Wie man „hundert mal zweihundert Zentimeter“ am besten verkürzt

Frage

Immer mal wieder stolpere ich über die Frage, wie man eine Fläche oder ein Flächenformat im Lauftext am Schönsten darstellt. Gibt es dazu eine Best Practise? Der mir vorliegende Text lautet:

Die Lösung ist eine 100×120 cm große Plattform.

Ich frage mich: Ist das „x“ schöner als ein ausgeschriebenes „mal“? Oder gibt es noch eine andere Lösung? Mich würde Ihre Empfehlung sehr interessieren.

Antwort

Guten Tag Herr K.,

üblich ist hier vor allem die Schreibweise mit x oder „professioneller“ mit × (= Malzeichen oder Malkreuz). Zwischen den Zahlen und dem x oder × steht üblicherweise ein Abstand:

Die Lösung ist eine 100 x 200 cm große Plattform.
Die Lösung ist eine 100 × 200 cm große Plattform.

Wenn möglich sollten die Abstände vor und nach dem x oder × sowie vor cm geschützt sein (non-breaking space).

Ich würde Ihnen empfehlen, in dieser Weise vorzugehen. Verbindliche Regeln gibt es in diesem Bereich aber nicht.

Es ist also nicht falsch, das Ganze etwas buchstabenreicher aufzuschreiben:

eine 100 mal 200 Zentimeter große Plattform
eine hundert mal zweihundert Zentimeter große Plattform

Da Flächenangaben dieser Art aber meist in eher technischen Texten vorkommen, ist die weiter oben genannte Schreibweise mit Ziffern, x oder × und der Abkürzung cm die üblichste.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ein unvollständiges Sockenpaar: eine Socke oder ein Socken

Frage

Ich habe Zweifel: Worauf bezieht sich die Form „einer“ des unbestimmten Pronomens in diesem Dialog ? Ich verstehe nicht.

  • Hier kann man ganz günstig Socken kaufen!
  • Eigentlich brauche ich keine, aber bringst du mir welche mit? Es geht mir so oft einer verloren.

Antwort

Guten Tag Frau S,,

wenn Sie sprachlich mit dem südlichen deutschen Sprachraum verbunden wären, würde Ihnen diese Form vielleicht keine Schwierigkeiten bereiten. Hier ist einer ein männlicher Nominativ Singular. Warum männlich?

Der Plural die Socken gehört standardsprachlich zum weiblichen Substantiv die Socke. Vor allem im südlichen deutschen Sprachraum (Süddeutschland, Österreich, Schweiz) gibt es daneben in der regionalen Umgangssprache auch die männliche Variante der Socken. In Ihrem Zitat wird dieses männliche Wort der Socken verwendet:

Eigentlich brauche ich keine (Socken [Plur.]), aber bringst du mir welche mit? Es geht mir so oft einer (= ein Socken [m. Sing.]) verloren.

Allgemein standardsprachlich formuliert man wie folgt:

Eigentlich brauche ich keine (Socken [Plur.]), aber bringst du mir welche mit? Es geht mir so oft eine (= eine Socke [w. Sing.]) verloren.

Es kommt immer wieder vor, dass man nach dem Waschen mit einem unvollständigen Sockenpaar konfrontiert wird. Man vermisst dann eine standardsprachliche Socke oder einen regionalsprachlichen Socken. Wo die andere Socke bzw. der andere Socken geblieben ist, bleibt meist für immer ein Rätsel.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wortarten: Adverb oder adverbial verwendetes Adjektiv?

Frage

Meine Tochter nimmt in einer Woche an [einer Aufnahmeprüfung] teil. Wie man früheren Sprachprüfungen entnehmen kann, müssen dort regelmäßig Wortarten bestimmt werden. In diesem Zusammenhang wurde auch schon nach der Bestimmung von Wörtern gefragt, bei denen es schwierig zu entscheiden ist, ob es sich um ein adverbial verwendetes Adjektiv (z.B.: „Hans arbeitet fleißig für die Prüfung“) oder um ein echtes Adverb handelt („Hans arbeitet gern für die Prüfung“). Gibt es […] eine Methode, wie man allfällige Zweifelsfälle – Wörter, die sowohl Adjektiv als auch Adverb sein können – sicher unterscheiden kann?

Antwort

Guten Tag Herr K.,

im Prinzip ist es recht einfach: Ein adverbial verwendetes Adjektiv kann auch gebeugt vor einem Substantiv oder einem substantivierten Verb stehen. Ein Adverb dahingegen kann nicht gebeugt werden. Ein paar Beispiele, die dies illustrieren sollen:

Hans arbeitet fleißig für die Prüfung.
mit fleißigem Arbeiten / sein fleißiges Arbeiten
fleißig = adverbial verwendetes Adjektiv

Hans arbeitet gern[e] für die Prüfung
nicht: mit *gernem Arbeiten / sein *gernes Arbeiten
gern[e] = Adverb

Sarah spielt häufig im Garten.
mit häufigem Spielen / ihr häufiges Spielen
häufig = adverbial verwendetes Adjektiv

Sarah spielt oft im Garten
nicht: mit *oftem Spielen / ihr *oftes Spielen
oft = Adverb

Der Zug wird (zu) spät ankommen
bei (zu) spätem Ankommen / sein (zu) spätes Ankommen
spät = adverbial verwendetes Adjektiv

Der Zug wird bald kommen
nicht: bei *baldem Kommen / sein *baldes Kommen
-> bald = Adverb

Mit diesem groben Hilfstest kann man in den meisten Fällen bestimmen, ob ein Verb mit einem adverbial verwendetes Adjektiv (fleißig, häufig, spät) oder einem Adverb steht (gern[e], oft, bald).

Ganz so einfach ist es nicht immer. Hier noch zwei Sonderfälle:

In einem Satz wie Der Zug wird gleich ankommen, haben wir es mit dem Adverb gleich zu tun, das nicht gebeugt werden kann (nicht: das *gleiche Ankommen). Es gibt zwar auch ein Adjektiv gleich, es hat aber eine andere Bedeutung (dasselbe, egal).

Die Wörter viel und wenig werden meist als Indefinitpronomen oder unbestimmte Zahlwörter und als Adverb bezeichnet. In viel arbeiten oder wenig arbeiten sagt man häufig, dass viel und wenig Adverbien sind. Es ist aber möglich, viel und wenig zu beugen: ihr vieles Arbeiten, mit wenigem Arbeiten. Entsprechend ist es auch nicht falsch, hier viel als adverbial verwendetes unbestimmtes Zahlwort oder Zahladjektiv zu bezeichnen. (Man lässt deshalb in einer Prüfung zur Wortartenbestimmung besser Sätze mit viel und wenig weg.)

Ich hoffe, dass dies ein bisschen weiterhilft, und wünsche viel Erfolg bei der Prüfung

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Eigenname oder nicht: der Sächsische Landtag oder der sächsische Landtag?

Frage

Derzeit „streite“ ich mich mit meiner Frau über die Frage, ob in „der sächsische Landtag“ „sächsisch“ groß- oder kleinzuschreiben ist. Es wird großgeschrieben, wenn es sich um einen Eigennamen wie in „die Sächsische Schweiz“ handelt. Nach meiner Meinung handelt es sich bei „der sächsische Landtag“ nicht um einen Eigennamen, da es in den meisten Bundesländern einen Landtag gibt, somit wäre „sächsisch“ ein ganz gewöhnliches Adjektiv. Meine Frau dagegen vertritt die Eigennamen-These. Können Sie schlichten?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

eigentlich ist die Antwort ganz einfach, aber wie  das Wort eigentlich schon ankündigt, ist die Sache doch ein bisschen schwieriger:

In den meisten Bundesländern gibt es einen Landtag und all diese Landtage haben einen Namen. Man kann entsprechend sagen und schreiben:

Der baden-württembergische Landtag heißt Landtag von Baden-Württemberg

Der brandenburgische Landtag heißt Landtag Brandenburg

Der mecklenburg-vorpommerische Landtag heißt Landtag Mecklenburg-Vorpommern

Der nordrhein-westfälische Landtag heißt Landtag Nordrhein-Westfalen

Der rheinland-pfälzische Landtag heißt Landtag Rheinland-Pfalz

Der saarländische Landtag heißt Landtag des Saarlandes

Der sachsen-anhaltische Landtag heißt Landtag von Sachsen-Anhalt

Der thüringische Landtag heißt Thüringer Landtag

Soweit ist alles auch orthografisch recht einfach und übersichtlich.

Bei den folgenden Landtagen hingegen stimmen die allgemeine Bezeichnung und der Name überein. Sie unterscheiden sich nur durch die Großschreibung des Adjektivs im Namen:

Der bayerische Landtag heißt Bayerischer Landtag

Der hessische Landtag heißt Hessischer Landtag

Der niedersächsische Landtag heißt Niedersächsischer Landtag

Der schleswig-holsteinische Landtag heißt Schleswig-Holsteinischer Landtag

Das gilt auch für das Land Sachsen:

Der sächsische Landtag heißt Sächsischer Landtag
(und tagt im Sächsischen Landtag [Name des Gebäudes])

Bei den Landesparlamenten Bayerns, Hessens, Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Sachsens ist es also oft schwierig bis unmöglich, zu entscheiden, ob die allgemeine Bezeichnung (mit kleingeschriebenem Adjektiv) oder der Name (mit großgeschriebenem Adjektiv) gemeint ist. Während die empfehlenswerte Schreibweise hier noch einigermaßen einfach zu bestimmen ist:

die Abgeordneten des brandenburgischen und des sächsischen Landtages

die Abgeordneten des Landtages Brandenburg und des Sächsischen Landtages

… sind sonst oft beide Interpretationen und entsprechend beide Schreibweisen möglich:

die Abgeordneten des sächsischen / Sächsischen Landtages

Das mag unbefriedigend sein, wenn man eindeutige Antworten vorzieht, es hat aber diesen schönen Vorteil: Sie haben beide recht!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Der Vollständigkeit halber seien auch noch die Parlamente der Stadtstaaten erwähnt: das Abgeordnetenhaus von Berlin, die Bremische Bürgerschaft und die Hamburgische Bürgerschaft.

Mit oder ohne Bindestrich:
„ultraviolette (UV-)Strahlung“ oder „ultraviolette (UV) Strahlung“?

Frage

Beim folgenden Satz bin ich unsicher, wie ich die Abkürzung UV einfüge:

Ultraviolette (UV-)Strahlung ist Teil des elektromagnetischen Spektrums.
oder
Ultraviolette (UV) Strahlung ist Teil des elektromagnetischen Spektrums.

Auch zum Beispiel bei „Electronic (E-)Mail“? Für eine aufschlussreiche Antwort/Erklärung bin ich Ihnen sehr dankbar.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

wir haben es hier mit zwei der verschiedenen Anwendungsarten von Klammern zu tun:

a) Klammern zur Angaben von Alternativen in einem Wort;
b) Klammern zur Abgrenzung von Zusätzen und Nachträgen.

Die erste Anwendungsart (a) sieht in diesem Fall so aus:

a) ultraviolette (UV-)Strahlung
a) Electronic (E-)Mail

Die Klammern geben hier an, dass UV-Strahlung oder Strahlung gemeint ist. Löst man das Ganze auf, ergibt sich also:

ultraviolette (UV-)Strahlung
= ultraviolette UV-Strahlung bzw. ultraviolette Strahlung
Electronic (E-)Mail
= Electronic E-Mail bzw. Electronic Mail

Der jeweils erste Begriff ist sehr wahrscheinlich nicht gemeint, denn ultraviolette UV-Strahlung und Electronic E-Mail enthalten überflüssige Verdopplungen.

Besser funktioniert es, wenn man die Klammern so verwendet (b):

b) ultraviolette (UV) Strahlung
b) Electronic (E) Mail

Die Klammern geben hier an, dass UV eine Erläuterung zu ultraviolett ist, nämlich die Abkürzung. Dasselbe gilt beim eingeklammerten E nach Electronic (wobei man hier der Deutlichkeit halber besser anders vorgeht, siehe unten).

Am besten schreiben Sie den Satz in Ihrer Frage also wie folgt:

Ultraviolette (UV) Strahlung ist Teil des elektromagnetischen Spektrums.

Wer es gerne ganz deutlich hat, kann auch so vorgehen:

c) ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung)
c) Electronic Mail (E-Mail)

Kurz ist gut, aber ein bisschen länger ist manchmal besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

So schön es klingt, „inbegriffen der Voruntersuchung“ ist nicht richtig

Frage

Ich habe ein Frage zur Kommasetzung:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit ? inbegriffen der Voruntersuchung ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Kann ich davon ausgehen, dass das Komma vor „inbegriffen“ freigestellt ist?

Antwort

Guten Tag Frau G.,

bei dieser Kommafrage muss eigentlich zuerst eine Fallfrage behandelt werden, und zwar im Zusammenhang mit inbegriffen.

Wenn inbegriffen oder einbegriffen mit der Bedeutung einschließlich verwendet wird, sollte es nach dem Substantiv stehen, das eingeschlossen werden soll.

Die Teilnahme kostet 35 Euro, Verpflegung und Unterkunft inbegriffen.

Weiter gilt, dass dieses Substantiv im Nominativ steht, wenn es wie in Ihrem Satz an das Subjekt angebunden wird:

Aus persönlichen Gründen warf fast der gesamte Vorstand, der Vorsitzende inbegriffen, das Handtuch.
Die ganze Familie, mein Hund inbegriffen, wird mich begleiten.
Der größte Teil der Büroeinrichtung, ein ergonomischer Sessel inbegriffen, wird zum Kauf angeboten.

Wie die Beispiele zeigen, wird eine solche Wortgruppe vorn und hinten durch Komas abgetrennt.

Für Ihren Satz bedeutet dies alles, dass wie folgt formuliert und geschrieben werden sollte:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit, die Voruntersuchung inbegriffen, ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Man verwendet also inbegriffen anders als die Präpositionen einschließlich und inklusive, die beide mit dem Genitiv stehen:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit, einschließlich/inklusive der Testamentseröffnung, ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Auch ohne Kommas:

Sie erreichte, dass die Angelegenheit einschließlich/inklusive der Voruntersuchung ruhte, bis ihre Schwester in Irland war.

Es ist verständlich, dass inbegriffen bzw. einbegriffen manchmal wie einschließlich verwendet wird, denn große Bedeutungsunterschiede gibt es nicht. Vorangestelltes inbegriffen oder einbegriffen mit Genitiv gilt aber trotzdem nicht als richtig.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Erweiterte Due Diligence und die Rechtschreibung

Frage

Heute mal wieder ein Problem mit Bindestrichen (bei englischen Begriffen). Die Textstelle lautet:

Schwerpunkte liegen auf […] der ESG- und Technical-Due-Diligence.

M. E. sind die Bindestriche falsch, da man „Due Diligence“ ohne Bindestrich schreibt und „Technical“ ein Eigenschaftswort ist, nach welchem man (wie bei „High Society“) keinen Bindestrich setzt.

Antwort

Guten Tag Herr A.,

vielleicht ist hier eine Schreibweise die beste Lösung, die daran anlehnt, was im Englischen üblich ist. Das legt schon die Verwendung von Technical statt technische nahe:

die ESG und Technical Due Diligence
= die ESG Due Diligence und die Technical Due Diligence

Für Laien ist so vielleicht nicht allzu deutlich, was gemeint ist, aber das liegt mehr an der Wortwahl als an der Rechtschreibung.

Wenn man das Ganze nach den deutschen Rechtschreibregeln für fremdwörtliche Verbindungen aufschreiben will, wird es kompliziert bis unmöglich. Hier werden zwei Verbindungen mit Due Diligence zusammengezogen, die nach den deutschen Regeln unterschiedlich geschrieben werden müssten.

Bei der ersten Verbindung werden dem Substantiv Diligence Adjektive vorangestellt:

die Due Diligence
die Technical Due Diligence

Adjektiv-Substantiv-Verbindungen aus dem Englischen werden getrennt geschrieben, außer wenn sie übersichtlich sind und der Hauptakzent auf dem Adjektiv liegt (zum Beispiel Small Talk o. Smalltalk, Hot Dog o. Hotdog; siehe §37(E4) der Rechtschreibregelung).

Bei der zweiten Verbindung wird der Zusammensetzung Due Diligence eine Abkürzung vorangestellt. Das führt zu einer Schreibung mit Bindestrichen:

die ESG-Due-Diligence

Die Bindestrichschreibung ergibt sich aus §44(1) der Rechtschreibregelung. Sie besagt, dass Zusammensetzungen, in denen eine Wortgruppe auftritt, mit Bindestrichen geschrieben werden (Wasch-Eau-de-Cologne, Lieblings-Top-Ten, das CS-Private-Banking).

Wenn man diese beiden Verbindungen zusammenzieht, ergibt sich nach §98 der Rechtschreibregelung (am ehesten …) diese Schreibung:

die ESG- und Technical Due Diligence
= die ESG-Due-Diligence und die Technical Due Diligence

Für wirklich befriedigend halte ich keine der Schreibweisen. Das kommt bei der Häufung von englischen Fachbegriffen in deutschen Texten häufiger vor.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Für diejenigen, die sich wie ich bei diesen Fachbegriffen nicht so auskennen:

Due Diligence = sorgfältige Prüfung eines Unternehmens, die durch einen potenziellen Käufer eines Unternehmens vorgenommen wird

ESG = Environmental, Social and Corporate Governance = Umwelt-, Sozial- und Regierungs-, Amts- oder Unternehmensführung; siehe hier.

Aber ob das für uns Laien wirklich mehr Deutlichkeit schafft, wage ich zu bezweifeln.

Autofrei Wohnen, autofrei wohnen, autofreies Wohnen

Frage

Immer wieder sehe ich die Formulierung „autofrei Wohnen“ oder „verkehrsarm Wohnen“. Mir ist klar, dass man […] „autofrei wohnen“ oder „autofreies Wohnen“ schreiben müsste. Nun gibt es aber (gemäß Internet) diverse Veranstaltungen, Studien etc. mit dem Titel „autofrei Wohnen“. Habe ich irgendeine Erklärung verpasst, die erklärt, warum man trotzdem großschreiben kann/soll/darf?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

Sie haben nichts verpasst. Nach der Rechtschreibregelung schreibt man:

autofreies Wohnen
Wir sind für autofreies Wohnen.

autofrei wohnen
Wir wollen autofrei wohnen.

Auch Titel von Veranstaltungen u. Ä. müssen so geschrieben werden:

Autofreies Wohnen – eine Herausforderung
Autofrei wohnen – eine Herausforderung

Das liegt daran, dass ein ungebeugtes, als Adverb verwendetes Adjektiv nur bei einem Verb, nicht aber bei einem Substantiv stehen kann – auch nicht bei einem substantivierten Verb. Vor einem Substantiv wird ein Adjektiv gebeugt:

preisgünstig einkaufen
preisgünstiges Einkaufen

schnell schreiben
das schnelle Schreiben

autofrei wohnen
autofreies Wohnen

Für die nicht korrekte Großschreibung von Wohnen bei Autofrei Wohnen in Titeln, Namen von Veranstaltungen usw. könnte es verschiedene Erklärungen geben. Vielleicht hat die englische Großschreibung in Titeln und Überschriften einen Einfluss. Vielleicht geschieht es auch in Anlehnung an Fachbegriffe, in denen das Adjektiv großgeschrieben werden kann (z.B. das Schwarze Loch, der Letzte Wille).

Vielleicht ist es aber auch einfach einer der Schreibfehler, die recht häufig bei substantivierten Infinitiven mit einem Adverb bzw. ungebeugten Adjektiv vorkommen. Zum Beispiel:

*das Früh Aufstehen  / *das früh Aufstehen / das *Früh aufstehen
statt korrekt: das Frühaufstehen (das Früh-Aufstehen)

*das Rechts Überholen / *das rechts Überholen / *das Rechts überholen
statt korrekt: das Rechtsüberholen (das Rechts-Überholen)

*das Miteinander Reden / *das miteinander Reden / *das Miteinander reden
statt korrekt: das Miteinanderreden (das Miteinander-Reden)

Wenn man autofrei wohnen substantivieren möchte (stilistisch nicht zu empfehlen), müsste so geschrieben werden:

das Autofreiwohnen (das Autofrei-Wohnen )
nicht: *das autofrei Wohnen / *das Autofrei Wohnen

Es gibt also zumindest rechtschreiblich einen Unterschied zwischen verkehrsarm wohnen, dem Verkehrsarmen Wohnen und dem Verkehrsarmwohnen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kann man sie überall hintransportieren, überallhin transportieren oder überall hin transportieren?

Frage

Ich frage mich gerade, welche Schreibvariante richtig ist:

a) Die Duschkabine kann problemlos überall hintransportiert werden.
b) Die Duschkabine kann problemlos überallhin transportiert werden.
c) Die Duschkabine kann problemlos überall hin transportiert werden.

[…] Im Netz finde ich sehr viele Fundstelle, die der Schreibvariante c) entsprechen. Wie könnte man das erklären?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

hier sollten Sie diese Schreibweise wählen:

b) Die Duschkabine wird flach verpackt geliefert und kann problemlos überallhin transportiert werden.

Adverbien wie woher, wohin, irgendwoher, irgendwohin, nirgendwoher, nirgendwohin, überallher und überallhin werden in Verbindung mit einem Verb in der (gesprochenen) Alltagssprache oft getrennt:

Wo kommst du her?
Alle sind willkommen, wo sie auch herkommen mögen.
Wo gehst du hin?
Ich weiß nicht, wo sie hingefahren ist.

Insbesondere in der geschriebenen Standardsprache sollten diese Adverbien jedoch ungetrennt bleiben:

Woher kommst du?
Alle sind willkommen, woher sie auch kommen mögen.
Wohin gehst du?
Ich weiß nicht, wohin sie gefahren ist.

Entsprechend schreibt man auch besser:

Sie ist irgendwohin gegangen (statt irgendwo hingegangen)
Sie könnten überallher kommen (statt überall herkommen)
Sie können überallhin transportiert werden (statt überall hintransportiert)

Vgl. diesen älteren Blogartikel.

Die dritte Schreibweise, überall hin transportieren, ist nicht richtig. Dass Sie ihr offenbar so oft begegnen, könnte unter anderem an der automatischen Rechtschreibkorrektur liegen. Das Korrekturprogramm meines Textverarbeitungsprogramms akzeptiert korrekt überallhin transportieren und fälschlich auch überall hin transportieren als richtig geschrieben. Nicht akzeptiert wird überall hintransportieren. Als Korrekturvorschlag erscheint dort das eigentlich falsche überall hin transportieren, aber leider nicht das korrekte überallhin transportieren. Korrekturprogramme sind hilfreich, aber – wie man sieht – nicht „allwissend“.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp