Human Resources, HR, das Verb und der Artikel

Frage

Zu meiner Frage konnte ich bisher keine Antwort finden, vielleicht können Sie mir helfen. Der Ausdruck „Human Resources“ wird im Englischen im Plural verwendet, die Abkürzung HR wohl in der Einzahl. Wie ist es aber, wenn ich die Abkürzung HR im Deutschen verwenden will? Heißt es dann: „HR ist zuständig“ oder „HR sind zuständig“?

Antwort

Guten Tag Frau L.,

wenn Human Resources für die Gesamtheit des menschlichen Leistungspotenzials oder alle Mitarbeitenden eines Unternehmens steht, sollte der Ausdruck im Plural verwendet werden:

Unsere Human Resources sind ein wichtiges Fundament zur Erreichung unserer Ziele.

Mit der Bezeichnung Human Resources ist im Deutschen aber sehr häufig die Personalabteilung, der Personalbereich, das Personalmanagement und/oder die Personalbetreuung gemeint (HR-Verantwortliche mögen mir diese vielleicht etwas zu ungenaue Darstellung verzeihen). Das gilt in noch stärkerem Maße für die Abkürzung HR.

Bei der Verwendung von Abkürzungen gibt es keine allgemeingültigen Regeln. Richtig ist, was üblich ist. Im Deutschen wird HR meistens mit dem Singular verwendet. Gemeint ist damit [die Abteilung/das Team/der Bereich] HR.

Undeutlicher wird die Lage, wenn man den Artikelgebrauch bei HR anschaut. Diese Varianten kommen häufiger vor:

HR ist zuständig / in HR arbeiten
das HR ist zuständig / im HR arbeiten
die HR ist zuständig / in der HR arbeiten

Ob mit dem sächlichen, mit dem weiblichen oder ganz ohne Artikel, alle Varianten werden verwendet und alle können als korrekt gelten. Es hat sich (noch?) kein Standard herausgebildet. Es ist nur zu empfehlen, sich für eine der Varianten zu entscheiden und dann in einem Text, auf einer Website usw. überall die gewählte Variante zu verwenden.

Sicher richtig und stilistisch meist etwas besser sind Formulierungen dieser Art:

Der Bereich HR ist zuständig
Die HR-Abteilung ist zuständig
Das HR-Team ist zuständig
Die HR-Verantwortlichen sind zuständig

im Bereich HR arbeiten / im HR-Bereich arbeiten
in der Abteilung HR arbeiten / in der HR-Abteilung arbeiten

Den Vorschlag, HR durch einen Begriff mit Personal zu ersetzen, mache ich hier nicht mehr. In vielen Unternehmen ist dieser Zug schon lange abgefahren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Adektiv zum Familiennamen: -isch, -sch oder -er?

Frage

Ich habe hier einen alten Roman, der vor Urzeiten verlegt wurde. Er wurde verändert, und ich lese ihn jetzt Korrektur. Die Familie in dem Roman heißt Steinbach. Es kommen dann immer wieder Wendungen vor wie „Steinbachische Erbschaft“, „Steinbachisches Vermögen“, „Steinbachischer Besitz“. Mir kommt das ein bisschen fremd vor. […]

Was meinen Sie? Wenn ich es so lasse, müsste „Steinbachische“ heute kleingeschrieben werden, nicht wahr? Oder ich schreibe „Steinbacher Erbschaft“ usw. und dann groß? Was finden Sie besser und richtiger?

Im Grunde habe ich noch eine Frage. Wann das Adjektiv mit „isch“ und wann mit „sch“ gebildet wird, ist mir auch nicht klar.

Antwort

Guten Tag Frau M.,

von Familiennamen abgeleitete  Adjektive werden – wenn überhaupt – mit den Endungen isch oder sch gebildet. Nach der geltenden Rechtschreibregelung werden solche Adjektive im Prinzip kleingeschrieben (außer mit Apostroph vor sch)1:

Müller → müllerisch o.  müllersch/Müller’sch
Schmidt → schmidtisch o. schmidtsch/Schmidt’sch
Frankenstein → frankensteinisch o. frankensteinsch/Frankenstein’sch
Dante → dantisch o. dantesch/Dante’sch

Ableitungen mit er kommen bei Ortsnamen häufig vor:

Hamburg → Hamburger
Bern → Berner
Salzburg → Salzburger
Mailand → Mailänder

Sie sind aber bei Familiennamen nicht üblich. Das Adjektiv Steinbacher würde also zu einer Ortschaft Steinbach, aber nicht zur Familie Steinbach passen.

Bei Familiennamen sind, wie gesagt, isch und sch gebräuchlich. Es gibt keine allgemein gültige Regel, wann man welche der beiden Endung verwendet. Beides ist im Prinzip möglich; so auch bei Ihren Beispielen:

die steinbachische Erbschaft
steinbachisches Vermögen
steinbachischer Besitz

die steinbachsche Erbschaft
steinbachsches Vermögen
steinbachscher Besitz

Da im Originaltext die Form steinbachisch vorkommt, würde ich sie so beibehalten. Nur bei der Groß- und Kleinschreibung sollten Sie eingreifen, falls die aktuell geltende Rechtschreibregelung als Richtschnur gilt.

Wenn Sie sich gar nicht mit dem Adjektiv steinbachisch anfreunden können, könnten Sie auch auf Umformulierungen der folgenden Art ausweichen:

die Erbschaft der Familie Steinbach / der Steinbachs
Vermögen der Familie Steinbach / der Steinbachs
Besitz der Familie Steinbach / der Steinbachs

So weit die boppsche Meinung, die  boppische Meinung oder Bopps Meinung zu dieser Frage.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

1 Großgeschrieben wird dann, wenn man vor der Endung sch einen Apostroph verwendet, um den Eigennamen zu verdeutlichen:

des steinbachschen Besitzes o. des Steinbach’schen Besitzes
die müllersche Bäckerei o. Müller’sche Bäckerei (= Bäckerei der Familie Müller)

Vgl. hier

Ebenfalls großeschrieben wird dann, wenn das Adjektiv Teil eines Namens ist:

die Müllersche Bäckerei o. Müller’sche Bäckerei (= Bäckerei mit diesem Namens)

Das Immergleiche oder das immer Gleiche?

Frage

In der Zeitung lese ich folgenden Satz:

Das Ekelgefühl umfasst etwa den Widerwillen gegen das Immergleiche, das Schamlose, Schwülstige und Verlogene.

Wie schreibt sich die substantivierte Form von „immer gleich“: „das Immergleiche“ oder „das immer Gleiche“? Und wo hätte ich nachschlagen können, um diese Frage selbst beantworten zu können?

Antwort

Guten Tag Herr B.

wenn etwas immer gleich ist, ist es etwas immer Gleiches. Wenn etwas immergleich ist, ist es etwas Immergleiches. Bei immer gleich und das immer Gleiche liegt die Hauptbetonung auf gleich. Bei immergleich und das Immergleiche liegt die Hauptbetonung auf imm. Dabei ist immergleich unüblich, aber unter Berufung auf die dichterische Freiheit und in Anlehnung an immergrün nicht unmöglich. Ich hätte im Zeitungsartikel das immer Gleiche gewählt, aber ich bin nicht der Autor.

Zurück zu das immer Gleiche: Es handelt sich um die Substantivierung der Adjektivgruppe immer gleich. Dass man bei substantivierten Adjektivgruppen nur das Kernadjektiv großschreibt, wird eigentlich nirgendwo explizit erwähnt. Man kann es unter anderem aus dem Beispiel das einzig Richtige in §57(1) der Rechtschreibregelung ableiten. Außerdem gibt es anders als bei den substantivierten Infinitivgruppen keine Regel, die die Zusammenschreibung oder die Bindestrichschreibung rechtfertigen würde. Das ist eine Art „indirekter Beweis“. Hier weitere Beispiele substantivierter Adektivgruppen:

sehr interessant → nichts sehr Interessantes
viel größer → etwas viel Größeres
weitaus am besten → das weitaus Beste
niemandem verständlich → etwas niemandem Verständliches
sonst nie zufrieden → die sonst nie Zufriedenen
chronisch krank → die Behandlung chronisch Kranker
immer gleich → das immer Gleiche

Die Schreibung substantivierter Adjektivgruppen ist etwas nicht allzu Einfaches, aber wenn man es einmal weiß, ist es dennoch nichts völlig Unverständliches.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Wortstellung: von Hass Betroffene und Betroffene von Hass

Frage

Ich stolpere immer wieder über „Betroffene von Hass“ oder Betroffene von allen möglichen anderen Übeln dieser Welt. Meinem Sprachgefühl nach muss es „von Hass Betroffene“ heißen. Offenbar ändert sich das. Wie weit ist hier der Sprachwandel? Ist „Betroffene von …“ schon auf dem Weg zur Korrektheit?

Antwort

Guten Tag Frau W.,

Sie stolpern nicht zu Unrecht. Die Wortstellung in einer (substantivierten) Partizipgruppe sollte gleich sein wie in einem entsprechenden Relativsatz. Das Verb bzw. das Partizip steht am Schluss hinter den Erweiterungen:

das Dossier, das aus der Schublade verschwunden ist
→ das aus der Schublade verschwundene Dossier

die Leute, die auf den Bus warten
→ die auf den Bus Wartenden

das, was von dir behauptet wird
→  das von dir Behauptete

diejenigen, die in der Stadt wohnen
→ die in der Stadt Wohnenden

Das gilt auch für betroffen mit der Bedeutung heimgesucht:

die Gegend, die von Überschwemmungen betroffen ist
→ die von Überschwemmungen betroffene Gegend

diejenigen, die von Hass betroffen sind
→ die von Hass Betroffenen

Warum man häufiger der Wortstellung die Betroffenen von Hass begegnet, weiß ich leider nicht. Es könnte an einem Einfluss aus dem Englischen liegen (affected by hate), aber dafür liegen mir keine weiteren Informationen oder „Beweise“ vor. Ich halte diese Wortstellung für nicht korrekt, aber ich kann natürlich nicht ausschließen, dass es etwas von Sprachwandel Betroffenes ist, das vielleicht einmal allgemein als korrekt gelten wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

PS: Ganz ohne Ausnahmen geht es auch hier nicht: Wenn die Erweiterung durch eine Präposition eingeleitet wird und sehr lang oder komplex ist, kann sie auch nachgestellt sein:

Nebensatz:

diejenigen, die betroffen sind von in den sozialen Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben

Partizipgruppe:

die Betroffenen von in den sozialem Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben

(statt: die von in den sozialen Medien geäußertem Hass auf ihre Person und auf alles, was sie geschaffen haben, Betroffenen)

Wirklich elegant klingen solche Formulierungen für mich allerdings nicht. Oft ist es einfach besser, nicht alles in eine Wortgruppe zu pressen.

Direktor des Amsterdamer Rijksmuseum(s): (fremdsprachige) Eigennamen mit Artikel im Genitiv

Frage

Es geht um die Beugung von Eigennamen, und zwar im Speziellen solchen, die aus anderen Sprachen stammen wie dem Englischen etwa oder dem Niederländischen. Würden Sie bei „Direktor des Amsterdamer Rijksmuseum(s)“ ein Genitiv-s verwenden oder nicht? Oder bei „Musik des (fiktiven) Westminster Trio(s)“? […] „Museum“ und „Trio“ sind auch deutsche Wörter, weswegen es mir wehtut, diese nicht zu beugen, nur weil sie zu einem nichtdeutschen Eigennamen gehören. Wie sehen Sie das? Oder gibt es gar eine Duden-Regel, die mir entgangen ist?

Antwort

Guten Tag Herr H.,

es gibt im Deutschen eine Tendenz, Eigennamen im Genitiv ungebeugt zu lassen, wenn sie mit einem Artikel o. Ä. stehen. Das gilt für alle Namen, nicht nur für solche, die aus einer anderen Sprache kommen.

Im heutigen Deutschen gilt dies praktisch immer für Personennamen:

die Werke des jungen Goethe
das Spielzeug des kleinen Mark
die Liebe des Otto Weidt

Bei geografischen Namen kommen häufig sowohl die gebeugte als auch die ungebeugte Form vor:

die Hauptstadt des Irans / des Iran
die Berge des Engadins / des Engadin
die Geschichte des modernen Europas / des modernen Europa
die Sehenswürdigkeiten des kaiserlichen Wiens / des kaiserlichen Wien

Dies gilt allerdings nicht für alle geografischen Namen. Nach der Art eines kleinen gallischen Dorfes widerstehen einige männliche und sächliche Namen noch tapfer der Endungslosigkeit. Praktisch immer mit einer Genitivendung stehen zum Beispiel:

die Mündung des Rheins
die Hauptstadt des Baskenlandes
die größte Insel des Mittelmeers

Auch für viele Namen anderer Art gilt, dass sie im Genitiv mit oder ohne Endung verwendet werden:

Besuch des Praters / des Prater in Wien
der Eingang des Kopenhagener Tivolis / des Kopenhagener Tivoli
die Gäste des Hiltons / des Hilton in Malta
die Filialleiterein des Aldis / des Aldi in unserer Stadt

Das erstreckt sich auch auf Namen mit „gewöhnlichen“ Wörtern:

die Direktorin des Frankfurter Zoos / des Frankfurter Zoo
die Besucher des Nationalparks Hohe Tauern / des Nationalpark Hohe Tauern
der Neubau des Kunsthauses Zürich / des Kunsthaus Zürich

Bei der letzten Gruppe halte ich die gebeugte Version für besser. Ich kann aber die ungebeugte Version nicht (mehr) als grundsätzlich falsch bezeichnen (siehe auch hier).

Das gilt ähnlich auch für anderssprachige Namen, die deutschen Namen gleichen und (fast) wie deutsche Namen ausgesprochen werden:

der Direktor des Amsterdamer Rijksmuseums / des Amsterdamer Rijksmuseum
die Musik des Westminster Trios / des Westminster Trio

Namen, die eindeutig nur fremdsprachig sind, werden häufig nicht gebeugt, sie können aber auch mit Genitiv-s stehen:

die Direktion des Louvre / des Louvres
die Gemäldesammlung des Prado / des Prados
das Atrium des New Yorker MoMA / des New Yorker MoMAs

Wie Sie sehen, geht es hier mehr um Tendenzen als um Regeln. Daran kann oder könnte auch der Duden nichts ändern.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Schwach oder stark: keine 100 gebrauchte/gebrauchten Fahrzeuge?

Frage

Wie dekliniere ich hier richtig:

In fünf Jahren wird es keine 200 000 neu geschaffene / geschaffenen Sozialwohnungen geben.

Aktuell werden keine 100 gebrauchte / gebrauchten Fahrzeuge dieses Typs im Netz angeboten.

Antwort

Guten Tag Herr B.,

nach der gebeugten Form keine wird ein Adjektiv schwach gebeugt, das heißt, es hat die Endung en:

keine neuen Sozialwohnungen
keine neu geschaffenen Sozialwohnungen
keine 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen
In fünf Jahren wird es keine 200 000 neu geschaffenen Sozialwohnungen geben.

keine gebrauchten Fahrzeuge
keine 100 gebrauchten Fahrzeuge
Aktuell werden keine 100 gebrauchten Fahrzeuge dieses Typs im Netz angeboten.

Das gilt auch, wenn keine umgangssprachlich vor einer Zahlenangabe die Bedeutung nicht oder nicht einmal hat. Vor allem wenn keine für (noch) nicht einmal steht, kommt manchmal allerdings auch die starke Endung e vor wie nach nicht oder einer unverneinten Zahlenangabe:

Aktuell werden keine 100 gebrauchte Fahrzeuge diese Typs im Netz angeboten. [??]
Vgl. : Aktuell werden nicht einmal 100 gebrauchte Fahrzeuge diese Typs im Netz angeboten.
Vgl. : Aktuell werden 100 gebrauchte Fahrzeuge diese Typs im Netz angeboten.

Die Fragezeichen in eckigen Klammern sollen angeben, dass ich Formulierungen wie keine 100 gebrauchte nicht empfehlen würde, auch wenn sie vielleicht manchen gar nicht so falsch in den Ohren klingen. Und wenn es unbedingt richtig sein soll, ist nicht einmal hundert ohnehin besser als keine 100.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Die Kommasetzung bei »wenn nicht – so doch«

Frage

Ich möchte Sie gern zu folgendem Satz fragen, ob es vor der Konjunktion wenn“ ein Komma braucht und warum dies so ist bzw. nicht so ist.

Viele verbinden Anarchismus(,) wenn nicht mit »Chaos« und »Apokalypse«, so doch mit einer längst vergangenen Zeit.

Antwort

Guten Tag Frau F.,

hier sollte kein Komma vor wenn stehen. Die Fügung wenn nicht – so doch (ebenso zum Beispiel wenn nicht – dann und wenn auch – so doch) verbindet wie eine mehrteilige Konjunktion Satzteile miteinander. Wenn der erste Satzteil in den Satz integriert ist, steht kein Komma vor wenn. Vor so doch steht immer ein Komma:

Sie bereiteten uns ein wenn nicht opulentes, so doch sättigendes Mahl.

Ich habe wenn auch nur mit wenigen, so doch mit den wichtigsten Leuten gesprochen.

Viele verbinden Anarchismus wenn nicht mit »Chaos« und »Apokalypse«, so doch mit ­einer längst vergangenen Zeit.

Wenn die aufgezählten Satzteile nachgetragen sind, steht auch vor wenn ein Komma:

Sie bereiteten uns eine Mahlzeit, wenn nicht opulent, so doch sättigend.

Ich habe mit verschiedenen Leuten gesprochen, wenn auch nur mit wenigen, so doch mit den wichtigsten.

Viele verbinden Anarchismus mit Negativem, wenn nicht mit «Chaos» und «Apokalypse», so doch mit einer längst vergangenen Zeit.

Man kann die Kommasetzung bei wenn nicht – so doch mit derjenigen bei einer mehrteiligen Konjunktion wie nicht nur – sondern auch vergleichen (nur die Kommasetzung, nicht die Bedeutung):

Viele verbinden Anarchismus nicht nur mit »Chaos« und »Apokalypse«, sondern auch mit einer längst vergangenen Zeit.

Nicht vor jedem wenn muss also ein Komma stehen. Solche  Ausnahmefälle machen die Kommasetzung wenn auch nicht zu einem Ding der Unmöglichkeit, so doch häufig zu einer Herausforderung.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Ist der doppelte Genitiv hier wirklich falsch: nach dem Tod dessen Bruders?

Frage

Leider habe ich wieder einmal ein Problem. Es geht um den Genitiv im Zusammenhang mit „dessen“. Zum Beispiel:

Leider muss ich Dir mitteilen, dass Hanna drei Wochen nach dem Tod ihres Mannes und zwei Monate nach dem Tod dessen Bruders Johann gestorben ist.

Irgendwo im Netz stieß ich auf diesen Satz: „Der Vorsitzende D. Theato dankte A. Nennstil im Beisein dessen Nachfolgers T. Lochner.“ In der Erklärung hieß es, dass der doppelte Genitiv falsch sei. Stimmt das? Ich frage lieber Sie.

Antwort

Guten Tag Frau G.,

diese Formulierungen klingen für mich nicht wirklich falsch. Es gibt zwei Gründe, dennoch skeptisch zu sein:

(1) Ein nachgestelltes Genitivattribut, das selbst ein vorangestelltes Genitivattribut enthält, sollte vermieden werden:

besser nicht: im Haus Sandras Großvaters
sondern: im Haus des Großvaters von Sandra, im Haus von Sandras Großvater

besser nicht: im Beisein A. Nennstils Nachfolgers
sondern: im Beisein des Nachfolgers von A. Nennstil, im Beisein von A. Nennstils Nachfolger

Die Frage ist nun, ob dies auch für dessen gilt. Wenn man dessen als normales Genitivattribut sieht, sollten diese Formulierungen vermieden werden:

besser nicht: im Beisein dessen Nachfolgers
sondern: im Beisein von dessen Nachfolger, in dessen Nachfolgers Beisein

besser nicht: nach dem Tod dessen Bruders
sondern: nach dem Tod von dessen Bruder, nach dessen Bruders Tod

Wenn man aber dessen als Artikelwort (ähnlich wie „seines“) interpretiert, könnten Formulierungen dieser Art möglich sein. Es gibt aber noch einen zweiten Stolperstein:

(2) Eine Wortgruppe kann nur dann im Genitiv stehen, wenn sie von einem gebeugten Artikelwort oder Adjektiv begleitet wird und mindestens ein Wort mit der Genitivendung er oder (e)s enthält (Genitivregel; Ausnahmen: u. A. Eigennamen).

der Einbaus moderner Wärmepumpen
aber nicht: der Einbau Wärmepumpen
sondern: der Einbau von Wärmepumpen

im Leben jeden Kindes / jedes Kindes
aber nicht: im Leben jeden Menschen
sondern nur: im Leben jedes Menschen

Das Wort dessen kann als Artikelwort interpretiert werden, aber es ist unveränderlich. Die Wortgruppen dessen Nachfolgers und dessen Bruders verstoßen also gegen den ersten Teil der Genitivregel: Sie enthalten kein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv. Auch das spricht somit gegen Formulierungen dieser Art.

ABER: Wie einige Beispiele unter  (1) oben zeigen, verstoßen diese Wortgruppen offenbar nicht stark genug gegen die Genitivregel. Vorangestellt ist ihre Verwendung zwar eher gehoben/veraltend, aber viel weniger umstritten, obwohl sie kein gebeugtes Artikelwort oder Adjektiv enthalten:

in dessen Nachfolgers Beisein
nach dessen Bruders Tod

Zusammenfassend: Formulierungen dieser Art sind umstritten. Ich bezweifle aber, ob man sie wirklich als falsch bezeichnen kann. Die Schwierigkeit oder Unsicherheit entsteht dadurch, dass vorangestelltes dessen irgendwo zwischen einem Genitivattribut und einem Artikelwort angesiedelt werden kann.

So genau wollten Sie es wahrscheinlich gar nicht wissen. Deshalb hier noch der langen Rede kurzer Sinn: Formulierungen wie nach dem Tod dessen Bruders und im Beisein dessen Nachfolgers sind – auch wenn sie regelmäßig vorkommen – zumindest umstritten. Ich würde deshalb empfehlen, sie zu vermeiden und auf zum Beispiel nach dem Tod von dessen Bruder und im Beisein von dessen Nachfolger auszuweichen. Hier ist die Formulierung mit von anstelle des (umstrittenen) Genitivs auch standardsprachlich gut vertretbar.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Das Grünreden und das Graubauen

Frage

In der Zeitung habe ich neulich diese interessante Zwitterform von einerseits Kompositum und andererseits Attribut + substantiviertem Infinitiv gefunden: „Die Angewohnheit des grün Redens und grau Bauens“. Ich wüsste zwar nicht, dass unsere Grammatikregeln so etwas hergeben, aber die erlaubten Alternativen „Grünredens“ bzw. „grünen Redens“ würden hier ja eine andere Bedeutung haben, weswegen ich „das grün Reden“(beides gleich betont) eigentlich ganz gut finde und gelten lassen würde. Wie sehen Sie das.

Antwort

Guten Tag Herr H.,

man kann so formulieren, wenn man will, aber beim Schreiben wird es ungewöhnlich oder sogar unpraktisch. Es geht hier um eine substantivierte Infinitivgruppe, die aus zwei Teilen besteht. Solche Substantivierungen schreibt man gem. der Rechtschreibregelung zusammen:

die Angewohnheit, schnell zu fahren
→ die Angewohnheit des Schnellfahrens

die Tugend, pünktlich zu sein
→ die Tugend des Pünktlichseins

wenn man nicht erscheint
→ bei Nichterscheinen

üben, aufeinander zu hören
→ das Aufeinanderhören üben

die Gabe, sich zu wundern
→ die Gabe des Sichwunderns

Die beiden letzen Beispiele zeigen, dass auch dann zusammengeschrieben wird, wenn nicht das erste Wort die Hauptbetonung trägt. Für Ihr Beispiel bedeutet dies:

die Angewohnheit, grün zu reden und grau zu bauen
→ die Angewohnheit des Grünredens und Graubauens

Vor allem bei Grünreden könnte unklar sein, was genau gemeint ist (grün reden = grün [umweltbewusst] argumentieren oder etw. grünreden = etwas beschönigend als grün [umweltfreundlich] darstellen, was nicht grün ist). Gemeint ist hier die erste Bedeutung: in Worten umweltbewusst argumentieren, dann aber nicht umweltgerecht bauen.

Wenn man sich an die Rechtschreibregeln halten will oder muss, kann die Schreibweise das grün Reden aber (leider) nicht die Lösung sein. Man schreibt entweder doch zusammen und lässt den Kontext Klarheit schaffen, oder man formuliert um:

die Angewohnheit des Grünredens und des Graubauens
die Angewohnheit des grünen Redens und des grauen Bauens [auch missverständlich]
die Angewohnheit, grün zu reden und grau zu bauen [m. M. n. am deutlichsten]

Die Rechtschreibung ist nicht immer dazu geeignet, Bedeutungsunterschiede eindeutig zu machen. Das gilt auch bei einer ähnlichen Formulierung: die Kunst des Schönredens. Das kann (a) die Kunst, schön zu reden sein oder (b) die Kunst, Dinge schönzureden. Das Schönreden (a) ist die angenehmen Gabe, gut sprechen zu können. Das Schönreden (b) hingegen ist eine weniger angenehme Unart. Dabei wird mit beschönigenden Worten etwas als besser dargestellt, als es in Wirklichkeit ist. Beide Substantivierungen werden gleich geschrieben, auch wenn sie keineswegs dasselbe bezeichnen. Wie beim Grünreden muss auch beim Schönreden der Kontext oder eine Umformulierung Klarheit schaffen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp

Kann man Wörter silbifizieren?

Frage

Gibt es den Begriff „silbifizieren“ (ein Wort in Silben zerlegen)? Ich finde (zumindest) im Duden dazu keinen Eintrag?

Antwort

Guten Tag Herr B.,

als Fachausdruck kommt seltener das Substantiv Silbifizierung vor, wenn es um die Aufteilung in Silben geht. Noch seltener wird das dazugehörende Verb silbifizieren verwendet. In einem Text, der sich nicht an linguistisch Geschulte oder stark linguistisch Interessierte richtet, würde ich den Ausdruck vermeiden oder wenigstens erklären. Im Allgemeinen passen Silbentrennung und Wendungen wie in Silben zerlegen, in Silben trennen, in Silben aufteilen, in Silben unterteilen oder in Silben gliedern problemlos.

Manchmal trifft man auch auf das Wort Syllabifikation, aber es dürfte eine direkte Übernahme aus dem Englischen sein (syllabification = Silbentrennung). Es sieht mit seinem y recht gelehrt aus, doch wenn es gelehrt sein soll, dann wählt man doch besser Silbifizierung.

Die Duden-Wörterbücher decken übrigens wie andere Wörterbücher nicht den gesamten deutschen Wortschatz ab und könnten dies auch gar nicht tun. Der Umfang und die Offenheit des sich ständig bereichernden und verändernden Wortschatzes lassen eine vollständige Auflistung aller (möglichen) Wörter gar nicht zu. Man kann also auch dann Wörter silbifizieren, wenn silbifizieren nicht im Duden steht. Meistens ist aber, wie gesagt, eine Formulierung wie in Silben zerlegen noch ein bisschen besser.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Bopp