Sind Riese und Risse ein Minimalpaar?

Frage

Als Erklärung für den Unterscheidung von i und ie wird oft das Minimalpaar „Riese“ und „Risse“ präsentiert und behauptet, die zweite Silbe sei gleich und die erste durch die Länge des i unterschiedlich. Aber sind beide Endsilben phonetisch wirklich gleich? […]

Antwort

Guten Tag V.,

Sie haben recht: Das Wortpaar Riese – Risse ist phonologisch kein Minimalpaar. Als Minimalpaar werden in der Sprachwissenschaft zwei sprachliche Einheiten bezeichnet, die sich nur durch ein einziges, den Bedeutungsunterschied bewirkendes Merkmal (Phomem oder Laut) voneinander unterscheiden. Das s in Riese ist stimmhaft, während ss in Risse stimmlos gesprochen wird. Die beiden Wörter unterscheiden sich also nicht nur durch das lange und das kurze i voneinander, sondern auch durch das stimmhafte und das stimmlose s.

Als „Minimalpaar“ wird Riese–Risse nicht in der Phonologie, sondern gelegentlich – nicht ganz korrekt –  bei der Rechtschreibung bezeichnet. Dort soll der Unterschied bei der Schreibung des langen und des kurzen i-Lautes aufgezeigt werden. Es wäre aber besser, entweder das Wort Minimalpaar in diesem Zusammenhang nicht zu verwenden oder ein anderes Beispiel zu suchen. Das gilt auch für andere „Minimalpaare“ wie Rose – Rosse und Nase – nasse, die in diesem Zusammenhang hin und wieder auftauchen.

Phonologisch gesehen sind zum Beispiel die folgenden Wortpaare Minimalpaare. Sie unterscheiden sich nur durch den unterschiedlichen i-Laut voneinander:

Miete – Mitte
bieten – bitten
Stiele – Stille*
schief – Schiff*

Keine phonologischen Minimalpaare sind übrigens  Fälle wie Lärche – Lerche, Stiel – Stil, Rad – Rat oder mahlen – malen. Die Einheiten dieser Wortpaare unterscheiden sich nur in der Schrift voneinander (und natürlich in ihrer Bedeutung), aber nicht in der Aussprache. Man könnte deshalb höchstens sagen, dass es sich um „orthografische Minimalpaare“ handelt.

Auch das ist aber bei Riese – Risse genau genommen nicht der Fall. Es ist deshalb wie gesagt besser, den Begriff Minimalpaar nicht für dieses Wortpaar zu verwenden oder auf zum Beispiel Miete – Mitte oder bieten – bitten auszuweichen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

* Nach der strengen Definition sind auch Stiele – Stille und schief – Schiff keine echten Minimalpaare, weil die Wortformen nicht den gleichen Numerus haben bzw. nicht der gleichen Wortklasse angehören.

Aus aktuellem Anlass: Wie Charles III. dekliniert wird

„Die Königin ist tot, lang lebe der König!“ Dieser Satz, der die unmittelbare Thronübernahme im Vereinigten Königreich symbolisiert, soll mir hier als Entschuldigung dafür dienen, dass der heutige Blogartikel – für britische Begriffe wahrscheinlich ziemlich respektlos – nicht das Staatsbegräbnis Elisabeths II. behandelt, sondern den Namen ihres Nachfolgers. Wie wird Charles III. dekliniert?

Im Prinzip ist es gar nicht so kompliziert, aber um es genauer zu erklären braucht man mehr Worte, als ich anfangs gedacht hatte. Das liegt unter anderem daran, dass der Name Charles auf ein s endet. Das wirft im Genitiv die Frage auf, ob ein Apostroph stehen muss oder nicht. Bei Zweifel ist es am einfachsten, im Genitiv für Charles die deutsche Entsprechung Karl einzusetzten (so wie das bei Herrschernamen allgemein üblich war): Wenn Karl ein s erhält, schreibt man Charles mit einem Apostroph.

Fangen wir mit dem Namen an, wenn er ohne Title verwendet wird (die mit III. geschriebene Variante wird jeweils gleich ausgesprochen):

Charles der Dritte / Charles III.
für Charles den Dritten / für Charles III.
mit Charles dem Dritten / mit Charles III.
die Mutter Charles’ des Dritten / die Mutter Charles’ III.
Charles’ des Dritten Mutter / Charles’ III. Mutter

vgl.
die Mutter Karls des Dritten / die Mutter Karls III.
Karls des Dritten Mutter / Karls III. Mutter

Kommt der Titel König hinzu, bleibt der Titel ungebeugt und wird der Rest des Namens gleich gebeugt wie ohne Titel:

König Charles der Dritte / König Charles III.
für König Charles den Dritten / für König Charles III.
mit König Charles dem Dritten / mit König Charles III.
die Mutter König Charles’ des Dritten / die Mutter König Charles’ III.
König Charles’ des Dritten Mutter / König Charles’ III. Mutter

vgl.
die Mutter König Karls des Dritten / die Mutter König Karls III.
König Karls des Dritten Mutter / König Karls III. Mutter

Das ist noch nicht ganz alles, denn man kann den Titel auch mit Artikel verwenden. Dann wechseln Titel und Name bei der Beugung die Plätze: Der Titel wird gebeugt und der Name bleibt unverändert:

der König Charles der Dritte / der König Charles III.
für den König Charles den Dritten / für den König Charles III.
mit dem König Charles dem Dritten / mit dem König Charles III.
die Mutter des Königs Charles des Dritten / die Mutter des Königs Charles III.

vgl.
die Mutter des Königs Karl des Dritten / die Mutter des Königs Karl III.

Der Vollständigkeit halber habe ich oben alle Fälle aufgeführt. Zu Unsicherheiten führt aber vor allem der Genitiv. Wenn man einmal weiß, wo Karl ein s erhält, weiß man auch, wann man Charles mit einem Apostroph schreibt:

die Mutter Karls/Charles’ des Dritten
Karls/Charles’ des Dritten Mutter
die Mutter König Karls/Charles’ des Dritten
König Karls/Charles’ des Dritten Mutter
die Mutter des Königs Karl/Charles des Dritten

Die Namen weiblicher Monarchen werden im Prinzip gleich gebeugt. Genaueres behandle ich besser ein anderes Mal. Der Artikel ist so schon viel zu umfangreich. Nur kurz das Wichtigste zum Genitiv:

der Sohn Elisabeths der Zweiten
Elisabeths der Zweiten Sohn
der Sohn Königin Elisabeths der Zweiten
Königin Elisabeths der Zweiten Sohn
der Sohn der Königin Elisabeth der Zweiten

Mehr zu diesem Thema finden Sie hier unter „Enge Apposition“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

O Gott und igitt

Frage

Ich möchte in einem humoristischen Text jemanden mehrfach „igitt“ und „oh, Gott“ sagen lassen, also zum Beispiel „igittigittigitt“. Wie müsste ich es bei wiederholtem „oh, Gott“ korrekt schreiben?

Antwort

Guten Tag M.,

bei igitt, igittigitt und igittigittigitt haben Sie bereits die richtige Lösung gefunden. Den zweiten Ausruf kann man in unterschiedlicher Weise schreiben. Wenn man sich an Gott wendet, schreibt man:

oh, Gott

Das ist auch die Schreibweise, wenn es sich weniger religiös um einen Ausruf des Erschreckens, des Erstaunens o. Ä. handelt, beide Teile betont werden und dazwischen eine Pause zu hören ist:

oh, Gott!

Üblicherweise wird dieser Ausruf aber ohne Pause und mit der Hauptbetonung auf dem zweiten Wort gesprochen. Dann kann ohne Komma und auch ohne h geschrieben werden. In Verbindung mit einem anderen Wort schreibt man die Interjektion o üblicherweise ohne h (o ja, o nein, o weh):

o Gott!

Wenn Sie nun o Gott! wiedergeben wollen, das in einem Atemzug wiederholt wird, können Sie dies am besten zusammenschreiben (siehe zum Beispiel hier):

ogottogott!
ogottogottogott!

Dieses ogottogott sieht sehr ähnlich aus wie igittigitt. Haben die beiden etwas miteinander zu tun? – Die einen (z. B. Duden) sagen, igitt und igittigitt sei wahrscheinlich eine verhüllende Abwandlung von o Gott und ogottogott (in Anlehnung an das 2. Gebot „Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen“). Andere (z. B. Pfeifer im DWDS) meinen, dies sei zu weit hergeholt. Das breite i in Verbindung mit dem scharfen tt stelle ein Symbol des Ekels dar.

Man sieht hier gut, dass bei Angaben zur Wortherkunft lange nicht immer alle derselben Meinung sind. Ich tendiere hier dazu, der zweiten Interpretation zu folgen, denn o Gott und igitt haben weder die gleiche Bedeutung noch werden sie in gleichen Situationen verwendet. Es ist nicht zu erwarten, dass man einen verhüllenden Ausdruck igitt verwendet, wo man gar nicht o Gott sagen würde. Vielleich hat es etwas von beidem.

Wie auch immer: Sie können die Person in Ihrem Text an den passenden Stellen igittigitt und ogottogott sagen lassen und es so schreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wie viele Kommas stehen in „als er(,) ohne anzuklopfen(,) eintrat“?

Frage

Ich habe eine Frage zu folgendem Satz:

Das war, als Thomas(,) ohne anzuklopfen(,) eintrat.

Hier gibt es möglicherweise eine eingeleitete Infinitivgruppe, der Infinitiv steht aber vor dem Verb am Satzende. Müssen hier Kommas gesetzt werden? […]

Antwort

Guten Tag Herr R.,

nach § 75(1) der Rechtschreibregelung müssen mit ohne (oder um, statt, anstatt, außer, als) eingeleitete Infinitivgruppen durch Kommas abgetrennt werden.

Das Kind rannte, ohne auf den Verkehr zu achten, über die Straße.
Sie öffnete das Fenster, um frische Luft hereinzulassen.
Statt am Bericht zu arbeiten, vergnügte sich Herbert mit Computerspielchen.

Für diese eingeleiteten Infinitivgruppen formuliert die Regelung keine Ausnahme. Das „Kommaobligatorium“ gilt deshalb auch dann, wenn der Infinitiv nur mit zu steht und wenn nach der Infinitivgruppe nur noch ein einzelnes Wort folgt. Sie müssen also in Ihrem Beispielsatz Kommas setzen:

Das war, als Thomas, ohne anzuklopfen, eintrat.

Dasselbe gilt für Sätze wie diese:

Dann gingen sie, ohne abzuschließen, weg.
Wie kannst du das, ohne zu lügen, behaupten?
Gehe, um mitzuspielen, online!
Im Urlaub bleiben wir, statt zu verreisen, zuhause.

Solche Sätze sehen oft etwas kommalastig aus. Man kann sie ebenfalls und häufig sogar besser so formulieren, dass nicht ein einzelnes Wort des übergeordneten Satzes einsam und allein ganz am Schluss steht:

Dann gingen sie weg, ohne abzuschließen.
Wie kannst du das behaupten, ohne zu lügen?
Gehe online, um mitzuspielen!
Im Urlaub bleiben wir zuhause, statt zu verreisen.
Das war, als Thomas eintrat, ohne anzuklopfen.

Es ist aber erlaubt, Infinitivgruppen einzuschieben, solange man den Satz, ohne sich abmühen zu müssen, versteht. Und die Kommas sollte man nicht vergessen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das ist ein Haus – Was ist „Das“?

Was ein Haus ist, dürfte bekannt sein. Es geht um die Frage nach der Funktion und Wortklasse von „Das“ in „Das ist ein Haus“.

Frage

In dem Satz „Das ist ein (Haus, Apfel, Tisch, etc.)“ übernimmt das Wort „Das“ vermutlich die Funktion des Subjekts. Um welche Wortart handelt es sich aber dabei? Die klassischen Definitionen im Internet schließen Nomen, (Demonstrativ-)Pronomen und Artikel aus. Handelt es sich um einen Sonderfall oder bin ich ganz auf dem Holzweg?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

Sie sind nicht auf dem Holzweg. Im Satz „Das ist ein Haus“ hat das tatsächlich die Funktion des Subjekts. Es ist das Subjekt in einem Gleichsetzungssatz:

  • Das = Subjekt
  • ist = Verb (Kopula)
  • ein Haus = Prädikativ (prädikativer Nominativ, Gleichsetzungsnominativ)

Dabei wird das gewöhnlich als Demonstrativpronomen bezeichnet. Es weist stellvertretend auf etwas hin (hier auf Haus). Wie die sächlichen Demonstrativpronomen dies und jenes oder das sächliche Fragepronomen welches kann es sich auch auf nicht Sächliches und nicht im Singular Stehendes beziehen:

Das ist ein Apfel.
Dies/Jenes ist ein Apfel.
Welches ist der leckerste Apfel?

Das ist meine Zahnbürste.
Dies/Jenes ist meine Zahnbürste.
Welches ist deine Zahnbürste?

Das sind meine Möbel.
Dies/Jenes sind meine Möbel.
Welches sind deine Möbel?

Eine weitere Besonderheit ist erwähnenswert: In den letzten Beispielen steht das Verb im Plural. In Gleichsetzungssätzen steht das Verb im Plural, wenn das Subjekt und der Gleichsetzungsnominativ nicht den gleichen Numerus haben:

Mein größter Besitz sind meine Kinder.
Eine gute Idee wären optische Warnsignale.
Wer sind diese Leute?
Das sind meine Möbel.

Siehe auch hier unter „Subjekt und Gleichsetzungsnominativ mit unterschiedlichem Numerus“.

Wir haben es bei diesem das also tatsächlich mit einer Art Sonderfall zu tun.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Obligatorische Verbergänzung: Kann man etwas aufzwingen, ohne anzugeben, wem man es aufzwingt?

Frage

Meistens wird das Verb „aufzwingen“ mit einem Dativobjekt verwendet. Ist es grammatisch korrekt, dieses auch ohne ein solches Dativobjekt zu verwenden? Ein entsprechender Beispielsatz wäre: „Das Gesetz ist aufgezwungen“, oder: „Ich zwinge das Gesetz auf.“

Können Sie mir noch sagen, wie oder wo ich das selbst herausfinden kann, ohne Sie zu fragen?

Antwort

Guten Tag Frau B.,

das auf in aufzwingen gibt an, dass auf jemanden eingewirkt wird, um etwas zu erreichen (wie zum Beispiel auch in auferlegen oder aufschwatzen). Die Person oder die Personen, auf die eingewirkt wird, setzt man in den Dativ. Es ist deshalb nicht gut möglich, aufzwingen ohne Dativobjekt zu verwenden. Das Verb aufzwingen zwingt uns sozusagen ein Dativobjekt auf:

Ich zwinge dem Volk / dem Parlament/ ihnen das Gesetz auf.

Wenn nicht genannt wird, wem etwas auferlegt wird, ist es besser zum Beispiel erzwingen, durchsetzen oder etwas Ähnliches zu verwenden:

Ich erzwinge das Gesetz.
Ich führe das Gesetz mit Zwang ein.

Nur beim Partizip II wird das Dativobjekt häufiger weggelassen, wenn es als Adjektiv verwendet wird. In der Regel geht dann aus dem Kontext hervor, wem etwas aufgezwungen wird:

In seinem aufgezwungenen Exil schreibt der Autor …
(= dem Autor aufgezwungen)
mit freiwilligen oder aufgezwungenen Veränderungen fertig werden
(= jemandem / einem aufgezwungen)
Die Bevölkerung wehrt sich gegen das von der Regierung aufgezwungene Gesetz
(= der Bevölkerung aufgezwungen)

Ausführliche Angaben dazu, mit welchen Objekten und anderen Ergänzungen ein Verb stehen muss oder kann, sind schwierig zu finden. Ich behelfe mich normalerweise mit Quellen wie um Beispiel DWDS, Pons, Duden, LEO und anderen. Keines der Wörterbücher listet alle Möglichkeiten auf, aber zusammen ergeben sie ein besseres Bild. Eine umfassende Darstellung aller Möglichkeiten erhält man aber auch so kaum.

Es gibt auch sogenannte Valenzwörterbücher. Sie beschreiben, grob gesagt, mit welchen Ergänzungen Verben im Satz stehen können bzw. müssen. So ist zum Beispiel online das E-Valbu (Elektronisches Valenzwörterbuch deutscher Verben1) des IDS Mannheim verfügbar. Es ist wissenschaftlich gut fundiert, hat aber für durchschnittliche Sprachinteressierte zwei Nachteile: Viele Verben wie zum Beispiel aufzwingen sind nicht darin zu finden. Bei den Verben, die beschrieben sind, ist es schwierig, sich in den umfangreichen Informationen und zahlreichen Abkürzungen zurechtzufinden (siehe zum Beispiel den Eintrag zwingen). Das kann man allerdings weniger den Wörterbuchmacherinnen und -machern ankreiden als vielmehr der Komplexität der deutschen Verbstrukturen: So vieles ist möglich, dass es äußerst schwierig ist, alles ausführlich und übersichtlich zu beschreiben. Für stark linguistisch Interessierte ist es aber ein gutes Nachschlagwerk.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 E-Valbu basiert auf: Helmut Schumacher, Jacqueline Kubczak, Renate Schmidt, Vera Ruiter: VALBU – Valenzwörterbuch deutscher Verben, Gunter Narr Verlag, Tübingen, 2004

Konjunktiv II: Bräuchte es auch „wöllte“ und „söllte“?

Frage

Ich höre immer mehr die Verbform „wöllte“ statt „wollte“ (als Konjunktiv). Dies scheint mir eine Analogie-Bildung zu „könnte“ zu sein, ist aber wohl (noch?) nicht korrekt. Wann kommt dann „söllte“? Was meinen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr D.,

es ist tatsächlich anzunehmen, dass die Form wöllte eine Analogiebildung zu könnte, dürfte, müsste und wüsste ist. Durch den Umlaut unterscheiden sich diese Konjunktivformen deutlich vom Indikativ konnte, durfte, musste und wusste. Bei wollen und sollen hingegen wird nicht umgelautet (die Antwort auf die Frage nach dem Warum muss ich Ihnen an dieser Stelle schuldig bleiben). Dadurch gibt es bei wollen und sollen wie bei den regelmäßig konjugierten Verben keinen Unterschied zwischen dem Indikativ Präteritum und dem Konjunktiv II (Konjunktiv Präteritum): Die Form lautet in beiden Fällen wollte bzw. sollte.

Indikativ Präteritum Konjunktiv II (Präteritum)
durfte dürfte
konnte könnte
musste müsste
wusste wüsste
sollte sollte
wollte wollte

Es ist deshalb gar nicht so erstaunlich, dass die Formen wöllte und seltener auch söllte gebildet werden. Sie sind nicht nur in Übereinstimmung mit den entsprechenden Formen der anderen Modalverben (sowie von wissen), sondern auch ganz praktisch, weil sie den Konjunktiv so schön deutlich angeben.

Üblich und akzeptiert sind wöllte und söllte aber dennoch nicht. Ob oder wann es ihnen einmal gelingen wird, in die Standardsprache einzudringen, ist schwierig zu sagen. Vorläufig kommen sie dafür noch nicht häufig genug vor.

Eine andere Form, die mit den Modalverben verwandt ist, hat dies schon geschaft: bräuchte. In vielen Wörterbüchern und Grammatiken gilt bräuchte neben der regelmäßigen Form brauchte als standardsprachlich akzeptierte Konjunktivform.

Indikativ Präteritum Konjunktiv II (Präteritum)
brauchte brauchte/bräuchte

Während also die Verwendung von bräuchte mittlerweile mehr oder weniger problemlos ist (es gibt immer noch strengere Sprachhüter und -hüterinnen, denen diese Form gar nicht zusagt), sollte man die Formen wöllte und söllte (noch?) vermeiden, so praktisch sie auch sein mögen.

Diese Formen zeigen sehr schön, dass vieles, was in der Sprache als richtig gilt, weniger mit Logik und Effizienz als vielmehr mit allgemeinem Gebrauch und Konsens zu tun hat: Wenn es konnte/könnte, durfte/dürfte und musste/müsste heißt (Indikativ/Konjunktiv), müsste es logischerweise und praktischerweise auch wollte/wöllte und sollte/söllte sein. Gebräuchlich und akzeptiert sind aber nur wollte/wollte und sollte/sollte. Bei brauchte/brauchte bzw. brauchte/bräuchte ist heute sogar beides (mehr oder weniger) akzeptiert.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Der Schlusspunkt eines zitierten Satzes

Frage

Ich habe eine Frage zur richtigen Verwendung von Satzschlusszeichen in Kombination mit Anführungszeichen. Wenn ich beispielsweise den Satz „Der Satz ‚Die Kinder sitzen auf den Fahrrad‘ ist ungrammatisch“ habe, stellt sich mir die Frage, ob nach „Fahrrad“ ein Punkt gesetzt werden darf. Mir ist klar, dass ein Ausrufezeichen gegebenenfalls korrekt wäre, doch wie steht es mit dem abschließenden Punkt?

Antwort

Guten Tag Herr C.,

der Schlusspunkt eines zitierten Satzes kann tatsächlich für Kopfzerbrechen sorgen. Häufig fällt er nämlich weg, aber nicht immer.

Wenn ein eingeleitetes Zitat am Anfang des Ganzsatzes steht oder in den Ganzsatz eingebettet ist, fällt der Schlusspunkt des Zitats gemäß § 92 der Rechtschreibregelung weg:

„Die Kinder sitzen auf den Fahrrad“, steht dort. Dieser Satz ist ungrammatisch.
Dort steht: „Die Kinder sitzen auf den Fahrrad“, aber dieser Satz ist ungrammatisch.

Der Schlusspunkt eines zitierten Satzes steht nur dann, wenn das eingeleitete Zitat den Gesamtsatz abschließt. Dafür fällt dann der Schlusspunkt des Gesamtsatzes weg:

Dort steht: „Die Kinder sitzen auf den Fahrrad.“ Dieser Satz ist ungrammatisch.

Wie sieht es nun aus, wenn das Zitat nicht wie oben eingeleitet  ist, sondern wie in Ihrem Beispiel in den Satz integriert wird? – Auch wenn ein zitierter Satz in den Ganzsatz integriert ist, fällt sein Schlusspunkt weg:

Der Satz „Die Kinder sitzen auf den Fahrrad“ ist ungrammatisch.
Wer „Die Kinder sitzen auf den Fahrrad“ schreibt, macht einen Kasusfehler.

Das gilt auch für den eher seltenen Fall, dass ein integriertes Zitat am Ende des Gesamtsatzes steht:

Der Text endet mit einem ungrammatischen „Die Kinder sitzen auf den Fahrrad“.

Der Punkt ist übrigens das einzige der Satzschlusszeichen, das sich so ziert. Das Fragezeichen und das Ausrufezeichen werden immer geschrieben, ganz gleich, ob das Zitat eingeleitet oder integriert ist, und ganz gleich, ob es am Anfang, in der Mitte oder am Schluss steht:

„Setzt euch auf den Fahrrad!“, steht dort. Dieser Satz ist ungrammatisch.
Dort steht: „Setzt euch auf den Fahrrad!“, aber dieser Satz ist ungrammatisch.
Dort steht: „Sitzen die Kinder auf den Fahrrad?“ Dieser Satz ist ungrammatisch.

Der Satz „Sitzen die Kinder auf den Fahrrad?“ ist ungrammatisch.
Wer „Setzt euch auf den Fahrrad!“ schreibt, macht einen Kasusfehler.
Der Text endet mit einem ungrammatischen „Sitzen die Kinder auf den Fahrrad?“.

Beim letzten Beispielsatz stolpere auch ich, aber nach § 94.2 der Rechtschreibregelung endet der Satz tatsächlich mit drei Satzzeichen (siehe auch hier für noch „haarsträubendere“ Anhäufungen von Satzzeichen).

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Sich kümmern ohne „um“?

Frage

Braucht „sich kümmern“ unbedingt ein Objekt? Ich höre immer öfter den Satz „Ich kümmere mich“ und vermisse danach ein „um die Kinder/diese Sache/Angelegenheit“ oder wenigstens ein „darum“. Was sagt die deutsche Grammatik dazu?

Antwort

Guten Tag Frau S.,

was sich kümmern genau braucht, hängt von der Sprachebene ab. In der Standardsprache gehört sich kümmern (sorgen für, sich befassen mit) zu den Verben, die obligatorisch mit einem Präpositionalobjekt stehen. Es verlangt ein Objekt mit um oder ein stellvertretendes darum:

sich um jemanden/etwas kümmern

Ich kümmere mich um die Kinder.
Wer kümmert sich um die Verpflegung?
Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!

Ich kümmere mich um sie.
Wer kümmert sich darum?
Kümmere dich darum!

In der Umgangssprache hingegen (und nicht nur dort) wird sich kümmern manchmal ohne um oder darum verwendet:

Ich kümmere mich.
Wer kümmert sich und an wen kann man sich wenden?

In der Standardsprache ist die Verwendung von sich kümmern ohne um/darum aber, wie gesagt, nicht üblich. Sie erwarten also zu Recht ein um, wenn Sie sich kümmern hören oder lesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ohne um kommt das nicht reflexive kümmern (angehen, betreffen) aus, das mit einem Akkusativobjekt steht:

etwas kümmert jemanden
Was kümmert mich ihre Meinung?
Wie wir es organisieren, braucht euch nicht zu kümmern.

Beim Lesen- und Schreibenlernen

Frage

„Viel Spaß und Geduld beim Rechnen, Lesen und Schreiben Lernen“

Je länger ich mir den Satz anschaue, desto verwirrter bin ich. Es geht um das „beim Rechnen, lesen, schreiben Lernen.“ Das „beim“ bezieht sich doch auf das Lernen, daher wird es in dem Fall doch großgeschrieben. Beim Rest bin ich mir nicht ganz sicher.

Antwort

Guten Tag Frau K.,

das „beim“ bezieht sich nicht nur auf Lesen, sondern auf alle folgenden Infinitive. Es wird nur nicht jedesmal wiederholt:

Viel Spaß und Geduld beim Rechnen, Lesen und Schreibenlernen
= Viel Spaß und Geduld beim Rechnen, beim Lesen und beim Schreibenlernen.

Gemeint ist wahrscheinlich aber das Folgende:

Viel Spaß und Geduld beim Rechnen-, Lesen- und Schreibenlernen
= Viel, Spaß und Geduld beim Rechnenlernen, beim Lesenlernen und beim Schreibenlernen.

Substantivierte erweiterte Infinitive werden zusammengeschrieben, wenn sie aus zwei Teilen bestehen (zum Beispiel: das Autoputzen, gemeinsames Kaffeetrinken, beim Zusammenwohnen). Das gilt auch dann, wenn eine Wortgruppe mit zwei Infinitiven substantiviert wird:

einkaufen gehen → das Einkaufengehen
arbeiten müssen → das traditionelle Arbeitenmüssen
schreiben lernen → beim Schreibenlernen

Das erklärt, warum in beiden Fällen oben Schreibenlernen zusammengeschrieben wird:

beim Schreibenlernen

Bei Zusammenziehungen der folgende Art muss für den wegfallenden Wortteil ein Ergänzungsstrich geschrieben werden:

das Zugfahren und das Busfahren → das Zug- und Busfahren
beim Lesenlernen und beim Schreibenlernen → beim Lesen- und Schreibenlernen

Das erklärt, warum bei der zweiten (und wahrscheinlicheren) Bedeutung Ergänzungsstriche verwendet werden müssen:

beim Rechnen-, Lesen- und Schreibenlernen

Hier müssen also gleichzeitig zwei Regeln beachtet werden, die im Zusammenhang mit Infinitiven zu (auf den ersten Blick) ungewöhnlichen Schreibungen führen. Kein Wunder, dass Sie unsicher geworden sind und dass solche Wendungen häufig nicht ganz korrekt geschrieben werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Die Schreibweise beim Schreiben lernen ist auch möglich, sie hat aber eine andere Bedeutung: während des Schreibens lernen.

beim Schreibenlernen = während man schreiben lernt
beim Schreiben lernen = lernen, während man schreibt