Hilfsverb „werden“ am Satzende: „dass er ins Kino wird gehen müssen“ oder „dass er ins Kino gehen müssen wird“ oder …?

Frage

Wir haben ein sprachliches Problem. Was ist korrekt, was ist möglich?

Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.
Peter glaubt, dass er wird mit der Freundin ins Kino gehen müssen.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin wird ins Kino gehen müssen.

Konkret gefragt: Wo steht das konjugierte Verb „werden“?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

wenn mehrere Verbformen am Ende eines Nebensatzes stehen, kann die Wortstellung tatsächlich zur Herausforderung werden. Häufig geht es spontan gut, aber wenn man einmal anfängt darüber nachzudenken …

Nach den Angaben in den Grammatiken sind diese beiden Formulierungen richtig:

a) Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino gehen müssen wird.
b) Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.

a) Wenn das Hilfsverb werden in Kombination mit zwei oder mehr Infinitiven in einem Nebensatz steht, kann die konjugierte Verbform von werden nach der allgemeinen Regel ganz am Schluss stehen. Die allgemeine Regel sagt, dass die konjugierte Verbform in einem eingeleiteten Nebensatz am Schluss steht:

Das ist nicht etwas, woran man sich erinnern können wird.
Ich werde nicht überrascht sein, weil ich euch kommen hören werde.
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht gehen lassen wird.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino gehen müssen wird.

b) Nach einer Sonderregel kann das Hilfsverb werden auch vor den Infinitiven stehen, wie dies beim Hilfsverb haben der Fall ist (siehe hier).

Mit haben:

Das ist nicht etwas, woran man sich hätte erinnern können.
Ich bin nicht überrascht, weil ich euch habe kommen hören (auch: kommen hören habe).
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht hat gehen lassen (auch: gehen lassen hat).
Peter ist froh, dass er mit der Freundin ins Kino hat gehen dürfen.

Mit werden entsprechend auch:

Das ist nicht etwas, woran man sich wird erinnern können.
Ich werde nicht überrascht sein, weil ich euch werde kommen hören.
Sie befürchtet, dass er die Kinder nicht wird gehen lassen.
Peter glaubt, dass er mit der Freundin ins Kino wird gehen müssen.

Andere Wortstellungen kommen ebenfalls mehr oder weniger häufig vor (siehe die Beispiele in Ihrer Frage). Sie gelten aber als regional und/oder umgangssprachlich.

Es ist nicht erstaunlich, dass es bei Sätzen dieser Art oft zu einer gewissen Verunsicherung kommt. Ich hoffe, dass diese Ausführungen dann hilfreich sein können werden oder hilfreich werden sein können – oder ganz einfach: hilfreich sind. Häufig kann man das Problem vermeiden, indem man einfacher formuliert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Komischerweise wird „komischer Weise“ zusammengeschrieben

Frage

Bei den Beispielen in Ihrem Wörterbucheintrag „Weise“ erwähnen Sie, komischer Weise, das Beispiel „komischer Weise“ nicht. Es stehen nur Beispiele mit „in“ und „auf“.

Antwort

Guten Tag Herr W.,

Sie finden das Beispiel komischer Weise nicht beim Wörterbucheintrag Weise, weil man komischerweise in einem Wort schreibt (siehe hier):

komischerweise

Adverbien der Form  -erweise werden immer in einem Wort geschrieben (siehe auch hier):

bedauerlicherweise, bemerkenswerterweise, dummerweise, fairerweise, freundlicherweise, gerechterweise, klugerweise, komischerweise, leichtsinnigerweise, logischerweise, natürlicherweise, richtigerweise, schlauerweise, seltsamerweise, unbegreiflicherweise, vorsichtigerweise, wunderbarerweise u.v.a.m. (auch spontane Neubildungen)

Das war nicht immer so. Die Bildungen auf -erweise waren ursprünglich adverbiale Genitive (wie eines Tages, meines Erachtens, stehenden Fußes usw.): Man verband das Substantiv Weise mit einem Adjektiv und verwendete diese Wortgruppe im Genitiv, um anzugeben, in welcher Weise etwas geschieht oder zu verstehen ist. Solche Bildungen kamen sehr häufig vor. Es folgen nur ein paar Beispiele illustrer Autoren aus früheren Zeiten.

Goethe schrieb im Gedicht Zahme Xenien I (Ausgabe letzter Hand, 1827):

Hab ich gerechter Weise verschuldet
diese Strafe in alten Tagen?

In Schillers Die Jungfrau von Orleans (4. Aufzug, 10. Auftritt, 1801) sagt der König:

Von Gott allein, dem höchsten Herrschenden,
Empfangen Frankreichs Könige die Krone.
Wir aber haben sie sichtbarer Weise
Aus seiner Hand empfangen.

Und in Johann Gottfried Herders Abhandlung Über den Ursprung der Sprache (1770) liest man:

Die ganze rousseausche Hypothese von Ungleichheit der Menschen ist, bekannter Weise, auf solche Fälle der Abartung gebaut

In neuerer Zeit wurden diese attributiven Genitive als formelhaft empfunden und in der Schrift zu einem Wort zusammengerückt. Heute werden diese Bildungen als Ableitungen mit einem Suffix -erweise (oder mit Fuge er und -weise) empfunden und immer zusammengeschrieben. In Neuausgaben älterer Werke mit angepasster Rechtschreibung findet man deshalb zum Beispiel gerechterweise statt gerechter Weise und bekannterweise statt bekannter Weise.

Man schreibt also komischerweise und nicht komischer Weise, weil Bildungen dieser Art nicht mehr als Wortgruppen, sondern als Ableitungen empfunden und entsprechend zusammengeschrieben werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Das oben Gesagte gilt nur, wenn die Verbindung ohne auf oder in steht. Adverbiale Wendungen mit auf oder in und Weise werden getrennt geschrieben:

auf ähnliche Weise
in gleicher Weise
in komischer Weise

Wendungen dieser Art sind deshalb im Wörterbuch – wenn überhaupt – unter Weise zu finden.

Wer weiß/wusste, wozu er imstande ist/war?

Frage

Ich möchte in einem Text in der personalen Perspektive die Gedanken einer Figur aufschreibe und ausdrücken, dass sie sich fragt: „Wer weiß, wozu er imstande ist?“ Im Präsens ist das ja ganz einfach, aber im Präteritum? „ Wer weiß, wozu er imstande war“, geht das? Ich habe noch nie gelesen „Wer wusste, wozu er imstande war“.

Antwort

Guten Tag Frau W.,

die Formulierung „Wer wusste, wozu er imstande war?“ ist korrektes und gebräuchliches Deutsch:

Sei fragt sich, wer weiß, wozu er imstande ist?
Sie fragte sich, wer wusste, wozu er imstande war?

Wer weiß, wozu sie fähig ist?
Wer wusste, wozu sie fähig war?

Wer wusste, wozu es gut sein konnte?

Wer wusste schon, wozu es gut war?

Bei Gegenwartsbezug, also wenn das Imstandesein auch im Sprechzeitpunkt noch gilt, ist auch das Präsens möglich:

Wer wusste, wozu er imstande ist.
(vgl. Wer wusste [damals], wozu er [auch heute noch] imstande ist.)

Auch die folgende Formulierung ist möglich. Damit wird aber gesagt, dass man sich heute fragt, wozu er früher imstande war:

Wer weiß, wozu er imstande war.
(vgl. Wer weiß [heute], wozu er [damals] imstande war.)

Wirklich feste Regeln zum Tempusgebrauch gibt es im Deutschen übrigens nicht. Deshalb kommen – auch im Standarddeutschen – weitere Formulierungsarten vor.

Sie zweifeln vielleicht, weil  Sie dieses wer weiß als rein formelhafte Verstärkung eines Zweifels verstehen und wusste deshalb für Sie nicht richtig passen will. Dann können Sie auch erwägen, schon einzufügen oder bei der direkten Rede zu bleiben:

Wer wusste schon, wozu er imstande war.
Sie fragte sich: „Wer weiß, wozu er imstande ist?“

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kein Komma vor „aber“: „Dies gilt besonders (aber nicht nur) für sie“?

Frage

Ich bin soeben über folgenden Satz gestolpert und frage mich, wie dieser zu behandeln ist:

Dies gilt besonders (aber nicht nur) für die Jugendhilfe, deren Stellung und Aufgaben erheblich ausgeweitet wurden.

Ohne die Klammer müsste – sofern ich mich nicht täusche? – vor dem „aber“ ein Komma stehen. Es in die Klammer hineinzuziehen, wirkt allerdings kontraintuitiv (salopp gesprochen: Es sieht einfach sehr merkwürdig aus). Da ich diesbezüglich keine Regelungen finden konnte, wollte ich fragen, ob Sie weiterhelfen können?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

dieser Satz kommt ohne ein Komma vor aber aus:

Dies gilt besonders (aber nicht nur) für die Jugendhilfe …

Das ergibt sich indirekt aus zum Beispiel den folgenden Beispielsätzen in § 86 der amtlichen Rechtschreibregelung:

Eines Tages (es war mitten im Sommer) hagelte es.

Wir gingen in die Hütte (einen kalten Raum mit kleinen Fenstern) und zündeten ein Feuer an.

Sie isst gern Obst (besonders Apfelsinen und Bananen).

In diesen Beispielen steht kein Komma, wenn der Einschub in Klammern steht. Die Klammern ersetzen jeweils das Komma.

Ganz so einfach ist es aber doch nicht. Kommas fallen bei Einschüben in Klammern nur dann weg, wenn ohne den Einschub kein Komma steht. Das ist in den Beispielsätzen oben so:

Eines Tages (es war mitten im Sommer) hagelte es.
vgl. Eines Tages hagelte es.

Wir gingen in die Hütte (einen kalten Raum mit kleinen Fenstern) und zündeten ein Feuer an.
vgl. Wir gingen in die Hütte und zündeten ein Feuer an.

Sie isst gern Obst (besonders Apfelsinen und Bananen).
vgl. Sie isst gern Obst.

Dies gilt besonders (aber nicht nur) für die Jugendhilfe …
vgl. Dies gilt besonders für die Jugendhilfe …

ABER: Wenn ein Komma zum Restsatz gehört, das heißt, wenn es auch ohne den Einschub stehen muss, wird es auch mit dem Einschub geschrieben:

Wir gingen in die Hütte (einen kalten Raum mit kleinen Fenstern), wo wir ein Feuer anzündeten.
vgl. Wir gingen in die Hütte, wo wir ein Feuer anzündeten.

Sie isst gern Obst (wenn möglich aus biologischem Anbau), besonders Apfelsinen und Bananen.
vgl. Sie isst gern Obst, besonders Apfelsinen und Bananen.

Dies gilt besonders (das ist nicht erstaunlich), aber nicht nur für die Jugendhilfe.
vgl. Dies gilt besonders, aber nicht nur für die Jugendhilfe.

Und alles was hier über Einschübe in Klammern steht, gilt auch für Einschübe in paarigen Gedankenstrichen:

Dies gilt besonders – aber nicht nur – für die Jugendhilfe …

Dies gilt besonders – das ist nicht erstaunlich –, aber nicht nur für die Jugendhilfe.

Ganz gleich ist das Vorgehen aber doch nicht immer, weil man nie zwei Kommas, aber doch einen Gedankenstrich und ein Komma aufeinander folgen lassen kann. Das zeigt der folgende abschließende Satz:

Zum Glück macht man es doch meistens richtig, so hoffe ich, ohne dass man allzu lange nachdenken muss.

Zum Glück macht man es doch meistens richtig – so hoffe ich –, ohne dass man allzu lange nachdenken muss.

Wirklich?

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Heißt es „etwas, was“ oder „etwas, das“?

Frage

Ich beziehe mich auf die Diskussion über etwas das/was in diesem Blogartikel. Vor Jahrzehnten hatte ich fast schon Streit darüber mit einem meiner Übersetzer. — In meiner kleinen Welt (bin Autor) ist das eine Relativkonstruktion, daher nehme ich mir heraus, das Relativpronomen zu verwenden. Das kann doch so falsch nicht sein. Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

Sie machen nichts falsch, ob Sie nun das Relativpronomen das oder das Relativpronomen was verwenden (hier ist beides ein Relativpronomen). Wie im zitierten Artikel steht, gilt sowohl etwas, was als auch etwas, das als korrekt – dies auch standardsprachlich.

Das ist etwas, was ich nicht verstehe.
Das ist etwas, das ich nicht verstehe.

Gemäß der „Grammatikregel“ steht das Relativpronomen was nach sächlichen Demonstrativ- und Indefinitpronomen wie zum Beispiel das, dasjenige, dasselbe; alles, einiges, nichts, vieles, manches, weniges, etwas u. a.

Das, was du hier siehst …
Ihr habt alles, was man sich nur wünschen kann.
Es gibt einiges, was ich nicht verstehe.
Du sagst dasselbe, was du gestern schon behauptet hast.

Das gilt im Prinzip auch für das Indefinitpronomen etwas. Hier wird dennoch häufig das verwendet. Dies geschieht unter anderem aus stilistischen Gründen, weil dadurch die Wiederholung von was verhindert wird:

Das ist etwas, was nicht alle akzeptieren.
Das ist etwas, das nicht alle akzeptieren.

Wer es strengen Grammatikerinnen recht machen will, nimmt etwas, was. Wer es strengen Stilisten recht machen will, wählt etwas, das. Alle anderen nehmen das, was ihnen besser gefällt. Es geht hier also nicht um etwas, was oder das zu Streit führen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gedankenstrich ist nicht gleich Gedankenstrich

Frage

Wie wird im folgenden Satz das finite Verb korrekt konjugiert (man beachte den Gedankenstrich)?

Umso wichtiger ist/sind eine gute Zusammenarbeit – und eine vertrauensvolle Basis.

In diesem Fall komme ich trotz Recherche in Fachliteratur nicht voran.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

die Verunsicherung entsteht tatsächlich durch den Gedankenstrich, der mehr als nur eine Funktion und Bedeutung haben kann. Ohne Gedankenstrich sollte das Verb im Plural stehen:

Umso wichtiger sind eine gute Zusammenarbeit und eine vertrauensvolle Basis.

Mit dem Gedankenstrich vor und kann das Verb in diesem Satz im Plural oder im Singular stehen, je nachdem welche Bedeutung und wie viel Gewicht man dem Gedankenstrich zumisst. Zum Beispiel:

Wenn der Gedankenstrich eine (einfache, effektvolle oder dramatische) Pause angibt, steht er sozusagen innerhalb der Satzstruktur, die danach weitergeführt wird. Das Verb steht entsprechend weiterhin im Plural:

Umso wichtiger sind eine gute Zusammenarbeit – und eine vertrauensvolle Basis.

Wenn der Gedankenstrich angibt, dass ein Nachtrag folgt (zum Beispiel so etwas wie ach ja, und …), kann das Verb auch im Singular stehen. Wählt man den Singular, wird die Satzstruktur nach Zusammenarbeit abgeschlossen. Danach folgt eine Ergänzung, die man, wenn man so will, als unvollständigen Satz interpretieren kann:

Umso wichtiger ist eine gute Zusammenarbeit – und eine vertrauensvolle Basis.

Mit dem Singular ist der Unterbruch, den der Gedankenstrich angibt, anders und stärker als mit dem Plural. An Ihnen die Wahl, was besser passt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schweizer, Norweger, Ägypter – Einwohnerbezeichnungen als Adjektiv

Frage

Im Zusammenhang mit Toponymen gibt es jeweils Suffixe zur Bildung der Einwohnerbezeichnung und Herkunftsbezeichnung. Für England zum Beispiel haben wir so den Engländer, die Engländerin und die englische Woche. Aber für die Schweiz unterscheide ich die schweizerischen Eisenbahnen, die Schweizerischen Bundesbahnen und den Schweizer (indeklinables Adjektiv) Käse.

Das Suffix -er gibt es anscheinend immer für Bundesländer und Städte, so wie in der Thüringer Rostbratwurst und dem Hamburger Rathaus, nicht aber für alle Länder und Staaten, denn z. B. das Adjektiv „Engländer“ kenne ich nicht. […]

Kennen Sie eine Regel, für welche Toponyme es die zugehörigen Adjektive mit der Endung -er gibt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

viele Einwohnerbezeichnungen auf -er können tatsächlich auch als unveränderliche Adjektive verwendet werden. Bei Städten, Regionen, Bundesländern und Kantonen scheint dies fast überall der Fall zu sein. Wenn es eine Einwohnerbezeichnung auf -er gibt, kann dieselbe Form auch als ungebeugtes Adjektiv verwendet werden:

Berliner Pfannkuchen, Dresd[e]ner Tourismus, Frankfurter Banken, Grazer Bürgermeisterin, Salzburger Verkehrsbund, Thuner Altstadt, Zür[i]cher Bevölkerung; Florentiner Innenstadt, Osloer Verträge, New-Yorker Wolkenkratzer, Pariser Metro, Seouler Garten

Bayerische Weißwurst, Baden-Württemberger Wein, Thüringer Bratwurst, Mecklenburger Sauerfleisch, Tiroler Speck, Vorarlberger Bergkäse, Aargauer Karottenkuchen (Rüeblitorte), Tessiner Luganighe

Nicht alle Einwohnerbezeichnungen sind gleichermaßen auch als Adjektiv gebräuchlich und manche wie Pommer oder Sizilianer kommen nicht oder kaum adjektivisch vor. Im großen Ganzen handelt es sich aber beim oben Gesagten um eine sehr starke Tendenz.

Wie Sie richtig bemerken, sieht die Lage bei Ländern bzw. Staaten anders aus. Während

Schweizer, Liechtensteiner, Luxemburger, Moldauer, Hongkonger, Kameruner, Singapurer

als Adjektive sehr oder relativ gebräuchlich sind, kommen die folgenden Adjektive mehr oder weniger selten vor:

Litauer, Malteser, Norweger, Ukrainer

Nicht als Adjektiv verwendet werden üblicherweise:

Albaner, Andorraner, Belgier, Bosnier (aber: Herzegowiner Bevölkerung), Engländer, Isländer, Italiener, Montenegriner, Niederländer, Österreicher, Spanier;
Ägypter, Amerikaner, Argentinier, Äthiopier, Australier, Brasilianer, Equadorianer, Georgier, Indier, Iraker, Kanadier, Koreaner, Indonesier, Japaner, Mexikaner, Sudaner, Surinamer …

Die Einteilung in drei Gruppen ist mehr oder weniger willkürlich und die Grenzen dazwischen sind fließend.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich kann keine festen Regeln finden oder herleiten, die beschreiben, bei welchen Ländern die Einwohnerbezeichnung auf -er auch als nicht beugbares Adjektiv verwendet wird. Warum Formulierungen wie die Schweizer Berge üblich, die Norweger Fjorde selten und die Ägypter Pyramiden unüblich sind, vermag ich also leider nicht zu erklären.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Imperativ oder Konjunktiv in „Seien Sie ruhig!“?

Frage

Eine Frage beschäftigt mich schon seit längerem und ich würde mich freuen, wenn Sie sie mir beantworten würden.

Seien Sie versichert, dass ich alles Mögliche tun werde, damit Sie die Lieferung sobald wie möglich erhalten.
Seien Sie ruhig!

Stehen diese Sätze im Imperativ oder im Konjunktiv I? Und wie kann man jemandem erklären, dass diese Sätze entweder im Imperativ oder Konjunktiv I stehen. Wie erkennt man das?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

die Befehlsform der Höflichkeitsform ist ein typischer Fall, in dem zwischen der Form und der Funktion unterschieden werden muss. Das kann auf den ersten Blick ein bisschen verwirrend sein, aber es lässt sich einfach erklären:

Den eigentlichen Imperativ als Verbform gibt es nur in der 2. Person Singular (sei!, nimm!, hilf!) und in der 2. Person Plural (seid!, nehmt!, helft!). Für die Höflichkeitsform verwenden wir eine Ersatzform: Man bildet die Befehlsform mit dem Konjunktiv I und nachgestelltem Sie (seien Sie!, nehmen Sie!, helfen Sie!).

In Seien Sie versichert und Seien Sie ruhig! steht ein Konjunktiv I, der die Funktion des Imperativs übernimmt:

Form: Konjunktiv I
Funktion: Befehlsform

Befehle und Aufforderungen in der Höflichkeitsform werden also mit dem Konjunktiv I gebildet. Das ist übrigens nur beim Verb sein sichtbar. Bei den anderen Verben sind der Konjunktiv I und der Indikativ identisch:

Haben Sie keine Angst!
Geben Sie mir bitte rechtzeitig Bescheid.
Fahren Sie vorsichtig und kommen Sie gut an!

Siehe auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein verkürzter Satz und man setzt kein Komma vor „und“

Frage

Ich denke nicht, dass die folgenden Sätze standardsprachlich richtig sind. Deshalb lässt sich die Kommafrage möglicherweise nicht eindeutig beantworten, aber vielleicht wissen Sie Rat.

Noch ein Tor(,) und wir sind Meister.
Ein kurzes Nicken(,) und ich komme Dir zu Hilfe.
Ein kleiner Fehler(,) und ich wusste nicht mehr weiter.
Ein kleiner Fehler(,) und alles war umsonst.

Ich denke, dass das Komma vor „und“ nur zu rechtfertigen wäre, wenn der erste Satz ebenfalls ein eigenständiger Satz wäre (§ 73). Auch dann wäre der zweite Satz aber doch abhängig vom ersten, oder?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

in Ihren Beispielen handelt es sich beim ersten Teilsatz jeweils um einen verkürzten, also keinen vollständigen oder selbständigen Satz. Verkürzte Sätze sind auch standardsprachlich möglich und akzeptiert.

Vor und sollte hier kein Komma stehen. Nach § 73 der Rechtschreibregelung und den dort angegebenen Beispielen ist ein Komma vor und bei der Reihung von selbständigen Sätzen möglich. Man schreibt deshalb am besten:

Noch ein Tor und wir sind Meister.
Ein kurzes Nicken und ich komme Dir zu Hilfe.
Ein kleiner Fehler und ich wusste nicht mehr weiter.
Ein kleiner Fehler und alles war umsonst.

Wenn eine Pause o. Ä. angegeben werden soll, kann dies zum Beispiel mit einem Gedankenstrich geschehen:

Nur noch ein Tor – und wir sind Meister.
Ein kleiner Fehler – und alles war umsonst!

Wenn die Sätze nicht verkürzt sind, handelt es sich um selbständige Sätze, auch wenn sie sinngemäß eng mit dem anderen Satz verknüpft sind:

Es fehlt nur noch ein Tor.
Ein kurzes Nicken genügt.
Es war nur ein kleiner Fehler.

Dann kann man nach § 73 ein Komma vor und setzen:

Es fehlt nur noch ein Tor(,) und wir sind Meister.
Ein kurzes Nicken genügt(,) und ich komme Dir zu Hilfe.
Es war nur ein kleiner Fehler(,) und ich wusste nicht mehr weiter.
Es war nur ein kleiner Fehler(,) und alles war umsonst.

Verkürzte Sätze sind auch standardsprachlich möglich(,) und die Kommafrage lässt sich diesmal sogar eindeutig beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NB: Das hier Gesagte gilt nur für das fakultative Komma (kann-Komma) bei der Reihung von Hauptsätzen mit und, oder usw. Dass die Sache ganz anders aussieht, wenn es um Satzgefüge mit (verkürzten) Nebensätzen geht, können Sie hier nachlesen.

Substantivierte Partizipien und ihre Ergänzungen: Warum das letztlich Kommende nicht das letztliche Kommende ist

Frage

Warum erhält im folgenden Fall das substantivierte Partizip kein Adjektiv, sondern ein Adverb als Bestimmungswort?

Das letztlich Kommende wird furchtbar sein.

Antwort

Guten Tag Herr M.,

wenn Partizipien adjektivisch oder substantivisch verwendet werden, haben sie die gleichen Erweiterungen wie das zugrundeliegende Verb. Sie haben also eine andere Erweiterungsstruktur als „gewöhnliche“ Adjektive und Substantive.

Hier ein paar Beispiele mit jeweils dem Verb, dem adjektivisch verwendeten Partizip und dem substantivierten Partizip:

den Verkehr hindern
den Verkehr hindernde Straßenarbeiten
etwas den Verkehr Hinderndes

dir etwas versprechen
die dir versprochenen Dinge
das dir Versprochene

auf den Bus warten
die auf den Bus wartenden Leute
die auf den Bus Wartenden

zu Hause arbeiten
die zu Hause arbeitenden Angestellten
die zu Hause Arbeitenden

neu gründen
der neu gegründete Verein
das neu Gegründete

zusammen aufwachsen
die zusammen aufwachsenden Kinder
die zusammen Aufwachsenden

Das gilt auch für das Beispiel in Ihrer Frage:

letztlich kommen
die letztlich kommenden Dinge
das letztlich Kommende

Vgl. hierzu die Angaben auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Bei substantivierten Partizipien ist es häufig auch möglich, wie bei gewöhnlichen Substantiven ein attributives Adjektiv zu verwenden. Die Bedeutung ist dann aber leicht bis erheblich anders:

das neu Gegründetete = das, was neu gegründet wurde
das neue Gegründete = das Gegründete, das neu ist

das viel Gekaufte = das, was viel gekauft wird/wurde
das viele Gekaufte = die große Menge an Gekauftem

das endlich Kommende = das, was endlich kommt
das endliche Kommende = das Kommende, das endlich ist

Bei das letztlich Kommende ist dies deshalb nicht möglich, weil letztlich nur als Adverb und nicht als Adjektiv verwendet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp