Das Komma, wenn jemand etwas zu tun vermag oder wenn jemand vermag(,) etwas zu tun

Frage

Uns treibt eine Kommafrage um. Braucht es das Komma im untenstehenden Satz oder kann man es weglassen?

Unsere Berater vermochten, das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

in diesem Satz kann man die Infinitivgruppe durch ein Komma abtrennen, um die Gliederung des Satzes zu verdeutlichen (siehe hier). Der Satz ist aber auch ohne Komma gut verständlich und korrekt geschrieben:

Unsere Berater vermochten, das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Unsere Berater vermochten das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Das Komma ist dann obligatorisch, wenn die Infinitivgruppe durch ein es angekündigt wird:

Unsere Berater vermochten es, das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Und hier noch ein paar zusätzliche Informationen:

Umgekehrt darf man kein Komma setzten, wenn die Infinitivgruppe in den übergeordneten Satz eingebettet ist:

Unsere Berater haben das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren vermocht.

Unsere Berater werden das Unternehem vor großen wirtschaflichen Rückschlägen zu bewahren vermögen.

Mit etwas Mühe gelingt es auch, die Infinitivgruppe um den übergeordneten Satz herum zu legen. Auch dann werden keine Kommas gesetzt:

Das Unternehmen vermochten unsere Berater vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Es geht sogar noch komplexer – und auch dann ohne Kommas:

Das Unternehmen haben unsere Berater vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren vermocht.

Das sieht komplizierter aus, als es ist. Zusammenfassend gilt Folgendes:

Wenn der übergeordnete Satz und die Infinitivgruppe sauber getrennt nebeneinander stehen, kann man ein Komma setzen. Nur wenn dabei im übergeordneten Satz ein andkündigendes es (oder ein wiederaufnehmendes das) steht, muss ein Komma gesetzt werden.

Wenn die Infinitivgruppe in den übergeordneten Satz eingebettet ist, ihn umschlingt oder mit ihm verflochten ist, kommt man in der Regel gar nicht in Versuchung, Kommas zu setzen. Das ist genau richtig, denn dann sollte kein Komma stehen.

Dass ganz Ähnliches auch für Infinitivgruppen bei zum Beispiel versprechen und verlangen gilt, können Sie in diesem schon etwas älteren Blogartikel lesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn auch „alles“ passt: Und es waren alles/alle harte Taler

Frage

Ich stehe auf dem Schlauch bei einem Satz aus einem Übungsbuch:

Da fielen auf einmal die hellen Sterne vom Himmel und es waren alles harte Taler.

Hier ist „alles“ richtig, aber ich kann nicht erklären, warum es nicht „alle“ heißen muss, denn eigentlich sind es ja „alle Sterne, die sich in Taler verwandelt haben“. Mir hat jemand diese Frage gestellt […]

Antwort

Guten Tag Frau I.,

der sächliche Singular alles kann sich in Verbindung mit dem Verb sein (in Kopulasätzen) nicht nur auf ein sächliches Substantiv im Singular beziehen, sondern auch allgemeiner auf etwas, eine Gruppe usw. von gleich welchem Genus und Numerus. Das ist auch in Ihrem Beispielsatz der Fall:

Und es waren alle harte Taler.
Und alle waren harte Taler.
(= Alle gefallenen Sterne waren harte Taler)

Und es waren alles harte Taler.
Und alles waren harte Taler.
(ungefähr: Die Gesamtheit der gefallenen Sterne waren harte Taler)

Die Umschreibungen sind nicht sehr aussagekräftig und entsprechend auch nicht sehr hilfreich bei der Unterscheidung zwischen alle und alles. Am besten beschränken Sie sich bei der Erklärung darauf, dass die sächliche Form sich in Fällen wie diesen auch auf nicht Sächliches und nicht im Singular Stehendes beziehen kann. Weitere Beispiele:

Wir sind alles Menschen.
Es waren über hundert Personen und fast alles (waren) Deutsche.
Es waren alles schöne Geschäfte, die wir besucht haben.

Dies gilt übrigens auch für beides:

Zwei Sterne fielen vom Himmel und es waren beides harte Taler.
Wie sind beides Thüringer.
Die Corona-Pandemie und die Klimakrise sind beides globale Erscheinungen.

In den meisten Fällen ist auch die „normale“ Form mit Übereinstimmung in Numerus und Genus möglich:

Wir sind alle Menschen.
… und fast alle waren Deutsche.
… und es waren beide harte Taler.
Wir sind beide Thüringer.

Kurzum: In Kopulasätzen mit sein können die sächlichen Formen alles und beides mit Substantiven jeglicher Art kombiniert werden. Deshalb waren die gefallenen Sterne im Märchen ganz korrekt alles harte Taler.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gleiche Funktion, andere Wortstellung: denn ich bin / deshalb bin ich

Frage

Ich habe eine Frage zu den Konjunktionen „denn“ und „deshalb“. Die Konjunktion „denn“ leitet einen Hauptsatz ein. In der Regel steht das konjugierte Verb an zweiter Stelle.

Ich gehe schlafen, denn ich bin müde.

Mit „deshalb“ wird ebenfalls einen Hauptsatz eingeleitet. Jedoch folgt nach der Konjunktion das Verb und nicht das Personalpronomen:

Ich bin müde, deshalb gehe ich zu Bett.

Gibt es eine Erklärung, weshalb bei den genannten Konjunktionen die Syntax anders ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die beiden Wörter haben die gleiche oder eine ähnliche Funktion. Sie verbinden Sätze miteinander. Sie gehören aber nicht der gleichen Wortklasse an: denn ist eine Konjunktion, deshalb ist ein Konjunktionaladverb.

Nebenordnende Konjunktionen stehen zwischen den Teilsätzen die sie verbinden und gehören zu keinem von ihnen. Sie haben keinen Einfluss auf die Wortstellung des ihnen folgenden Hauptsatzes:

Ich gehe zu Bett.
Ich bin müde
→ Ich gehe zu Bett, denn ich bin müde.

Konjunktionaladverbien verbinden ebenfalls Sätze miteinander. Im Gegensatz zu den Konjunktionen gehören sie aber zu einem der beiden verbundenen Sätze. Wenn sie am Anfang des Satzes stehen, besetzen sie die erste Position im Satz. Unmittelbar darauf folgt dann also das Verb:

Ich bin müde.
Ich gehe zu Bett.
→ Ich bin müde, deshalb gehe ich zu Bett.

Wie andere Adverbien bzw. Adverbialbestimmungen können Konjunktionaladverbien auch im Innern des Teilsatzes stehen:

Ich bin müde.
Ich gehe zu Bett.
→ Ich bin müde; ich gehe deshalb zu Bett.

Sie können „sogar“ zusammen mit einer Konjunktion stehen:

→ Ich bin müde und deshalb gehe ich zu Bett.

Hier noch ein paar Beispiele:

Konjunktion damit:
Hilf mir bitte, damit ich mit der Arbeit fertig werde.

Konjunktionaladverb sonst:
Hilf mir bitte, sonst werde ich nicht mit der Arbeit fertig.
Hilf mir bitte, ich werde sonst nicht mit der Arbeit fertig.
Hilf mir bitte, denn sonst werde ich nicht mit der Arbeit fertig.

Konjunktion jedoch:
Es gibt also einen Unterschied, jedoch man muss ihn kennen.

Konjunktionaladverb jedoch:
Es gibt also einen Unterschied, jedoch muss man ihn kennen.
Es gibt also einen Unterschied, man muss ihn jedoch kennen.

Das letzte Beispiel zeigt, dass es auch Wörter gibt, die beide Rollen erfüllen können. Mehr zu dieser Frage finden Sie auf dieser Seite der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Keine zehn gebrauchte/gebrauchten(?) Apparate

Frage

Wie dekliniere ich hier richtig:

Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich keine 200 000 neu geschaffene/geschaffenen Sozialwohnungen sein.
Aktuell werden keine 100 gebrauchte/gebrauchten Apparate im Netz angeboten.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

nach der gebeugten Form keine wird ein Adjektiv schwach gebeugt, das heißt, es hat dieselbe Endung wie nach z. B. dem bestimmten Artikel:

die neu geschaffenen Sozialwohnungen
keine neu geschaffenen Sozialwohnungen
die 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen
keine 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen

die gebrauchten Apparate
keine gebrauchten Apparate
die 100 gebrauchten Apparate
keine 100 gebrauchten Apparate

Das gilt auch, wenn keine umgangssprachlich nach einer Zahlenangabe die Bedeutung nicht, nicht einmal hat:

Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich keine 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen sein.
= Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich nicht 200 000 neu geschaffene Sozialwohnungen sein.

Aktuell werden keine 100 gebrauchten Apparate im Netz angeboten.
= Aktuell werden nicht einmal 100 gebrauchte Apparate im Netz angeboten.

Da keine wie nicht (einmal) verwendet wird, kommt manchmal auch wie nach nicht die starke Beugung vor, was ich aber nicht empfehlen würde:

Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich keine 200 000 neu geschaffene Sozialwohnungen sein [?]

Aktuell werden keine 100 gebrauchte Apparate im Netz angeboten [?]

Aber die Umgangssprache wäre nicht die Umgangssprache, wenn Sie sich daran hielte, was jemand wie Dr. Bopp empfiehlt. Standardsprachlich „unproblematisch“ formuliert man zum Beispiel so:

Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich nicht 200 000 neu geschaffene Sozialwohnungen sein.
Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich weniger als 200 000 neu geschaffene Sozialwohnungen sein.

Aktuell werden nicht einmal hundert gebrauchte Apparate im Netz angeboten.
Aktuell werden weniger als hundert gebrauchte Apparate im Netz angeboten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Von und bis bei Wochentag und Datum: von/vom – bis/bis zum

Dieser Beitrag ist wieder einmal der Beweis dafür, dass man vor lauter Möglichkeiten und Beispielen schnell den Überblick verliert.

Frage

Fragen zum Thema Datum/Zeitangaben haben Sie sicher schon viele erhalten, doch ich habe in Ihrem Blog-Archiv nichts zu diesem Fall gefunden […]:

Wann ist „von“ und wann „vom“ richtig? Und warum kann eigentlich (z. B. laut Duden) das „zum“ eingespart werden (es wird sogar empfohlen)?

vom Montag, 1. August, bis [zum] Donnerstag, 4. August

Auch nicht so klar: „von/vom September 1914 bis [zum] November 1915“ oder ist beides denkbar?

Antwort

Guten Tag Herr F.,

bei den Datumsangaben gibt es viele Möglichkeiten. Richtig ist, was üblich und akzeptiert ist, und das ist hier vieles. Ob mit oder ohne Artikel, ob mit oder ohne zum und ob Dativ oder Akkusativ – fast alles kommt vor.

Geschrieben wird häufig wie folgt:

von Montag, 1. August, bis Donnerstag, 4. August
vom Montag, 1. August, bis Donnerstag, 4. August
vom Montag, 1. August, bis zum Donnerstag, 4. August

Vor dem Datum kann auch der Artikel verwendet werden. Nach von, vom und zum steht häufig der Dativ dem:

von Montag, dem 1. August, bis zum Donnerstag, dem 4. August
vom Montag, dem 1. August, bis zum Donnerstag, dem 4. August

Nach bis steht der Akkusativ den:

von Montag, dem 1. August, bis Donnerstag, den 4. August
vom Montag, dem 1. August, bis Donnerstag, den 4. August

Der Akkusativ ist allerdings überall möglich, auch wenn er nicht von allen gleichermaßen akzeptiert wird*:

von Montag, den 1. August, bis zum Donnerstag, den 4. August
vom Montag, den 1. August, bis zum Donnerstag, den 4. August

In der gesprochenen Sprache sind vor allem die Formulierungen mit Artikel bei der Datumsangabe üblich. Die drei ersten Beispiele werden also häufig so gesprochen wie die Beispiele oben mit Artikel:

von Montag, 1. August, bis Donnerstag, 4. August
→ von Montag, dem/den ersten August, bis Donnerstag, den vierten August

vom Montag, 1. August, bis Donnerstag, 4. August
→ vom Montag, dem/den ersten August, bis Donnerstag, den vierten August

vom Montag, 1. August, bis zum Donnerstag, 4. August
→ von Montag, dem/den ersten August, bis zum Donnerstag, dem/den vierten August

Auch bei den Monatsangaben gibt es mehr als eine Möglichkeit, ihre Anzal bleibt aber verhältnismäßig beschränkt:

vom September 1914 bis zum November 1915
von September 1914 bis November 1915
vom September 1914 bis November 1915

Mit Logik und eindeutigen Regeln kommt man hier also nicht sehr weit.

Die Beispiele oben zeigen, was alles möglich ist. Es sind aber so viele, dass sie kaum mehr wirklich informativ sind. Deshalb hier zusammenfassend:

  • von [Wochentag, Datum,] – bis [Wochentag, Datum]
  • vom [Wochentag, Datum,] – bis [Wochentag, Datum]
  • vom [Wochentag, Datum,] – bis zum [Wochentag, Datum]
  • Nach von, vom und bis zum häufig dem, aber auch den*
  • Nach bis immer den

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Mit dem Akkusativ handelt es sich bei der Datumsangaben nicht um einen Apposition zum Wochentag, sondern um eine eigenständigere Zeitangabe.

Des Öfteren?

Frage

Bei dem Mehrwortausdruck „des Öfteren“ hat mein Analysierer Probleme mit dem Wort „Öfteren“. Mir persönlich kam es nicht unvertraut vor, ich konnte aber auf Anhieb keine Erklärung für diese Wortform finden. […] Bei „des Weiteren“ hat mein Tool kein Problem, „Weiteren“ als substantiviertes Adjektiv im Komparativ mit der Flexionsendung „-en“ zu erkennen. Aber „oft“ ist ein Adverb und Adverbien gelten doch als unflektierbar? […]

Antwort

Guten Tag Herr H.,

die Form öfteren in des Öfteren kann wie weiteren in des Weiteren als Genitivform analysiert werden (es sind Adverbialgenitive). Bei des Öfteren handelt es sich um eine feste Wendung, die auf die Verwendung des Komparativs öfter als Adjektiv zurückgeht. Standardsprachlich ist diese Verwendung nicht mehr gebräuchlich, in der Umgangssprache kommt sie aber noch vor:

ihre öfteren Besuche
nach öfterer Wiederholung

Auch die heute nur selten vorkommende Superlativform öftesten geht auf die adjektivische Verwendung von oft bzw. öfter zurück:

die am öftesten gehörte Antwort
So tituliert er sich am liebsten und am öftesten.

Im heutigen Standarddeutschen werden oft und öfter nur als Adverbien und entsprechend ungebeugt verwendet. Die Superlativform am öftesten kommt – wie gesagt – nur selten vor. Normalerweise wird hierfür am häufigsten verwendet.

Daneben kam und kommt manchmal noch die Form öfterer (statt öfter) vor. Dieser doppelte Komparativ lässt sich dadurch erklären, dass öfter häufig nicht vergleichend, sondern verstärkend verwendet wird und dann (fast) die gleiche Bedeutung hat wie einfaches oft:

Das haben wir schon oft / öfter gehört.
Sie war oft / öfter in Talkshows zu sehen.

Zu dem so als Positiv empfundenen öfter wurde eine Komparativform öfterer und eine Superlativform öfterst gebildet.

Die Männchen schreien stärker, volltönender und öfterer als die Weibchen
und dieses ist der öfterste Fall

Diese Formen gelten standardsprachlich als nicht korrekt.

Im heutigen Standarddeutschen gibt es also nur das Adverb oft mit seiner Komparativform öfter (und dem Superlativ am häufigsten). Adjektivisch gebeugte Formen trifft man auch an, aber sie sind veraltet oder gelten als umgangssprachlich. Ausnahme: des Öfteren.

Ihr Analysierer hat wahrscheinlich deshalb Mühe mit mit der Form Öfteren, weil sie nicht nach heute geltenden Regeln gebildet wurde. Sie setzt ein Adjektiv oft voraus, das es in der heutigen Standardsprache nicht gibt.

Viel mehr zur Geschichte von oft und seinen Steigerungsformen finden Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich an etwas erinnern, sich einer Sache erinnern, sich etwas erinnern oder sich auf etwas erinnern?

Frage

Heißt es „sich erinnern“ oder nur „erinnern“? Zum Beispiel: „Er erinnert den Sommer.“

Antwort

Guten Tag B.,

zuerst dachte ich, die Antwort sei kurz und einfach. Ich hatte aber nicht mit der regionalen Vielfalt der deutschen Sprache gerechnet.

Allgemein ist die folgende Wendung gebräuchlich:

sich an etwas/jemanden erinnern

Er erinnert sich an den Sommer.
Ich erinnere mich noch gut daran.
Erinnerst du dich noch an den Spielplatz im Wald?
Die Kinder erinnerten sich nicht mehr an die früheren Nachbarn.

Damit ist aber nicht alles gesagt. Einige in Norddeutschland oder in Österreich Ansässige haben sich hier vielleicht schon gewundert. Vor allem in Norddeutschland kommt regional auch vor:

etwas/jemanden erinnern

Er erinnert den Sommer.
Ich erinnere mich das noch gut.
Erinnerst du noch den Spielplatz im Wald?
Die Kinder erinnern die früheren Nachbarn nicht mehr.

Gemäß einigen Wörterbüchern kommt vor allem in Österreich auch diese Konstruktion vor:

sich auf etwas/jemanden erinnern

Dafür konnte ich allerdings so schnell keine „echten“ Beispiele finden. Aber wenn es im Wörterbuch steht, kommt es in der Sprachrealität bestimmt auch vor (vgl. hier).

Als korrekt, aber veraltet oder gehoben gilt die Verwendung von sich erinnern mit dem Genitiv:

sich einer Sache/jemandes erinnern

Er erinnert sich des Sommers.
Ich erinnere mich dessen noch gut.
Erinnerst du noch des Spielplatzes im Wald?
Die Kinder erinnerten sich nicht mehr der früheren Nachbarn.

Allgemein üblich und standardsprachlich einwandfrei erinnert man sich an den Sommer (sich an etwas erinnern). Wer es gern gehoben hat, darf sich des Sommers erinnern (geh./veraltend: sich einer Sache erinnern). In der norddeutschen Umgangssprache kann man sich regional auch den Sommer erinnern (ndt. Umgs.: etwas erinnern). Ob man sich in der österreichischen Umgangssprache wirklich auch auf den Sommer erinnert, kann ich leider nicht mit Sicherheit sagen  (öster. Umgs.: sich auf etwas erinnern). Eine erstaunliche Variantenvielfalt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Auch standardsprachlich passt oft ein »von« statt des Genitivs

Frage

Ich habe eine Frage zu folgendem Satz:

Er hatte einer Bemerkung von(?) Elisabeths Kollegen entnommen, dass seine Frau …

oder nur:

Er hatte einer Bemerkung Elisabeths Kollegen entnommen, dass seine Frau …

Letzteres klingt irgendwie falsch. Umgangssprachlich ist „von Elisabeths Kollegen“ heute sicher ok, aber in der Schriftsprache? Natürlich könnte ich auch „der Kollegen Elisabeths“ schreiben, aber vielleicht würden viele das heute als altmodisch und geschwollen ansehen.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

Sie können hier am besten Ihrem Sprachempfinden folgen. Formulierungen mit von anstelle des Genitivs sind nämlich lange nicht immer nur umgangssprachlich.

Nicht möglich ist diese Formulierung:

NICHT: eine Bemerkung Elisabeths Kollegen

Eine Substantivgruppe kann u. a. nur dann im Genitiv stehen, wenn sie mindestens ein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv enthält (Teil der Genitivregel).

die Reparatur der Fahrräder
NICHT:
die Reparatur Fahrräder

der Preis natürlichen Mineralwassers
NICHT: der Preis Mineralwassers

Auch die Substantivgruppe Elisabeths Kollegen enthält kein Artikelwort oder Adjektiv. Man weicht in solchen Fällen auch in der Standardsprache häufig auf eine Formulierung mit von aus:

die Reparatur von Fahrrädern
der Preis von Mineralwasser

Entsprechend auch:

eine Bemerkung von Elisabeths Kollegen

Bei dieser Formulierung ist allerdings nicht deutlich, ob es um eine Bemerkung eines Kollegen oder um eine Bemerkung mehrerer Kollegen geht.

Ihr weiterer Vorschlag ist möglich, weil die Substantivgruppe ein gebeugtes Artikelwort enthält:

eine Bemerkung der Kollegen Elisabeths

Es ist klar, dass es sich um mehrere Kollegen handelt. Es klingt aber tatsächlich ein bisschen gehoben.

Sie haben also vorerst zwei Möglichkeiten:

Er hatte einer Bemerkung von Elisabeths Kollegen entnommen … (nicht eindeutig)

Er hatte einer Bemerkung der Kollegen Elisabeths entnommen … (vielleicht ein bisschen gehoben/veraltend)

Damit sind wir aber noch nicht am Ende unserer Möglichkeiten. Es gibt noch weitere Formulierungen, die eindeutig und auch standardsprachlich vertretbar sind:

Er hatte einer Bemerkung der Kollegen von Elisabeth entnommen …

Er hatte einer Bemerkung von Elisabeths Mitarbeitern entnommen …

Nicht jede Wortgruppe mit von, die anstelle eines Genitivs steht, ist umgangssprachlich. Siehe auch hier.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ungebeugtes »ein«: ein und dieselbe Sache, in ein bis zwei Monaten, das ein oder andere Problem

Frage

Warum steht hier „ein“:

ein und dieselbe Sache
(https://www.duden.de/rechtschreibung/ein_Zahl)

Sollte es nicht „eine und dieselbe Sache“ heißen? Im Duden fehlt die Erklärung.

Antwort

Guten Tag Frau S.,

ein bleibt häufig ungebeugt, wenn es durch und, bis oder oder mit zwei oder einer anderen Kardinalzahl oder andere verbunden wird. Diese Angabe ist auf Anhieb kaum verständlich. Die folgenden Beispiele helfen hoffentlich dabei, die Sache zu verdeutlichen:

Wir warten noch ein bis zwei Tage.
eine Mietdauer von zwischen ein und drei Jahren
Wir hatten noch das ein oder andere Problem zu lösen.
in ein und einer halben Stunde

Das ist auch dann der Fall, wenn ein durch und mit derselbe/dieselbe/dasselbe verbunden wird:

Das ist ein und dieselbe Sache.
für ein und denselben Zweck
mit ein und demselben Auto

Meist ist es auch möglich, ein zu beugen (siehe auch hier):

Wir warten noch einen bis zwei Monate.
eine Mietdauer von zwischen einem und drei Jahren
Wir hatten noch das eine oder andere Problem zu lösen.
in einer und einer halben Stunde

Bei der Wendung ein und derselbe/dieselbe/dasselbe kommt gebeugtes ein aber selten vor:

Das ist eine und dieselbe Sache.
für einen und denselben Zweck
mit einem und demselben Auto

Ein und dieselbe Sache und eine und dieselbe Sache sind also fast ein und dieselbe Sache. Die Version mit eine kommt allerdings seltener vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Im Duden-Wörterbuch finden Sie keine Erklärung, aber in anderen Duden-Werken wird dieser Fall schon behandelt (z.B. in Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle und in der Duden-Grammatik).