Heißt es „etwas, was“ oder „etwas, das“?

Frage

Ich beziehe mich auf die Diskussion über etwas das/was in diesem Blogartikel. Vor Jahrzehnten hatte ich fast schon Streit darüber mit einem meiner Übersetzer. — In meiner kleinen Welt (bin Autor) ist das eine Relativkonstruktion, daher nehme ich mir heraus, das Relativpronomen zu verwenden. Das kann doch so falsch nicht sein. Was sagen Sie?

Antwort

Guten Tag Herr L.,

Sie machen nichts falsch, ob Sie nun das Relativpronomen das oder das Relativpronomen was verwenden (hier ist beides ein Relativpronomen). Wie im zitierten Artikel steht, gilt sowohl etwas, was als auch etwas, das als korrekt – dies auch standardsprachlich.

Das ist etwas, was ich nicht verstehe.
Das ist etwas, das ich nicht verstehe.

Gemäß der „Grammatikregel“ steht das Relativpronomen was nach sächlichen Demonstrativ- und Indefinitpronomen wie zum Beispiel das, dasjenige, dasselbe; alles, einiges, nichts, vieles, manches, weniges, etwas u. a.

Das, was du hier siehst …
Ihr habt alles, was man sich nur wünschen kann.
Es gibt einiges, was ich nicht verstehe.
Du sagst dasselbe, was du gestern schon behauptet hast.

Das gilt im Prinzip auch für das Indefinitpronomen etwas. Hier wird dennoch häufig das verwendet. Dies geschieht unter anderem aus stilistischen Gründen, weil dadurch die Wiederholung von was verhindert wird:

Das ist etwas, was nicht alle akzeptieren.
Das ist etwas, das nicht alle akzeptieren.

Wer es strengen Grammatikerinnen recht machen will, nimmt etwas, was. Wer es strengen Stilisten recht machen will, wählt etwas, das. Alle anderen nehmen das, was ihnen besser gefällt. Es geht hier also nicht um etwas, was oder das zu Streit führen sollte.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gedankenstrich ist nicht gleich Gedankenstrich

Frage

Wie wird im folgenden Satz das finite Verb korrekt konjugiert (man beachte den Gedankenstrich)?

Umso wichtiger ist/sind eine gute Zusammenarbeit – und eine vertrauensvolle Basis.

In diesem Fall komme ich trotz Recherche in Fachliteratur nicht voran.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

die Verunsicherung entsteht tatsächlich durch den Gedankenstrich, der mehr als nur eine Funktion und Bedeutung haben kann. Ohne Gedankenstrich sollte das Verb im Plural stehen:

Umso wichtiger sind eine gute Zusammenarbeit und eine vertrauensvolle Basis.

Mit dem Gedankenstrich vor und kann das Verb in diesem Satz im Plural oder im Singular stehen, je nachdem welche Bedeutung und wie viel Gewicht man dem Gedankenstrich zumisst. Zum Beispiel:

Wenn der Gedankenstrich eine (einfache, effektvolle oder dramatische) Pause angibt, steht er sozusagen innerhalb der Satzstruktur, die danach weitergeführt wird. Das Verb steht entsprechend weiterhin im Plural:

Umso wichtiger sind eine gute Zusammenarbeit – und eine vertrauensvolle Basis.

Wenn der Gedankenstrich angibt, dass ein Nachtrag folgt (zum Beispiel so etwas wie ach ja, und …), kann das Verb auch im Singular stehen. Wählt man den Singular, wird die Satzstruktur nach Zusammenarbeit abgeschlossen. Danach folgt eine Ergänzung, die man, wenn man so will, als unvollständigen Satz interpretieren kann:

Umso wichtiger ist eine gute Zusammenarbeit – und eine vertrauensvolle Basis.

Mit dem Singular ist der Unterbruch, den der Gedankenstrich angibt, anders und stärker als mit dem Plural. An Ihnen die Wahl, was besser passt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schweizer, Norweger, Ägypter – Einwohnerbezeichnungen als Adjektiv

Frage

Im Zusammenhang mit Toponymen gibt es jeweils Suffixe zur Bildung der Einwohnerbezeichnung und Herkunftsbezeichnung. Für England zum Beispiel haben wir so den Engländer, die Engländerin und die englische Woche. Aber für die Schweiz unterscheide ich die schweizerischen Eisenbahnen, die Schweizerischen Bundesbahnen und den Schweizer (indeklinables Adjektiv) Käse.

Das Suffix -er gibt es anscheinend immer für Bundesländer und Städte, so wie in der Thüringer Rostbratwurst und dem Hamburger Rathaus, nicht aber für alle Länder und Staaten, denn z. B. das Adjektiv „Engländer“ kenne ich nicht. […]

Kennen Sie eine Regel, für welche Toponyme es die zugehörigen Adjektive mit der Endung -er gibt?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

viele Einwohnerbezeichnungen auf -er können tatsächlich auch als unveränderliche Adjektive verwendet werden. Bei Städten, Regionen, Bundesländern und Kantonen scheint dies fast überall der Fall zu sein. Wenn es eine Einwohnerbezeichnung auf -er gibt, kann dieselbe Form auch als ungebeugtes Adjektiv verwendet werden:

Berliner Pfannkuchen, Dresd[e]ner Tourismus, Frankfurter Banken, Grazer Bürgermeisterin, Salzburger Verkehrsbund, Thuner Altstadt, Zür[i]cher Bevölkerung; Florentiner Innenstadt, Osloer Verträge, New-Yorker Wolkenkratzer, Pariser Metro, Seouler Garten

Bayerische Weißwurst, Baden-Württemberger Wein, Thüringer Bratwurst, Mecklenburger Sauerfleisch, Tiroler Speck, Vorarlberger Bergkäse, Aargauer Karottenkuchen (Rüeblitorte), Tessiner Luganighe

Nicht alle Einwohnerbezeichnungen sind gleichermaßen auch als Adjektiv gebräuchlich und manche wie Pommer oder Sizilianer kommen nicht oder kaum adjektivisch vor. Im großen Ganzen handelt es sich aber beim oben Gesagten um eine sehr starke Tendenz.

Wie Sie richtig bemerken, sieht die Lage bei Ländern bzw. Staaten anders aus. Während

Schweizer, Liechtensteiner, Luxemburger, Moldauer, Hongkonger, Kameruner, Singapurer

als Adjektive sehr oder relativ gebräuchlich sind, kommen die folgenden Adjektive mehr oder weniger selten vor:

Litauer, Malteser, Norweger, Ukrainer

Nicht als Adjektiv verwendet werden üblicherweise:

Albaner, Andorraner, Belgier, Bosnier (aber: Herzegowiner Bevölkerung), Engländer, Isländer, Italiener, Montenegriner, Niederländer, Österreicher, Spanier;
Ägypter, Amerikaner, Argentinier, Äthiopier, Australier, Brasilianer, Equadorianer, Georgier, Indier, Iraker, Kanadier, Koreaner, Indonesier, Japaner, Mexikaner, Sudaner, Surinamer …

Die Einteilung in drei Gruppen ist mehr oder weniger willkürlich und die Grenzen dazwischen sind fließend.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich kann keine festen Regeln finden oder herleiten, die beschreiben, bei welchen Ländern die Einwohnerbezeichnung auf -er auch als nicht beugbares Adjektiv verwendet wird. Warum Formulierungen wie die Schweizer Berge üblich, die Norweger Fjorde selten und die Ägypter Pyramiden unüblich sind, vermag ich also leider nicht zu erklären.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Imperativ oder Konjunktiv in „Seien Sie ruhig!“?

Frage

Eine Frage beschäftigt mich schon seit längerem und ich würde mich freuen, wenn Sie sie mir beantworten würden.

Seien Sie versichert, dass ich alles Mögliche tun werde, damit Sie die Lieferung sobald wie möglich erhalten.
Seien Sie ruhig!

Stehen diese Sätze im Imperativ oder im Konjunktiv I? Und wie kann man jemandem erklären, dass diese Sätze entweder im Imperativ oder Konjunktiv I stehen. Wie erkennt man das?

Antwort

Guten Tag Frau F.,

die Befehlsform der Höflichkeitsform ist ein typischer Fall, in dem zwischen der Form und der Funktion unterschieden werden muss. Das kann auf den ersten Blick ein bisschen verwirrend sein, aber es lässt sich einfach erklären:

Den eigentlichen Imperativ als Verbform gibt es nur in der 2. Person Singular (sei!, nimm!, hilf!) und in der 2. Person Plural (seid!, nehmt!, helft!). Für die Höflichkeitsform verwenden wir eine Ersatzform: Man bildet die Befehlsform mit dem Konjunktiv I und nachgestelltem Sie (seien Sie!, nehmen Sie!, helfen Sie!).

In Seien Sie versichert und Seien Sie ruhig! steht ein Konjunktiv I, der die Funktion des Imperativs übernimmt:

Form: Konjunktiv I
Funktion: Befehlsform

Befehle und Aufforderungen in der Höflichkeitsform werden also mit dem Konjunktiv I gebildet. Das ist übrigens nur beim Verb sein sichtbar. Bei den anderen Verben sind der Konjunktiv I und der Indikativ identisch:

Haben Sie keine Angst!
Geben Sie mir bitte rechtzeitig Bescheid.
Fahren Sie vorsichtig und kommen Sie gut an!

Siehe auch diese Angaben in der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein verkürzter Satz und man setzt kein Komma vor „und“

Frage

Ich denke nicht, dass die folgenden Sätze standardsprachlich richtig sind. Deshalb lässt sich die Kommafrage möglicherweise nicht eindeutig beantworten, aber vielleicht wissen Sie Rat.

Noch ein Tor(,) und wir sind Meister.
Ein kurzes Nicken(,) und ich komme Dir zu Hilfe.
Ein kleiner Fehler(,) und ich wusste nicht mehr weiter.
Ein kleiner Fehler(,) und alles war umsonst.

Ich denke, dass das Komma vor „und“ nur zu rechtfertigen wäre, wenn der erste Satz ebenfalls ein eigenständiger Satz wäre (§ 73). Auch dann wäre der zweite Satz aber doch abhängig vom ersten, oder?

Antwort

Guten Tag Herr R.,

in Ihren Beispielen handelt es sich beim ersten Teilsatz jeweils um einen verkürzten, also keinen vollständigen oder selbständigen Satz. Verkürzte Sätze sind auch standardsprachlich möglich und akzeptiert.

Vor und sollte hier kein Komma stehen. Nach § 73 der Rechtschreibregelung und den dort angegebenen Beispielen ist ein Komma vor und bei der Reihung von selbständigen Sätzen möglich. Man schreibt deshalb am besten:

Noch ein Tor und wir sind Meister.
Ein kurzes Nicken und ich komme Dir zu Hilfe.
Ein kleiner Fehler und ich wusste nicht mehr weiter.
Ein kleiner Fehler und alles war umsonst.

Wenn eine Pause o. Ä. angegeben werden soll, kann dies zum Beispiel mit einem Gedankenstrich geschehen:

Nur noch ein Tor – und wir sind Meister.
Ein kleiner Fehler – und alles war umsonst!

Wenn die Sätze nicht verkürzt sind, handelt es sich um selbständige Sätze, auch wenn sie sinngemäß eng mit dem anderen Satz verknüpft sind:

Es fehlt nur noch ein Tor.
Ein kurzes Nicken genügt.
Es war nur ein kleiner Fehler.

Dann kann man nach § 73 ein Komma vor und setzen:

Es fehlt nur noch ein Tor(,) und wir sind Meister.
Ein kurzes Nicken genügt(,) und ich komme Dir zu Hilfe.
Es war nur ein kleiner Fehler(,) und ich wusste nicht mehr weiter.
Es war nur ein kleiner Fehler(,) und alles war umsonst.

Verkürzte Sätze sind auch standardsprachlich möglich(,) und die Kommafrage lässt sich diesmal sogar eindeutig beantworten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

NB: Das hier Gesagte gilt nur für das fakultative Komma (kann-Komma) bei der Reihung von Hauptsätzen mit und, oder usw. Dass die Sache ganz anders aussieht, wenn es um Satzgefüge mit (verkürzten) Nebensätzen geht, können Sie hier nachlesen.

Substantivierte Partizipien und ihre Ergänzungen: Warum das letztlich Kommende nicht das letztliche Kommende ist

Frage

Warum erhält im folgenden Fall das substantivierte Partizip kein Adjektiv, sondern ein Adverb als Bestimmungswort?

Das letztlich Kommende wird furchtbar sein.

Antwort

Guten Tag Herr M.,

wenn Partizipien adjektivisch oder substantivisch verwendet werden, haben sie die gleichen Erweiterungen wie das zugrundeliegende Verb. Sie haben also eine andere Erweiterungsstruktur als „gewöhnliche“ Adjektive und Substantive.

Hier ein paar Beispiele mit jeweils dem Verb, dem adjektivisch verwendeten Partizip und dem substantivierten Partizip:

den Verkehr hindern
den Verkehr hindernde Straßenarbeiten
etwas den Verkehr Hinderndes

dir etwas versprechen
die dir versprochenen Dinge
das dir Versprochene

auf den Bus warten
die auf den Bus wartenden Leute
die auf den Bus Wartenden

zu Hause arbeiten
die zu Hause arbeitenden Angestellten
die zu Hause Arbeitenden

neu gründen
der neu gegründete Verein
das neu Gegründete

zusammen aufwachsen
die zusammen aufwachsenden Kinder
die zusammen Aufwachsenden

Das gilt auch für das Beispiel in Ihrer Frage:

letztlich kommen
die letztlich kommenden Dinge
das letztlich Kommende

Vgl. hierzu die Angaben auf dieser Seite in der LEO-Grammatik.

Bei substantivierten Partizipien ist es häufig auch möglich, wie bei gewöhnlichen Substantiven ein attributives Adjektiv zu verwenden. Die Bedeutung ist dann aber leicht bis erheblich anders:

das neu Gegründetete = das, was neu gegründet wurde
das neue Gegründete = das Gegründete, das neu ist

das viel Gekaufte = das, was viel gekauft wird/wurde
das viele Gekaufte = die große Menge an Gekauftem

das endlich Kommende = das, was endlich kommt
das endliche Kommende = das Kommende, das endlich ist

Bei das letztlich Kommende ist dies deshalb nicht möglich, weil letztlich nur als Adverb und nicht als Adjektiv verwendet wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Komma, wenn jemand etwas zu tun vermag oder wenn jemand vermag(,) etwas zu tun

Frage

Uns treibt eine Kommafrage um. Braucht es das Komma im untenstehenden Satz oder kann man es weglassen?

Unsere Berater vermochten, das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Antwort

Sehr geehrter Herr K.,

in diesem Satz kann man die Infinitivgruppe durch ein Komma abtrennen, um die Gliederung des Satzes zu verdeutlichen (siehe hier). Der Satz ist aber auch ohne Komma gut verständlich und korrekt geschrieben:

Unsere Berater vermochten, das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Unsere Berater vermochten das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Das Komma ist dann obligatorisch, wenn die Infinitivgruppe durch ein es angekündigt wird:

Unsere Berater vermochten es, das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Und hier noch ein paar zusätzliche Informationen:

Umgekehrt darf man kein Komma setzten, wenn die Infinitivgruppe in den übergeordneten Satz eingebettet ist:

Unsere Berater haben das Unternehmen vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren vermocht.

Unsere Berater werden das Unternehem vor großen wirtschaflichen Rückschlägen zu bewahren vermögen.

Mit etwas Mühe gelingt es auch, die Infinitivgruppe um den übergeordneten Satz herum zu legen. Auch dann werden keine Kommas gesetzt:

Das Unternehmen vermochten unsere Berater vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren.

Es geht sogar noch komplexer – und auch dann ohne Kommas:

Das Unternehmen haben unsere Berater vor großen wirtschaftlichen Rückschlägen zu bewahren vermocht.

Das sieht komplizierter aus, als es ist. Zusammenfassend gilt Folgendes:

Wenn der übergeordnete Satz und die Infinitivgruppe sauber getrennt nebeneinander stehen, kann man ein Komma setzen. Nur wenn dabei im übergeordneten Satz ein andkündigendes es (oder ein wiederaufnehmendes das) steht, muss ein Komma gesetzt werden.

Wenn die Infinitivgruppe in den übergeordneten Satz eingebettet ist, ihn umschlingt oder mit ihm verflochten ist, kommt man in der Regel gar nicht in Versuchung, Kommas zu setzen. Das ist genau richtig, denn dann sollte kein Komma stehen.

Dass ganz Ähnliches auch für Infinitivgruppen bei zum Beispiel versprechen und verlangen gilt, können Sie in diesem schon etwas älteren Blogartikel lesen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wenn auch „alles“ passt: Und es waren alles/alle harte Taler

Frage

Ich stehe auf dem Schlauch bei einem Satz aus einem Übungsbuch:

Da fielen auf einmal die hellen Sterne vom Himmel und es waren alles harte Taler.

Hier ist „alles“ richtig, aber ich kann nicht erklären, warum es nicht „alle“ heißen muss, denn eigentlich sind es ja „alle Sterne, die sich in Taler verwandelt haben“. Mir hat jemand diese Frage gestellt […]

Antwort

Guten Tag Frau I.,

der sächliche Singular alles kann sich in Verbindung mit dem Verb sein (in Kopulasätzen) nicht nur auf ein sächliches Substantiv im Singular beziehen, sondern auch allgemeiner auf etwas, eine Gruppe usw. von gleich welchem Genus und Numerus. Das ist auch in Ihrem Beispielsatz der Fall:

Und es waren alle harte Taler.
Und alle waren harte Taler.
(= Alle gefallenen Sterne waren harte Taler)

Und es waren alles harte Taler.
Und alles waren harte Taler.
(ungefähr: Die Gesamtheit der gefallenen Sterne waren harte Taler)

Die Umschreibungen sind nicht sehr aussagekräftig und entsprechend auch nicht sehr hilfreich bei der Unterscheidung zwischen alle und alles. Am besten beschränken Sie sich bei der Erklärung darauf, dass die sächliche Form sich in Fällen wie diesen auch auf nicht Sächliches und nicht im Singular Stehendes beziehen kann. Weitere Beispiele:

Wir sind alles Menschen.
Es waren über hundert Personen und fast alles (waren) Deutsche.
Es waren alles schöne Geschäfte, die wir besucht haben.

Dies gilt übrigens auch für beides:

Zwei Sterne fielen vom Himmel und es waren beides harte Taler.
Wie sind beides Thüringer.
Die Corona-Pandemie und die Klimakrise sind beides globale Erscheinungen.

In den meisten Fällen ist auch die „normale“ Form mit Übereinstimmung in Numerus und Genus möglich:

Wir sind alle Menschen.
… und fast alle waren Deutsche.
… und es waren beide harte Taler.
Wir sind beide Thüringer.

Kurzum: In Kopulasätzen mit sein können die sächlichen Formen alles und beides mit Substantiven jeglicher Art kombiniert werden. Deshalb waren die gefallenen Sterne im Märchen ganz korrekt alles harte Taler.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Gleiche Funktion, andere Wortstellung: denn ich bin / deshalb bin ich

Frage

Ich habe eine Frage zu den Konjunktionen „denn“ und „deshalb“. Die Konjunktion „denn“ leitet einen Hauptsatz ein. In der Regel steht das konjugierte Verb an zweiter Stelle.

Ich gehe schlafen, denn ich bin müde.

Mit „deshalb“ wird ebenfalls einen Hauptsatz eingeleitet. Jedoch folgt nach der Konjunktion das Verb und nicht das Personalpronomen:

Ich bin müde, deshalb gehe ich zu Bett.

Gibt es eine Erklärung, weshalb bei den genannten Konjunktionen die Syntax anders ist?

Antwort

Guten Tag Herr M.,

die beiden Wörter haben die gleiche oder eine ähnliche Funktion. Sie verbinden Sätze miteinander. Sie gehören aber nicht der gleichen Wortklasse an: denn ist eine Konjunktion, deshalb ist ein Konjunktionaladverb.

Nebenordnende Konjunktionen stehen zwischen den Teilsätzen die sie verbinden und gehören zu keinem von ihnen. Sie haben keinen Einfluss auf die Wortstellung des ihnen folgenden Hauptsatzes:

Ich gehe zu Bett.
Ich bin müde
→ Ich gehe zu Bett, denn ich bin müde.

Konjunktionaladverbien verbinden ebenfalls Sätze miteinander. Im Gegensatz zu den Konjunktionen gehören sie aber zu einem der beiden verbundenen Sätze. Wenn sie am Anfang des Satzes stehen, besetzen sie die erste Position im Satz. Unmittelbar darauf folgt dann also das Verb:

Ich bin müde.
Ich gehe zu Bett.
→ Ich bin müde, deshalb gehe ich zu Bett.

Wie andere Adverbien bzw. Adverbialbestimmungen können Konjunktionaladverbien auch im Innern des Teilsatzes stehen:

Ich bin müde.
Ich gehe zu Bett.
→ Ich bin müde; ich gehe deshalb zu Bett.

Sie können „sogar“ zusammen mit einer Konjunktion stehen:

→ Ich bin müde und deshalb gehe ich zu Bett.

Hier noch ein paar Beispiele:

Konjunktion damit:
Hilf mir bitte, damit ich mit der Arbeit fertig werde.

Konjunktionaladverb sonst:
Hilf mir bitte, sonst werde ich nicht mit der Arbeit fertig.
Hilf mir bitte, ich werde sonst nicht mit der Arbeit fertig.
Hilf mir bitte, denn sonst werde ich nicht mit der Arbeit fertig.

Konjunktion jedoch:
Es gibt also einen Unterschied, jedoch man muss ihn kennen.

Konjunktionaladverb jedoch:
Es gibt also einen Unterschied, jedoch muss man ihn kennen.
Es gibt also einen Unterschied, man muss ihn jedoch kennen.

Das letzte Beispiel zeigt, dass es auch Wörter gibt, die beide Rollen erfüllen können. Mehr zu dieser Frage finden Sie auf dieser Seite der LEO-Grammatik.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Keine zehn gebrauchte/gebrauchten(?) Apparate

Frage

Wie dekliniere ich hier richtig:

Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich keine 200 000 neu geschaffene/geschaffenen Sozialwohnungen sein.
Aktuell werden keine 100 gebrauchte/gebrauchten Apparate im Netz angeboten.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

nach der gebeugten Form keine wird ein Adjektiv schwach gebeugt, das heißt, es hat dieselbe Endung wie nach z. B. dem bestimmten Artikel:

die neu geschaffenen Sozialwohnungen
keine neu geschaffenen Sozialwohnungen
die 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen
keine 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen

die gebrauchten Apparate
keine gebrauchten Apparate
die 100 gebrauchten Apparate
keine 100 gebrauchten Apparate

Das gilt auch, wenn keine umgangssprachlich nach einer Zahlenangabe die Bedeutung nicht, nicht einmal hat:

Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich keine 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen sein.
= Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich nicht 200 000 neu geschaffene Sozialwohnungen sein.

Aktuell werden keine 100 gebrauchten Apparate im Netz angeboten.
= Aktuell werden nicht einmal 100 gebrauchte Apparate im Netz angeboten.

Da keine wie nicht (einmal) verwendet wird, kommt manchmal auch wie nach nicht die starke Beugung vor, was ich aber nicht empfehlen würde:

Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich keine 200 000 neu geschaffene Sozialwohnungen sein [?]

Aktuell werden keine 100 gebrauchte Apparate im Netz angeboten [?]

Aber die Umgangssprache wäre nicht die Umgangssprache, wenn Sie sich daran hielte, was jemand wie Dr. Bopp empfiehlt. Standardsprachlich „unproblematisch“ formuliert man zum Beispiel so:

Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich nicht 200 000 neu geschaffene Sozialwohnungen sein.
Im Jahr 2029 werden es wahrscheinlich weniger als 200 000 neu geschaffene Sozialwohnungen sein.

Aktuell werden nicht einmal hundert gebrauchte Apparate im Netz angeboten.
Aktuell werden weniger als hundert gebrauchte Apparate im Netz angeboten.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp