Warum es zu unser aller Bestem und nicht zu unser aller Besten ist

Frage

Eine Freundin und ich sind uns unsicher, wie es richtig heißen muss: „Das ist zu unser aller Bestem“ oder „Das ist zu unser aller Besten“? Unser Tipp ist, dass „unser aller Bestem“ korrekt ist, da man hier ja […] den Dativ verwendet.

Antwort

Guten Tag Herr U.,

richtig ist hier tatsächlich:

zu unser aller Bestem

Ein (substantiviertes) Adjektiv wird schwach gebeugt, wenn ein Artikelwort vor ihm steht, dessen Endung den Fall schon angibt:

das Beste für uns alle
zum (= zu dem) Besten der Kinder
zu unserem Besten

Ein (substantiviertes) Adjektiv wird stark gebeugt, wenn kein Artikelwort vor ihm steht, dessen Endung den Fall schon angibt:

nichts Bestes
für dein Bestes
zu Susannes Bestem

Das bringt uns zum Unterschied zwischen zu unserem Besten und zu unser aller Bestem:

Im Gegensatz zu unserem ist die Wendung unser aller kein Possessivartikel. Es ist der Genitiv von wir alle:

Nom.: wir alle
Akk.: uns alle
Dat.: uns allen
Gen.: unser aller

Als solches ist es ein Genitivattribut zum substantivierten Adjektiv Bestes:

zu wessen Bestem?
zum Besten aller
zum Besten unser aller

Wenn ein Genitivattribut vorangestellt wird, fällt der Artikel weg (hier: zum → zu). Es steht dann kein gebeugtes Artikelwort mehr vor dem substantivierten Adjektiv, so dass die starken Endungen zum Zug kommen:

unser aller Bestes
für unser aller Bestes

Also auch im Dativ:

zu unser aller Bestem

wie zum Beispiel auch:

zu Susannes Bestem
zu Herrn U.s Bestem

Mehr zu unser aller und unser beider finden Sie in diesem (nicht mehr ganz taufrischen) Blogartikel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Café Huber im Genitiv und im Plural

Frage

Ich möchte „Café Huber“ deklinieren, und zwar Genitiv und Plural. Kann man beim Gesamtbegriff das -s weglassen?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

der Genitiv des Namens Café Huber kann mit und ohne Genitiv-s gebildet werden (vgl. hier und hier):

des Cafés Huber
des Café Huber

Ebenso zum Beispiel:

des Hotels Central
des Hotel Central

des Bahnhofs Altona
des Bahnhof Altona

des Theaters an der Wien
des Theater an der Wien

Ich halte allgemein die Varianten mit Genitiv-s für besser und entsprechend für empfehlenswert. Da aber die Tendenz, bei Eigennamen mit Artikel die Genitivendung wegzulassen, sehr stark ist, kann man die endungslose Variante nicht mehr als falsch bezeichnen.

Nicht richtig ist es, bei Namen dieser Art das Genitiv-s ganz am Ende anzuhängen:

nicht: *des Café Hubers
nicht: *des Hotel Centrals
nicht: *des Bahnhof Altonas

So viel zum Genitiv. Bei der Pluralbildung bin ich eigentlich überfragt, denn ohne Kontext ist es nur schwer vorstellbar, was gemeint ist. Ein Beispiel könnte sein, dass es irgendwo zwei Cafés mit demselben Namen gibt. Dann könnte man wie folgt formulieren (auch hier mit und ohne Endung, aber der Fall ist so selten, dass es weder Regeln noch allgemeine Tendenzen gibt):

die beiden Cafés Huber
die beiden Café Huber

Meist ist es wahrscheinlich besser, je nach Kontext anders zu formulieren. Zum Beispiel:

die Lokale/Cafés mit dem Namen »Café Huber«
die Cafés der Huber-Kette

Man kann also jemanden zu einem Besuch des Cafés Huber oder des Café Huber einladen. Und wenn es deren zwei gibt, sollte man angeben, in welches der beiden Cafés Huber, der beiden Café Huber oder der beiden Cafés mit dem Namen Huber man einlädt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Es ist nicht so, dass hier der Konjunktiv stehen müsste oder muss

Frage

Welche der beiden Varianten ist die richtige bzw. die bessere?

Es ist nicht so, dass Pascal keine Lust hätte zu helfen – er weiß einfach nur nicht, wie.

Es ist nicht so, dass Pascal keine Lust hat zu helfen – er weiß einfach nur nicht, wie.

Danke für Ihre Hilfe.

Antwort

Guten Tag Herr N.,

beide Varianten sind hier möglich, richtig und auch üblich. Der Konjunktiv II dient, grob gesagt, dazu, „Irrealität“ auszudrücken:

Es ist nicht so, dass Pascal keine Lust hätte zu helfen.

Die Irrealität des Gesagten wird hier aber auch ohne den Konjunktiv bereits explizit durch die einleitenden Aussage, dass es nicht so ist, angegeben:

Es ist nicht so, dass Pascal keine Lust hat zu helfen.

Ebenso zum Beispiel:

Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, wer dafür verantwortlich ist. Ich will es nur nicht sagen.
Es ist nicht so, dass ich nicht weiß, wer dafür verantwortlich ist. Ich will es nur nicht sagen.

Es ist nicht so, dass sie Bedenken hätten, aber …
Es ist nicht so, dass sie Bedenken haben, aber …

Es ist nicht so, dass wir uns davor fürchteten / fürchten würden.
Es ist nicht so, dass wir uns davor fürchten.

Es ist nicht so, dass die Regierung nicht gewarnt worden wäre.
Es ist nicht so, dass die Regierung nicht gewarnt worden ist.

Für „Feinschmecker“ gibt es Bedeutungsnuancen, die sich nur schwierig in Worte fassen lassen. So wird als Entgegnung auf eine Aussage (es ist nicht so ≈ es stimmt nicht) der Indikativ bevorzugt:

– Man kann nicht einmal das Fahrrad mitnehmen.
– Es ist nicht so, dass man das Fahrrad nicht mitnehmen kann.

Im Allgemeinen können aber beide Varianten gegeneinander ausgetauscht werden, auch wenn der Indikativ häufiger vorkommt. Der Konjunktiv klingt vielleicht etwas gehobener oder sprachgewandter als der alltäglichere Indikativ – aber es ist nicht so, dass man ihn nach es ist nicht so unbedingt wählen müsste oder wählen muss.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Human Resources, HR, das Verb und der Artikel

Frage

Zu meiner Frage konnte ich bisher keine Antwort finden, vielleicht können Sie mir helfen. Der Ausdruck „Human Resources“ wird im Englischen im Plural verwendet, die Abkürzung HR wohl in der Einzahl. Wie ist es aber, wenn ich die Abkürzung HR im Deutschen verwenden will? Heißt es dann: „HR ist zuständig“ oder „HR sind zuständig“?

Antwort

Guten Tag Frau L.,

wenn Human Resources für die Gesamtheit des menschlichen Leistungspotenzials oder alle Mitarbeitenden eines Unternehmens steht, sollte der Ausdruck im Plural verwendet werden:

Unsere Human Resources sind ein wichtiges Fundament zur Erreichung unserer Ziele.

Mit der Bezeichnung Human Resources ist im Deutschen aber sehr häufig die Personalabteilung, der Personalbereich, das Personalmanagement und/oder die Personalbetreuung gemeint (HR-Verantwortliche mögen mir diese vielleicht etwas zu ungenaue Darstellung verzeihen). Das gilt in noch stärkerem Maße für die Abkürzung HR.

Bei der Verwendung von Abkürzungen gibt es keine allgemeingültigen Regeln. Richtig ist, was üblich ist. Im Deutschen wird HR meistens mit dem Singular verwendet. Gemeint ist damit [die Abteilung/das Team/der Bereich] HR.

Undeutlicher wird die Lage, wenn man den Artikelgebrauch bei HR anschaut. Diese Varianten kommen häufiger vor:

HR ist zuständig / in HR arbeiten
das HR ist zuständig / im HR arbeiten
die HR ist zuständig / in der HR arbeiten

Ob mit dem sächlichen, mit dem weiblichen oder ganz ohne Artikel, alle Varianten werden verwendet und alle können als korrekt gelten. Es hat sich (noch?) kein Standard herausgebildet. Es ist nur zu empfehlen, sich für eine der Varianten zu entscheiden und dann in einem Text, auf einer Website usw. überall die gewählte Variante zu verwenden.

Sicher richtig und stilistisch meist etwas besser sind Formulierungen dieser Art:

Der Bereich HR ist zuständig
Die HR-Abteilung ist zuständig
Das HR-Team ist zuständig
Die HR-Verantwortlichen sind zuständig

im Bereich HR arbeiten / im HR-Bereich arbeiten
in der Abteilung HR arbeiten / in der HR-Abteilung arbeiten

Den Vorschlag, HR durch einen Begriff mit Personal zu ersetzen, mache ich hier nicht mehr. In vielen Unternehmen ist dieser Zug schon lange abgefahren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wortstellung: von Hass Betroffene und Betroffene von Hass

Frage

Ich stolpere immer wieder über „Betroffene von Hass“ oder Betroffene von allen möglichen anderen Übeln dieser Welt. Meinem Sprachgefühl nach muss es „von Hass Betroffene“ heißen. Offenbar ändert sich das. Wie weit ist hier der Sprachwandel? Ist „Betroffene von …“ schon auf dem Weg zur Korrektheit?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

Sie stolpern nicht zu Unrecht. Die Wortstellung in einer (substantivierten) Partizipgruppe sollte gleich sein wie in einem entsprechenden Relativsatz. Das Verb bzw. das Partizip steht am Schluss hinter den Erweiterungen:

das Dossier, das aus der Schublade verschwunden ist
→ das aus der Schublade verschwundene Dossier

die Leute, die auf den Bus warten
→ die auf den Bus Wartenden

das, was von dir behauptet wird
→  das von dir Behauptete

diejenigen, die in der Stadt wohnen
→ die in der Stadt Wohnenden

Das gilt auch für betroffen mit der Bedeutung heimgesucht:

die Gegend, die von Überschwemmungen betroffen ist
→ die von Überschwemmungen betroffene Gegend

diejenigen, die von Hass betroffen sind
→ die von Hass Betroffenen

Warum man häufiger der Wortstellung die Betroffenen von Hass begegnet, weiß ich leider nicht. Es könnte an einem Einfluss aus dem Englischen liegen (affected by hate), aber dafür liegen mir keine weiteren Informationen oder „Beweise“ vor. Ich halte diese Wortstellung für nicht korrekt, aber ich kann natürlich nicht ausschließen, dass es etwas von Sprachwandel Betroffenes ist, das vielleicht einmal allgemein als korrekt gelten wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ganz ohne Ausnahmen geht es auch hier nicht: Wenn die Erweiterung durch eine Präposition eingeleitet wird und sehr lang oder komplex ist, kann sie auch nachgestellt sein:

Nebensatz:

diejenigen, die betroffen sind von in den sozialen Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben

Partizipgruppe:

die Betroffenen von in den sozialem Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben

(statt: die von in den sozialen Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben, Betroffenen)

Wirklich elegant klingen solche Formulierungen für mich allerdings nicht. Oft ist es einfach besser, nicht alles in eine Wortgruppe zu pressen.

Direktor des Amsterdamer Rijksmuseum(s): (fremdsprachige) Eigennamen mit Artikel im Genitiv

Frage

Es geht um die Beugung von Eigennamen, und zwar im Speziellen solchen, die aus anderen Sprachen stammen wie dem Englischen etwa oder dem Niederländischen. Würden Sie bei „Direktor des Amsterdamer Rijksmuseum(s)“ ein Genitiv-s verwenden oder nicht? Oder bei „Musik des (fiktiven) Westminster Trio(s)“? […] „Museum“ und „Trio“ sind auch deutsche Wörter, weswegen es mir wehtut, diese nicht zu beugen, nur weil sie zu einem nichtdeutschen Eigennamen gehören. Wie sehen Sie das? Oder gibt es gar eine Duden-Regel, die mir entgangen ist?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es gibt im Deutschen eine Tendenz, Eigennamen im Genitiv ungebeugt zu lassen, wenn sie mit einem Artikel o. Ä. stehen. Das gilt für alle Namen, nicht nur für solche, die aus einer anderen Sprache kommen.

Im heutigen Deutschen gilt dies praktisch immer für Personennamen:

die Werke des jungen Goethe
das Spielzeug des kleinen Mark
die Liebe des Otto Weidt

Bei geografischen Namen kommen häufig sowohl die gebeugte als auch die ungebeugte Form vor:

die Hauptstadt des Irans / des Iran
die Berge des Engadins / des Engadin
die Geschichte des modernen Europas / des modernen Europa
die Sehenswürdigkeiten des kaiserlichen Wiens / des kaiserlichen Wien

Dies gilt allerdings nicht für alle geografischen Namen. Nach der Art eines kleinen gallischen Dorfes widerstehen einige männliche und sächliche Namen noch tapfer der Endungslosigkeit. Praktisch immer mit einer Genitivendung stehen zum Beispiel:

die Mündung des Rheins
die Hauptstadt des Baskenlandes
die größte Insel des Mittelmeers

Auch für viele Namen anderer Art gilt, dass sie im Genitiv mit oder ohne Endung verwendet werden:

Besuch des Praters / des Prater in Wien
der Eingang des Kopenhagener Tivolis / des Kopenhagener Tivoli
die Gäste des Hiltons / des Hilton in Malta
die Filialleiterein des Aldis / des Aldi in unserer Stadt

Das erstreckt sich auch auf Namen mit „gewöhnlichen“ Wörtern:

die Direktorin des Frankfurter Zoos / des Frankfurter Zoo
die Besucher des Nationalparks Hohe Tauern / des Nationalpark Hohe Tauern
der Neubau des Kunsthauses Zürich / des Kunsthaus Zürich

Bei der letzten Gruppe halte ich die gebeugte Version für besser. Ich kann aber die ungebeugte Version nicht (mehr) als grundsätzlich falsch bezeichnen (siehe auch hier).

Das gilt ähnlich auch für anderssprachige Namen, die deutschen Namen gleichen und (fast) wie deutsche Namen ausgesprochen werden:

der Direktor des Amsterdamer Rijksmuseums / des Amsterdamer Rijksmuseum
die Musik des Westminster Trios / des Westminster Trio

Namen, die eindeutig nur fremdsprachig sind, werden häufig nicht gebeugt, sie können aber auch mit Genitiv-s stehen:

die Direktion des Louvre / des Louvres
die Gemäldesammlung des Prado / des Prados
das Atrium des New Yorker MoMA / des New Yorker MoMAs

Wie Sie sehen, geht es hier mehr um Tendenzen als um Regeln. Daran kann oder könnte auch der Duden nichts ändern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schwach oder stark: keine 100 gebrauchte/gebrauchten Fahrzeuge?

Frage

Wie dekliniere ich hier richtig:

In fünf Jahren wird es keine 200 000 neu geschaffene / geschaffenen Sozialwohnungen geben.

Aktuell werden keine 100 gebrauchte / gebrauchten Fahrzeuge dieses Typs im Netz angeboten.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

nach der gebeugten Form keine wird ein Adjektiv schwach gebeugt, das heißt, es hat die Endung en:

keine neuen Sozialwohnungen
keine neu geschaffenen Sozialwohnungen
keine 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen
In fünf Jahren wird es keine 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen geben.

keine gebrauchten Fahrzeuge
keine 100 gebrauchten Fahrzeuge
Aktuell werden keine 100 gebrauchten Fahrzeuge dieses Typs im Netz angeboten.

Das gilt auch, wenn keine umgangssprachlich vor einer Zahlenangabe die Bedeutung nicht oder nicht einmal hat. Vor allem wenn keine für (noch) nicht einmal steht, kommt manchmal allerdings auch die starke Endung e vor wie nach nicht oder einer unverneinten Zahlenangabe:

Aktuell werden keine 100 gebrauchte Fahrzeuge diese Typs im Netz angeboten. [??]
Vgl. : Aktuell werden nicht einmal 100 gebrauchte Fahrzeuge diese Typs im Netz angeboten.
Vgl. : Aktuell werden 100 gebrauchte Fahrzeuge diese Typs im Netz angeboten.

Die Fragezeichen in eckigen Klammern sollen angeben, dass ich Formulierungen wie keine 100 gebrauchte nicht empfehlen würde, auch wenn sie vielleicht manchen gar nicht so falsch in den Ohren klingen. Und wenn es unbedingt richtig sein soll, ist nicht einmal hundert ohnehin besser als keine 100.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist der doppelte Genitiv hier wirklich falsch: nach dem Tod dessen Bruders?

Frage

Leider habe ich wieder einmal ein Problem. Es geht um den Genitiv im Zusammenhang mit „dessen“. Zum Beispiel:

Leider muss ich Dir mitteilen, dass Hanna drei Wochen nach dem Tod ihres Mannes und zwei Monate nach dem Tod dessen Bruders Johann gestorben ist.

Irgendwo im Netz stieß ich auf diesen Satz: „Der Vorsitzende D. Theato dankte A. Nennstil im Beisein dessen Nachfolgers T. Lochner.“ In der Erklärung hieß es, dass der doppelte Genitiv falsch sei. Stimmt das? Ich frage lieber Sie.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

diese Formulierungen klingen für mich nicht wirklich falsch. Es gibt zwei Gründe, dennoch skeptisch zu sein:

(1) Ein nachgestelltes Genitivattribut, das selbst ein vorangestelltes Genitivattribut enthält, sollte vermieden werden:

besser nicht: im Haus Sandras Großvaters
sondern: im Haus des Großvaters von Sandra, im Haus von Sandras Großvater

besser nicht: im Beisein A. Nennstils Nachfolgers
sondern: im Beisein des Nachfolgers von A. Nennstil, im Beisein von A. Nennstils Nachfolger

Die Frage ist nun, ob dies auch für dessen gilt. Wenn man dessen als normales Genitivattribut sieht, sollten diese Formulierungen vermieden werden:

besser nicht: im Beisein dessen Nachfolgers
sondern: im Beisein von dessen Nachfolger, in dessen Nachfolgers Beisein

besser nicht: nach dem Tod dessen Bruders
sondern: nach dem Tod von dessen Bruder, nach dessen Bruders Tod

Wenn man aber dessen als Artikelwort (ähnlich wie „seines“) interpretiert, könnten Formulierungen dieser Art möglich sein. Es gibt aber noch einen zweiten Stolperstein:

(2) Eine Wortgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn sie von einem gebeugten Artikelwort oder Adjektiv begleitet wird und mindestens ein Wort mit der Genitivendung er oder (e)s enthält (Genitivregel; Ausnahmen: u. A. Eigennamen).

der Einbaus moderner Wärmepumpen
aber nicht: der Einbau Wärmepumpen
sondern: der Einbau von Wärmepumpen

im Leben jeden Kindes / jedes Kindes
aber nicht: im Leben jeden Menschen
sondern nur: im Leben jedes Menschen

Das Wort dessen kann als Artikelwort interpretiert werden, aber es ist unveränderlich. Die Wortgruppen dessen Nachfolgers und dessen Bruders verstoßen also gegen den ersten Teil der Genitivregel: Sie enthalten kein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv. Auch das spricht somit gegen Formulierungen dieser Art.

ABER: Wie einige Beispiele unter  (1) oben zeigen, verstoßen diese Wortgruppen offenbar nicht stark genug gegen die Genitivregel. Vorangestellt ist ihre Verwendung zwar eher gehoben/veraltend, aber viel weniger umstritten, obwohl sie kein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv enthalten:

in dessen Nachfolgers Beisein
nach dessen Bruders Tod

Zusammenfassend: Formulierungen dieser Art sind umstritten. Ich bezweifle aber, ob man sie wirklich als falsch bezeichnen kann. Die Schwierigkeit oder Unsicherheit entsteht dadurch, dass vorangestelltes dessen irgendwo zwischen einem Genitivattribut und einem Artikelwort angesiedelt werden kann.

So genau wollten Sie es wahrscheinlich gar nicht wissen. Deshalb hier noch der langen Rede kurzer Sinn: Formulierungen wie nach dem Tod dessen Bruders und im Beisein dessen Nachfolgers sind – auch wenn sie regelmäßig vorkommen – zumindest umstritten. Ich würde deshalb empfehlen, sie zu vermeiden und auf zum Beispiel nach dem Tod von dessen Bruder und im Beisein von dessen Nachfolger auszuweichen. Hier ist die Formulierung mit von anstelle des (umstrittenen) Genitivs auch standardsprachlich gut vertretbar.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Mit oder ohne „bei“: Der Wert liegt bei[?] unter 10 Prozent?

Frage

Könnten Sie mir bitte sagen, welcher der beiden folgenden Sätze korrekt ist?

Der Wert liegt bei unter 10 Prozent.
Der Wert liegt unter 10 Prozent.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

im Prinzip reicht in den folgenden Fällen eine Formulierung ohne bei:

Der Wert liegt unter 10 Prozent.
Der Wert liegt über 10 Prozent.
Der Wert liegt zwischen 10 und 15 Prozent.

Die Präposition bei kommt dann zum Zug, wenn unmittelbar ein Zahlenwert folgt:

Der Wert liegt bei 10 Prozent.

Ebenso zum Beispiel:

Die Temperatur liegt unter 20 Grad.
Die Temperatur liegt über 20 Grad.
Die Temperaturen liegen zwischen 18 und 25 Grad.

Die Temperatur liegt bei 20 Grad.

Man kommt also bei Formulierungen dieser Art immer mit nur einer Präposition aus.

Soweit die „Logik“ und die Deutlichkeit eines einfachen Systems. Wie so oft hält sich aber die Sprache hier weder an die Logik noch an ein genau abgegrenztes System. In der Sprachrealität werden unter und über in solchen Angaben häufig  mit bei kombiniert (was, ehrlich gesagt, auf Anhieb auch in meinen Ohren ganz akzeptabel klingt):

Der Wert liegt bei über 10 Prozent.
Die Temperatur liegt bei unter 20 Grad.

Das kommt so oft vor, dass ich es zwar als zu wortreich, stilistisch weniger gelungen und nicht empfehlenswert bezeichnen würde, aber nicht als grundsätzlich falsch. Und wer zweifelt, weicht einfach auf zum Beispiel übersteigen oder höher/tiefer sein als aus.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Und auch schreibt man am Satzanfang besser nicht „und auch“

Frage

Irgendwie kommt mir folgender Satz komisch vor:

Und auch brauche ich Informationen …

Dabei ist „und“ Position 0, „auch“ Position 1 und das Verb steht auf Position 2 – alles in Ordnung – oder? Der Satz „Auch brauche ich mehr Geduld und Toleranz“ scheint mir richtig zu sein. Mit einem „Und“ davor hört es sich falsch an. Warum?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

Ihre Beispielsätze klingen mit und am Anfang tatsächlich seltsam. Richtig ist, dass sie ohne und so lauten:

Auch brauche ich Informationen …
Auch brauche ich mehr Geduld und Toleranz.

Weiter gilt, dass mit und selbstständige Sätze miteinander kombiniert werden können. Dabei kann man und nach einem Punkt an den Anfang des zweiten Satzes stellen. Da es eine Konjunktion ist, gehört es nicht zum Satz und nimmt die Position 0 ein:

Und auch brauche ich Informationen …
Und auch brauche ich mehr Geduld und Toleranz.

Das müsste theoretisch richtig sein, so klingt es aber nicht. Warum? Es ist unnötig doppelt ausgedrückt. Und und auch haben hier am Satzanfang dieselbe Funktion und drücken ungefähr dasselbe aus. Am Satzanfang hat allein stehendes auch (fast) die gleiche Funktion wie und, nämlich Sätze miteinander zu verknüpfen. Wir haben es bei den beiden Sätzen oben also mit einer doppelten Verknüpfung zu tun.

Wenn man auch ins Satzinnere verschiebt, hat es offenbar eine weniger starke verbindende Funktion, denn dann ist die Kombination mit und möglich:

Und ich brauche auch Informationen …
Und ich brauche auch mehr Geduld und Toleranz.

Und wenn man auch am Satzanfang durch ein anderes Wort ersetzt, wird es noch besser:

Und weiter/zusätzlich brauche ich Informationen …
Und außerdem brauche ich mehr Geduld und Toleranz.

Man sollte also Und auch am Satzfang vermeiden, da und und auch dort ungefähr die gleiche Funktion haben. Es reicht, eines von beiden zu wählen. Häufig ist es sowieso besser, mit Wörtern wie außerdem, weiter oder zusätzlich anzuschließen.

Ist Und auch am Satzanfang immer zu vermeiden? Es wäre natürlich viel zu schön, wenn es so einfach wäre. Die Einschränkung gilt dann, wenn auch allein an erster Stelle steht, das heißt, wenn nach ihm gleich das Verb folgt. Wenn auch Teil des Satzgliedes ist, das an erster Stelle vor dem Verb steht, ist Und auch möglich:

Und auch ich finde, dass es so nicht weitergehen kann.
Und auch mit der Wahlbeteiligung war die Kommission zufrieden.

Ganz ohne weiteren Zusammenhang, sehen diese Sätze vielleicht nicht allzu schön aus, aber im richtigen Kontext können sie gut passen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp