frage? Eine einfache Antwort mit einem Hinweis auf eine Regel muss ich Ihnen schuldig bleiben. Im Regelwerk wird keine Ausnahme für Subjektinfinitive in eingeleiteten Nebensätzen angegeben. Der Infinitiv (den Mund) zu halten bildet meiner Meinung nach auch kein mehrteiliges Prädikat mit war besser, so dass auch hier eigentlich Kommas gesetzt werden müssten. Es kommt ja ein infiniter Nebensatz vor, der nach der allgemeinen Regel abgetrennt werden sollte:

Stimmt es, dass, sich selbst zu besiegen, der schönste Sieg ist? [??]
Wichtig ist, dass, unsere Gäste zu verwöhnen, uns Freude macht. [??]
Er erkannte, dass, den Mund zu halten, besser war, als zu reden [??]

So machen wir es  auch bei andere Nebensätze mit eingeschobenen finiten oder infiniten Nebensätzen (die allerdings nicht Subjekt sind):

Telemachus erkannte, dass, wenn er Gott dienen wollte, er den Menschen dienen müsste.
Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen, das Schiffsvolk einen Albatros ergreift …

Die eingeklammerten Fragezeichen oben sollen angeben, dass ich die Kommasetzung dort für nicht gelungen bis sehr zweifelhaft halte. Als „Lösung“ könnte man hier eine Ausnahme formulieren, die nicht in den Regeln vorgesehen ist und wie folgt lautet: Infinite Nebensätze als Subjekt eines eingeleiteten Nebensatzes werden nicht durch Kommas abgetrennt:

Stimmt es, dass sich selbst zu besiegen der schönste Sieg ist?
Wichtig ist, dass unsere Gäste zu verwöhnen uns Freude macht.
Er erkannte, dass den Mund zu halten besser war, als zu reden.

Wenn auch diese Zeichensetung nicht überzeugt oder wenn man dies alles etwas zu kompliziert findet, kann man das Kommaproblem umgehen, indem man zu weglässt. Das ist bei Subjektinfinitiven möglich:

Stimmt es, dass sich selbst besiegen der schönste Sieg ist?
Wichtig ist, dass unsere Gäste verwöhnen uns Freude macht.
Er erkannte, dass den Mund halten besser war als reden.

Noch besser ist es oft, etwas weniger verschachtelt zu formulieren:

Sich selbst zu besiegen, ist der schönste Sieg. Stimmt das?
Wichtig ist, dass es uns Freude macht, unsere Gäste zu verwöhnen.
Er erkannte, dass es besser war, den Mund zu halten, als zu reden.

Das gilt auch für den nicht allzu leicht verständlichen Titel dieses Beitrages:

Stimmt es, dass es besser ist, im Titel oben die Kommas im Nebensatz wegzulassen?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von nichts zum Nichts

Frage

Heute geht es mal um „nichts“. Spaß beiseite: In einer Zeitungsüberschrift stand heute: „Von Nichts bis Amoklauf ist alles möglich.“ Ist die Großschreibung von „Nichts“ hier korrekt? Ich tendiere eher zur Kleinschreibung, aber das sieht irgendwie auch merkwürdig aus.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

hier sollte nichts tatsächlich kleingeschrieben werden. Nach § 58(4) der Rechtschreibregelung schreibt man Pronomen auch dann klein, wenn sie als Stellvertreter von Substantiven verwendet werden. Man schreibt das Pronomen nichts somit auch dann klein, wenn es von einer Präposition abhängig ist:

sich in nichts auflösen
mit nichts anfangen
viel Lärm um nichts
von nichts kommt nichts
aus nichts Neues schaffen

Entsprechend schreibt man nichts in Ihrem Beispiel klein, auch wenn es vielleicht manchen etwas seltsam vorkommt:

Von nichts bis Amoklauf ist alles möglich.

Man schreib groß, wenn das Substantiv das/ein Nichts gemeint ist. Das ist in der Regel in Verbindung mit einem Artikelwort der Fall:

vor dem Nichts stehen
sich über ein Nichts aufregen
aus dem Nichts auftauchen
aus dem Nichts Neues schaffen
Vom Nichts bis zum Amoklauf ist alles möglich.

Das ist zwar nicht nichts, aber doch relativ einfach und sollte somit nicht zu verzweifelten Amokläufen Anlass geben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp